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Shalcspectte.
Geboren mu 23. (26.) April 1664.
Bon Ernst Heilborn, Berlin.
Eine Szene aus Homers „Dbljifee" lebt auf. Odysseus bat Bas Strafgericht an den Freiern vollzogen. Der Saal ist mit Leichen bedeckt. Da naht sich Odysseus der Sänger, der den Freier» gesungen hat, umfasst seine Kätie und fleht um sein Leben. Und'in seiner Todesangst sucht er sein ganzes Wiesen in ein einziges Wort usammcnzuprcsse», Odysseus soll ihn begreifen, begreifen beißt a verzeihen, und da weiß er nichts besseres zu sagen als: „Was ch habe und bin, verdanke ich ganz mir selbst." („Ich bin Auto- divakt", wie es im griechischen Urtext heißt.)
Ein Schrei aus gepreßtem Herze», vonr Augenblick eingcgeben. Und labt sich vielleicht doch nichts Tieferes sagen, wenn es ein Innerstes der Lebenserfahrung eines Dichters zu kennzeichnen gilt.
Wie sich die Mabstäbc sonst verrücken, dieser bleibt. Er behauptet sich der lichteste» Ofsenbariiug gegenüber, die der Menschheit zuteil geworden: Shakespeare.
Man könnte ihn, über dessen Werke Bibliotheken geschrieben sind, den „Unbegrisfenen" nennen. Er ist es dreihundert Jahre hindurch geblieben, uird nie werden Menschen mit vcrstandcsgcmäßen Ueberlcgungen und ästhetischen Ergründungcn ans Innerste seiner Dichtung riihreir können. So wenig man cs je lernen wird, logisch zu bestimmen, wie es dem Zugvogel gelingt, über Meere und Flüsse und Berge hinweg, das Nest seiner Heimat wiedcrzilsinden. Die letzte Antwort heißt auch hier: Natur.
Es ist aber in dieser Antwort nichts, als das Bekenntnis unseres Unvermögens. „Was ich habe und bin, verdanke ich ganz mir selbst." Unbegreiflicher scheint damit das Unbcgrissenc, und so geschah es, dab kluge Köpfe, die sich instinktlos auf ihren rechnerischen Verstand verlieben, in dem Pliilosophen und Staatsmann B a c o n den Verfasser von Shakespeares Werke» zu erkennen glaubten. Kein größerer Ruhmestitel für Shakespeare als diese Mlcugnung seiner Persönlichkeit! In Wirklichkeit freilich entspricht die Bacon-Hypo- these dem Unterfangen, den lebendigen Strom aus der künstlichen, schöngcwölbten Brücke erklären und herlciten zu wollen, die sich von Ufer z» Ufer hinllberspannt.
Bacon war ein Deuter: es ist aber das Große und Größte an Shakespeare, daß er sei» Werk deutungslos ließ.
Man hat aus Shakespeares Dramen ein Aeußeres uich Inneres seines eigenen Lebensganges herauszulcsen versucht. Man stellte eine Gruppe seiner Tragödien zusammen und wies auf Jahre der Beidüsterung. des Menschenhasscs. Aber ist es, an unsere» Begriffen gemessen, nicht sehr viel nierkwürdigoch daß so wenig auS Shakespeares eigenen Erlebnissen in seine Dichtung hinübergeglitte.» ist? Man hat geschildert, wie sehr Shakespeare von den Idealen der Renaissance erfüllt gewesen, und vielleicht stand wirklich ein Percy Heißsporn deni ritterlichen Empfinden in seiner eigene» Brush nahe. Er aber schasst mit Percy zugleich den Fallstasf, gibt ibm so starke oder stärkere Lebensmöglichkeiten als jenem, und läßt die Welt „Heinrich IV." gleichmäßig um die beiden Pole der Fall- stafj und des Percy, der Ehre und der Unehre kreisen. Wie sein« Sonne immer über Gerechten und Ungerechten gleichmäßig scheint. Man hat es ihm als ein Geschemk, dnS die Fee „Zeit" ihm in die Wiege legte, nachqerühmt, daß er, im Widerspiel des Traum- erlebens und wirklichkeitgeängstct, überzarte Frauengcstalten schuf, Blumen vergleichbar, die jeder Wind entblättert, und es ist in der Tat, als könnte man einer Miranda, den Ophelien und Cor- delien nur mit Tränen in den Augen nahen Daneben stehen aber in seinem Werke die sehr kluge Beatrice, die gefährliche Lady Macbeth. r
Was weiß man von dem Menschen Shakespeare? Außer ein paar gleichgültigen Daten im Grunde nur, daß er eine» Instinkt für Wirklichkeit besessen, wie er in diesen Jahrhunderten nicht wiedergekehrt ist, und daß dem sein mächtiger Schöpferwille entsprach.
