Ausgabe 
29.4.1914
 
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Var unglückselige Lachen.

Humoreske von Georg Müller-Heim.

Wir saßen in Unterprima. Das Gymnasium in Wickstädt galt als streng; kein Wunder, daß unsere Klasse immer mehr zusammen- schrumpste Es gab Ostern immer Ivieder Sitzenbleiber; da zogen es manche Eltern vor, ihre Söhne aus der Schule zu nehmen, xi» der Unterprima waren wir nur noch zwölf; getreu hatten wir von Sexta an zusammengehalten, eine Klasse, in manchem Sturm er­probt und darum von seltener Kollegialität.

Die allerbesten Freunde aber saßen aus der letzte» Bank: Bar, Illing und ich. Wir waren unzertrennlich. Bär stotterte ein wemg, aber nur dann, wenn er gefragt wurde, besonders wenn er von dincm Lehrer gefragt wurde und keine Antwort wußte. Illing war ein intelligenter Kerl, einer von den Wücklichelnl, denen alles zue fällt, ohne daß sie sich anzustrengen brauchen. Nur seine unglaub­liche Faulheit und Bequemlichkeit hatten ihn auf die letzte Bank gebracht. Im Trinken war er Primus, im Rauchen nahm er es mit jedem Oberförster auf. Er rauchte lange Pfeife und genoß darum besonderes Ansehen bei allen Kameraden. Nicht zuletzt auch um deswillen, weil er die tiefste Stimme hatte. Wenn er auf unse­rer Pennälerkneipe lachte, den Körper weit zurückgelegt, den Kopf gen Himmel gerichtet, den Mund weit offen, die Hände über dem Bauch gefaltet, dann dröhnte das Lokal von dem tiefenHoho hohoooh!" Er lachte in jedem Atemzuge vier Silben; die letzte aber dehnte er so lange, bis seiner Lmige der Rest von Lust ent­wichen war. Wer ihn so sah und lachen hörte, konnte nicht anders; es mußte selber mitlachen. Das hatten wir unzählige Male am eigenen Leibe verspürt. , .... ,

Und doch sollte dem braven Illing gerade sein göttliches Lachen zum Verhängnis werden. Das kam so; Als wär drei,die letzten vom Regiment", wie uiis der Klassenlehrer der Obersekunda mit Vorliebe genannt hatte, nach schweren Examenswehen in die Unter­prima eingerückt waren, erhielten wir zum Ordinarius Professor Langer, einen unleugbar kenntnisreichen Mann, den der liebe Herr­gott aber im Zorn zum Pädagogen gemacht hatte. Es gibt schließ­lich in jeder höheren Schule einen Lehrer, den der Schülermund »um Popanz stempelt. Doch Professor Langer war entschieden der Popanz aller Popanze. Das ganze Gymnasium zitterte, wenn er die Aufsicht hatte; und seine speziellen Schüler, die Unterprimaner, wurden als Märtyrer betrauert. Er hatte es nach dem Schulball im Januar sogar fertig gebracht, einen ihm besonders mißliebigen Schüler mit Arrest zu bestrafen und ihm auf diese Weise die nähere Bekanntschaft mit einer der schwersten Horazischen Oden zu ver­mitteln, weil er mit seiner Tanzstundendame mehr als dreimal das war das vom Rektor diktierte Maximum getanzt hatte!

Die Laune Lanzers war unberechenbar. Die Klasse konnte »och so Tüchtiges leisten man strengte sich schon an, um kein Gewitter herauszubeschwören er fand eben doch etwas zum Stra­fen. Das war im vorigen Jahr> also bei den nunmehrigen Oberprimanern einmal so weit gekommen, daß der Rektor eine m>n Langer wegen Spazierstocktragens eines Schülers verhängte Strafe wieder ausheben mußte, weil der Schüler glaubhaft nach­wies, daß er sich beim Turne» die Zehe verstaucht hatte und ohne Stock nicht zur Schule gehen konnte.

Seit jener Zeit war cs ganz aus mit Langer. Er empfand diese Rektifizierung durch den Leiter der Schule als empfindliche Niederlage und Minderung seines Respektes. Seine Schüler mach­ten schwere Zeiten durch: doch die Freundschaft, durch das gemein­same Leid gekrästigt, ließ sie die Unbill ertragen. Hinter Langer winkte ja die Oberprima unter einem famosen Klassenlehrer. Die Art Lanzers hatte das eine Gute, daß selbst derPflock" der Klasse alles daran setzte, um das Ziel zu Ostern zu erreichen. Um Gotteswillen nur heraus aus der Unterprima, nur nicht bei Langer sitzen bleiben!

