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tn9 Handwerk pfuschte, indem er sich bemühte, die Leute auf eine besondere Art zu kurieren, nämlich ohne die Anwendung rgend eines der Materie ungehörigen Heilmittels — nur durch den.Geist.
Er besprach oder beschwor jegliches Uebel durch eine Zauber- ormel, die er einst als freies Geschenk von einem älteren Be- chwörer überkommen hatte. Wer im Besitz einer solchen Formel war, durste sie nur an einen einzigen Menschen, ein Sonntagskind, wcitergeben, sonst wäre ihre Kraft gebrochen worden, und ohne Entgelt zu verlangen, mußte er damit gegen die Leiden von Mensch und Tier zu Felde ziehen. Wenn jemand an einem hartnäckigen Uebel litt, bekam .er den Rat/ es sich vom Hirten besprechen zu lassen; und die Bauersleute hatten einen starken Glauben an die Wirkung seines „Gcsans" und gaben ihm, nachdem sie desselben teilhaftig geworden waren, freiwillig, je nach Vermögen, etwas aus der Räucherkammer oder Milch, Butter und dergleichen mehr, was der arme Hirte auch annehmen durste, ohne die Kraft seiner Formel zu gefährden. Allein, mit derselben .Bereitwilligkeit wie die Reichen behandelte er auch die Armen, von welchen er wußte, daß sie ihni nichts geben konnten.
Da trug cs sich in tieser Winterszeit zu, daß Emma, des Pfarrers älteste Tochter, sich den Fuß verstauchte und sich infolgedessen lange sehr ruhig halten mußte. Das war eine um so schwerere Geduldsprobe für das zwar erwachsene, aber noch blut- lunge Mädchen, weil darin auch der Verzicht auf alle Winter- freudcn lag: sowohl auf diejenigen, zu welchen es seine jüngeren Geschwister fast täglich mit kleine» Handschlitten auszichen sah, als auch auf die Wanderungen über den Schnee, aus welchem Millionen Sternlein funkelten, und durch die bereisten Wälder.
Eis und Schnee hatte zu jener Zeit dem Bogelsberg noch jeder Winter in Hülle und Fülle gebracht! Das hatte dazu gehört, wie die Sonnenglut, unter welcher die Bauersleute ihre Felder und Wiesen abernteten, zum Sommer.
Als Emmas Stillcsitzen und -liegen in der winterlichen Dorseinsamkeit schon lange gedauert hatte und ihr Fuß trotz ärztlicher Behandlung immer noch nicht besser werden wollte, sagte des Schweinehirten Weib, das als Mutter eines Sohnes, der Knecht im Pfarrhof tvar, zuweilen dort vorsprach, zur Psarr- Magd: „Wenn euer Fräulein, anstatt de Dokter zu brauche, mein Mann hält' rufe lasse, kennt se schon läng wieder Hippe Un springe." Das war auch die Ansicht der Pfarrmagd, welche sie Emma nicht verhehlte: und diese beschloß, sich Bet nächster Gelegenheit den Hirten kommen zu lassen und zwar einesteils, weil sie sich einen Spaß davon versprach, anderseits um den Beweis von der Wirkungslosigkeit des Besprechens zu erbringen und damit gegen den Merglauben ihrer Dorfgenossen zu Felde zu ziehen.
Die Spukgeschichten, die sie von klein auf in den Bauernstuben erlauscht hatte, waren zwar nicht ohne Wirkung aut ihre Phantasie geblieben, so daß sie sich als Kind auf nächtlichen
Wegen durch Wald und Heide dicht an den Vater angeschmiegt hatte, in der Furcht, besonders an den als „Wanerwegen" verrufenen Stellen, zwischen Büschen, Felsen und knorrigen Bäumen einen der Unholden auftauchen zu sehen, von welchen sic gehört hatte. Beim hellen Licht des Tages erschien bereu Existenz ihr allerdings grade so fragwürdig wie die der Märchengestalten
pus ihren Büchern! Und jetzt, als erwachsenes Mädchen, fiel es ihr nicht mehr ein, an das bis ins Wunderbare gesteigerte Können einzelner Personen — fei es im guten oder bösen — zu glauben und dies um so weniger, als sie von den Einwirkungen der Hypnose noch nichts wußte.
