Wkiber-Krgiment.
Roma» von Oskar Klaitßinan ».
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
2. Kapitel.
Pünktlich kam abends zur festgesetzten Stunde das Automobil aus Saarkirchen, um Werner aus denr 5zotel abzuholen. Er hatte den Frackanzug angelegt und sah [tit diesem recht elegant und ansehulich aus. In rascher Gangart gelangte der Wagen bis an den Bestimmungsort.
Im Bestibiit empfing ihn wieder der Diener und tvies ihn nach dem Salon.
„Die Herrschaften sind im Garten. Herr Geheimrat Kersteu macht mit den Damen noch einen Spaziergang." ^ Werner sah sich in dem Salon, in dem er schon vormittags für kurze Zeit getvesen war, genauer um. Etlvas Eigenartiges, aus dem man Schlüsse auf die Bewohner hätte ziehen können, wies der Rauin nicht auf. Er tvar im Empirestil gehalten, die Möbel sämtlich neu, aber nach alten Mustern gearbeitet. Natürlich haftete ihnen tvege» des Stils eine getvisse Steifheit und Feierlichkeit an. Fn der Nähe einer der Flügeltüren, die, vom Bode» bis zur Decke reichend, nach dent Garten hinansführten, stand ein zierlicher Tisch, dessen Bronzebeschlüge Werner interessierten. Ans dein Tische lag ein Buch, das in rotes Maroquiiv- leder gebunden tvar. In dein Buche lag ein Lesezeichen., ein Beweis, daß cs erst kurz vorher benutzt worden tvar. Werner hielt es nickit für indiskret, den Buchdeckel anfzu- heben, um zu sehen, welchen Inhalt das Buch habe. Mit einigem Erstaunen entdeckte er, daß cs sein eigenes Werk: „Die Stahlindustrie Nordamerikas" war, das er hier in so reichcnt Einband erblickte. Er kain sich ordentlich, geschmeichelt vor, zu»t mindesten angenehm berührt. Das Lesezeichen lag n» der Stelle, an der er die ersten Ei>r- driicke der großen Industriestadt Pittsbnrg mit poetischem Schwünge geschildert hatte Er klappte das Buch zu und wendete sich um, denn er hörte das Rauschen eines Franen- kleides. >
Bor ifjjiit' stand Dora, die soeben ans dem Garten in den Salon getreten war. Sie trug Gcsellchaftstoilette von nicht allzu lebhaften Farben. Mit einem Blick sah Weener ihre runden, schön modellierten Arme und einen entzückenden Nacken. In dieseni Kostüm hatte Dora etivas Imposantes und Bornehmcs. Wieder slog das liebenswürdige, sonnige Lächeln über ihr Gesicht, als sie Werner die Hand reichte.
„Nehmen Sie einen Augenblick Platz", sagte sie! „>vir haben den Wagen nicht gehört, als Sie kamen, und erfuhren von Ihrer Auivesenheit erst, als der Diener Sie nmeldete. Onkel Kersteu und ineine Tante entschuldigen Sie noch einen Augenblick: die haben höchst ivichtige Familien- »ngelagenheiten zu erledigen, die sich auf oemeinsamc Be
kannte beziehen. Wen» die beiden dieses Thema anschlagen, finden sie nicht so leicht ei» Ende."
Vielleicht bemerkte sie, daß der Blick Werners das Buch in dem roten Ledereinband streifte, denn Dora fuhr fort:
„Da liegt Ihr Brich über die Stahlindustrie Nordamerikas. Onkel Kersteu hat mir vorn Buche so viel vorgeschwärmt, daß ich es mir konimen ließ. Ich habe es mit großem Interesse gelesen, einzelne Stellen sogar wieder- holt, und habe mich wirklich über den poetischen Schwung gefreut, mit dem Sie an rnanchen Stellen schilderten. Man merkt Ihnen die ehrliche Begeisterung an. Man wird selbst begeistert, wenn inan Ihre Schilderungen liest, und unwillkürlich kvinmt inan dazu, Sie zu beneiden. Welche schönen, arbeitsreichen Monate voll Befriedigung urid Freude müssen Sie da in Pittsburg verlebt haben!"
„In der Tat, gnädiges Fräulein, Sie haben das Richtige getroffen: Es waren Monate voll Freude und Befriedigung. Was mich am ineisten begeisterte, ivar die Großziigigkeit der Amerikaner, die sich gerade in ihrer Industrie iit so hervorragender Weise äußert. Mraends etwas Kleinliches, alles aus dem Vollen geschöpft, alles in großartigstem Stil projektiert und durchgeführt. Es tvar wirklich leicht, begeistert zu sein und sich an dein, >vas man sah und lernte, zu ersrenen. Vielleicht kennen Sie, gnädiges Fräulein, auch Nordainerika."
„Ich habe die große nordamerikanische Tour gemacht, aber eben nur als Bergnügnngsreiscnde. Das. ivarnm ich Sie beneide, ist die Gelegenheit, oie Sie hatten, Ihre Kenntnisse in fremdem Lande zu erweitern, gewissermaßen zu sammeln nach einem ganz bestimmten Gesichtspunkte, zu bestimmtem Zweck. Sic hatten eine Beschäftigung, die Ihr ganzes Denken und Fühlen erfüllte. Sie hatten etivas, woran Sie Herz und Sinn hängen konnten. Das sehlt natürlich dem Touristen.
„Der Tourist zieht von Ort zn Ort, wird wie ein Wareii- ballen hin und her transportiert, sieht heute das, morgeti jenes, hat die Verpflichtung, bestimmte Sachen anschen zu müssen, und wenn ec mit der Reise fertig ist, dann hat er eine Fülle von Eindrücken, die iveder geordnet noch nach demselben Gesichtspunkte geivonnen sind, und es bleibt nichts als Leere und Oede zurück. Ich bin sehr viel gereist, aber ich habe schließlich de» Geschinack daran verloren. Was mir immer vorgeschwebt hat, das war eine Studienreise zu irgendwelchen Zwecken. Uns Frauen ist ja die Möglichkeit solcher Studienreisen verschlossen. Gerade eine solche aber stelle ich mir ivnnderbar vor. Dann hat das Reisen, dann hat das Sehen einen Ztveck, das Leben hat Inhalt. So denke ich mir wenigstens die Sache. Vielleicht ist mein Urteil schies; man sieht die Dinge, die man nicht genauer kennt und versteht, vielleicht in zu rosigem Lichte. Aber Ihr Buch und Ihre schwungvollen Schilderungen haben mir doch die Ueberzengiing beigebracht, daß meine Ansicht nicht irrig ist. Es gibt doch immer wieder Menschen, die sich auch <o,n materiellen Dingen begeistern könneü." l


