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Aufmerksamkeit abgelviunen. Obgleich die Stadt an sich, hinsichtlich ihrer Schönheit in einem generellen Sinne dieses nicht allein bewirken könnte, so besitzt sie doch, wenn man anderes Schöne und Gute berücksichtigt, manche-, das deinjenigen, welcher nur diese Seite hervorhebt, nicht entgehen kann, und manches Merkwürdige, manches, was den Einwohner interessiert, und was er und andere lieben."
Es ist, wie gesagt, die Zeit nach den Befreiungskriegen, in der die Romantik blühte. Gott, Liebe, Vaterland, Natur, siird die Gegenstände der Dichtung. To beginnt auch unser Dichter seinen Hymnus, den er in klassisches Geivand Neidet, mit dem Lobe der Natur. Aus vappelumsäumter Straße schreitet er von der Höhe herab der Stadt zu, die im Morgcnlichte vor ihm liegt, so, wie sie uns das Reinermannsche gleichzeitige Bild zeigt:
„Gleich Athen begrüßen uns Deine freundlichen Blicke
Zieht uns abwärts zu Dir Vieles versprechender Sinn."
Er begrüßt den „graulichen Stadtturm", die Lahn, die Auen von Herden belebt, den dunkeln Wald, die kunstvoll angelegten Gärten. Dann umfängt ihn mit lebhaftem Verkehr die Stadt selbst, pnd er gelangt zu den Hauptgebäuden, den: Schloß und dem Kolkegienhaus. Was er von dem geselligen Gießen rühmt, will im als Probe hierhcrsetzen.
„Auch an geselligen Freuden sind Gießens Bewohner zu schätzen, Liebe und trauter Verein knüpfet sie fest in ein Band.
Alle die Grazien der Freude», sie herrschen in jeglichem Zirkel, Eunomia, Dike traulich mit Euphrosyne,
Die Charitinnen aller geselligen Freud" und des Schönen Sinnreich bedeutungsvoll alle zusammen vereint.
Durch anmutige,, Putz toelleisern die Schönen zusammen.
Nicht das Schöne bedarf — Häßlich's bedarf nur des Schmucks. Hier lustwandeln frohe, das Fr eye liebende Gruppen Auf beschattetem Weg traulich herum um die Stadt:
Liebliche Schur, erfreuend das Herz am erquickenden Abend, Höhest du nur den Reiz Gießens, der gastlichen Stadt!
Du nur allein bist immer ein ungeahneter Zeuge,
Wie das vertrauliche Herz gern sich dem andern ergiebt. Gruppen ziehen auch dort zu der nahcgelegenen Villa, Buschegarten man nennt diesen so lieblichen Ort.
.Allen den labenden Necktar kredenzet dort Ganymedes:
Aus geschlungenem Pfad toandern die Nymphen dahin.
Nicht so freu',, sich entzückt des Apolls die parnassischen Felsen, Wenn der liebliche Gott singend auf ihnen erscheint.
Dreißig Jahre später besteigt abermals ein Musensohn, Alois enningcr gen. Alois der Taunide (der Taunusgeborene!), oktor der Philosophie, den Pegasus und singt in Versen, die an chönhcit denen der Friederike Kempner den Rang streitig machen, das Lob der Musenstadt. Als Proben seiner „Kunst" hier nur ein paar Strophen.
DieNizederLahn.
Silbern liegt des Mondes Helle Auf dem schönen Thal der Lahn,
Und es wiegt auf dunkler Weile Sich ein schilfgeslochtner Kahn. ,
Eine Jungfrau sitzt am Steuer,
Ihr Gesicht ist reizend blaß:
Doch ihr Auge glänzt voll Feuer Djurch den Schleier, grün und naß, /
undsoweitcr.
Der Philosophenwald.
Stiller Wald der Philosophen,
Kühler trauter Schattengang, '
Lieblingsauseiithalt der Zofen,
Dir auch weiht sich mein Gesang!
