Ausgabe 
7.5.1914
 
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Patenkindes und Ihre Zukunft! Mer nun kommen Sie, mein Wagen steht vor der Tür."

Ist es weit bis zur Wohnung der Damen?"

Wir haben zwanzig Minuten per Wagen zu fahren. Die Damen wohnen i» Saarkirchcn im Schloß des ehe­maligen Rittergutes, das . jetzt natürlich nicht mehr der Landwirtschaft, sondern ben Zwecken der Industrie dient."

Die elegante Halbchaise, mit zwei feurigen Braunen be­spannt, hielt vor der Tür des Hotels. Unmittelbar nach dem Einsteigen ließ der Kutscher in Livree die Zügel nach, und die Pscrde gingen rasch davon.

Dasburg machte denselben unfertigen, ungleichmäßigen Eindruck, wie alle rasch aufgeblühten Jndustrieorte. ES schien ein Mittelding zwischen Dorf und Stadt zu ssein. Eigentlich bestand es nur aus zwei sich kreuzenden Haupt­straßen, an denen Prachtgebäude standen, deren sich kein« Großstadt zu schämen brauchte. Diese Fronten aber wurden hier und dort durch weite Lücken unterbrochen, oder mitten zwischen den trotzigen Fassaden standen.kleine Bauernhäuser mit Strohdach und verwahrlosten Mauern.

Bald waren aber die Häuser zur Rechten und Linken zu Ende. Man fuhr durch eine schattige Allee und bog, von der Hauptstraße in einen Seiteiuveg ein. Nach zehn Minuten fuhr der Wagen du>/ch ein weitgeöffnetes Park- tor und rollte dann auf kiesbestreuten Wegen bis zu dev Rampe eines zweistöckige», schloßartigen Gebäudes, dessen Seitenflügel durch hohe, starke Türme flankiert waren. Der Wagen fuhr die Rampe bis zum Portal hinauf, und mit einem Ruck parierte der Kutscher die Pferde.

Ein Diener trat aus dem Portal und antwortete auf die Frage Kerstcns:Die Damen erwarten die Herren!"

In dem weiten Vestibül, das ganz und gar den Schloß- charakter trug, legten die Besucher die Ueberzieher ab und ordneten einen Augenblick ihren Anzug, dann öffnete der Diener eine Tür, und Kersten trat, gefolgt von Werner, in ein Zimmer und durch dieses in den großen mit ge­diegener Pracht möblierten Salon, dessen Flügeltüren und Fenster nach dem Park hinausgingen.

Zwei Damen erhöben sich beim Eintritt der Besucher von den Fauteuils, in denen sie gesessen hatten.

Die eine der Damen schien sehr jung, die andere war schon ziemlich bei Jahren.

Der Gcheimrat stellte vor.

Dora reichte Werner mit natürlicher Liebenswürdigkeit die Hand und sagte:

Seien Sic willkommen! Onkel Kersten hat uns schon so vieles und Angenehmes von Ihnen erzählt, daß wir uns freuen. Sie bei uns zu sehen."

Sie bat Platz zu nehmen, und Werner kam erst jetzt dazu, die Damen näher in Augenschein zu nehmen.

Frau Schottelius sah recht unbedeutend aus und machte einen etwasverknitterten" Eindruck, obgleich sie mit vor­nehmer Einfachheit gekleidet war. Dora war eine hohe, sthlanke Frauengestalt, die bet ihrer Größe etwas voller hatte sein können. Das Gesicht war ein edles Oval, die Stirn weiß und hoch. Dunkelblonde, dichte Locken ringelten sich über ihr. Die Nase war lang und schmal, an ihrem unteren Ende aber etwas aufgestülpt. Das hätte dem Ge­sichte etwas Keckes, Munteres gegeben, aber ein wehmütiger Zug um die Mundwinkel machte dieses Gesicht ernst und lieh die Lippen, die gewöhnlich fest aufeinander gepreßt waren, weniger voll erscheinen, als sie vielleicht waren. Eine merkwürdige Veränderung aber ging mit dem Ge­sicht vor. wenn Dora lächelte. Dann schien ihr Gesicht wie Sonnenschein zu leuchten, und in ihre braunen Augen trat ein wunderbarer Glanz.

Das Gespräch drehte sich um die Reise Werners und belgische und deutsche Eisenbahnverhältnisse, das Wetter, und schließlich wurde nebenbei auch eine Einigung darüber erzielt, daß man um /echs Uhr abends die Herren zu!m Diner erwarte Das Automobil aus Saarkirchen sollte Werner vom Hotel abholen. Kersten wollte mit seinem eigenen Wagen kommen.

Der kurze, offizielle Besuch war zu Ende.

Ich hoffe, es gefällt Ihnen in Dasburg und auf unse­ren Werken," sagte Dora, als sie Werner die Hand reichte. Und wiederum entzückte ihn das liebenswürdige Lächeln, das ihr jugendliches Gesicht verklärte.

Wenige Minuten später rollte der Wagen wieder nach DaSburg zurück.

