Ausgabe 
25.4.1914
 
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Nein, Heinz, ich kann dich nicht verdammen. Gewiß, dein Handeln ist nicht zn rechtfertigen" fest und ehrlich sagte sie esund ich! mache kein Hehl daraus: als ich herkam, Hab' ich anders über dich gedacht. Aber nun, da dn niir alles so erzählt hast nein ich kann nicht! Wenn es auch meine eigene Schwester ist ich kann auch Gerda nicht freisprechen von Schuld."

Er griff nach ihrer Hand und drückte sie bewegt an feine Lippen.Ich danke dir."

Astrid ließ ihm die Hand, ja sie drückte jetzt die seine und sah ihn an, mit einem Bitten:

Heinz soll denn nun wirklich alles ans sein zwi­lchen euch?"

Da zog er seine Rechte zurück, und seine Züge wurden Ivieder finster.Gerda iv-ill es ja nicht anders."

Aber du! Sieh, Heintz, die letzte Schuld, und die schwerste, liegt bei dir. An dir müßte es daher sein, Gerda zuerst die Hand zu ^reichen."

Er furchte die Stirn; dann lehnte er ab.

Unmöglich nun, wo sie mir davougclanseu ist, zurück nach Haus. Wenn sich erst Dritte in so etwas ein­mengen die liebe Familie nein, dann ist's ans!"

Und er schüttelte in heftiger Alnvehr die Rechte, ?lbcr da nahni Astrid sie noch einmal zwischen ihre Hände.

Lieber Heinz ich meine es gut mit euch beiden. Darum hör' auf mich. Wenn du willst, reise ich sofort Gerda nach und rede mit ihr. Sehr ernst, ganz so wie eben 511 dir. Sic muß einfach einsehen, daß auch sie teil hat an der Schuld. Und auch vor unserer Familie werde ich das betonen, immer wieder. Sie sollen es alte einsehen, und keiner soll euch dazivische» reden nur du und Gerda, ihr beide ganz allein sollt die Sache wieder in Ordnung brüigen!"

Heinz Keßler blickte immer noch mit gefalteter Stirn auf die junge SckMrgerin. Aber als er ihre Augen so herzlich bitten fühlte, da ivich seine Härte.

Guter, kleiner Kerl, du." Und abermals küßte er ihr die Hand.

In ihren: Antlitz leuchtete cs ans.

Du imllst also, Heinz Ivirklich?"

Er bejahte stumm.

Da jubelte es in ihr auf. Fast hätte sie ihm in ihrer Herzensfreude einen Kuß gegeben. Doch dann siel ihr noch etwas ein ja die Hauptsache! nno wieder ernst sagte sie:Ja, Heinz dann aber noch eins: die Beziehungen mit jener Dame

Haben selbstverständlich mit dieser Stund« ein Ende."

Dein Wort darauf, Heinz?"

Mein ehrliches Wort."

Ich danke dir!" Und sie schüttelte ihn: >oie einem guten Kameraden nun kräftig die H,rnd.Also dann fahre ich gleich, sofort, mit dem Mittagsznge. Wer nun Hab' ich auch keine Minute inehr zu verlieren. Adieu, Heinz, und sei sicher, ich bringe dir Geroa wieder."---

Gerda >var daheim im Elternhause.

Ihre Ankunft, so völlig unerwartet, ohne jede An­kündigung, rief größte Bestürzung bei der Mütter und Edith hervor. Der Oberstleutnant war nicht zu Hause. Er Ivar zur Jagd geladen, bein: Regierungspräsidenten. Erst morgen wurde er zurück erwartet.

Die ersten Mitteilungen Gerdas wirkten geradezu nie­derschmetternd auf Frau von Henning. Zn allen: nun auch noch das: eine solche Skandalgeschichte, Ehescheidung cs war ja gar nicht auszudenken! Und statt des erhofften verstehenden Trostes fand Gerda bei der Mutter nur ein starres Schweigen, ans dem sic fast einen BorwNrf gegen sich selber heraushörte.

Nur eines sagte die Mutier schließlich zu ihr:

Versprich mir, und auch du, Edith, daß kein Mensch sonst hier auch nur ein Wort von dieser unglückselige» An- gelepenheit erfährt, che nicht der Vater morgen zurück ist."

Das versprachen beide. Tann ging die Mutter hinaus, ohne ein Wort des Mitleids und des Zuspruches.

Das war der erste Empfang Gerdas im Eiteruhause, wo sie, dem Zusammenbrechen nahe, Zuflucht gesucht hatte. Und sie ließ sich, immer noch im Reijekteid, matt auf einen Stuhl sinken. Sie legte die Hände über die Auge». Daß sie doch hätte weinen können.

