Ausgabe 
23.4.1914
 
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Lkkizirrstöchter.

Roman von Paul Grab ein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

'Gerda trat an das Fenster und blickte auf die Straße hinaus Ein trüber, grauer Wintertag Und sie sank fröstelnd in sich zusammen.

Nach ein paar Augenblicken kam Astrid wieder und nickte:

Ja, in etwa einer halben Stunde neun Uhr fünf­zehn. Aber auch Klaus, er ist ja ganz niedergeschlagen, bittet dich herzlichst "

Doch Gerda richtete sich auf aus ihrer inüden Haltung.

So muß ich also fort zur Bahn."

Aber du kannst doch unmöglich so du hast gewiß noch nicht einmal Kaffee getrunken warte wenigstens den Mittagszug ab und ruh dich erst noch ein bißchen bei uns aus."

Nein, nein laß mich. Ich Hab' doch keine Ruhe mehr hier. Heini will ich zu unserem Vater. Also, leb wohl, Astrid," sic küßte die Schwester,und grüß' auch Klaus herz­lich. Innigen Dank für eure Teilnahme."

Gerda ging zur Tür. Astrid warf ihr rasch noch ihre eigene Pclzstola um die Schultern.

Die Stola nimm wenigstens noch mit. So in deinem dünnen Kostüm, bei der Kälte. Ach Gott, was tust du mir leid, du armes, armes Tierlc!"

Und der Gutherzigen standen die Tränen in den Augen, »pie sie jetzt die Schwester so scheiden sah, nur mit dem, was sie aus dem Leibe hatte.

Sic kehrte daun zu ihrem Manne, der inzwischen auch aufgestanden war, ins Schlafzimmer zurück. Fragend sah er sie an:

Ist sie also doch weg?"

Astrid nickte nur, ein unterdrücktes Schluchzen in der Kehle. Dann warf sie sich Klaus plötzlich an' die Brust und umschlang ihn fest.

Er verstand und streichelte ihr herzlich das blonde Köpfchen

J5ei ohne Sorge, Kleine."

Da hob sic das noch tränenfeuchte Gesicht zu ihm auf, nun scheu wieder mit einem sonnigen Strahlen:

Ach. ivas kann ich doch glücklich sein!"

Und sie legte ihrem Manne die Arme um den Hals.

? :ilend und doch viel zu langsam für Gerda führte der ie der Hciinat entgegen. Unbeweglich saß sie in ihrer Kupeecke, wie sie eingestiegen war. Verwundert trafen die Blicke der Mitreisenden die schöne, aber so blasse, junge Frau, t>i- »;,.f verschleiert, mit geschlossenen Augen an dem Polster ohne sich zu rühren. Sie mußte wohl Schweres durchs

gemacht haben. Und die Kupeeinsassen es waren nur Herren, die offenbar in Geschäften reisten bemühten sich mit kleinen Aufmerksamkeiten um ihre schöne Mitreisende.

Aber wie gut gemeint das auch ivar, Gerda atmete doch auf, als das Kupee in Hamburg gaitz leer wurde und sie nun allein weiterfubr.

Durchs holsteinische Land führte sie jetzt die Fahrt. In die Heimat.

Ja, als Heimat erschien ihr, wie sie jetzt so hindurch­fuhr, dies Land, in dem sie doch nicht geboren war. Aber eine lange Reihe sorgenloser Jahre waren ihr hier vergönnt ge­wesen, in sicherer Hut des Elternhauses. Ihre Jugend, di» Madchenzeit mit ihrem Sehnen und ihrem Hoffen, hatte si« hier durchlebt.

Das verknüpfte sie mit diesem Lande, daß es ihr lieb und vertraut erschien, als sie sich ihm nun wieder nahte nach so langer Frist.

Gerdas Blick flog über die weitgestreckten Felder und Kämpe hin, umhegt von Knick und Busch. Im weißen Schnee­tuch lag heute das alles da.

Als sie dies Land zum letztenmal geschaut, stand die warme Sommersonne darüber. Grün lachte Feld und Wald. Ueber den goldenen Breiten schwebte mit leisem Jubilieren die Lerche, und auch in ihrem eigenen Herzen sang es vopj jungem Glück.

Wie anders war das alles heute. Schwer drückte der graue Winterhimmel auf das stille, verschneite Land. Kahl standen die Bäume da und streckten wie wehklagend die dürren Aeste empor. Und drüben vom Gehölz strich mit schwerem Flügelschlag krächzend ein Schwarm hungriger Krähen ab.

So einsam, traurig, trostlos dies alles da draußen, als wäre es ein Widerschein ihres Inneren. Und schwer flatterten auch ihre Gedanken dahin.

Wie konnte sich so schnell Glück in trübstes Dunkel wan­deln? Wie konnte das geschehen, was ihr angetan war?

Und sie bemühte sich in dieser grauen Stund«, zum ersten Male klar zu sehen über sich und ihr innerstes Verhältnis zu Heinz. Was sie im Laufe ihrer Ehe nur als vereinzelte Eindrücke erfahren hatte, als dunkle, unbestimmte Empfin­dungen, das reihte sie sich jetzt aneinander und gewann so> den Blick über seinen Zusammenhang.

Da mußte sie erkennen: ein großes schliinmeS Irren war alles gewesen ein doppeltes Irren.

Sie hatte einst zwei Naturen in sich gespürt und ge­wähnt, jenes Sehnen nach der Welt da draußen mit all ihrem Locken, das wäre die Grundfeste ihres Wesens. Aus diesem ersten Irren war das zweite erwachsen die Neigung für Heinz, die sie für Liebe gehalten. Aber nun hatte sie er­kennen müssen: das Tiefste, was ein Frauenherz zu geben vermag, das hatte ihr Mann nie in ihr zu erwecken verstan­den. Er hatte sie nur äußerlich gefesselt. Seine bestechende Manneserscheinung und der Nimbus des Künstlers hatten sie geblendet, und der Gedanke, daß er ihr die Tür öffnen