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Der Oberstleutnant stutzte.

Was soll denn das heißen? Wie ich von Mama hörte, ist dein Mann bereit, alles wieder gutzumachen?"

Das ivohl, aber hier geht nichts wieder gutzumachen."

Wie?"

Nein, Vater. Unsere Ehe ist zerstört von Grund ans jeder Versuch, sic wieder anfznbauen, würde hoffnungs­los scheitern."

Unsinn! DaS sind Redensarten Uebertreibungen." Als er das blasse Gesicht der Tochter sah, räusperte er sich gewaltsam.Ich meine du mußt dir die Sache nun nicht gar zu sehr zu Herzen nehmen. Ihr Frauen mögt ja so was natürlich schwerer verwinden. Aber schließlich ps Mßt sich wohl darüber wegkommen."

Es ist ja nicht das," und Gerda sagte dem Vater, was sie heute morgen der Schwester erklärt hatte: Heinz und sie waren zu verschiedene Naturen da klaffte der Riß, der unheilbar war. Und so schloß sie:Siehst du, Vater r- das ist es. Und darum ist jeder Versuch aussichtslos. Wir finden uns nicht mehr zueinander."

Nun wurde Joachim von Henning still, und danni sagt« er:

Hm, das ist ja freilich sehr traurig meine arme Tochter! Daß es so steht, so das hätte ich trotz allem nicht geglaubt. Wenn auch die äußeren Verhältnisse dir viel Dimmer brachten, ich hatte wenigstens immer ge-j glaubt, daß es sonst bei euch stimmt. Mer nun auch das noch I"

Und er senkte tiesbekümmert seinen Kopf.

Da trat Gerda näher zu ihm.

Nicht wahr, nun verstehst du es, Vater, daß ich nicht wieder zurückkehren kann zu meinem Manne?"

Scheidung? Nein!" Der Oberstleutnant hob ent­schlossen wieder den Kopf und griff nun nach Gerdas! Händen.Mpin armes Kind, ich hätte dir ja einmal ein anderes Los gewünscht daß auch du nun das kennen lernen mußt!" Es klang wie ein eigener alter Schmerz aus seiner Stimme, und mitleidsvoll drückten seine großen, schweren Hände ihre zarten Finger.Aber was hilst's? So ist nun einmal das Leben. Wir müssen hinnehmen, was uns das Schicksal bringt, ohne Murren. Auch du, meine Tochter, mußt das nun lernen."

Da zuckten ihre Hände, die er noch immer hielt, er­schrocken auf.

Wie? Ich soll weiter so leben mit ihm?"

Joachim von Henning nickte nur ernst.

Aber das ist ja unmöglich!"

Warum unmöglich?"

Ich liebe ihn nicht mehr! Ich"

Sie konnte es vor dem Vater ja nicht aussprechen, nicht enthüllen, das verzweiflungsvolle Aufbüunien ihrer Frauenscham: eine eheliche Gemeinschaft ohne Liebe war denn das nicht das Furchtbarste? Einfach? Sie mochte das entsetzliche Wort gar nicht ausdenken.

Mer der Oberstleutnant umspannte ihre fiebernden Hände, die sich ihm entwinden wollten, mit-festem Druck.

Es ist nicht leicht, Gerda, ich weiß es wohl. Aber was Tausende von Frauen vor dir gekonnt haben und nach dir können werden, auch du wirst es können."

Nein ich kann nicht!"

Wie ein irrer Aufschrei klang das. Da sah ihr der Vater mit tiefem Ernst ins Gesicht.

Sagt das m e i n e Tochter?"

Ohne zu antworten starrte sie an ihm vorbei, mit einem Ausdruck völliger Verzweiflung.

Gerda" sehr eindringlich sagte es der Oberstleut­nantdaß du dich so getäuscht hast in dir und deinem Manne, das ist ein schweres Unglück. Ich gäbe was darum, könnte ich's ungeschehen machen! Aber es ist nun einmal ge­schehen, du hast dem Mann, den du dir gewählt hast, vor Gott und den Menschen Treue gelobt, du mußt sie ihm nun auch wüten."

Sie machte unwillkürlich eine Bewegung, doch nur noch matt.

Ich weiß wohl, man denkt heutzutage vielfach anders arüber. Die Eben werden gelöst, wie sie geschlossen wer- rn leichtfertig, ohne sittliche Verantwortung. Aber, soll ich das auch an meinem eigenen Kinde erleben?"

Er suchte die Antwort in ihren Augen. Doch sie wichen ihm aus. Da gab er plötzlich ihre Hände frei.