Kurze Zeit, nachdem der Wagen das Schloß verlassen hatte, begegnete er einem rotgestrichenen Automobil, das inäßig schnell entgegeugesahren kam. 'Neben dein Ehaufseur saß anscheinend der Eigentümer am Steuer auf dein Vorder­sitz. Ter Bergrat wechselte mit dieseni Herrn, dessen Ge­sicht durch die Automobilbrille zum größten Teil verdeckt war, einen vertraulichen Gruß.

Ter Gras Klinter," meinte Kersten,komnit wahr­scheinlich zu einem Besuche bei den Damen. Sie werden an ihm eine interessante Bekanntschaft machen, und cr freut sich ebenfalls darauf. Sie kennen zu lernen. Tüch­tiger, fleißiger junger Mann, ist auch rite Bcrgassefsoc geworden und bringt die väterlichen Bergwerke i» die Höhe. Ter lahme Graf wird noch ein sehr großes Ver­möge» erwerben und den alten Glanz des gräflichen Hau­ses, der ganz geschwunden war, wieder Herstellen."

Der junge Männ ist lahm?"

Ja! I» der Familie ist eine Verkürzung des linken Beines erblich. Das ist aber zum Glück für die letzten Gcneralionen geworden. Ter Großvater des jetzige» Gra­fen wurde nicht wie seine Vorfahren Soldat, sondern Jurist, und zwar Rechtsanwalt. Er hat ein ganz hübsches Kapital hinterlassen. Der Sohn, der Vater des ejtzigen Grase» Ed­mund, wurde Bergmann und hat hier mit Glück eigene kleine Grubenaulagcn ins Leben gerufen. Diese wurden aber werlvoll, als die westliche Industrie den großen Aufschwung nahm, und da der jetzige Gras ein tüchtiger Fachmann ist, so arbeitet er mit derartigem Erfolg, daß er seinen Besitz an Berg- und Hüttenwerken beständig vermehrt. Er hat eine glückliche Hand Wiederholt hat er kleine, wertlose Werke, sogenannte Klitschen, an sich gebracht und derart herausgearbcitet, daß sie jetzt gute Ausbeute liefern."

Nach einer kurzen Gesprächspause wies der Geheim- rat nach rechts und erklärt«:

Ta drüben liegt das Gut Jvcrshose», das gehört der Frau Barbara Glovcr. Die Dame sitzt in der Wolle. Ihr Gut ist viel wert, und dann hat sie eine Anzahl von Kiesgruben in ihrem Besitz, die sie sehr günstig verpachtet hat. Sie hat insolgedessen viel Geld einzunehme». Die Landwirtschast dirigiert sie seit dem Tode ihres Gatten, allein. Sie ist eine Amerikanerin von Geburt und hat zeit- Iveise den Teufel im Leibe. Für alle gesellschaftlichen Ver­anstaltungen in weitem Umkreise ist sie tonangebend, und Sie werden sic auch kennen lernen, zumal sie gewisser- maßen eine Nachbarin der Theresiengrube ist."

Ich fuhr mit einer Dame von Neuburg bis Station Buchlvald heute zusammen. Tie Dame ivurde in Buck>- wald von einem Diener und einem großen Automobil tabgeholt. Sie machte einen englischen Eindruck, auch thr Koffer stammte nach den, Stempel des Fabrikanten aus. London."

Wie sah die Dame sonst aus?" forschte Kersten.

Werner gab eine kurze Beschreibung seiner Reisege­fährtin, und Kersten erklärte:

Das war sie. Eine interessante, faszinierende Frau, die am Anfang der Dreißiger steht und alle Tage noch heiraten könnte, aber ihre Unabhängigkeit wahrscheinlich höher schätzt. Außerdem weiß sie wohl, daß es vor allem ihr Vermögen ist, das die Freier anzreht."

Darüber haben sich wohl mehr oder minder alle reichen Frauen und Mädchen zu beklagen, die vor der Eventualität stehen, zu heiraten," bemerkte Werner.

(Fortsetzung folgt.)

Der liebe Soll und der Zensor.'>

Von Rudolf G r e i n z.

Viel zu früh hatte cr von dieser.Erde abscheiden müsse». In» schönsten Manncsalter. Er war ein Opfer seines Berufes geivorden. Der neueste Ministcrial-Erlaß über die Handhabung der Theater­zensur war die mittelbare Ursache seines Todes.

In nimmerniüdem Pflichteifer trachtete er, der Forderung Sr. Exzellenz nachzukommen und ein literarisch gebildeter .Verwaltnngs«

's AusTie Schellenkappe", dem neuesten Band lustiger Histo­rien, der soeben im Verlag L. Staackmann in Leipzig erschienen lst. Die Schellenkappe" ist eines der lustigsten Bücher von Rudolf Greinz. Wer sich einige Stunden und darüber hinaus an kern­gesundem Humor erfreuen und erlaben will, greife zu den neue» lustigen Historien des Tiroler Dichters.