„Ich bin Autodidakt," schluchzte der geängstkte homerische Sänger, da er im letzten Lebenskramps die Knie des Odysseus um« faßte, der seiner schonte. Behaglich, mit auf dem Rücken verschränk- tcn Armen in seinem Zimmer aus und nieder schreitend, hat Goethe dem klug auihorcheuden Eckcrmanu das gleich? Bekenntnis abgelegt. Zugleich in seiner guten Art erklärend, um was cs sich handle. Nämlich, daß es ihm gegeben war, durch Anlizipation^ vorwegzunehmen, >vas er ersahrungsgemäß nicht kennen konnte. So schrieb er seinem eigenen Worte zukolge „Äötz von Berlichingen" als Zwei- nndzwanzigjähriger und erstaunte zehn Jahre später, wie richtig er Verhältnisse geschildert, von denen er seinerzeit schlechterdings nichts gewußt hatte. So fühlte er sich imstande, jemairden, den er nur eine Viertelstunde gesprochen, zwei Stunden lang ans sich heraus reden zu lassen. Ins Sbakespcaresche übertragen, heißt das: sehen und wissen : in einer entschleierten Welt wandeln: in einer beseelten Laudschait atmen: die Schicksalsiügnng kennen. Sich selbst zum Preise schul ihn Natur.
Goethe aber, in seiner An durch das Gesagte nachdcnklichcr geworden, fügte hinzu: „Hätte ich Mit Darstellung der Wett solange getvartet, bis ich sie kannle, so wäre meine Darstellung Persiflage, geworden." Und rühmlc nnnnichr die „Heiieikcil" der Shake- spcareschcn Welt.
Das mag in viewn Ohren dem großen Tragiker gegenüber feltiam klingen. In der Tat hat es denn auch nie an Stimmen derer gefehlt, die in Shakespeare drn jeidenschaftlichen Menschen-
«nd Wellverächter sahen, den Pessimisten. Die Wahcheit in diesen« Widerstreit der Meinungen — ? Es Ivird in Shakespeares Meltaufsastung jeder das erkennen, was ihm die Welt der Wirklichkeiten gibt. Ter Jüngling zu Sais hob de» Schleier der Wahrheit und erblickte? - sich selbst. Shakespeare gegenüber sind wir alle dieser Jüngling.
Und ewig wird Shakespeare jo unbcgrissen lvie die Wahrheit bleiben. ,
Es sind nicht nur über Shakespeare, es sind über de» Eha- raktcr deö Hamlet allem Bibliotheken geschrieben tvorde». Nun galt er als der fette Melancholiker, nun als tatunsähiger Skeptiker — als der Gclvissensüberzartc — als Neurastheniker — als Genie — als Denker, ans dessen Denke» es keine 'Antwort gibt. In uimntcrbrochener Tradition hatte man Ladh Macbeth als Heroine und Teuselin aus der Bühne verkörpert. Da kam! einer und sagte: aber seid ihr denn mit Blindheit geschlagen? Erkennt ihr in dieser Lady Macbeth nicht das nervöse Weibchen, darum so gesährlich, weil so verführerisch: die jeden Wunsch ihres Mannes voransahnt und ihm zu Munde redet, was er sich selber noch nicht eingcsl-eht: die sich um seinetwegen in einen verbrecherischen Mut bineinsteigert, den sie selbst gar nicht besitzt? So tobte unr fast jeden Shakespeareschen Charakter der Widerstreit der Meinungen, imd (armer ivar es Herzenssache der Interpreten, einander zu bekämpfen. Das Naheliegend« sahen sie nicht. So viel sie fanden, unerfindlich blieb ihnen das eine, daß iie alle, der eine wie der andere, — recht hatten.
