Der Diener kam und meldete die Ankunft des Grafen Iklinter. Der Graf kam hereingehinkt, wurde durch Dora nit Werner bekannt gemacht, und begrüßte diesen mit »ußeraewöhiiltcher Lebhaftigkeit.
„Ich freue mich sehr, Sie kennen zu lernen. Jho-Buch hat mich vollkommen gefangen genommen. ES wird mir eine Freude und eine Ehre sein, möglichst hänsig mit Ihnen jusammenzukommen. Gestatten Sie, daß ich Ihnen das »sfen sage, Herr Kollege. Hossentlich behalten wir Sie cecht lange hier, um uns au Ihrer Gesellschaft steueni zn können."
Bald darauf kam l>cr Inspektor Lenske, der Leitev der Theresien-Hütte. Auch Kersteu kam mit Frau Schotte-- lius aus dem Park, und man ging zu Tisch. Das Essen var, wie Kersteu schon am Vormittag prophezeit hatte, ausgezeichnet; ebenso die Weine. Die Unterhaltung drehte sich viel um die Industrie, und das Resultat des Abends war, daß an« nächsten Vormittag Werner unter der Leitung Kerstens und Lenskes das Walzwerk besichtigen sollte. Mit dieser Verabredung trennte man sich abends gegen zehn Uhr, und Geheimrat Kerste» fuhr in seiner Equipage Werner nach dem Hotel zurück. Absichtlich sprach er über die Bewohner des Schlosses in Saarkirchen und über die Vorgänge des Abends kein Wort. Aber auch Werner schien nicht geneigt zu sein, sich darüber auszusprechen.
An: nächsten Morgen um neun Uhr benützte Werner die elektrische Straßenbahn, die von Dasburg nach Norden führte, »in die Theresieu Hütte zu erreichen. Im Direktions- bureau erwartete ihn Inspektor Lenske, der ihm verschiedene gedruckte Jahresberichte, Pläne, Zeichnungen und schriftliche statistische Notizen vorlegte. Um halb zehn Uhr traf pünktlich Geheimrat Kersteu ein, und nun ging es sofort in den Betrieb.
Aus dem tveiten Hose des Walztverkes, auf dem sich zahlreiche Eisenbahngleise kreuzten, lagen Rescrvewalze», große Gußstahlblöcke von mehr als Mauneslänge und Formeisen aller Art. Beim Betrete» der Hütte kam man zuerst an den riesigen Schmelzofen, in dem die Stahlblöcke geglüht wurden. Tjan» ging eS zu den Walzen, Ivelchtz die Stahlblöcke in die verschiedensten Formen preßten und zu langen Winkel- oder Flacheisen auseinanderzogen. Man besichtigte die Wnlzenstraßen, welche den Gußstahl in Draht, der immer dünner wurde, auswalzten. Dann wurde ein Hos überschritten und man betrat das Stahlwerk, wo die Mürtin-Oefen standen.
Ueberall stellte Werner Spalding Fragen, untersuchte er das Material, ließ er sich in (bespräche miit den f)lr-> beitcrn ein, und seine Art und Weise gefiel dem älten Geheimrat außerordentlich. Daß Werner Spalding eine ungewöhnliche technische Bildung besaß, imißte er; daß er die Praxis ebenso lvie die Theorie ans dem Fundament: kannte, war selbstverständlich; aber die Art und Weise, wie er Mit den Arbeitern umging, besonders mit den älteren Leuten, die an de» Walzen und vor den Oefcn standen, nahm Kersteu noch mehr für ihn ein als bisher.
Es wurde schließlich das große Magazin besichtigt, in dem verhältnismäßig >ve»ig Vorrat vorhanden ivar; in der letzten Zeit waren viele Bestellungen gekommen. Aus dem ziveiteu Hofe erkundigte sich Werner Spalding eifrig, ivie iveit das Terrain des Walzwerkes gehe, uni eventuell Vergrößerungen vorzunehmen. Dann sprach er Herrn Lenske seine Zufriedenheit a»S über das, ivas er gesehen hatte, erklärte, das Werk befinde sich i» bestem Zustande und sei vorkresslich geleitet. Hierauf schüttelte er Lenske die Hand und sagte dem Geheimrat:
„Ich stehe zu Ihrer Verfügung."
Lenske ging zum Betrieb zurück, Werner Spalding mit dem Gehrimrat schritt zum Ansgangstor nach der Chaussee zu.
Kaum waren sie einige Schritte allein gegangen, als der Geheimrat begann:
„Mein lieber Freund, Sie haben ein so großes Interesse an dem Werk gezeigt, haben sich so für dessen Zukunft! und Vergrößerung interessiert, daß ich wohl hoffen darf, wir behalte» Sie bei uns."
„Ja, Herr Geheimrat, cs gefällt mir alles sehr gut, und Sie haben sich uni meinetwillen so viel Mühe gegeben, daß ich eigentlich bleiben muß. Offen und ehrlich aber sage ich Ihnen: die Chefin mißfällt mir. Nicht als Weih, nicht als Person. Fräulein Torg Buchwald ist eine entzückende Dam«; aber ich fürchte mich vor dein Weiberregiment, und deshaftz Men Ate rnem letztes Wort: Ich lyerde pie äuge-.
botcne Stellung annehmcn, aber nur sür ein Jahr. Es handelt sich uni eine Probezeit, sowohl für mich itn« für die Chesin. Wenn wir gut miteinander auskommen, kann der Vertrag verlängert werden. Kommt es zu Differenzen, nun, dann ist das Jahr auch bald herum, und wir könne» in, Frieden auseinandergehen."