Wir aber saßen drin! Illing war unglücklich. Schon die ersten Wochen des neuen Schuljahres hatten erwiesen, daß Langer und Illing zwei Gegenpole waren, die sich nie und nimmer einander nähern würden. Illing gab sich Mühe, es nutzte alles nichts. Sein Schuldkonto im Klassenbuch wuchs; schon hatte der Primus eine zweite Seite für Illing in Bereitschaft. Denn auf die erste ging vor lauter Verweisen, warnenden Vermerkungen und Arresten schon bald gar nichts mehr drauf. Bloß Karzer hatte es noch nicht gesetzt. Aber Illing litt seit einigen Tagen unter trüben Ahnungen. Dazu kam, daß er zu Ostern nur mit ganz knapper Mühe und Not allerdings ebenso wie Bär alsMinus-Primus" gerade noch versetzt worden war.

Es war rührend, zu sehen, wie sich Illing anstrengte, Professor Langer sich geneigt zu machen. Wann es eben nicht Illing ge­wesen wäre, bei Gott, wir hätten ihn alsStreber" in Verruf getan. Aber alle Liebesmüh' war umsonst. Nur eins gab es, was wenigstens auf Viertelstunden die Stimmung Lanzers bessern konnte, wenn man über einen Mg, der wirklich einmal es kam selten genug vor dem Gatter seiner Zähne entfloh, laut lachte. Tann huschte über sein von einem schwarzen Heni> guatrs umrahmtes Gesicht so etwas wie ein Lächeln und der Rest der Stunde verlief ungetrübt und glücklich. Verfehlte aber eine Pointe Langers, mit unverkennbar seinem Sinne aus der neudeutschcn Geschichte oder dem Hora; gegriffen, ihre zündende Wirkung auf die Klasse, so schien das Langer als passive Resistenz auszufasscn und geriet in eine maßleLe innere Wut, die noch in derselben

Stunde ihre Opfer suchte. Das war im ganzen Gymnasium bekannt, und so kam es, daß gerade aus dem Unterricht bei Langer gar nicht selten die dröhne,idste Heiterkeit scholl, während es seinen Schülern durchaus nicht wie Lachen ums Herze war.

Der Mai war herangekommen und mit ihm eine Periode auf­fällig heißer Tage. Am Dienstag hatte es die ersten Hitzeserieik gegeben, für den Wonnemonat eine ganz ungewöhnliche Erschei­nung. Nach einem Gewitter am Mittwoch hatte die Hitze von neuem eingesetzt. Heute, Freitag vormittag, erschien amSchwar­zen Brett" die von allen Klassen mit Jubel begrüßte Ankündigung des Rektors, daß in Anbetracht der abnormen Wärme der Nach­mittagsunterricht wiederum ausfallen müsse. Die Unterprima war besonders glücklich; hätte doch der Nachmittag zwei Stunden Horaz bei Professor Langer gebracht, die er auch noch eigenmächtig ohne Pause abzuhalten pflegte. Doch das Geschick hatte es anders be­schlossen. In der letzten Vormittagsstunde verfehlte eine Pointe Langers über ein mittelhochdeutsches Gedicht ihre Wirkung so gut wie ganz; man war aus Freude über den schulfreien Nachmittag unachtsam gewesen und hatte vergessen, pflichtschuldigst zu lachen. Das rächte sich bitter. Beim Läuten der Schulglocke erklärte Pro­fessor Langer, daß, um endlich im Horaz vorwärts zu kommen, die beiden Nachmiltagsstunden abgehalten würden.

Wie die betrübten Lohgerber sahen wir unsere Felle davon- schwimmcn, herzlich betrauert von unseren glücklicheren Kameraden.