Dann wärst du meine Tochter nicht mehr. Also

wähle!"

Keine Regung an Gerda, aber der letzte Blntstrovfen war aus ihren Wangen gewichen. Schwer lastend stand so das Schweigen zwischen ihnen.

Dem großen Manne ward die Stirne feucht. Er tastete mit unsicheren Händen an seiner Jagdjoppe herum, fand end­lich das Taschentuch und fuhr sich damit an die Schläfe:

Gerda" und in der sonst so festen Stimme war ein leises Zitterndu weißt, ich habe dir damals aufs ernsteste abgeraten, als du mir von deiner Wahl sprachst. Ich habe ja alles kommen sehen. Aber heute heute sage ich dir hier, au dieser selben Stelle: dein Platz ist neben deinem Manne! Du hast es so gewollt, nun mußt du auch ausharren. Hätte ich einen Sohn, und es wäre Krieg, er stände vor dem Feinde, irgendwo auf einem verlorenen Posten Gerda, müßt' ich ihm nicht zurufen: Halt aus, mein Sohn, bis zum letzten! Die Pflicht über alles. Und du, Gerda bist ineine Tochter1"

Da ging es wie ein Erschüttern durch ihre Gestalt. 'Noch immer starrten ihre Augen so vor sich hin, ins Weite. Aber es trat jetzt in sie ein Ausdruck, als sähen sie da hinten in der Ferne langsam etwas versinken. Etwas, das ihr letztes Hassen gewesen war.

Und nun wandte sie den Kopf dem Oberstleutnant zu,

Sei ohne Sorge, Vater au'ch ich werde meine Pflicht tun."

Mein Kind, mein tapferes Kind!"

Er schloß sie tiefbewegt in seine Arme.

Gerda ließ es geschehen, aber in ihr brannte es. Run schickte sie der eigene Vater, bei dem sie Schutz gesucht, wieder von sich zurück in die Gefangenschaft. Die Gefangenschaft, aus der es kein Entrinnen mehr gab bis zum Ende.

Der Oberstleutnant hatte noch immer seine Arme um ihre Schultern liegen. So fragte er:

Also ich kann deinem Manne dann telegraphieren: du kämst zurück. Und wann?""

Ihre Brust hob sich schwer. Dann sagte sie:

Gleich morgen. Denn heut ist es ja wohl schon zu spät."

Recht so, mein Kind. Nur tapfer weiter so!"

Gerda erwiderte nichts. Aber als sie dann mit dem Vater zu den anderen hinüberging, da stand ein müder, weher Zug in ihrem Antlitz. Der wich nun nicht mehr von dort.

* ,

In aller Frühe des nächsten Tages brach Gerda schon auf. Sie machte den Abschied von den Ihren so kurz wie ncöglich. Auch der Oberstleutnant sorgte dafür, daß keine Sentimentalität auskam. Er lieble das nicht. Aber dennoch hatte Gerda ein seltsames Gefühl, als sie nun das Haus verließ. So dunkel und bang, als wäre es das letztemal -6 als würde sic das alles nie Wiedersehen.

Sie kämpfte tapfer dagegen an. Ja, als sie jetzt, vors Haus tretend, den wohlbekannten Krümperwagen sab, der sie so manch liebes Mal frliher befördert hatte, da ries sie sogar mit einem schwachen Versuch, zu scherzen, zu Mutter und Schwester an der Haustür zurück:Wahrhaftig immer noch die Rammsnase und die alte Walküre! Die feiern! nächstens wohl ihr sünfundzwanzigjährigcs Dienstjubi­läum?"

Aber als dann, schon am Wagen, noch einmal des Vaters brauner Hühnerhund, der Wodan, zu ihr kam und. sie mit leisem Wedeln ansah, da fühlte sic plötzlich etwas! heiß in ihr aufsteigen.

Rasch schwang sie sich hinauf und verbarg sich in dem Wagen, dessen Vorhänge hcruntergelassen waren, tief in der Ecke. Fest preßte sie die Lider auf die brennenden Augen.

So sah sie nicht, wie hinter dem Fenster seines Arbeits-- zimmers der Vater ihr nachblickte beim Abfahrcn, und noch stehen blieb, lange, mit tiefgcsenktem Kopse, als der Wagen schon längst verschwunden loar. (Fortsetzung folgt.)

3m vogelsberg.

Von T h. C e l l a r i u s.

(Fortsetzung.)

Abcrglailbc» im Vogclsbcrg.

Der G e s a n!

In denr Dorf an der Nidder lebte in der ersten Halste der

sechziger Jahre noch der alte Schwcinchirte, der den Aerzte»