Und ihr zürnt wohl nicht, ihr Bäume,
Tiefe Denker Nur gewöhnt:
Daß ein Säuger bunter Träume »Hier einnial ein Liedchen stöhnt!
In solchen gutgenieinten Versen werden Ocrtlichkeiten der Stadt und der weiteren Umgebung, aber auch Sagen und Ereignisse der hessischen Geschichte geschildert. Doch würde es zu weit führen, wollte ich hier nicht von weiteren Proben absehen.
Zuäu Schlüsse möchte ich eines Mannes gedenken, dessen Lob Gießens höchst ernsthaft genommen zu werden verdient. Ich meine Karl Renatus Freiherr,, v. Tcnckenberg. I» einer Zeit, da alte, die unsere Stadt kennen lernten, nur Schlimmes von ihr, ihren Festungswerke», ihren Gassen, ihren Bürgern, Professoren Und Studenten zu berichten wissen, nimmt er. der die schönsten Gegenden Deutschlands und Italiens gesehen hat, in Gießen seinen Wohnsitz und behält ihn bei, als nichts mehr seinen Weggang hindert. Ihn fesselt an Gießen der Zauber, der scher dem akademischen iLeben liegt, der Verkehr mit gleick>gcsi,»,tcn Männern der Wissenschaft, der stille Frieden der Kleinstadt, und nicht zu», wenigsten die Anmut der Umgebung. Er pflegte zu sagen, daß er nur die Gegend von Biebrich am Rhein und von Neapel derjenigen von Gießen vorziehe. Tasür erklärten ihn die Zeitgenossen für verrückt. Aber Butte, der uns dieses Verdikt berichtet, muß zugebe», daß Eenckenbcrgs Urteil „die volle Ueberzeugung des doch immer viel gereisten Mannes" enthielt, „wie man dieses schon einigermaßen bamus schließen kann, daß er bei der großen Wahl, die ihm zu
Gebo! stand, vorzugsweise gerade den Ork zü seinem Aufenthalt tvählte, an welchen ihn doch eben lange Zeit kein besonderes Verhältnis fesselt." Butte sucht dann die Gründe für Sencken- bergs Vorliebe aUein in dem Umgang, den er hier gesunden hatte. Aber dem steht Senckenbergs eigenes Zeugnis entgegen. In einer Sammlung lateinischer und griechischer Gedichte, die er 1785 unter dem Pseudonym Polydorus Nenieaeus U. d. T. Larmina varia selecta latina et graeca herausgab, findet sich ein an seinen Bruder gerichtetes Gedicht, aus den, ich einige Verse mitteile.
8unt, quibus aurioeri placeant, scio litora llheni.
Prae cunctis, rapickusve Ister, vel naviker Albis.
At mihi prae multis regio gratissima, Lanus Parvaque qliam Viseca rigant, habitata colono Hassiaco, eulmen Taunus qua quercifer altum Elevat, et densis assuevit condere nimbis.
Qua tollit veteres Cleiberga ad sidera muros,
Qua Fezbergiacae cernuntur relliquiae arcis,
Et Koenigsbergae candentia moenia late,
Conditaque in summa, Solmana palatia rupe,
Et navis cui forma dedit sua nomina monsque, Teutonicorum equitum sacra domus alta conortis.
Hos inter montes media in convalle patenti Qissa jacet, dives pratis atque ubere terrae,
Circuitu non ampla quidem, sed amoena virenti Pfanilie atque auras Korea purgante salubris ...
Gegenüber anderen, so meint Senckenberg in diesen Versen, denen die Rheinufer, die Donau oder die Elbe besser gefallen, ftnde e r am anziehendsten die von Lahn und Wieseck betvässert« Gegend. Im offenen Tal zwischen Gleiberg, Vetzberg. Königsberg, Hohensolms und dem Schisfenberg, „dem seine Gestalt den Namen gab," liegt Gießen, reich an Wiesen und fruchtbarem Land, nicht groß an Umfang, aber lieblich in grüner Ebene und gesund, weil der Nordwind die Lüste reinigt. . . Den Schluß des Gedichtes bildet dann ein Lob des angenehmen Lebens in dieser Stadt und der Wunsch, os möge ihm vergönnt sein, dort seinq Tage zu beschließen.