„Das ist allerdings vollständig gegen alle Verabredung, denn wir wollten dauernd jemand als Leiter des Werkes haben. Dora wird sehr wenig davon erbaut sein, daß Sie sich diese Probezeit ausbedingen."
„Ich habe eine Entschuldigung. Sie sagten mir selbst, binnen Jahresfrist kann das Werk in eine Aktiengesellschaft umgeivandelt werden. Dann tvill ich freie Hand haben. Ich lasse mich nicht mit dem Werke zusammen an die Aktiengescllschast verkaufe» und gehe nicht in die Dienste von Leuten, die mir vielleicht sehr unsympathisch sind."
„toteigen Sie in den Wagen, wir ivollen »ach Ihrer zukünftigen Direktorwohnung fahren. Die Villa ist vollständig möbliert; natürlich steht es Ihnen aber auch frei, noch eigene Möbel, wenn Sie solch« haben, aufzustellen. Sie können auch ohne weiteres Ihre eigene Wirtschaft an- fangen. Die Frau eines verunglückten Steigers, Frau Wolf, hat Ihrem Vorgänger die Wirtschaft geführt und ist jetzt noch Kasteklanin und Beschließerin der Direktorvilla. Sie können sie als Wirtschafterin behalten, Sie können sich aber auch, wenn Sie ivollen, eine andere Wirtschafterin besorgen. Ich würde Ihnen raten, Frau Wolf neüigstcnS vorläufig in ihren Funktionen zil lassen, da sie mit den hiesigen Verhältnissen genau vertraut ist."
Die Dircktorvilla lag schräg gegenüber vom Berglvcrk, kaum einige hundert Sck>ritte von ihni entfernt. Die Villa hatte vorn einen gut gepflegten Blumengarten, an de» sich hinter dem Wohnhaus ein reich bestandener Gemüse- und Obstgarten anschloß. In eineni besonderen Stallgebäude befanden sich zivei elegante Wagen, Stallung für drei Pferde und über dem Stall die Wohnung sür den Kutscher. Jni llntcrstock der Villa gab es ein Bureau, daneben ein großes Arbeitszimmer sür den Direktor, daran schloß sich ei» Salon. Im Oberstock lagen zwei Schlafzimmer, ein Herrenzimmer, eine kleine Bibliothek, ein Badezimmer. Für einen unverheirateten Bewohner ivar viel Raunl und Komfort vorhanden.
Werner erklärte, er habe gar keine besondere» Wünsche betreffs der Villa und der Möblierung und tvolle, wem« der Vertrag abgeschlossen sei, sofort einziehen. Er verabredete noch die Details des Vertrages mit Kersteu. Dann fuhr Werner nach dem Hotel zurück, während sich Kersteu nach Saarkirchc» begab. Mittags sollte Werner bei Kersteu Gast inr Hanse sein Dabei sollte er erfahren, pb der Vev- trag mit ihm zustande kam oder nicht.
fFvrlfctznng folgt.)
Lin Ritt in den FrWing.
Die günstige Wetterprognose des Barometers bewahrheitete sich auch noch aui Sonntag. Eine Kavalkade von 10 Reitersleuten rückte uni 7 Uhr aus der Reitbahn hinaus. Zum ersten Male nach dem langen Winter hatten Mitglieder des Gießener Reitcrvereins eine Tagcstonr geplant. Und da man sich so zahlreich zusammen- gcsundcn und dos Ansrücken so glatt verlief, ging cs frohen Mutes über die Lahnbrücke, das Henchelheimer Mühlchen und Kinzenbach hinaus nach dem Atzbacher Walde.
Es Ivar ein herrlicher Frühlingsmorgen über Feld und Wald. Des Lenzes Helle, kräftig leuchtende Farben, der klare Horizont, die Kühle der Morgenluft, das Jubilieren der Böget über den sonnigen Fluren, all das vermochte die frohe Spannung der frühen Reiter nur noch zu erhöhen. Der Wald prangte schon im schönsten Maienklcide und bot ein prächtiges Bild in dem gemischten.Holze. Auf dem dunkeln .Hintergründe der Tannen leuchtete die lichte Buchcnbelaubung neben den vereinzelt stehenden Lärchen, deren verschieden grün getönte Zweige sich ganz besonders eigenartig hervorhobc».
Das- Dröhnen des Bodens und das Klappern der trabenden Pscrdchuse paßte gut in die Waldesstimmnng. Und als die Pferde durch einen längeren Trab ihren Mut etwas gekühlt hatte», begannen die Reiter dem Walde ein Morgcnständchcn zn bringen. „Der Mai ist gekommen."
So ging es weiter über die Grube Morgenstern wieder bergab nach Naunheim. Keine sumpfige Wiese, kein sich zwischen Huf und Eisen einklemmendcr Ehaufsceslein vermochte auszuhalten. Mit Scharen fröhlicher Wanderer wurden neckciche Begrüßungen getauscht. In den Dörfern erschienen jm Hofe und au den Fenstern alt und jung. iumtcil lisch i» Yen evTtcu Amcinaen bei MorgenvekleiduNge


