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beauiter ju werden. Eine schwere Ausgabe, bei der ihn selbst sein sonst so erfolgreiches Streben im Stich zu lassen drohte.
Wie leicht strebte sichs doch früher! Viel Sitzleder, ein schmicg-
i amer Rücke», ja leine Nackenstcife • . . Aber jetzt wurde plötzlich as ganze Zentral-Nervensyslem und dadurch sogar das Gehirn ln Mitleidenschaft gezogen.
Mit der Literatur war er schon als Gymnasiast aus Kriegsfuß gestände!,. Sie blieb seine Achillesscrse. Doch auch dieses Hindernis mutzte i» seiner Stceplechase genommen werden. To wurde er ein ossiziell literarisch gebildeter Zensor.
Er suchte sich mit allen modernen Richtungen möglichst vertraut zu machen. Er las, exzerpierte und büffelte Tag und Nacht. Das rieb seine Kräfte auf.
Das Gehirn verträgt eben nicht derartige Strapazen wie Srtzlcder und Wirbelsäule. Er war noch nickt einmal bis zum «bcrbretlel gelangt, als er an allgemeiner Lebensschwäche das eitliche segnete.
Armer Zensor! Die Blätter toidmeten.ihm rührende Nachrufe, der Minister kondolierte seiner untröstlichen Witwe persönlich. Kinder waren keine vorhanden. Wer hätte das auch noch zn allen seine» sonstigen Leistungen verlangen können!
Seine Kollege» spendeten prachtvolle Kränze, deren Schleifen lauter Zitate aus bekannten .Dramen trugen. Der Verstorben« hatte die. Auswahl der Kranzinschriste» »och selbst testamentarisch verfügt, denn er wollte auch literarisch gebildet begraben werden.
Ein kleines Aergernis gab es bei der erhebenden Leichenfeier. Ein Kranz lourdc konfisziert, obwohl dessen Schleife glich ein dramatisches Zitat trug, und das noch dazu aus „Götz von Berlichingeu". Ta sich diese Inschrift in dem letztwitligen Verzeichnis nicht vorfand, konnte der Kranz nicht zugelassen werden.
Wie man später erfuhr, ivar -der Spender ein junger Bühnen- schriststclter, dessen Stück der Zensor verboten hatte. Es gibt also doch noch Tank bis über das Grab hinaus . . .
Das sterbliche Teil des Zensors wurde in einer Ehrengruft bestattet, ivährend seine Seele den steilen Weg zunr Himmel antrat.
Nach langer Wanderung kam der Zensor an die enge Pforte zur Seligkeit, läutete und mußte geraume Zeit warten, bis ihm Sankt Petrus öffnete, der gerade sein Nachmittagsschläschen hielt.
„Können Sie mich vielleicht zum lieben Gott führen?" fragte der Zensor.
Petrus brummte elwas Unverständliches in den Bart und geleitete den Ankömmling in den glänzenden Himmelssaal.
Der liebe Gott sah ihn lange schweigend an und fragte end- ties, sehr tief. Mindestens um einen Winkel von vierzig Graden tiefer, als er sich sonst vor Sr. Exzellenz zu verbeugen pflegte.
Ter liebe Gott sah in lange schweigend an und fragte endlich mit einen, milden Lächeln, „Was führt Sie zu mir?"
„Ich wollte allerunlertänigst um allergnädigste Aufnahme in den Himmel bitten!" sagw der Zensor halblaut in dem sorgfältig erlvogeuen Stil eines Majestälsgesuchcs.
„Was lvaren Sie aus Erden? Und was können Sie zur Erfüllung Ihrer Bitte ansühren? Welches sind Ihre Verdienste?"
„Ich erlaube mich vorzustellcn . . ." wagte der Zensor sich schüchtern in die Brust zu werfen. „Hosrat X., literarisch gebildeter Berwaltungsbeamtcr und Zensurbeirat, ditto literarisch gebildet!"
„So?" lächelte der liebe Gott. „Das ist >a sehr schön. Da können sic jedenfalls auf ein segensvolles Wirken zurückblicken."
