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Würde — hinaus aus der Enge, hinein in das lockende Leben, in das Glück.
Das war das verhängnisvolle Irren ihrer Jugend ge-
f oesen, die sich selber noch nicht kannte. Erst das Leid hatte je gelehrt, klar in sich hineinznblicken. Und nun wußte sie: nein, jene Welt des äußeren Gemeßens, das war doch nicht ihre Sphäre. DnS andere ivar das Stärkere in ihr — das Innerliche, das fest wurzeln ivolltc in eingeborenen Anschauungen von Tüchtigkeit, Ehre und Treue, gegen sich wie gegen die, zu denen man gehörte.
Das erkannte nun Gerda Keßler in jener stillen, einsamen Stunde, da sie sich der Heimat wieder nahte, als ein Flüchtling, eine Schutzsuchende.
Schwer hatte die Hand des Schicksals auf ihr gelegen. Aber war sie nicht noch ju>rg> n-och biegsam genug, sich! wieder aufzurichten? Wenn sie nur erst ganz befreit sein würde, von dem, was sie niederzog.
Ja, frei!
Und wieder kam ein Sehnen über Gerda. Doch nicht mehr wie in jenen Mädchcnjahren voll unklaren Dranges und heißen Ueberschwanges. Nein, das klare, große Wünschen der Frau, die das Leid aufgeweckt hat von allein» Träumen. Ein stilles, heißes Sehnen.
War es aber etiva zu spät zur Erfüllung?
Nein — doch noch nicht! Ein Hoffen sprach es in ihr, leise aber freudig. Eine Gewißheit. Und in ihrem Blick, der nun wieder hinausglitt in das weite, zugeschneite Land, leuchtete es auf: dort unter der Winterhülle lag schlummernd die Saat. Der neue Frühling würde kommen, sie zum Leben zu erwecken — wenn ihre Zeit da war.
Und es war, als sandte ihr Blick einen stillen Gruß hinaus in die weite Ferne. *
Heinz Keßler hatte in der Nacht lange wach gelegen. Erst gegen morgen hatte er Schlaf gefunden. Doch nur dumpf und schwer.
Als er nun erwachte —< es war spät geworden — und in seiner Gewohnheit sich umschaute nach Gerda, stutzte er im ersten Moment, als er ihr Lager unberührt sah. Dann zogen sich seine Brauen zusammen — richtig, ja! Und alles stand ihm mit einem Schlage wieder vor der Seele.
Auch der finstere Trotz war da wieder, mit dem er gestern abend von ihr gegangen war. Aber dann, beim Aw- kleiden, kehrten seine Gedanken doch wieder zu ihr zurück. Ob sie wohl noch immer drüben war, in ihrem Zimmer, und noch immer eingeschlossen? Und anderes ging ihm nun durch den Kopf: ihre Leute! Was sollten diese davon denken?
Aerger und Verlegenheit stritten in ihm. Was ihnen zur Erklärung sagen? Es blieb schließlich wohl nur das eine, so dumm es klang: es war Gerda nicht ganz wohl gewesen. Darum war sie die Nacht lieber außer dem Bett geblieben. Uber natürlich mußte diese lächerliche Situation dann nun ein Ende haben. Nur erst noch den Anzug beenden, daniu wollte er hinüber zu Gerda und mit ihr einmal ernsthaft reden. So ging die Geschichte einfach nicht weiter. Und er klingelte nach dem Diener, dessen Handreichungen er brauchte.
Jean versah seine Obliegenheiten mit dem gewohnten Schweigen, das er ihm anerzogen hatte. Heute hätte es Heinz Keßler freilich lieber gesehen, er wäre etwas mitteilsamer ge-, tvesen. Kam es ihm nur so vor —i in seinem Argwohn — ; ober spielte es um Jeans Lippen wirklich wie ein kleiner, leiser Zug von mokanter Ucberlegcnheit? Da brach denn der Herr das Schweigen.
„Der gnädigen Frau war heute nacht gar nicht gut. Sie wissen ja, es sing gestern abend schon an. Sie ist darum auch drüben geblieben, in ihrem Zimmer. Sagen Sie — " und Keßler bückte sich über sein Toilettennecessaire — „ist meine Frau noch dort — ■ oder schon im Eßzimmer?"
„Die gnädige Frau ist überhaupt nicht mehr im Hause." „Wie denn?" Keßler suchte im Spiegel der Waschtoilettc das Gesicht Jeans, der gerade hinter ihm stand. „Nicht mehr km Hause — also sortgegangen?"
„Jawohl — schon in aller Frühe. Wie mir die Jungfer vorhin sagte, kurz nach acht."
Ein ganz leises, ironisches Betonen unterstrich diese ungewöhnliche Zeit.
Heinz Keßler sank die Hand mit dem Polierkissen nieder, doch im nächsten Moment sagte er, schon wieder beherrscht:
. -st die gnädige Frau also offenbar etwas an die
frische Luft gegangen."