Man sieht, es ist hier, wie in fast allen erwähnten Beschreibungen, übrigens auch in denen, die ich der Kürze halber nichih herangezogen habe, die Umgegend, deren Schönheit Lob gezollt wird. I n der Stadt sind es in der Regel nur einige hervor- vorragende Bauwerke, meist öffentliche, die rühmend genannt werden. Nur einer, Dieterich, spricht ausdrücklich auch von den Privathäusern der Bürger.
„De Häuser der Stadt Gießen," sagt er, „geben keinen spanischen Ueberm'ut oder italienische Pracht zu erkennen, sondern sind niedrig, von Holz, mit Leimen und Kalk beworfen Und mit Ziegeln gedeckt, haben aber doch wegen der alten Bauart ihr Ansehen. Dies gereicht auch der .Stadt so wenig zur Unehre, als es Wittenberg dazu gereichte, welches. . . bevor es eine Universität worden, leimerne und mit Stroh gedeckte Häuser hatte. . ." Wir können uns aber auch von .Gießen versprechen, daß es schön wird, wenn die Einwohner fort fahren: teils neue Häuser zu bauen, teils die alten zu verbessern. Das war 1613. 1750 bestätigt Rambach, daß man die von Aeterich gewünschten Fortschritte beinerken könne.
Sehen wir nun zu, was wir vom alten Gießen noch wisset können.
Von der alten Burg, einer an der Stelle deS jetzt Färber Wallenfelsischen Grundstückes und seiner Nachbarschaft gelegenen Wasserburg, sah Winkelmann noch die Mauern mit dem Umgang und den Schießlöchern. Wahrscheinlich >var dies der östliche Teil der Umfassungsmauer, der vor der Hinterfront unserer Stadlkirche Herzog. Sichtbar sind heute noch Teile der West- und Nordmauer, auf denen das alte Wallenfelsische Wohnhaus steht. Dessen N o r d- westecke bildete zugleich die der Burg, über deren Süd westecke sich das Pfarrhaus der Matthäusgemeinde erhebt. De nördliche Umfassungsmauer setzte sich nach dem Ergebnis der Ausgrabungen des Jahres 1908 vom Wallenfelsischen Hause in der Richtung cr«f das Hostor fort, wo sie mit der östlichen zusammenstieß. Diese lies imrch den Stall, wo sie noch gesunden wird, unter dem früher Knollschen Hause hin und traf in dem Nollschen Höschen am Burggraben aus die vom Pfarrhaus kommende Südmauer. So entstand ein annähernd regelmäßiges Reck>teck. Der Bergfrit ist mit großer Wahrscheinlichkeit in dem ganz von mächtigen Steinen und Mauerresten angesüllten vorderen Teil des Wallenfelsischen Hofes zwischen Eingaugstor und Stall zu suchen. Als äußere Umfassung der Burg nimmt Freiherr G. Schenk zu Schweinsberg eine eirunde Mauer an, die im Westen und Norden dem Lauf des Stadtgrabens folgt, im Osten hart an der Rückseite der Stadb- kirche vorbei durch den Turm hindurch und dann, die Kirchstraße überschreitend, hinter den Häusern des Marktplatzes bis zur Gasse „am Burggraben" zieht. Dort wendet sie sich im Bogen üm das „Cafe Ebel" herum zum Stadtbach. Die Eingangstvre der Burg besanden sich im Zuge der Kirchstraße, das äußere neben dem Turm, das innere an der Ecke der Zigarrenfabrik Noll. Gelegentliche Mauerfunde und die gerade Richtung der Hinterfronten der Marktplatzhäuscr, zwischen denen und der Umfassungsmauer der Burggraben zog, bestätigen rm allgemeine» die Schenksche Annahme.
(Schluß folgt.)


