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Und schon griff Gerda nach dem Briese, um es zu'machen wie einst ihr Vater. Aber da zögerte sie doch wieder. Jener .Abend siel ihr ein, bei Laruns. Hätte sie denn nicht mib eigenen Augen gesehen?
So schwankte sie, bis sie doch einen Entschluß faßte: Mein, sie wolltemicht urteilen, nicht verurteilen, ehe sie Heinz selber gehört hatte. Aber den Brief hier vernichtete sie doch nicht. War er eine Verleumdung, dann konnte er Heinz vielleicht eine Handhabe bieten, um dem Täter auf die Spur zu kommen und ihm sein Handwerk zu legen.
Und sie barg den Brief in ihrem Gürtel.
Endlich hörte Gerda ihren Mann kommen. Sie ging schnell und öffnete eigenhändig, ehe Jean von hinten aus dem Dienerzimmer kam.
Heinz war erstaunt.
„Du? Ist Jean denn nicht mehr aus?"
„Doch, aber ich muß dich einen Augenblick sprechen — ganz ohne Zeugen."
„Nanu, was gibt's denn?"
Die Brauen hochgezogen, sah er zu ihr hin, während er den Pelz ablegte.
„Nicht hier — bitte drinnen, in deinem Zimmer."
„Gut, gut. Aber die Chose wird ja immer geheimnisvoller,"
Sie erwiderte nichts, sondern ging ihm voraus. Als sie drinnen allein waren, bei verschlossener Tür, und er Licht gemacht hatte, trat sic vor ihn hin und gab ihm den Brief.
„Hier — lies das."
Er nahm das Schreiben. Ihre Augen hingen an ihm. Nun ein Aufzucken in seinen Schläfen, und em Aufstampfen des Fußes.
„Lumperei, erbärmliche!"
Es wollte sich ihr ein Stein von der Brust wälzen.
„Alles Lüge, — Heinz — nicht wahr?"
Seine Stirn faltete sich schiver. Er hob die Augen nicht von dem Brief, und so antwortete er endlich langsam:
„Das will ich damit nicht gesagt haben."
^Also doch wahr?"
Wie ein Schrei drang es plötzlich durch den stillen Raum. „Ja!"
Und er legte jetzt den Brief mit einem entschlossenen Griff zusammen. Seine Augen richteten sich auf sie, mit einem Ausdruck des Trotzes.
Gerda stand eine Weile, wie betäubt von einer unerhörten Mißhandlung. Nicht anders, als ob seine Faust sie ins Antlitz getroffen hätte.
Der Anblick weckte ihm da Mitleid und ein Schuld-! gefiihl.
„Gerda —'", und er hob leise nach ihr die Hand.
Aber da schreckte sie zusammen wie vor der Berührung eines Bresthaften; ihr Blick traf ihn mit eisiger Kälte, »nb nun kehrte sie sich von ihm ab. Sie verließ ohne ein Wort das Zimmer.
Heinz Keßler blieb unbeweglich, Gr starrte finster vor sich hin, die Arme verschränkt.
Bis eS an die Tür klopfte.
Nun gab er sich wieder Haltung. Jean kam und wollte melden, daß aufgetragen sei. Aber Keßler winkte ihm schon beim ersten Wort ab.
„Der gnädigen Frau ist nicht gut — und ich habe! schon etwas genomrnen. Lassen Sie also nur wieder ab^, tragen. Nur ein Glas Wein bringen Sie mir her."
So saß Heinz Keßler eine geraume Zeit allein in seinem Zimmer, den Kops in die Hand gestützt.
Heinz Keßler ging in das gemeinschaftliche Schlaft zimmer hinüber. Gerda war auch hier nicht. So weilte sie wohl noch drüben in ihrem Zimmer. Langsam, wie zögernd, begann er sich! zu entkleiden. Aber dann wars er doch noch einmal die seidene Joppe seines Pyjama über Und schritt durch die Räume bis zu ihrem Zimmer. Er drückte aus die Klinke, aber die Tür öffnete sich nicht —| zugeschlossen von drinnen.
Abermals ein Stutzen bei ihm, dann rief er halblaut ihren Namen.
Ein leises Geräusch drinnen, das Knistern ihrer Ge- ivänder — aber für ihn keine Antwort.
Da kehrte er kurz um. Dumps flog hinter ihm die Tür inS Schloß.
»
Gerda verbrachte die Nacht auf ihrem Zimmer in ihren Kleidern. So erwartete sie das Anbrechen des Morgens.
Da toürde sie handeln. Klar sah sie jeden Schritt vor sich.