„Vermutlich wohl," gab Jean zurück, aber wieder mit lenem eigenen Ton. ,
Heinz Keßler überhörte es, ganz mit seinen Gedanlest! beschäftigt. Gerda fort —• was hatte das zu bedeuten? (£ti spürte plötzlich einen unangenehmen, dumpfen Druck in de« Brust.
Nun war er endlich fertig. Sein erster Gang war hinüber in das Zimnier seiner Frau und zum Schreibtisch am Fenster. Ob sie vielleicht etwas für ihn hinterlassen hätte. Aber nichts. Da sah er sich langsam i» ihrem Gemach uni, als könnte er sonstwie aus irgendwelchen Anzeichen daraus schließen, wohin dieser frühe Gang sie geführt haben möchte.
Doch das Zimmer zeigte ganz sein gewohntes Aussehen. Bloß aus der kleinen Chaiselogue war die Decke aus Antiv lopensell etwas verschoben und die seidenen Kißchen zerdrückt.
Nachdenklich blieb er-da vor dem Ruhebett stehen. Hier hatte sie wohl die Nacht über gelegen und vergeblich Schlaf gesucht.
Langsam griff da seine Hand nach den Kissen und strich sie glatt. Dabei stieg etwas weich in ihm auf. Die ersten Zeiten ihrer jungen Ehe fielen ihm ein, wo er hier vor ihr gekniet in zärtlichem Getändel. Und plötzlich preßte seine Hand das zierliche Seidenkissen, das sie gerade hielt, krampfhaft zusammen. Ein dunkles Angstgefiihl packte ihn» wenn sie vielleicht in einem Anfall von Verzweiflung —i!
Aber dann rief er sich selber wieder zur
„Unsinn!"
Und er warf das Kissen auf die Chaiselongue zurück. Gewiß war sie wirklich nur eine Stunde an die Lust gegangen, um sich anfzufrische» nach, der schlaflosen Nacht. Und er zog mechanisch feine Uhr. Ülber da erschrak er doch wieder — gleich elf, und Jean hatte da eben etwas von acht gesprochen! So lange konnte sie doch unmöglich in der kalte» Winterluft draußen herumlauscn. Und die Sorge um sie kehrte ihm wieder; noch verstärkt jetzt.
Unruhig schritt er in den Räumen ans und nieder. Grübelnd, fürchtend und doch wieder hoffend. Sein Ohr lauschte hinaus. Ging da nicht gerade die Flurglocke? Vielleicht kam sie nun zurück!
Aber es war immer nur eine Täuschung. Bloß Jea» kam einmal, um an das Frühstück zu erinnern. Keßler dankte kurz und nahm seine Wanderung auf! nur noch ruheloser. Was sollte er denn nur tun?
Da schrak er abermals zusammen — die Klingel draußen! Und diesmal konnte es keine Täuschung sein. Er Ivolltc selber össnen gehen, besann sich dann aber, trab nur nahe an die Tür und horchte: wirklich eine Frauenstimme draußen, die mit Jean sprach. Gott sei Tank, sie war also wieder da! /
Er atmete tief auf und trat jetzt von der Tür zurück; bemüht, wieder ganz ruhig zu erscheinen.
Nu» ging die Tür auf, aber nicht Gerda, sondern ihre Schwester stand auf der Schwelle.
„Wie — du, Astrid?"
„Ja — ich." Etwas bedrückt kam die Schwägerin herein und nestelte sich am Schleier. Sie wußte noch nicht rechts wie sie fich zu ihm stellen sollte, nach allem, was vorgefallen war. Aber dann gab sie ihm doch die Hand. „Guten Tag —" fie vermied nur die trauliche Anrede bei seinem Vornamen — „ich glaubte ja nicht — Gerda nieinte, um diese Zeit würdest du sicher nicht mehr im Hause sein. Entschuldigg also, wenn ich störe."
„So hast du also Gerda schon gesprochen heute?"
„Ja — sie war bei uns, heut morgen."
Und wieder schwieg sie, verlegen.
Heinz Keßler aber entnahm aus ihren Worten nun endlich die Gewißheit: seine Befürchtungen waren grundlösl gewesen. Und an ihrer Stelle regte sich alsbald der Aerger^ daß er sich so törichterweise Sorgen gemacht hatte. Aerger über dieses dumme Weglanfen Gerdas, so bei halber Nacht noch! Es klang deutlich aus seiner Stimme, als er nun fragte:
„Wo steckt denn Gerda jetzt eigentlich? Immernoch bei Euch im Hotel?" > >
„Min —" Astrid sah ihn ganz erstaunt an; dann aber; iönrde ihr Blick unsicher — „weißt du denn nicht — ?'■
„Bitte, was?"
„Daß sie adgereist ist — nach Haus,"
„Nach Haus?"
„Nun ja, nach Ellerstedt."
Heintz Keßler führ unwillkürlich zurück. Darauf war er nicht gefaßt geivesen — zurück zu ihrem Baker!
(Fortsetzung folgt.)


