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Alt-Sietzen.
Von Oberbibliothckar Dr. Karl Ebel.
(Schluß.)
Etwa an der Ecke des alten Schulgäßchens, heute „Auf der Vach" genannt, schloß sich die älteste Stadtmauer an die Burganlage an. Vor der nördlichen Häuserreihe des Kirchenplatzcs lief sie neben dem Stadtgraben, dessen Reste sich hinter diesen Häusern finden, nach dem Lindenplatz, an dessen Ecke, am „Einhorn", das „Wallthor" lag, und weiter in der Richtung nach dem Brand. Was wir nun weiter von dem Lauf der Befestigung durch sichtbare Spuren feststellen können, stammt zweifellos von einer ersten Erweiterung, denn die Landgrafenburg am Brand, ein Bau des 14. Jahrhunderts, ist hier schon miteinbezogen. Zur Festlegung des Weges, den die ältesten Werke, d. h. Mauer Und Graben, genommen habe», hilft uns vielleicht ein Blick aus den «Ltadtplan vom Jahre 1759, der nach dem des Majors Laurcns v. I. 1792 ergänzt, dem 4. Jahresbericht des Obcrhessischen Geschichtsvereins (1885) bcigegcbcn ist. Dort sehen wir, daß vom Lindenplatz nach der Schloßgasse, von da nach der Kaplaueigasse und von dort nach der jetzigen Schulstraße kleine Gäßchen liefen, deren Reste noch sichtbar sind (z. B. in der Schloßgassc hinter dem Lindschen Haus). Ihre Fortsetzung fanden diese Gäßchen in der heutigen Wagengasse und in der anschließenden Wcttergasse. Die beiden zuletzt geirannten Gassen bilden einen Bogen, der in die Sandgassc hinein führt und zwar unmittelbar ans den Winkel, den dort der Stadtbach am großen Stadtbrauhaus bildet. Es scheint mir keinem Zweifel zu unterliegen, daß die älteste Stadtbesesligung den eben beschriebenen Weg genommen hat uich dann mit dem Stadtbach nach der Burg zurück gezogen ist, die sie in der Nähe des „Cass Ebel" wieder erreichte. Die Dieterichsche (1613) und Winkelniannsche (1697) Nachricht, daß das Städtchen anfänglich rund gewesen sei, wird hierdurch genau bestätigt, während die Gestalt der jüngere», gleich zu beschreibenden, Umfassung derjenigen einer Birne glich.
Der Graben, von dem soeben die Rede war, wurde vermutlich schon in alter Zeit aus der Lahn, vielleicht auch aus de» Wieseck gespeist, wie aus dem, was später über den Laus dieses Flüßchens zu sagen ist, möglich erscheint. Denn ausfällig bleibt die Führung des Stadtbachs vom sog. Eingcrinn bis zur Ecke des Stadtbrauhauses in der Sandgasse und seine Teilung an dieser Stelle. Man hätte, wenn nicht alte Bachläuse benutzt wurden, ein großes Stück sparen können. Wie wir jetzt den Laus vor Augen haben, sandte der Stadtbach seinen einen Arm nach Norden zur Burg, der andere verfolgte die Richtung nach dem Tiefenweg. Er war notwendig getvorden für die erste Stadtertveiterung, die Landgraf Otto im Jahre 1325 vornahm. Otto verlieh allen in der Neustadt und vor den Toren Angesiedellen die Rechte der innerhalb der Burgmauer wohnenden Bürger. Mit anderen Worten: die Außenbewohner wurden in den Bereich der geschützten Stadt einbezogen, Stadtmauer und -graben entsprechend erweitert. Die Vesestigungeu bekamen jetzt die noch heute feststellbare Richtung. Hinter der Burg bis zum Lindenplatz blieben sie unverändert. Am Brand war vielleicht gleichzeitig oder doch nur wenig später eine Neue hessische Burg entstanden, das sog. alte Schloß (!m Gegensatz zum neuen Schloß Philipps), auf dessen Grundmauern jetzt das historische Museum steht. Um diese» Bau wurden die neue Stadtmauer und der Grabe» herumgeführt, trafen auf die Schulstraßc und liefen parallel ihrem alten Weg bis zur Mäusburg. Dort stand an der Rittergasse das Selterstor. Von da wandten sie sich rn südlicher Richtung tveiter zwischen Ritter- und Kaplansgasse hindurch bis zum Tiefcntveg, an dessen Biegung sie sich mit dem Von der Sandgasse kommenden Befestigungsarm vereinigten. In der Nähe der Mündung des Tiefenwegs in die Neustadt schloß die ehemalige, in den 30cr Jahren des vorigen Jahrhunderts abgebrochene Stadtvlorte das von Otto dort einbezogcne Gebiet gegen außen ab. Die damalige, schon 1307 erwähnte „Neustadt" ist mithin die heutige Marltstraße.
