Ausgabe 
9.5.1914
 
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Qtfnj erstaunt über den ungewohnten Anblick und verwundert ob der frohgelaunten Zurufe. Vor Niedergirmes hatte hie Kirche rade den Frommen ihre Pforten geöffnet und in Wetzlar läuteten ic Glocken des Domes zum Zuge durch die langgcpflasterte Vahn- hosstraße. Rost und Reiter atmeten auf, als fie auch die Brücke der Neustadt hinter sich hatten. In den klaren Geivässern per Dill kühlten die Pferde ihre schon warm gewordenen Fesseln und tranken gierig das erfrischende Naß. Der schönste Teil der Tagest tour begann sich nun zu entwickeln.

Vor der Stadt biegt hicr ein Feldweg von der Chaussee nach rechts ab (durch schwarze Striche markiert). Die anfangs schatten­lose Strecke bietet herrliche Ausblicke. Nach vorn sehen wir über dkii Feldern die Ruine Hcrmannstcin und ein Blick rückwärts zeigt die Stadt Wetzlar mit Kalsmunt in prächtiger Umgebung. Niedrige Eichen und Buchcnbestände stehen zuerst an der Hochstraße, einer alte» Kausfahrteistraße, eine kahle Frldpartie wird durchquert und dann nininit uns kühlen Schatten spendender Buchenwald aus bis zur Tianaburg, deren Zinnen schon mitunter imlDurchblicke winken. Nach rechts hat man von der Höhe dieses Kammes schöne Aus­sichten auf die friedlich daliegendcn Dörfer des Dilltales.

Hier besandcu wir uns schon aus dem Westerwalde. So ge­nannt, weil erder Wald ist, der zuerst vom Schnee weist^lenchtet (Wester weist), dessen Winter lang und rauh, dessen Sommer aher sonnig und Ivarm und dadurch außerordentlich angenehm, daß ein fast stets wehender leiser Wind nie das Gefühl einer drückenden Hitze auskommen läßt". Wir konnten dies bestätigen, denn die Sonne stand hoch an hem tiesblancn Himmel und sandte fast senkrecht ihre Strahlen herab.

Vorm letzten Anstieg wurde noch ein Rückblick genommen hinüber nach dem Lahntale, wo Braunfels wie ein Märchenschlost im Rahmen seiner Wälder lag. Es war nur ein Vorgeschmack dessen, was noch kommen sollte. In wenigen Minute» hatten uns hie tapferen Rosse hinausgetragen ans den 386 Meter sich erheben­den Felsen. Ein langer Ritt, ununterbrochen von 711 Uhr, und hoch brauchte kein Raiter seine Mähre zu tragen. Au Bäumen i» der Sonne angebunden, durften die Tiere eine Stunde die an­gestrengten Glieder ruhen lassen.

Der Kesselberg ist die höchste vulkanisch»: Erhebung einer Westcr- waldpartie, welche in der Gestalt eines Dreiecks von der Lahn und ihren Nebenflüssen. Dill und lllmbach, abgegrenzt ist. Hier wurde die Dianaburg >842 durch den Fürsten Ferdinand zu Solins- Braunfels erbaut. Von der Plattsorm dieses Jagdturmes genossen heute Reiterinnen und Reiter nach kurzem Imbiß einen unbe­schreiblich schönen Rundblick.

Maistimmung lag in der Luft des klaren sonnigen Frühlings­tages. Das Iveithin sich erstreckende Waldnieer war aus dem Winterschlasc erwacht und mit frischen, Laube geschmückt. Jni braungctönten Kleide erschienen die Eichen neben dem saftigen Hellgrün der Buche». Am östlichen Horizonte erblickte man Gießen unh Wetzlar; lvie trotzige Hüter daneben Dünsberg und Stoppel- berg. Weiter südlich im Vordergründe der Taunusbcrge Braunsels, Po» der Höhe der Burg ausschauend wie in einem Tale gelegen. Weit hahinter ragt der Koloß des Feldbergs in die Wolken. Mehr nach Westen krönt die Burgruine Merenberg stolz die Anhöhe eines Basaltkegels, sie liegt schon ivieder aus dem Westerwalde und ihr reihe» sich die finster ausschaucnden dunklen Höhenzüge des hohen Westerwaldes an, von der Dianaburg scheinbar nur durch das lieb­liche lllmbachtal getrennt. Greisenstcin schließt den Rundblick im Norden. Wie eine mächtisge Trutzfefle sieht noch heute die Ruine aus, deren Größe uns die Erzählung von Turennes Belagerung im zweiten französischen Raubkriege veranschaulicht. Turennes Feldherrnkunst vermochte den starken Greifeustein nicht zu nehmen. Nach aufgehobener Belagerung bot Graf Wilhelm II. seineni (haste hie Ucbcrgabe der Feste an, wenn er an jedem ,Tore der Burg einen Humpen Weines leeren könnte ohne betrunken zu werden. Turenuc ging sofort darauf ein, denn er verstand Schwert »nd Humpen gleich gut zu schwingen. Hier hatte er aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Grcifenstei» besaß 22 Tore und die Greiseusteincr sollen auch nicht aus kleinen Gesäßen getrunken haben. Durch diese Begebenheit tvurde angeblich der Reim geprägt: Greifenstein, du edles Haus,