Da fühlte sie eine Hand aus der Schmier, Edith, und hörte diese sagen, mit einen: iveichen Ton, wie sie ihn von der immer Ruhigen »och nie vernommen halte:

Nimm bir '3 nicht so ju Herze». «Kerda. Dn kennst ja

die Mutter. Sic braucht erst immer Zeit, sich zu überwinden. Es kan: ja auch zn überraschend. Noch, sieht sie nur erslj wieder all das neue Unglück nach außen, vor der Welt. Und es war ja schon gerade genug an de» Ausregungcnj, die dein Mann uns allen hier bisher bereitet. Aber Main« wird schon noch das andere empfinden das, was du durchs, zumachcn hast." s

Und Edith drückte mit ihren kühlen, schlanken:chcw jetzt den Kopf der Schwester sanft an ihre Brust. Es tat Gerda so wohl. Ihre Schläfen glühten wie in: Fieber.

Wie gut du bist," sagte sie matt.Du verstehst u:ich wenigstens."

Ja. Gerda jetzt verstelß ich dich. Ich sag' es dir offen, ich Hab' dich nicht begreifen können damals, als' du deinen Mann fandest. Doch du ließest dir ja nie drein- reden in deine Angelegenheiten. Aber heute, wo da es ein- fiehst und entschlossen bist, deinen Irrtum ivieder gulzu- maehen heut' findest du mich an deiner Seite."

Gerda preßte dankbar die Finger der Schtvester gegen ihre Wangen.

Nicht >vahr, ich kann gar nicht anders? Astrid wollte mir nämlich mit aller Gewalt zu einer Versöhnung raten."

Ans keinen Fall! Du bist dvr die Trennung einfach schuldig. Eine Frau, die über so eNvas hinwegkommt, gibt ihre eigene Ehre preis. Aber nun kommt Gerda, leg' doch endlich ab, und dann du mußt doch todmüde sein. Nach der schlaflosen Nacht noch, die lange Bahnfahrt! Komm! mit, ans niein Ziinmcr. Du legst dich ein paar Stunden> du mußt. Und ich sorge für Ruhe. Nachher, abends, können luir ja dann alles 9 tötige besprechen."

Gerda c,npfand dieses nüUterliche Sorgen als eine innerste Wohltat. Wie ein müdes, krankes Kind ließ sie alles mit sich geschehe», und als sic oben bei Edith ans der Chaiselongue lag, von dieser in iveiche Decken gehüllt, da sielen ihr vor Erfchöpsung Ivirklich bald die Augen zu.

Ein paar Stunden hatte sie so gelegen, Ms sie wach wmrde von einer Berührung an der Hand. Sie erkannte :m Lichtschein die Mutter neben ihren: Lager und wollte sich anjrichten. Aber Frau von Henning drückte sie saust nieder.

Bleib ruhig so, Gerda, und laß »ns nun noch einmal sprechen über alles. Du bist ja jetzt etivaS ausgcruht, und ich bin auch über das Erste hinweg. Dn bannst es dir ja denken, daß niich vorhin förmlich ein Tonnerschtag rührte. Wir haben uns nachgerade ja an manches gewöhnen müssen seit deiner Ehe aber das! Nun, tn: kannst ja nichtÄ dafür, mein armes jiind," die Mutter strich jetzt über Gerdas: Hände,und du tust mir seid, von Herzen leid. Ich ver­stehe es ja auch, daß du in deiner ersten Erregung <muä deinem Hause gingst und Zuflucht bei uns suchtest, bei deiner Mutter. Aber, mein liebes, gutes Kind, es ivar vielleicht nicht klug. Komm, bleib ruhig ganz ruhig, und höre auf »«ich, meine Gerda. Ich bin eine erfahrene Frau, und Hab« gewiß schon in nmnche Ehe hineingesehen nlcljrt ivahr?"

Ein schwaches Neige» des Kopfes bei der jungen Frau.

Nun, siehst du, mein Kind. wir Frauen müssen alle erst lernen. So manches, was uns schwer fällt oft biiler schwer Ader wir müssei:. Das ist einmal nicht anders. Und dazu gehört auch das, was dir geschehen ist. Es vergißt sich ja freilich nicht jeder Mann so wie der deine Gott sei Dank, mir selber ist das erspart geblieben; dein Vater hat seiner Ehre nie auch nur das Leiseste vergeben aber i» so manchen anderen Ehen um mich herum habe ich es erleben »iüfse». So schrecklich wie cs ist, es straucheln da leider nur zu viele es liegt wohl so in der Mannesnatur; es soll das natürlich keine Entschuldigung sein. Wer, sieh, niein aules Hitib, wenn in allen solchen Fällen gleich immer die Ehe geschieden werden sollte wo sollte das hinsichren? Es »väre ja gar nicht abznsehen. Nein, Gerda, man muß da eben mit der Schwäche des Mannes eine gewisse Nachsicht haben Natürlich nur bis zn der Grenze, die uns unsere Würde gebietet. Aber eininal, das erste Fehlen des Mannes muß wohl eine Frau verzeihen lernen. Und darren:"

Gerda, die mit zuckenden Händen dagelegei, hatte, ivarf ::::>: die Decken znnick, die sic noch umhüllten. Sic sprang empor von ihrem Lager.

So rätst du mir zum Verzeihen? Weiter soll ich leben an der Seite dieses Mannes, als ob nichts geschehen wäre?".

(Fortsetzung folgt.)