Bis zur Zeit Philipps des Großmütigen behielt die Befestigung diesen immer noch geringen Umfang. Aber vor den Toren und Mauern siedelte sich die fortwährend wachsende Bevölkerung an. Das älteste erbaltene Zinsregister vom Jahre 1495 teilt die Stadt in vier Quartiere: 1. In der Stadt Ringmauer: 2. Vor der Walpforte: 3. Vor der Selterspforte; 4. Vor der Neuen Stadt. Bis dahin hotte auch die Wicseck einen anderen Lauf. Rambach fand noch Merkmale, nach denen sie, wie er annahm, etwa in her Gegend des Botanischen Gartens die Stadt erreichte, dann durch die Neuen Bäue und Sonne über das Kreuz und längs der Kavlansgasse nach der Mühlgasse floß, wo sie eine Mühle trieb (um 1710 fand man dort ein altes Wasserbett und einen Wellbaum). Es kann sein, daß Rambach hier den Zug des jüngeren Besestigungsgrabens für den der Wieseck hielt, es kann aber auch sein, daß die Wieseck streckenweise als Stadtgraben benutzt worden ist. Jedenfalls darf man ihre» Laus durch die Mühlgasse als sicher anuelnnen, da dieser Name ebenso wie der der Sandgasse auf einen allen Wasserlauf hindeutet.
Philipp der Großmütige umschloß seit dem Jahre 1530 die Stadt mit der ersten Anlage der Festungswerke, die nach seiner Gefangennahme (1547) durch den kaiserlichen Kommissar Grafen Reinhard von Solms geschleift, in den Jahren 1560 bis 1565 aber von Philipp verstärkt und erweitert Ivieder anfgebaut wurden.
Von dem Umfang der ersten Anlage weiß man nichts mehr. Vermutlich ist er durch den Neubau nicht verändert worden. Er war von vornherein so bemessen, daß die Stadt auf absehbare Zeit Raum zur weiteren Ausdehnung hatte. Tie jetzt vorhandenes Torhäuschen, die nach der Schleifung der Festung angelegt tvorden sind, bezeichnen nicht genau die Lage der vier alten Tore. Sie irmrden beträchtlich hinausgerückt. Das Walltor lag wenig nördlich von der Mündung der Braugasse, seine Schanze nach links in der Richtung auf Dcnuinghoffs Brauerei. Das Neuweger Tor erstreckte sich mit seinen Besestigungen von der Ecke der Johannesstraße nach der Süd-Anlage, wo das Theater mit seinem vorderen Teil auf der Torbastion steht. Das Selterstor begann in der Nähe der Wolkengasse, und das Neustädter Tor zwischen Ausgang der Neustadt und dem Durchlaß des Bahndammes. Jedes Tor, mit Ausnahme des Walltors, war durch einen Turm geschützt. Vor ihm, durch eine Zugbrücke verbunden, lag eine Bastion, von der wiederum eine Zugbrücke über den äußersten Wallgraben führte. Beide Brücken lagen einander im Winkel zugekehrt. Zwischen den Toren liefen, durch sieben weitere Bastionen, Redouten und Schanzen verstärkt, Wallgraben, Wall und die sog. Streichmauer. Der Wall bestand aus gemauertem, mit Kasematten versehenem Unterteil, auf dem sich der mit grünem Rasen bedeckte Erdwall auftürmte. An seinem unteren Teil, am Graben her, befand sich ein gedeckter Gang, die Schrir oder Schoor, deren Namen später auf das zum Svazierweg umgewandelte Glacis übergegangen, heute aber leider verschwunden ist. Ein letzter Rest des Wallgrabens liegt noch zwischen dem Botanischen Garten und der Ost-Änlage, rechts und links der Senckenbergstraße. Der steile Hügel, der sich an dieser Straße im Botanischen Garten erhebt, ist ein Ueber- bleibsel der Zeughausbastion. Die kleine Anhöhe, auf der der vordere Teil des Theaters steht, ist die ehemalige Neuweger Bastion. In dem Möhlschen Garten und seiner Umgebung an der West- Anlage erinnert ein Stück Wall an die Ausgerinn-Redoutd. Das Alice-Schulhaus an der Kirchstraße stand ehemals auf dem jetzt abgetragenen sog. „Berg", der der letzte Rest der GießhauS- Bastion war. Das ist alles, was aus unserer „Festuugsttd" geblieben ist, abgesehen von den zahlreichen Grundmauern, di« noch im Boden stecken und gelegentlich bei Ausschachtungen zu Tag kommen.