Nüchtern hinein und trunken heraus.

Leider dursten nur nicht länger hier oben verweilen.. TiaPferde mußten wieder bestiegen tverdcn und nachdem daun noch der Kodak seine Schuldigkeit getan, zog hie Reitcrschar im Schritte durch den stämmigen Hochwald hinab nach Heisterberg, einer Solms- Braunfclsischen Oberförstern, deren idyllische Lage inmitten von Wald, Miesen und Weihern mit einem tveit offenen Blicke hinüber nach Braunsels und dem Hamburger Hose das Herz jedes Natur­freundes schneller schlagen läßt.

In Vi Stunde war dann die Lahn erreicht. Mit Interesse wurden die altertümlich schönen Häuser im Städtchen Leun be­trachtet, das aus eine 1000jährige Vergangenheit zurückblickt. Am Bahnhöfe Braunsels nah,n uns wieder ein schattiger Buchen­wald aus bis zum Fuße fast des hochragenden Schlosses Braun­sels. Hier mußte ein längerer Aufenthalt geuomnieu werde». In erster Linie der Pferde wegen, die nach st>/rstüudigem Marsche längerer Ruhe und guter Fütterung bedurften. Auch die Rester stärkten sich für beit Heimweg. Natur- und KunstgenMe mußten

zurückstehen; die Schönheiten deS anmutigen Städtchens waren auch wohl allen Gefährten bekannt.

Unl 51/2 Uhr verlieb man dies schöne Fleckchen Erde. Der Wer führte uns nun heimwärts quer durch das Solmsbachtal an der Oberndorfer Hütte vorbei auf eine» dichtbelvaldeien Höhcnzug o» erauickender .Abendkühle trabten wir nach Magdalenenhausen und erfreuten uns nach denr Lahntale zur linken an einem wunder­baren LandschaftsbUde. Die nahen Waldungen wurden noch von der goldenen Abendsonne beschienen und im Vordergründe der lenscits der Lahn gelegenen dunkelblaue» Westerwaldbcrge lag wie im Traume das alte Pracmonstrateuscr Nonnenkloster Asten­berg. Aber dem ganzen Bilde verliehen erst di« leuchtende» roten Linien des Abendhimmels die rechte Weihe.

Bald blickte der einsam siustere Bergfried des Kalsniunt aus uns herab. Durch die äußeren Straßen Wetzlars zogen wir hinauf über die Charlottenburg an der neuen Unterossizierschule vorüber nach Dudenhofen, wo unser Erscheinen der Dorfjugend ein großes Vergnügen bereitete. Es lvaren wohl mehr als 100 Knaben und Mädchen, die uns bis an die Brücke zum Hehler das Geleit gaben.

Während der letzte» Wegesstrccke wurde es allmählich dunkel. Geisterhaft stiegen Nebelschwaden aus der Lahn und den Wiesen ans. Vor uns blinkte gleich zahlreichen Sternen das Geleuchte von Gießen. Wohlbehalten trafen alle um y 2 0 Uhr in der Branhgasse wieder ein. Einen große» Weg hatten wir zurückgelegt, ivohl reichlich 80 Kilometer mögen gewesen sein.

Ein köstlicher Genuß war dieser Ritt. Jedem der Beteiligten wird er eine schöne Erinnerung fürs ganze Leben sein.

Allein in der Siswüste der Antarktis.

