Ausgabe 
29.4.1914
 
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erhoben dann gab es noch ein Hoffen. Er wußte eS, seit jenem Augenblick damals am Neuen See.

Und eS ließ Kyllburg keine Ruhe mehr. Gewißheit mußte er haben, und er wollte sie sich verschaffen. Zwar zu ihr selber war ihm ja der Weg verwehrt; aber nicht zu ihrer Schwester, und er wußte, Petersens waren ja jetzt wieder in Berlin. Astrid hatte ihm schon vor ein paar Tagen ein Billett mit dieser Mitteilung geschickt und ihn wissen lassen: ihr Mann und sie ivürden sich freue», ivenn er sich recht bald einmal sehen ließe. Davon würde er nun Gebrauch machen, und hoffentlich gelang es ihm bei dieser Gelegenheit, zu erfahren, was er wissen mußte.

Astrid war in der Tat wieder in Berlin, und jeder Tag sah sie mit der Schwester vereint. So war es auch heute.

Schon am Borniittag war Gerda zu Petersens gekom­men; die beiden jungen Frauen saßen nun im Wohnzimmer Petersens hatten ja jetzt ein eigenes kleines Quartier be­zogen und Gerda half der Schwester beim Suchen in den Modejournalen . Sie fahndeten ans einen aparten Stickerei­einsatz, den Astrid neulich einmal irgendwo flüchtig bemerkt hatte. Sie sprachen dabei noch einmal von Ediths Hoch­zeit, die kurz vor Petersens Abreise in Ellerstedt gefeiert worden ivar.

Astrid berichtete noch nachträglich von allerlei Einzel­heiten und schloß dann:

Wie gesagt, zu schade, daß du nicht dabei ioarst, Gerda. Es war eine sehr nette Hochzeit. Klein, aber alles so stim­mungsvoll. Warum bist du denn nur nicht noch gekommen? Edith war wirklich sehr traurig, und auch Papa fehltest du sehr. Wir hatten dir extra noch einmal deveschiert am Tage vorher. Wollte es Heinz denn etwa nicht?"

Doch. Er drängte sogar, ich sollte ruhig fahren, er nähme es mir gar nicht übel. Aber ich wollte nicht."

Gerda! Die Hochzeit unserer Schwester! Noch dazu, wo Edith nun so weit weg ist."

Es ist mir ja auch schwer genug gewesen. Aber ich konnte wirklich nicht. Alt die fremden Menschen wer weiß, was nicht schon alles über »ns geredet worden sei» mag!"

Astrid verstummte. Wußte sie doch nur zu gut, daß in der Tat in Ellerstedt über Gerdas Ehe alle möglichen Ge­rüchte umgingen. Klaus hatte da so manches gehört.

So blickte sie nur still, mit einen: mitleidigen Ausdruck auf die Schwester. Und ivie sie diese so nachdenklich be­trachtete, fiel es ihr auf, jsvie verändert sie anssah. Da fragte sie teilnehmend:

Fühlst du dich nicht wohl, Gerda?"

Wieso?" Und Gerda schüttelte leise den Kopf.

Aber du bist so blaß, so dunkel um die Augen, und so schmal geworden!"

So? Findest du?"

Mit einem niatten Lächeln blickte die junge Frau vor sich hin und blätterte langsam weiter in den Hefte». Aber da legte Astrid ihr die Hand auf die Rechte .,

Gerda, sag' mir es stimmt wohl noch immer nicht bei euch?"

Die Schwester hob die Augen von dem Journal nicht auf. So antwortete sie:

Doch, es ist alles wieder in Ordnung, nur Aber wozu davon reden? Ich sagte es euch ja damals zu Hause: was einmal einen Sprung hat, das"

Sie brach ab; aber der Ton, in dem sie gesprochen hatte, schwang leise nach, müde und hoffnungslos.

Da senkte auch Astrid ihr Haupt und seufzte schwer. So schwiegen sie beide. Bis Astrid sich dann wieder ihrem schmerzlichen Sinnen entraffte und von anderen Dingen sprach. Es ivar wohl das Beste, auch für die arme Gerdas man rührte gar nicht mehr daran.

Die Zeit verging so, es war uin die Bisitenstundc, schon ein anderer Bekannter hatte Vorgesprächen da meldete das Mädchen abermals Besuch Walter Kyllburg.

Gerda schrak zusammen. Sie hatte ihn nie ivieder ge­troffen seit ihrer Begegnung ani Neuen See. Und es war gut so. Es durste auch nicht mehr sein. Wohl tat das bitter weh, zu denken: ihn nie wiederznsehen nie mehr! Mer eS mußte fein. Und auch das mußte ertragen iverden, wie all das anoere.

Der Gedanke, Kyllburg nun wieder gegenüber zu treten, weckte in Gerda von neuem den schlummernden Schmerz. Am liebsten hätte sie kick zurückgezogen, aber was sollte Astrid davon denken? Und so blieb sie.

Kyllburg trat nun ein. Aber er hielt plötzlich mitten im Schritt an. Gerda hier? Gerade sie, wegen der er kam!