Dazu kam, daß sie, was das Besprechen anlangt, schon ihre Erfahrung geniacht hatte, als sie noch ein kleines Mädchen und bei den Großeltern zu Besuch war. Damals waren ihre Hände durch viele Warzen verunstaltet gewesen und ihre jugendliche
Tante hatte sie zu einer Frau geführt, die in dem Rus stand, durch eine Besprechung von allerlei Gebrechen befreien zu können.
Diese hatte dann auch ihr möglichstes getan. Um die Warzen durch das Murnieln ihrer Zauberformel, durch Streichen und Bespeien der damit bedeckten Däiche zum Abgang zu bewegen. Das letztere war der Kleinen sehr unangenehm gewesen, allein die Warzen hatte es keineswegs geniert.' Die waren geblieben, bis sic durch eine vom Freund und Hausarzt der Großeltern ver- ordnete Kur vertrieben wurden. Er hatte zu ihr gesagt: „Wenn am Abend in der Gesindestube das Licht brennt — es war ein Oellicht ohne Zylinder, wie sie damals in Küchen, Gesinde- und Bauernstuben allgemein im Gebrauch tvaren — „tauche einen kleinen Draht in das Oel und mache ihn am Licht heiß. Damit tupfe auf der Warze herum, bis du einen leisen Stich spürst: und so mache es an jedem Abend mit jeder Warze. Du wirst fehen, das halten sie nicht lauge aus!"
Nach gewissenhafter Befolgung dieses Rates war Emma auch bald die Warzenplagc los geworden.
Und nun schickte sie sich an, des alten Hirten Können auf, die Probe zu stellen.
Lln einem schönen Wintermorgen, als die Eltern über Land gegangen waren, ließ sie ihn durch seinen Sohn holen. Das war nicht in der Ordnmig! Denn wenn auch ihre Eltern mit ihm, als dem Hüter des Borstenviehes, in geschäftlicher Verbindung Händen, und wenn er auch, so ost ein Schwein geschlachtet worden
war, das Recht hatte, zu konttnen, um sich eine Wurstsuppe, einen Fuß des während des Sommers von chm gehüteten Tieres Und eine Wurst zu holen, so gehörte er doch in seiner Eigen- schast als Wunderdoktor licht ins Pfarrhaus. Allein, indenl es sich hier unr eine wahre Begebenheit handelt, müsfen die dabet beteiligten Menschen erscheinen, wie sie waren, und nicht wie sie hätten sein sollen.
Zu Emmas einziger Entschuldigung mag dienen, daß nian zu jener Zeit in allen auf das religiöse Gebiet Übergreisenden Dingen — wozu auch das Besprechen von Gebresten bei Mensch und Tier gehörte — viel harmloser war als später. Der uralt« Streit für oder wider den Glauben an Gottes Dasein — der durch L. A. Feuerbach und I. D. Strauß neu angefacht, die führenden Geister erregte und nach und nach dazu führte, daß viele Menschen sich dem Materialismus zuwandten, während andere sich um so bewußter dem Gottsuchen und -glauben Hingaben — hatte damals die breiten Volksschichten iwch nicht so stark durchdrungen, wie es in den folgenden Jahrzehnten geschah und am wenigsten in weltfernen Gegenden. Der Christenglauben galt hier noch im allgemeinen als das Feststehende. In ihm fanden auch noch im allgemeinen als das Feststehende. In ihm fanden auch die Vogelsberger Halt und Trost für Leben und Sterben. Aber daneben trieb der Aberglauben: Der aus dem Urgrund der Menschheit erwachsene Baum, an dessen Zweigen nicht sowohl die schlimmen Früchte der Hexenverfolgungen gereist waren als auch tiefsinnige Mären und Sagen, immer noch seine Blüten.