„Gewiß!" richtete sich der Zensor in seiner ganzen Größe auf. ;,Jch war ein Hüter der öffentlichen Ruhe und Ordnung! Ich duldete keine herausfordernde Verletzung der guten Sitte! Ich gewährte ohne Voreingenommenheit den großen und schweren ?lüs- gabcn der dramatischen Literatur innerhalb der Gesetze freien Spielraum! Jeder Ausschreitung jedoch oder richtiger gesagt, allem, was M i r als Ausschreitung erschien, trat ich krastvokl entgegen. „Ein luirtes Amt!" meinte der liebe Gott.
„Ich bin daran gestorben!" erwiderte der Zensor wehmütig. -„Ja, wenn es ohne die literarische Bildung gegangen wäre, dann säße ich heute noch, frisch und Munter vorwärts strebend, in meinem Bureau. >Jch hätte mir sicher den Sektionschef ersessen! Aber die Literatur hat mir den Garaus gemacht! Es wird einmal zu viel geschrieben! O diese Dichter!"
„Und ivelcher Beschäftigung gedenken Tic sich bet uns zu widmen?" fragte der liebe Gott.
„Ich würde am liebste» mein Amt sortsetzen!" ries der Zensor eifrig. „Tenn im Grund genonimen ist's doch jammerschade, Smt meine mühsam erworbenen Litcraiurkcnntnifse, wen» sie nun in akle Ewigkeit brach liege» sollen!"
„Ja. ja . . sagte der liebe Gott. „Eigentlich haben Sie ganz recht. Wird sich aber bei uns schwer machen fassen. Wir besitzen kein Theater Und drucken keine Bücher. Wir haben überhaupt nur ein einziges Buch im Himniel. Sie erraten wohl, welches? Die Bibel."
„Also doch ein Buch!" atmete der Zensor erleichtert aus. i,Ta könnte ich ja schließfich . . ."
„Die Bibel zensurieren!" lachte der liebe Gott.
„Wenn Mein Verlangen nicht unbescheiden erscheint . ."
herbeuHte sich der Zensor abermals um vierzig Grade tiefer als weiland vor Sr. Exzellenz dem Minister
„Wenn es Ihnen Freude macht," sagte der lieb« Gott „warum nicht? Bei mir soll doch jeder selig iverden. Und wenn Ihre Seligkeit in der Fortsetzung Ihres irdischen Berufes besteht ... ich habe nichts dagegen. Entschuldigen Sie nur, daß ich Ihrer literarischen Bildung kein reichlicheres Material zur Verfügung stellen kan»!"
„£>, es genügt vollkommen!" stammelte der Zensor entzückt. „Darf ich vielleicht einstweilen nur um das Alte Testament bitten?"
„Bedienen Sie sich!" wies der liebe Gott nach einem goldenen Tisch im Himmclssaal.
Der Zensor ergriff einen dort liegenden Band und zog sich unter mehrfachen Verbeugungen gegen den Eingang des Saales zurück. In diesen, Augenblick trat ein Kind in den hohen Raum,
„Bist du der liebe Gott?" fragte eine helle Stimnie.
„Ich bin der liebe Gott, niein Kind!" erwiderte der Einige und streckte beide Häiche nach dem Kind aus.
Das Kind aber trippelte ihm mit schnellen Schritten entgegen. Der liebe Gott nahm es, setzte es aus seine Knie, strich ihin die Locken aus dem Gesicht und küßte es aus die Stirn. Der Zensor war am Eingang des Saales stehen geblieben und sah den ganzen Vorgang.
„Grüß dich Gott, lieber Gott!" sagte das Kind. „Weißt du, ich kann ein Bersiein!"
„Und wie heißt das Berslein?" fragte der Ewige.
„Mein Herz ist klein . . . kann niemand hinein ... «IS du, mein lieber Gott, allein!" sprach das Kiich.
Ter liebe Gott sah den Zensor an und »«einte: „Das ist Poesie, Herr Hofrat, und gehört eigentlich in Ihr Ressort. Haben Sie als Zensor etwas dagegen einzuwenden?"