Nachmittags 3 Uhr fanden wir uns, müde wie die Fliegen, in dem total verwaisten Schulgebäude ein. Und der Unterricht begann ohne Schulglocke; sogar der Kalfaktor streikte wegen der Hitze. Das Uebersetzen begann der Primus, er hatte fleißig präpariert, und Langers Antlitz wurde freundlicher. Nun mußten nach alter Erfahrung noch zweii an die, Reihe kommen; denn Langer ließ jeden etwa vierzig Minuten übersetze». Wir waren darin über­eingekommen, gut auszupassen und jeden Witz Langers mit dröh­nenden Lachsalven auszunehmen, um ihn bei guter Laune zu er­halten. Gelegenheit hierzu gab denn auch der zweite von Langer Ausgcrufene, der eine Stelle falsch übersetzte, woran der Ordina­rius eine scherzhafte Bemerkung knüpfte. Schallendes Gelächter, aus dem sich die tiefe Stimme Illings heraushob, quittierte dankend.

Gegen halb fünf Uhr ries Langer den Dritten auf, Illings Vordermann. Nun war keine Störung mehr zu befürchten. Und unserem Nachbar Illing fiel ein Stein vom Herzen; er hatte schlecht präpariert und war so entsetzlich müde. Heimlich steckte er zur Rechten Bär, zur Linken mir ein Zettelchen zu. Daraus stand: Ich mache jetzt ein Nickerchen. Nun kommt ja keiner mehr dran. Wenn Mephisto" (das war Langers Spitzname)aber einen Witz noch macht, so stoßt mich an, daß ich feste mitbrülle. Gute Nacht!"

Wir nickten und legten, wie Illing, das Kinn auf die über­einander gelegten Fäuste. Es kostete uns geradezu Uebcrwindung, nicht einzuschlafen; die Hitze war lähmeich. Wie von der Tarantel gestochen, fuhren wir aber in die Höhe, als Langer plötzlich sieben Minuten vor Füns Illings Vordermann unterbrach: Es ist gut! Mag fortsahren . . ." Das Herz stockte uns. Um Gotteswillen, wir wußten nicht einmal die Steile, wo Illings/ Vordermann zu übersetzen ausgehört hatte. Entsetzliche Sekunden einer kurzen Pause. Dann siel das furchtbare Wort vom Katheder: Illing!"

Scharf wie eine ausschlagende Messerklinge klang's. Ich habe hinterher bekannt: Ich weiß, wie ein Herzschlag sein muß! Illing schlief. Ich stieß ihn mit dem Knie und raunte dabei meinem Vordermann zu:Wo sind wir?"

Doch schon wieder das schreckliche:Illing!"

Da gab Bär auf der anderen Seite dem arme» Illing einen Stob in die Rippen. Illings Kopf fuhr in die Höhe und den Körper weit zurückgebogen, die Augen zur Decke gerichtet, den Mund weit offen, die Hände über dem Bauch gefaltet dröhnte er seinHohohohoooh!" in die Stille des Zimmers . . .

Ein Donnergepolter auf dem Pult war das Echo. Mephisto war aufgesprungen, daß der Stuhl umslog, und schmetterte mit knir­schenden Zähnen:Sind Sie verrückt?"

Illing sah wenigstens momentan so aus. Versteinert saß er noch immer und blickte mit halb offenem Mund in Mephistos funkelnde Augen . . .

Wcfjt Tage später saßen wir nur noch zu zweit auf der letzten Bank. Unser braver Illing mit zwei Stunden Karzer bedacht hatte es vorgezogen, dieKlassen-Lotterie" bei Langer nicht weiter zu spielen, wie er sich ausdrückte. Er wiürde ja doch zu Ostern mit seinem Los nicht herauskommen. Inzwischen ist er ein tüch­tiger Kaufmann im Exporthandel geworden, der schon fast alle Erdteile bereist hat. Ostern aber verlebt er gewöhnlich in meiner Fanlilie. Da schniaucht er seine Pfeife, daß meine Frau das Reine­machen immer erst auf die Zeit nach dem Feste verschiebt, hebt sein Glas mit dem Waldmeistertrank:Pereat Mephisto!" und lacht hinterher sein glücklichesHohohohoooh!"

Die Indianer Mexikos.

Wenn man bedenkt, daß viele der Männer, die seit der Be­freiung Mexikos von der spanischen Herrschaft dessen Geschicke ge­leitet oder hervorragerch beeinflußt haben, reinblütige oder fast rein- blütige Indianer gewesen sind, wie Benito Juarez, Porfirio Tiaz