Endlich war die späte Winterdammerung da. liehen nächtig und fröstelnd machte sie sich nun ein wenig im Fremdenzimmer zurecht, und bald nach acht verließ si« schon das Haus. Sie fuhr zu Petersens ins Hotel.
Astrid lag noch in tiesem Schlaf, als nebenan im Salon das Stubenmädchen anklopste und ihr den Besuch der Schwester meldete. Eilends sprang sie aus dem Bett, schlüpfte er in die notwendigsten Hüllen und kam nun iw ihrer Matinee in den Salon, wo Gerda wartete. Ganz! erschrocken rief sie nach dem ersten Blick aus das ühe.r-i wachte Gesicht der Schwester:
„Mein Gott, was ist denn geschehen?"
Da gab ihr Gerda mit starrer Ruhe Antwort:
„Ich bin fortgegangen von meinem Manne," ^
Sie erzählte ihr, was geschehen war.
„Aber das ist ja schrecklich, Gerda I"
Astrid schmiegte sich an die Schwester mit herzlichste« Teilnahme. Dann sagte sie:
„Nun willst du einstweilen hier bei uns bleiben, nicht wahr? Ich halte es ja auch für richtiger so, bis du dt« Sache verwunden hast. Aber wie macht man das nun ans besten mit Heinz . meinst du, daß zunächst vielleicht! einmal Klaus zu ihm geht?"
Gerda, die wieder wie teilnahmlos vor sich hingeblickt hatte, sah jetzt auf:
„Was soll Klaus da?"
„Nun, ich dachte nur so — daß sich doch mal einer von un? mit ihm ausspricht."
„Aussprechen? Wozu das? Mr wissen doch beide seit gestern abend, woran wir miteinander sind."
„Gerda! Du denkst doch nicht etwa —,?"
* „Gewiß denke ich daran. Nach dem, was geschehen^ gibt es für eine Fra», die sich achtet, nur diesen einen Weg."
„Scheiden willst du dich also lassen?"
Astrid machte eine Gebärde des Erschreckens. Dann griff sie nach der Hand der Schwester.
„Gerda, ich bitte dich inständigst, tu keinen übereilten Schritt!"
Aber die junge Frau machte sich frei.
„Ich habe eine lange Nacht hinter mir, ohne eine Ai!i« nute Schlaf. Da Hab' ich Zeit genug gehabt, alles zu über-, denken. Und mein Entschluß ist gefaßt — unwiderruflich: ich fahre nach Hause zurück, noch heute."
„Um Gottes willen, Gerda! Das wäre ja der volle, unheilbare Bruch zwischen dir und deinem Männe. Da» darfst du nicht! Höre auf mich."
Doch Gerda beharrte auf ihrem Entschluß.
„Ich fahre mit dem nächsten Zuge. Ich bi» nur Herste-- kommen, um dir das Geschehene mitzuteilen. Und noch ein« Bitte Hab' ich an dich. Ich bin von Haus weggegangen, wit du mich vier siehst. Bitte, geh' nachher — nach elf, wo Heinz ja immer schon aus dem Haus ist — zu mir, u(nä pack mir zusammen, >vas ich für die nächste Zeit brauche. Willst du mir den Wunsch erfüllen?"
„Natürlich, Gerda. Aber — ich kann's ja* noch immer nicht fassen!" ,
Gerda fuhr in festem Entschluß fort:
„Wenn ich nicht irre, geht der Zug, mit dem ihr damals nach Haus suhrt, etwa um diese Zeit. Vielleicht bekomm' ich ihn also noch. Habt Ihr nicht ein Kursbuch da?" „Ja, ich glaube — es ist wohl drinnen bei Klaus."
„So tu mir den Gefallen und sieh gleich einmal nach." „Wenn du denn mit aller Gewalt willst —" und Astrid! ging bekümmert zu ihrem Mann ins Schlafzimmer.
(Fortsetzung folgt.)
Alt-Siehen.
Bon Oberbibliothekar Dr. Karl Ebel.
(Fortsetzung.)
In der chronologischen Reihenfolge mache ich jetzt einen kleinen Sprung bis in die Zeit der Romantik. Damals studierte in Gießen ein junger Mediziner, C. Fenner mit Name», den die Stadt zu einem Gedicht in zwei Gesängen begeisterte. Es erschien 1818 in Kommission bei G. F. Heyer, dem bekannten Gießenee Buchhändler. Im Vorwort sagt der Verfasser: „Nicht mit Unrecht muß Gieße» und seine Umgebungen in gewisser Hinsicht jeden, Forscher de« Geschichte seines Vaterlandes und jedem Freunde der Natur einige