Jedoch, indem Glaube und Aberglauben, ohne die Gewissen zu beunruhigen, nebeneinander bestanden, ließen es auch die Seelsorger der Gemeinden — ohne allzuviel gegen den letzteren zu eifern — bestehen, wohl wissend, daß di« Ausrottung kindisch phantastischer Vorstellungen über den Zusammenhang der sinnlichen Welt mit der übersinnlichen —. die besonders in entlegenen Gegenden — sei es in Gebirgen oder auf 'Inseln im Meer — noch tief im Volksgemüt steckten —, nicht die Sache einzelner Personen, sondern ganzer Zeitperioden sein würde.
Und nun noch einmal zurück in das Pfarrhaus, in welchem der alte Hirte erschien, um im guten Glauben an die Heilkraft seiner Besprechung ein Verfahren zu beginnen, das die genaue Wiederholung des bereits beschriebenen war.
Wenn ein großer Maler mit cingetreten wäre, könnte man vielleicht in irgend einer Gemäldegalerie ein Genrebild finden, das folgende Szene darstellt: Inmitten eines einfachen Zimmers sitzt ein junges Mädchen, das seinen Fuß einem vor ihm knieenden, alten Mann hinhält, in dessen Acußerem der Kamps mit Wind und Wetter unter einem rauhen Klima seine Spuren hinterlassen hat, und der in seiner grotesken Häßlichkeit einen malerischen Gegensatz zu des Mägdleins blühender Jugend bildet. So wie sich der Blick des Alten fest auf den leidenden Fuh richtet, scheinen cs auch seine Gedanken zu tun, und seine rechte Hand hält er erhoben, uni ini nächsten Augenblick den Fuß heilkräftig zu berühren.
Fünf Kinder, Buben und Mädchen in verschiedenen Mters- stufen. Umstehen die beiden Hauptpersonen und schauen dem eigenartigen Borgang gespannt und doch mit ganz verschiedenarttgem Ausdruck in den jungen Gesichtern zu: die beiden größten Knaben schon mit überlegenem Spott: das kleinste Mädchen bange Ml eines der älteren Geschwister angeschmiegt.
Als der Wunderdoktor gegangen war, badete Emma ihren Fuß Und entfernte damit die äußeren Spuren der erlittenen Behandlung. Es ist ungewiß, ob darin die Ursache zu suchen ist, daß auch dieser Gesan wirkungslos an ihr abprallte, oder ob es einen tiefer liegenden Grund hatte! Des Schweinehirten Weib nahm das letztere an, als es zur Pfarrmagd sagte: „Euer Fräulein hat keinen Glauben an den Gesan gehabt, sonst hatte ihr Fuß nach drei Tagen besser werden müssen! Wer den Glauben nicht hat, dem ist nicht zu helfen!"
wie Veracruz genommen wurde.
Erst jetzt bringt der Kabel aus dem so schnell von den Amerikanern überwälttgten Veracruz die genaueren Einzelbeiten der Umstände, unter denen Onkel Sams Marinesoldaten die Stadt besetzten und nicht ohne Blutvergießen an die Stelle der mexikanischen Trikolore das Sternenbanner setzten. Noch am Morgen des entscheidenden Dienstags wußte Veracruz nichts von dem Schicksal, das ihm bevorstand. Aber eine dumpfe Ahnung nahender schwerer Ereignisse lag über der Stadt, und die vielen Leute die von der Hasenseite aus die amerikanischen Schifse beobachteten, verfolgten mit einer Mischung naiver Neugier Und banger Ungewißheit den Verkehr zwischen der Flotte und dem amerikanischen Konsulat. Noch wußte die Menge nichts davon, daß Admiral Fletcher entschlossen war, die Verhängung der Blockade mit der Besetzung des Zollamtes zu eröffnen, und daß im Aufträge des Admirals der amerikanische Konsul den Militärkommandanten General Maas und den Bürgermeister Diaz aufgesordert hatte, „im Namen der Humanität" — unter Androhung eines Bombardements — die Stadt zu übergeben. Träge schien der Vormittag verstreichen zu wollen. Und aus der kleinen Insel San Juan d'Ulloa Ivogten die Kronen der Kokospalmen