ES >var nur gut, daß Astrid jetzt wieder in ihrer gewohnten heiteren Art ihn inunter willkommen hieß.

Das ist aber nett, lieber Herr Kyllburg! Und nun müsse» Sie sich gleich nral mein kleines Reich hier ansehen."

Tie Betricbsfiliale Berlin," scherzte er, sich mit Ge­walt zusammennehmend. Aber seine Finger zitterten heftig« als er jetzt auch Gerdas Hand zur Begrüßung an seine Lippen führte, der er bisher nur stuinin seine Verbeugung geinacht hatte.

Filiale?" lachte Astrid,Zentrale wollen Sie sagen. Denn der Schwerpunkt unserer Betriebsamkeit liegt hier! In Ellerstedt, da bin ich nur noch, um mich auszuschlafen neue Kräfte zu sammeln für Berlin. Ach, mein gött­liches, liebes Berlin! Was nicht bloß alles hier wieder neu entstanden ist in den paar Monaten, wo man nicht hier war. Ein neuer Eispalast, ein Luxusbäd, eine Riesen, konzerthalle, wo sechs verschiedene Orchester auf einmal spielen und gar nicht erst tzn reden von all den neuen Kabaretts und Bummellokalen. Wie man nur da überall durchkommen soll? Ach, es ist zu wundervoll! Mer nun kyinmen Sie." Sic nahm ihm den Helm ab, den er noch immer hielt, und wies uni sich.Sehen Sie hier unser Wohnzimmer! Alles einfach aber molkig, nicht? Namentlich hier unsere Klubsessel. Da räkelt sich'S wundervoll drinnech Wenn Sie sehr nett sind, dürfen Sie nachher auch mal drin, sitzen. Und hier ist das Eßzimmer."

Sie trat mit dein Besucher in den Nebenranm. Gerda blieb zurück. So entging sie wenigstens für Minuten der Pciii dieses Zusammenseins. Sic blätterte in einem der Modehefte, aber bald entfiel cs ivieder ihrer .Hand; fie mußte auf die Stimme der beiden da drüben hören: Astrids frohes, helles Schwatzen, und dazivischen dann und wann seine Stimme. Schwer, abgebrochen sie merkte ihm an, ivie er sich die paar Worte mühsam abquältc. Seine Ge­danken waren wohl bei ihr hier.

Da lehnte sie den Kopf mit geschlossenen Augen im Sessel zurück. Ja es war nicht leicht, den Weg zu gehen, den die Pflicht gebot. I

Dann hörte sie die beiden sich ivioder nahen, und fie richtete sich auf. Ihre Hand griff Ivieder nach dem Journal.

Nun sagen Sie, Herr Kyllburg" Astrid fragte es wie gestillt Ihnen unser kleines Nest hier? Ist es nicht riesig nett?"

Ganz wunderhübsch, meine gnädige Frau wirklich allerliebst."

Wirklich?" Die junge Haussrau strahlte über das ganze Gesicht, und sie nötigte nun den Besucher in einest der weichen Ledersessel.So, und nun machen wir ein gemütliches Schwätzchen. Und rauchen dürfen Sie auch, iint Ihr Glück voltzumachen da, neben Ihnen stehen die Zigaretten. Dankc, ja nehme auch eine. Merci. Uebrt- gens immer noch die Queen, wie Sie sehen bin konser­vativ in aflen meinen Neigungen, nicht? mein Klaus versorgt mich auch heute noch immer damit."

Befehlen Sie auch, meine gnädige Frau?"

Und Kyllburg bot nun Gerda die Schachtel an. Er mußte auch an sie einmal das Wort richten. Aber sie machte eine leise, verneinende Beivegung.

Danke ich nehme nicht."

Da ivandte er sich wieder Astrid zu. Diese begann jetzt auch dem alten Freunde ihres Hauses von Ediths Hoch­zeit zu erzählen. Er war nicht geladen gewesen, da mau sich nur auf den Familienkreis beschränkt hatte. Und sie sprach nun auch von dem neuen Heim des jungen Paares in dem fernen Konstantinopel, von Achim von Büloivs dienstlicher Stellung dort.

Ja, ich beneide ihn." 1

Kyllburg sagte es jetzt, so ernst und schlvcr, daß Gerda unwillkürlich zu ihm Hinsehen mußte.

Aber Astrid protestierte lebhaft.

Da so zu Hansen zwischen Türken, Griechen, Arme­niern und Gott weiß ivas noch alles sür Volk? Nein, ich würde mich schönstens bedanken!"

Das Eintreten des Mädchens unterbrach die Unter­haltung.

Verzeihung, gnädige Frau, aber der Bote von Braun ist da mit den Blusen."

Ach ja!" Astrid sprang aus.Ich Hab' mir nämlich eine kleine Auswahl senden lassen. Da müssen Sie mich schon ein paar Augenblicke entschuldigen. Wer Gerda leistet Ihnen ja so lange Gesellschaft. Auf Wiedersehen also!"

Uird sie eilte beretrs hinaus. (Forlsepuiig folgt.)