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darüber, daß Spalding nur auf Probe bleiben wollte. Kersten hatte geglaubt, gerade diese Bedingung würde ihr unangenehm sein.
„Du überlegst dir die Sache vielleicht noch," sagte Geheimrat Kersten am Schluß seiner Ausführungen^.
„Es bedarf bei mir keiner Ueberlegung mehr," erklärte Dora, „ich bin mit den Bedingungen des Herrn Bergassessors einverstanden. Bitte, laß den Vertrag ausfertigcn, Onkel Gehermrat; ich werde ihn noch heute unterzeichnen. Und bitte, sage Herrn Spalding. wenn er noch irgendwelche Wünsche betreffs der Mblierung oder Einrichtung hat, möchte er sie ohne weiteres äußern; es soll alles nach seinem Wunsche eingerichtet werden."
„Ich glaube nicht, daß er besondere Wünsche hat," ent- gegnete Kersten, „er sagte mir sogar, die Wohnung sei viel »u luxuriös rind für einen Junggesellen zn groß. Es würde ihm in den vielen Räumen, die ihm zur Verfügung ständen, ganz unheimlich werden. Er mußte sich in den letzten Jahren, als er in Nordamerika und in Belgien war, räumlich recht sehr cinschränken. Er gibt überhaupt nicht viel aus die Aeußerlichkeiten der Lebensführung. Er hat ein Ideal, und das ist sein Beruf."
„Die Wohnung ist auch nicht sür einen Junggesellen, sondern für einen verheirateten Direktor eingerichtet worden. Vielleicht heiratet auch Herr Spalding in nächster Zeit, wenn er sich hier seßhaft gemacht hat."
Dora sah zu Boden, Kersten beobachtete sie sehr gespannt und mit einem kaum merkbaren ironischen Lächeln.
„Spalding denkt schwerlich ans Heiraten," sagte er langsam und zögernd. „Natürlich bin ich nicht der Vertraute seiner Gefühle und etwaigen Herzensgeheimnisse; aber ich Meine, er hat gar keine Zeit gehabt, sich mit Verlobungs- Und Heiratsplänen zu beschäftigen. Er hat in den letzten hier Jahren ein Leben voll Unruhe geführt, und weder in Dittsburg noch in Seraina hat er der Frauenwelt besoirdere Aufmerksamkeit widmen können."
Dora riß ihren Blick gewaltsam von der Erde los und
S taute dem Gehetmrat ins Gesicht. In ihre Wangen war ne ausfallende Mt« getreten.
„Also «s bleibt dabei: du läßt den Vertrag sofort aus- fertigen, und er wird heute noch unterzeichnet."
„Gut, mein Kind. Schicke den Vertrag, nachdem du chn unterschrieben hast, an mich. Spalding ist heute bei mir zu Tisch, er kann den Vertrag vollziehen, und morgen übergebe sch ihm die Dheresien-Hütte in Gegenwart der gesamten Beamten."
„Herzlichen Dank, Onkel Geheimrat, sür alles, was du auch oei dieser Gelegenheit wieder sür mich getan hast. Ich glaube, ich werde dir noch sehr dankbar sein müssen, daß du diese ungewöhnlich tüchtige Kraft für uns hier gewonnen hast. Was sollte ich ansangen, wenn ich dich nicht hätte I"
„Es stimnlt," sagte sich Kersten unterwegs, „die Rech- ung ist richtig! Dora interessiert sich nicht nur für den 'ergassessor, sondern nach menschlichem Ermessen ist sie reite bis über beide Ohren in ihn verliebt, und ihre einzige Angst scheint zu sein, daß sein Herz nicht mehr frei ist, und daß seine Liebe einer andere» gehört. Nu». ich habe nichts dagegen einzuwcnden! Ich gönne es Spalding, daß er sich hier in das warme Nest als Herr und Gebieter hineinsetzt, und ich meine, sür Dora ist er eine ebenso gute Partie wre sie für ihn. Die Sache vollzieht sich ganz programmmäßig. Wie die Dinge jetzt liegen, wird über Jahr und Dag Spalding der Gatte Doras und der Leiter seiner eigenen Werke sein. Das ist gut. Ich bin wirklich nicht mehr kräftig genug, um neben meinen eigenen Sachen auch die Generaldirektion der Buchwaldschen Werke zu führen. Ich wünschte, ich könnte mich überhaupt zur Ruhe setzen. Aber das hat man davon: die Kinder gehen ihre eigenen Wege und lassen den Vater allein arbeiten. Ueberhaupt wird cs immer einsamer um mich. Meine Frau tot, meine einzige Tochter verheiratet an einen Gcsandtschastsattachs in Tokio und mein einziger Sohn Offizier bei der Schutztruppe in Afrika. Ich hoffe, Werner Spalding ersetzt nur wenigstcns den Sohn einigermaßen. Wer hätte das doch gedacht, daß Dora ein so lebhaftes Interesse für einen Mann hat! Ich traute es ihr bisher nicht zu, ich hielt sie sür ein wenig zimperlich und alftüngferlich. Aber sie hat ein Recht aus ehrliches warmes Enipsinden. Sie ist ein Weib und soll ein Weib bleiben."