„Kinderliteratur! Kinderliteratur!" wehrte der Zensor verlegen ab. „Damit hatte ich mich »ie zu beschäftigen. Mein literarisches Niveau war ein wesentlich höheres!"
„Ach so?" lächelte der liebe Gott. „Verzeihen Sie! Sie hatten wohl nie Kinder?"
„Danach habe ich leider vergebens gestrebt!" versicherte der Zensor noch verlegener Und empfahl sich.
Während er ging, hörteer, wie das Kind den liebe» Gott fragt«: „Weißt du auch, wie man Hotte, hotte. Rösselein! macht?"
„Freilich weiß ich das!" sagte der liebe Gott und schaukelte das Krnd auf seinen Knien . . . „Hotte, hotte, Rösseletn! Da droben steht ein Schlösselein . . ."
Der Zensor ging mit dem Alten Testament, setzte sich aus eine Wolke, nahm den Rotstift aus der Westentasche und begann zu streichen.
Nach einigen Stunden war der Rotstift verbraucht. Der Zensor ersuchte den heiligen Petrus um neues Schreibmaterial. Zufällig hatte gerade früher eine Balgerei unter den kleinen Engeln statt- gefundcn, wobei ein winziges Engelein eine Feder verlor. Diese lieferte Petrus dem Zensor aus.
Der Herr Hosrat spitzte sie sorgsam, saß'noch acht Tage und acht Nächte auf seiner Wolke und las unermüdlich in dem Lllten Testament. Dabei tauchte er die kleine Engelsfeder je nach der Tageszeit in das Morgenrot oder in das Abendrot und strich und strich . . .
Als er die letzte Seite erledigt hatte, ließ er sich wieder beim lieben Gott melden.
Ter liebe Gott nahm das zensurierte Buch in Empfang und durchblättcrte cs lächelnd vom Anfang bis zum Ende.
„Das war also Ihr Amt?" nickte er still vor sich hin.
„Ich muß unter Wahrung aller schuldigen Ehrfurcht bekennen," sagte der Hofrat, „daß ich die gestrichene» Stellen heuto nicht mehr durch die Zensur lassen könnte."
„So bin ich eigentlich glücklich zu preisen," meinte der lieb« Gott, „daß es zu meiner Zeit noch keine Zensur gab."
Der Zensor zuckte die Achseln und schwieg.
Eine Schwalbe flog durch den Himmelssaal und suchte durch eines der hohen Fenster wieder ihren Ausgang in die unendliche Weite. Ein paar zwitschernde Töne zitterten durch den Raum und verklangen dann draußen in der Ferne.
Der liebe Gott sah der Schivalbe nach und sprach: ..Auch sie hat ihre Lieder. Und niemand zensuriert sie. Habe ich deshalb dem Menschen vor jedem andern Geschöpf das Wort gegeben, daß die in Worte gekleidete Poesie ein anderes Schicksal erfahre- als der Gesang dieser Schwalbe? Sie werden mich vielleicht nicht verstehen, Herr Hosrat. Das Niveau Ihrer literarischen Bildung dürste dafür zu — hoch sein . . . Doch was ich fagert wollte . . . Es ist mir unbedingt lieber, ivenn Sie sich bei uns um eine andere Beschäftigung umschaucn als auf Erden."
„Wie Exzellenz befehlen!" knickte der Zensor zusammen, erschrak aber im nächsten Moment tödlich. Ten» es kam ihm zum Bewußtsein, daß er dem lieben Gott nicht den richtige»! Titel gegeben hatte. Aber welchen Titel sollte er wählen? Er konnte den Allmächiigen doch nicht mit „du" und „lieber Gott" anfprcchcn, wie neulich das Kind . . .
Der liebe Gott Unterbrach seine verzweifelten Erwägungen und meinte gütig: „Mil dem Zensoramt. Herr Hosrat, Ist e? also nichts bei »ns. Tut mir leid, daß ich Ihne» keinen günstigeren Bescheid geben kann. Nachdem Ihnen jedoch Ihre literarische Bildung das Leben aekostet Kat will ich derselben »ach Tunlichkeit


