Ausgabe 
29.4.1914
 
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Okkizierstöchter.

Roman von Paul Grabein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Na, Kyllburg, leben Sie also wirklich noch?" Ober­leutnant Goercke begrüßte eintretend den Kameraden in seiner Wohnung.Ich mutz mal endlich nach Ihnen sehen. Denn Sie lassen ja nichts von sich Horen. Mis machen Sie denn eigentlich nur in aller Welt, wenn Sie hier so ewig aus Ihrer Bude rumhocken?" Er warf neugierig einen Blick aus das Buch vor Kyllburg.Mann Gottes ich glaube. Sie treiben wahrhaftig gar Chinesisch!"

Das nicht, aber Kisuaheli."

Was Afrikanisch?"

Kyllburg nickte, indem er nun die Graminatik lang­sam zuklappte.

Ja, was wollen Sie denn aber damit anfangen? Wollen Sic denn etwa zur Schutztruppe übertreten? Das ist ja das erste, was ich höre!"

Ich denke ja auch vorläufig noch gar nicht daran 1 nur, man kann ja nie wissen und schließlich funn3' einem ja auch nichts schaden, wenn man was gelernt hat." Es klang ein wenig ausweichend, und Kyllburg schob dem Besucher jetzt die Zigarrenliste hin.Bitte, bedinen Sie sich."

Danke danke sehr," der Oberleutnant nahm und biß die Zigarre ab.Uebrigens das wollt ich Sie ja vor allen Dingen mal fragen waren Sie letzthin mal wieder bei Keßlers?"

Nein ich bin schon lange nicht mehr hingekommen."

Na ja kann mir's wohl denken. Ist doch jetzt für unsereinen grade leine angenehme Situation. Aber hören Sie, das tvird Sie interessieren, da hat mir nämlich Grim­berg Sie wissen, der Sechste Ulan bei Ihnen aus der Akademie, mit dem ich öfters mal einen kleinen Fischzug mache ja eine tolle Sache erzählt. Die Tochter seiner Wirtin ist Choristin am Palasttheater. Da hört er so allerlei, und da hat sie neulich eine sehr interessante Neuig­keit init »ach Haus gebracht: der Keßler und die Miezi Mvl- nar! Na, was sagen Sie dazu? Jawohl, es ist am Theater offenes Geheimnis, schon seit langem. Aber das war' ja weiter nichts Neues. Doch mm kommt erst die Hairptsache, und darum fragte ich Sie eben. Tie Sache hat nämlich geklappt: der Gerda Keßler ist die Geschichte gesteckt worden, von irgend so einem Theaterwcib, und das weitere tonnen Sie sich ja denken. Gerda Keßler soll sofort aus dem Hause ge­gangen sein, zurück nach Ellerstcdt. Aber unser Alter hat sie wieder zu ihrem Manne geschickt. So wird wenigstcnsl erzählt. Tatsache ist jedenfalls, daß Frau Keßler in Ellerstcdt gewesen ist, vor ein paar Wochen. Und nur ganz flüchtig, bloß auf ein oder zwei Tage. Sie ist gleich wieder abgereist.

und kein Mensch hat sie überhaupt zu sehen gekriegt. Na, was sagen Sie dazu?"

Kyllburg saß, das Kinn in die Hand gestützt. Nun antwortete er, doch etwas stockend:Das -1 das kann ich mir kaum denken. Wer weiß, ob nicht alles bloß ein leeres Gerede ist Theaterklatsch."

Nee, nee die Sache init der Molnar, da ist wenig­stens nicht dran zu tippen. Die steht mal bombenfest." Und Goercke gab einige Belege dafür, wie sie ihm berichtet waren. Das andere natürlich da ist man ja nur auf Kombi­nationen angewiesen. Aber mir will schon alles ganz glaub­haft vorkominen. Auch das, was ich weiter noch gehört habe: daß Gerda Keßler zwar dem Wunsche ihres Vaters ge­folgt und zu ihrem Manne zurückgekehrt ist, aber nur der Form wegen. Um sich nicht selber ins Unrecht zu setzen, juristisch, und auch, um alles unnötige Aufsehen zu ver­meiden, solange es irgend noch möglich ist. Die Scheidung soll jedoch schon immer eingeleitet sein. Aber Sie sagen ja gar nichts? Ich dachte, die Geschichte würde Sie beson­ders interessieren. Denn Sie haben doch früher immer viel bei unserem Alten verkehrt und auch die Tochter näher ge­kannt. Die arme kleine Frau kann einem eigentlich leid tun. Nach so kurzer Ehe schon."

Ja wenn es so ist wirklich so ist!"

Und Kyllburg stand jetzt auf. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, ging er auf und ab, des Kameraden ganz vergessend.

Wenn das Tatsachen waren, dann eröffnete sich ihm ja da ein Ausblick! Und er fühlte seine Pulse schneller gehen.

Die Sache scheint Ihnen also ein bißchen nahezu­gehen. Na ja," nickte der andere und blickte rauchend her­über.

Es war, als ob er noch etwas hätte sagen wollen. In Ellerstcdt hatten die Kameraden damals ja sämtlich eigent­lich erwartet, daß sich Kyllburg mit Gerda von Henning verloben lvürde. Die Sache dann mit dem Schauspieler hatte sie samt und sonders stark überrascht. So sah denn auch jetzt Goercke wie mit einem stummen Fragen zu Kyll­burg hin.

Der aber schien die Blicke zu fühlen, denn er blieb nun vor dem Sofatisch stehen. Seine Hände rückten an der Alabastcrschale mit den nnchgemachten Früchten.

Das wird Henning hart augekommen sein. Gerda Keß­ler war ja immer seine Liebltngstochter."

Er lenkte so die Unterhaltung von seiner eigenen Per­son ab und zeigte in nichts mehr, wie tief ihn diese M!ib- teilung eben betroffen hatte.

Erst als er nachher wieder allein war, kamen ihm jene aufgestörten Gedanken zurück und ließen von ihm nun nicht mehr.

Wenn es Wahrheit wurde Gerda noch einmal frei! Wenn sich keine Schranken mehr zwiicben ibr und ibm