Tr. Douglas M a w s 011 , der wie durch ein Wunder einem sichren Tode entronnene Füh.cr der wissenschaftlich so ersolgreichen australischen Südpolarexpedilio», ist an, Sonntag abend mit seiner jungen Gemahlin in London eingetrvssen. Aus der Fahrt von Tou­lon hat G. Ward P rice Matvson begleitet und ihm erzählte wäh­rend der Reise der verlvcgene (belehrte, dessen Nerven noch immer nicht völlig von den Folgen der einsamen Wanderung durch die Eiswüsten der Antarktis erholt sind, die Geschichte jener furcht­baren .Tage.

In Begleitung von Leutnant Ninnis lind denk Schiveizer Dr, Mertz war Mawson mit drei Schlitten ausgebrochen, um in öst­licher Richtung das unbckaniitc Land zu durchforschen. Am 10, Januar hoffte mau zurück zu sein; die erste Tragödie ereignete sich am 14. Dezember, 311 englische Meilen vom Lager entfernt. Man überschritt einen schnecbcdecktcn Glctscherspalt; zuerst Tr. Mertz, bcr fröhlich deutsche Studentenlieder ftngeüd, mit seinem Schlitten als Wegbahucr voraus tvar, dann Mawson, der sich noch gcwohnheilsgcmäß zurückwandte und dem ihm unmittelbar fol­genden Ninnis warnend zuries:Vorsicht, Spalte!" Guten Mutes zog nian weiter. Nach einer vierte! Meile sah Mawson, wie Dr. Mertz anscheinend beunruhigt immer lvieder zurückblickte. Mawson wandte sich um: und zu seinen, Entsetzen sah er nichts als das weiße Schncescld. Von Ninnis und seinem Schlitten keine Spur. Die Katastrophe mußte so blitzschnell erfolgt sei», daß der unglückliche Offizier nicht einmal Zeit fand, euren Schrei auszustoßen. Bald fand mau die Oessnung in der Schneedecke, durch die Ninnis mit seinen Hunden und seinem Schlstieu in schwarze uucrgründlick,« Tiefen hinabgestürzl tvar. Er muß sofort tot gewesen sein; au eine Bergung der Ucberrcstc war nicht zu denken. ?lls die beiden Ueberlcbenden nach einer traurigen neunstündigen Rast an der Un- glücksspalte ihre Lage durchdachten, wurden sie sich klar, daß die Hoffnung aus eine glückliche Heimkehr nur gering sei. Der Schlit­ten, der mit Ninnis in die Tiefen verschwunden war, hatte den Hauvtproviant gelregcit und war auch mit den besten und stärksten Hunden bespannt gewesen. Was an Nahrungsmitteln übrig blieb, tvar kaum Mehr als eine Wochenration für einen Mann. Die Heim­fahrt begann. Dr. Mawson erzählt, wie die Hunde, für die man kein Fintter lniehr b.laü, bald an Erschöpfung hrnznsteebe 1 begannen, obgleich wir sie aus den Schlitten luden, um ihre Kräfte zu fcho- ncn. Ihre Körper lieferten keine Nahrung mehr, die Muskeln waren verschwunden, wir kochten uns aus den Hunden eine dünne Suppe, zerbrachen die Knochen mit einem Hammer und versuchten, wenigstens etwas Mark zu erlangen. Unsere Tagesration war auf Ivenige Unzen fester Nahrung zusammengeichrumpft. Während wir uns weiter arbeiteten, sprachen Mertz und ich fast immer von europäischen Restaurants und den Mahlzeiten, tue wir uns leiste» würden, wenn wir heimkämen. Aber wir dachten dabei doch immer nur au Pemmikan; ein hungernder Mann in der Antarktis sehnt sich nach fettem Pemmikan wie ein Kind >mch Schokotade."

Allein ein neues Unglück stand bevor: Nach Neuiahr begannen die Kräfte des.Dr. Mertz' zu schwinden. Er wurde init jedem Tage schwächer, vermochte kaum noch etwas zu genießen und verlor die Fröhlichkeit, die sonst nie von ihni wich. Mawson versuchte alles, aber umsonst; am Morgen des 7. Januar begann Dr. Mertz zu phantasieren, dann verlor er das Beivußtsein, und uM Mitter­nacht lvar er tot. Furchtbare Schneestürme hatten eingesetzt: und nun war Mawson ganz allein in der erbarmungslosen Eiswüste. Von meine» Füßen löste» sich die Sohlen: von meinem Körper waren Haut, Haare ürrd Fingernägel schon vorher abgcfallen. Ich warf die Hautsohlen. die sich von meinen Füßen Men, »ich! fopt.