Deutungslos entließ Shakespeare seine Gestalten. Mit feinem Schöpferakt war auch sein Amt zu Ende. Nun wairdeln, denen er seinen Odern gab, lvie Wirklichkeitsmenschcn auf Wirklichkests- pfaden. Nur eben noch aus dein dunklen Getvühl heraus erkennbar durch die Höhe des Wuchses: durch Kraft des Woslcns: durch Beseeltheit des Wesens. Aber fragst du, >ver sie sind, so werde» sie dir nur aus deinen« eigenen Innern Antwort geben und Iverden sein, was du in sie hineiuliebst oder hineinverabscheust.
Das ist Shakespeare, und das ist da§ Einzige au seiner Erscheinung. Cs ist, als hätte sich die Wirklichkeit, da sie ihn schuf, wiedergeboren, mit nun in erhöhtem Farbeiiglanze, doch gleich geheimnisvoll fortzubcftehen. Beter und Lästerer kommen bei ihm in gleicher Weise zu ihrem Rechte, wie unter dem Himmek, der sich uns wölbt. Und selbst sich vollziehend, schweigt das Schicksal.
Die Klügsten haben sich an ihm zergrübelt, die Zärtlichen haben mit ihm geliebt — unter dein gewalttätigen Goldgräbcr- gesindel in Klondike fand man neben der Bibel nur immer das eine Buch: Shakespeares Werke.
Es ivar der Ruf eines Schöpscrs in seiner Stimme, und erging sonnt gleichmäßig an alle Mcnschcnkreatur.
Frauen der Zulunst.
Bon A l s r e d C a p u s.
Msrcd Capus, der jüngste 'Akademiker Frankreichs, der vor kurzem unter die „Unsterblichen" ausgenommen wurde, ist einer der scinsten K nner der französischen Frau. Es wird daher in einer Zeit, wo anderwärts das „schwächere Gesckstecht" so stürmisch und gewalttätig seine Forderungen strNt, gewiß in« lcressieren, zu hören, was der geistvolle Schriststeller Uber di« „Frau der Zukunft" und die besondere Stesjung der Französin plaudert, . Die Schristlt.
„Was ersehnt Ihr sür die Fra» von heute?" Eine solche Umfrage hat in letzter Zeit wieder weite Kreise beschäftigt, und die meisten der befragten Personen antworteten, daß man der Frau vor allen Dingen ivüiischcn müsse, Frau zu bleiben. Unklar, jedoch vortresslich sind Aussprüche solcher Art, denn alle Welt wird dadurch zufrieden gestellt, und sie zwingen uns nicht eine soiortige Lösung des Problems aus, das übrigens ohne ernsthafte Gefahr ganz gut noch einige Jahre in der Schwebe bleiben kann.
Die Anhänger der Frauenemanzipatlon uin jeden Preis sind viel dringlicher nnd wolle» sich mit provisorischen Maßregeln nicht nbsindcn lassen. Ihrer Ansicht nach gibt es in unserer Epoche eine neue Fra», die in keiner Beziehung zu derjenige» vergangener Zeiten steht nnd deren Forderungen wahrscheinlich die Gesellschaft von Grund aus umwandeln werden. Um sich beschränkten Köpfen leichter verständlich zu machen, stellen diese Franenrcchtlcr 3 Typen auf: die Frau von gestern, die F«,» von heute und die von morgen. Man ivürde Erstaunen, ei» verächtliches Lächeln bei ihnen Hervorrufen, wenn man ihnen sagte, daß die Bürgerin ans dem dreizehnte» Jahrhundert, die »in acht Uhr, Ivenn vom Glockeuturni das Abendgcläut erklang, ihre Lagerstatt aussuchte, bereits aus deniselbcu Stoss bestand, wie die freie, feurige Pariserin des zwanzigsteil Jahrhunderts, die erst dann zu Bett geht, tvcnn cs gar nichts anderes mehr für sie zu tun gibt.
„. . . das Aussehen einer Stadt ist leider viel raichcr vcr- ändcrt als der Sterblichen Herzen." Unsere unentwegte» Fraucu- rechtler sollten einmal über diese» schönen Vers Baudclairc's Nachdenken. Gehen wir heule über die Place de tOpcra spaziere», können wir »ns schwer die Stadt von Philippc-Angust«


