Wribrr-Krgiincnt.
Roncan von Oskar Klaußmann.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsevung.)
Als Geheimrat Kersten nach Saarkirchen kam, Ivar Dora noch nicht zu sprechen. Sie war noch bei der Toilette. Sie halte früh einen weiten Ritt gemacht und mußte sich nun umkleiden. Aber Frau Schottelius, die alte, schwatz- haste Dame, ivar da, und Kersten ging mit ihr wieder üw Park spazieren.
„Wir habe» ihn gar nicht wiedererkannt", sagte Frau Schottetiuö piöplich.
„Wie soll ich das verstehen?" fragte Kersten. „Wie sollten Sie denn Spalding wiedererkennen? Sie sehen ihn doch zum ersten Male!"
„Ach, jetzt habe ich mich verschnappt," sagte Frau Schot- telius mit komischer» Entsetzen; „Sie dürfen mich nickst verraten, ich verlange Diskretion von.Ihnen. Aber Dora und ich, wir kennen diesen fierrn Werner Spalding schon seit länger als einein Jahre."
„Nanu, davon weiß ich ja kein Wort," bemerkte Kersten.
„Dora tvill auch jedenfalls nicht, daß Sie davon etwas wissen, und .noch einmal: Diskretion unter allen Umstän- den! Wir waren voriges Jahr in Berchtesgaden und lebten in der Rainsau in einem Pensionat sehr zurückgezogen. Da erschien auch Herr Werner Spalding, der, glaube ich/damals gerade von Amerika zurückgekominen ivar. Wir hatten ihn noch gar nicht persönlich kennen gelernt, als er nach vierundzwanzigstiindigenl Ausenthalt der .Held des Tages wurde. Es ivar eine Familie cnis Wien da, mit einem allerliebsten vierjährigen Mädchen. Das Kind war ani ildach- mittag plötzlich verschwunden. Die Wärterin war mit dem Kinde spazieren gegangen, war eingeschlafen, was nicht wunder nehmen konnte, denn es mar ein sehr schwüler Tag, das Kind hatte sich wohl aus eigene Faust auf den Weg gemacht und war nicht zu finden. Die Eltern des Kindes und das ganze Penstouat gerieten in große Aufregung. Es war sehr schivül, und voraussichtlich kam ein schweres Gewitter. Für das Kind war das schlimmste zu befürchten. Huiide waren nicht zur Berfiigung, mit deren Hilfe inan das Kind hätte suchen können. 'Alles Rusen und Schreien hals nichts, das Absuchen der ganzen ilmgegend hatte keinen Erfolg. Kurz vor Sonnenuntergang brach ein fürchterliches Gewitter loS. Es tvurde ganz finster: ein ungeheurer Wolkenbruch goß draußen nieder, und mir ivaren im Speisesaal des Pensionates versa,nmclt, aufgeregt nicht nur durch das Unwetter da draußen, sondern noch mehr durch de» schrecklichen Gedanken an das arme Kind. Die Eltern der Kleinen, besonders die Mutter, gebärdeten sich ganz verzweifelt, alle anivesenden Damen' iveinteu und ichluchzten. Ich sage Ihnen, es ivar eine Situation, uste ich sie »och nie erlebt habe. Da ging plötzlich die Tür auf,
und in ihrem Rahmen staiid Werner Spalding, triefend von der Nässe des Wolkenbruchs, mit Kot bespritzt von den Füßen bis zur Brust. Seinen Lodenmantel hatte er über Kopf, Brust und Rücken geschlagen. Als er jetzt den Zipfel des Lodenmantels znr Seite schob, sah man das vermißte Kind auf seinem Arme sitzen, schlafend vor Erschöpfung. Der stattliche Mau» mit dein hilflosen Kinde gewährte einen geradezu rührende», packenden, ergreifenden Anblick. Mit einem Jubelschrei stürzte die Mutter auf das verloren geglaubte Kind los: Werner übergab es ihr und machte dann, daß er davonkam, uni sich umzukleiden. Wir erfuhren noch am Abend, daß er, selbst vom Gewitter überrascht, eilfertig von einem Spaziergang ^urückkehrte, als er ain Ufer der Ache das Kind schlafend fand. Es war wohl weit heruingclause» und vor Ermüdung umgesunken und eiu- geschlase» Das Kind iväre ohne Spaldings Dazwisckeu- kunft verloren gewesen, denn durch den Wolkeitbruch stieg die Ache in gefährlicher Weise. Spaldiicg wollte das Kind in Sicherheit bringe», und nahm es mit sich nach der Pension, obgleich er gar nicht wußte, daß das Kind dorthin gehörte und dort vermißt ivurde. Ihm schien das, lvas er getan hatte, natürlich nicht als Heldentat, und es war ihm »vohl unangenehm, von den Eltern des Kindes und den anwesenden Damen als Held gefeiert zu werden. Er reiste schon ani nächsten Tage ganz plötzlich ab, ohne daß wir mit ihm bekannt geworden ivären. Aber er blieb Dora und mir unvergeßlich, wie er da so in der Tür stand, das! hilflose Kind aus dem Arm, den triefenden Lodenmantel! um sich und das Kiich geschlagen. Das war so romantisch, so wirkungsvoll, daß man es gar nicht vergessen kann. Dora hat auch versucht, aus dem Gedächtnis die Szene zu malen, aber es ist ihr nicht gelungen. Wir haben nur den btamen Spaldings erfahren. Deshalb war ja auch Dora, als Si« vorschlugen, Spalding zu engagiere», sofort bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen."
Frau Schottelius wurde abberuseu und bat den Geheimrat, direkt »ach den, Salon zu gehen. Hier schritt der Geheimrat, wie es schien, etwas erregt auf und ab, und das, was er von sich in diesem Augenblick dachte, war nicht besonders schmeichelhaft.
„Dieser Werner tennt die Weiber besser als ich. Also durch eine romantische Geschichte. Daß doch die Weiber immer und ewig alles, was ihnen vortoinmt, init dem Gefühl und nicht mit dem Verstände beurteilen! Also Werner Spalding soll engagiert werden, nicht wegen seiner hervorragenden Fähigkeiten, nickt iveil er der Mann ist, dem man viele Millionen Wert «»vertrauen kann, sondern weil ihn Fräulein Dora Buchwald in einer romantische» Pose gesehen hatte. Das genügt vollständig, um einen solchen Mann zum Generaldirektor zu machen."
Unmittelbar daraus erschien Dora, bat den Onkel Geheimrat um Verzeihung, wenn sie ihn habe warte» lassen, und Geheimrat Kersten hatte sich nicht getäuscht: Dora ging auf alle Bedingungen ein und schien nicht einmal ärgerlich