Am nächsten Tage iibergab in Geaenlvart der gesamten Beamten im Direkkorialbureau Keheimrat Kerften die Leitung der Theresien-Hütte dem Bergassessor Werner Spatding. Schon am Mchmiktag vorher hatte Werner sein großes Gepäck von, Bahnhofe nach der neuen Dienstwohnung kommen lassen, und gegen Abend, nachdenl er beim Geheinr- rat Kersten zu Mittag gegessen und dort den Vertrag mit Fräulein Dorothea Buchwald unterschrieben hatte, bezog er schon die Dienstwohnung, in der er zum ersten Male schlief. Am nächsten Morgen kamen zivei Wagenpferde und ein Reitpferd, zur Verfügung Werners, ebenso ei» Kutscher und ein Stallbnrsche, die sofort ihren Dienst crntraten.
Unmittelbar na chder Uebergabe sftirzte sich Werner ncit Fröhlichkeit in die Arbeit. Erst mußte er sich die nötige Nebersicht verschossen über Produktionsweise, Beschaffung des Rohmaterials, Löhne, Ausbeute des Walzwerks, Verdienst, Absatzqnellen. Das nahm ihn tagelang in Anspruch, obgleich ihm Inspektor Lenste jeden Augenblick zur Verfügung stand. Auch der Geheimrat wurde telephonisch mehrfach von Werner in Anspruch genommen, kam auch zweimal im Laufe der nächsten Woche nach Theresicn-Hütte, um alle gewünschte Auskunft zu geben.
Nach acbt Tägen saß Werner vollständig im Sattel und war in der Theresien-Hüttc ebenso zn Hause, als hätte er hier jahrelang gewirkt. Er wußte in dem Walzwerk und auf deni Hofe ebenso Bescheid wie in den Bureaus und in den Dokumenten der Registratur, llnterstiitzt von einem vor- trefslichen Gedächtnis, kannte er persönlich nickst nur sämtliche Beamte, sondern auch einen großen Teil der Vorarbeiter, die natürlich den neuen Ches mit gespanntester Aufmerksamkeit beobachteten; hing doch sür lange Jahre ihr Wohl und Wehe wahrscheinlich von diesem Manne ab. Nach acht Tagen waren die Beamten init ihrcin Urteil über den neuen Ches fertig und gaben dieses Urteil mit großer Befriedigung ab. Sie hatte» einen tückstigen Fachmann vor sich, der es gleichzeitig verstand, mit Menschen umzngehcn» der Energie mit Liebenswürdigkeit verband, nicht eigensinnig >var, jede Entgegnung ruhig und wohlwollend anhörte und sich sofort überzeugen ließ, wenn man ihm nachwies, daß seine Ansicht ganz oder in einzelnen Punften der Korrektur bedürfe. Kurzuni, es ivar ein Mann, der viel, außerordentlich viel vom Fach verstand, nußerdenl aber Wohlwollen und Gerechtigkeit jedermann entgegcnbrachte, der mit ihm zu tun hatte. Auch die Lieferanten und Geschäftsleute, die nach dem Walzn-crk kamen, gewannen diesen günstigen Eindruck: „geschäftlich scharf, aber liebenswürdig", sagten sie, „vorniachen kann ninn ihm nichts, aber es ist mit ihm gut auszukommen."
(Fortsetzung folgt.
ttinobrol.
Berliner Studie.
Von Max Kretzer.
Jeder neue Berus bringt neue Fachausdrücke, und fo ist e» erklärlich, ivenn der Kiiwschauspicler seine Gage „Kinobrot" Nennt, woniit derjenige, der diese Bezeichnung zum ersten Male, wohl mit bitterem Galgenhumor, falten ließ, sicher nur an das „tägliche Brot" gedacht hat, ohne das selbst der bestaufgelegte Schelm keine Lust verspürt, dem „Theater der Schwerhörigen" wie ich das Lichtspiel genannt habe, mit Hingebung zu dienen. Denn der Filmschauspieler ist, gleich Hamlet, ein armer Mann", und wenn das liebe Publikum ihn im hellen Lügenschein der blendenden Leinewaud tragieren und saxieren sieht, dann hat es meistens keine Ahnung von den schwere» seelischen und körperlichen Nöten, die er zu durchkosten hatte, bevor es ihm gnädig gestattet ivurde, sein, ach, so oft verkanntes Bühncntalent nicht etwa leuchten, soirdcrn „silmen" zu lasse», wie der technische Ausdruck neuerdings lautet. Und hat dieses liebe Publikun« gerade noch die märchenhast hohen Gagen der augenblicklich herrschenden Kinogrößen, die gewöhnlich eine Null zu viel zeigen, in, Gedächtnis, damr ist cs um so eher geneigt, das Flimmern da vorne, das soeben ein lialbes Dutzend falscher Brillaiilen aus der Kleidung des beweglichen Komikers austlitzen lässt, für echt zu halten und ihm als königliches Spielhonorar in die Tasche zu zaubern. Ach, köimte es den Spaßmacher im Frack, der so andauernd Lachsalven hcrvorlockt, nur einmal im grauen Tageslicht in der „Filmistenbörse" sehen, wie er, mit Tragödenernst, zwischen den Stühlen und Tischen feinen Pendelgang macht, um die Aus» mcrksamkeit des werbenden Regisseurs zu erregen, dann würde die Lachträne sich vielleicht bald zum Ausdruck stillen Mitleid« vcrwaicdesn.