In den Jahren 1805—1810 fielen die Werke, die Stadt konnte sich ausdchnen. Die damals auf dem Glacis angepslanzte und „Schur" genannte Lindenallee ist bis aut einen Rest, eben an dem ' lebten Stück d.s Grabens an der Ost-Anlage, auch wieder ver- schwunden. An ihrer Stelle umziehen Anlagen die Innenstadt. Bor den Toren entstanden neue, teiltveise hübsche Straßen, die Mar- burgcr, Garten- und Frankfurter Straße. Eine vernünftige und für das Stadtbild alles versprechende Ausdehnung nach dem Flusse hin verhinderte der Körper der Main-Weser-Bahn. Der Schaden, den die kurzsichtigen und z. T. auch eigennützigen Besür- Wörter dieser Bahnliniensührung dem künstlerischen Ausbau und damit dem Aufblühen unserer Stadt zugefügt haben, ist niemals wieder ganz gut zu machen.
Wie ich am Eingang dieser Ausführungen sagte, ist das, was uns am besten erhalten geblieben ist, der Zug unserer Straßen. Der Wert für die historische Topographie der Stadt ergibt sich aus meinen Darlegungen, den künstlerischen veranschaulichen geschickt« Ausnahmen aus älterer und neuerer Zeit. Großes Verdienst haben sich in dieser Beziehung das städtische Tiefbauamt (durch Bau- technikcr Hermann Köhler), die VerlaAsfirma Emil Roth (durch ihre 1893 erschienene photographische Sammlung Alt-Gießen) und nicht zuletzt der Denkmalpfleger für Oberhessen, Geh. Baurat Prof. Walbe in Darmstadt, erworben. Aeltere Ansichten sammeln das Oberhessische Museum und das städtische Archiv. Dort sind auch Bilder alter Bauten zu finden, die im Verein mit dem. was wit heute noch an solchen besitzen, zeigen, wie schmuck unser Gieße» noch heute aussehen könnte. Vieles ist weggerissen und hat Neubauten weichen müssen, aber der künstlerische Blick der Architekten Hans Meyer und Johannes Sickert sjetzt in Leipzig) und des Photogravben Ludwig Uhl Hot uns in jüngerer Zeit doch manches wenigstens im Bilde gerettet. Leider ist es nicht möglich, ohne Beifügung von Abbildungen an dieser Stelle eine Beschreibung dieser alten Häuser, Bauten und Straßenzüge zu geben. Ich empfehle jedem, der sich für sie interessiert, sich auf die Wanderung zu begeben und unterwegs die Augen hübsch weit aufznmachen. Er wird ans der Mäusburg, dem Markt, dem Kirchenplatz, in der Sandgasse, der Kirchstraße, Zozelsgasse, Sonne, in der Neuen Bäue usw. genug des Schönen und Merkwürdigen sindeir, aus dem er sich ein Bild früherer Zeiten wiederherstellen kann Vielleicht findet er auch Gelegenheit, einen oder den anderen Mitbürger zu bitten, wenn er wieder einmal unter dem alten Bewurf seines Hauses eine schöne Balkenkonstruktion entdeckt, sie nicht aus Furcht vor dem Denkmalsschutzgesetz wieder schleunigst zu verstecken, sondern sie zu Nutz und Frommen unserer lieben Baterstad« rm alten Glanze neu erstehen zu lassen.
Vas 5reimaurer!um, ein Faktor deutscher Kultur.
Wenn von Freimaurerei die Rede ist, so finden wir heut« noch Mitmenschen, die bei diesem Wort ein leises Gruseln über-


