Dkfisierstöchter.

Roman von Paul Gr ab ein.

(Nachdruck verboten.)

g,

(Fortsetzung.)

Die Schwester brachte eine große Neuigkeit von Haus mit Achim, Ediths Verlobter, hatte durch Verwendung wohlwollender Vorgesetzter eine sehr ehrenvolle Dienst­stellung im Auslano bekommen, als Instrukteur in der türkischen Armee, mit dem Range eines Hauptmanns, bei einem recht ansehnlichen Gehalt. So konnten denn, durch diesen unvorhergesehenen Glückssall, die Verlobten schon setzt heiraten. Denn, wenn Achim nach drei Jahren wieder ln preußisch»« Dienste zurücktreten tvürde, war ihm ja auch hier der Rang eines Hauptmanns, seinem Dicnstalter nach, ewiß. Edith war so einsach glücklich. Die drei Jahre in er Fremde inachten ihr nichts. Würde sie doch endlßch mit Achim vereint sein So sollte denn baldigst die Hochzeit gefeiert werden, denn Achim mußt« seine Stellung in kürze­ster .Frist antreten.

Diese frohe Botschaft Astrids brachte in Gerdas ver­düsterte Seele wieder etwas Lichp. Uebcrhaupt war die Anwesenheit ihrer Schwester für sie eine Wohltat. Sie zog sie von sich selbst ab. Den ganzen Tag war sie ja mit Astrid unterwegs, bei ihren Einkäufen, bei der Schneiderin, beim Photographieren, beim Warenhausbummel und abends ivar Klaus der Dritte im Bunde. Ihr Mann war

t a durch sein allabendliches Austreten hinlänglich entschul- igt. lind es war Gerda nur lieb. So trug nichts einen Mißton in ihr Zusammensein, bei dein sie wenigstens für Stunden ihr Leid vergaß.

Auch heute abend waren sie so miteinander gewesen, atten im Eispalast gemeinschaftlich gegessen und dem unten Treiben druntn in der Eisarena zuaeschaut. Dann hatten Pcdersens Gerda heinigefahren, und diese stieg nun allein die Treppen zu ihrer Wohnung empor.

Es war erst kurz nach elf und Heinz noch nicht zu Hause. So wollte sie denn, nachdem Jean ihr beim Ab­legen behilflich gewesen, in ihr Schlaszimnier treten, als sie im Borübergehcn am Spiegel der Garderobe auf der Präsenticrschale einen Brief bemerkte.

Sie griff danach und sah nach der Aufschrift. Für sie, und sie öffnete.

Eine unbekannte Frauculpindschrist aber kaum hatte fie einige Worte gelesen, da verfärbte sie sich. Doch im nächsten Moment faltete sie den Brief mit schneller Fassung zusammen Jean stand ja noch hinter ihr. Und sie ging an ihm vorbei in ihr Zimmer. Dort stürzten sich ihre Augen auf die Schrift. Sie las:

Sehr verehrte Frau!

Sie werden sich wundern, diese Zeilen von einer Ihnen Gänzlich Unbekannten zu erhalten, aber der Inhalt meines

Schreibens wird meinen ungewöhnlichen Schritt rechtfer­tigen. Ich habe Ihnen eine Sic angehende wichtige Mtt- teilung zu machen.

Ihr Mann hintergeht Sie schon seit langem mit Fräu­lein Molnar. Es ist im ganzen Theater ein öffentliches Geheimnis: nur Sie allein wissen offenbar nichts davon. Darum halte ich es für meine Pflicht, Sic davon in Kennt­nis zu setzen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie das tut, betrogen zu werden in voller Ahnuirgslosigkeit. Wir Frauen müssen daher zusaminenhalten in solchen Fällen.

Verzeihen Sie mir, sehr verehrte Frau, wenn lch Sie mit dieser Nachricht beunruhige, aber cs ist zu Ihrem Besten. Hochachtungsvoll

eine Kollcgenfrau."

Gerda lvar jeder Blntstropsen aus dem Antlitz ge- wichm. Eiskalt Ware» ihre Glieder. So blickte sie unver­wandt auf das Schreiben in ihrer Hand.

Also das war es. Nu» verstand sie mit einem Mal alles: fein ganz verwandeltes Wesen gegen sie, das keinen Versuch der Annäherung mehr machte, und sein ständiges Fernbleiben. Betrogen! Schmählich verletzt in ihrer Frauen- chre.

Und es schüttelte sie plötzlich >vie ein wilder Krampf. Das ihr ihr!

Ihre Rechte, die den Brief noch immer hielt, ballte ihn zu einein Knäuel und schleuderte ihn zu Boden, in »lnaussprechticheni Abscheu.

Doch nach diesem ersten leideuschafklicheu Ausbruch ard sie ruhiger. Die Ucbcrlegung kehrte ihr zurück.

Sie hob den Brief »vieder aus und glättet« ihn. Und» wie so ihr Auge die Zeilen noch einmal durchging, glaubt« sie zu sehen, daß die Schristzügc etwas Gekünsteltes hatten. Offenbar war die Handschrift verstellt. Da ließ sie dasj Schreiben aus ihren Fingern auf den Tisch gleiten wie etwas Widerwärtiges.

Warum nicht osfeu, mit vollem Rainen, wenn es Wahr­heit war und so offenkundig, wie da behauptet ivurde? Wer sich hinter Anonymität versteckte, hatte wohl eben das Licht zu scheue».

Und Gerdas Miene >vard verächtlich. Ein Moment aus ihrer Mädchcnzeit siel ihr plötzlich ein. Da war auch ein­mal a» den Vater ein solcher Brief gekommen, mit allerlei Klatsch über die Frau eines seiner Hauptleute. Aber er hatte cinfack» das Schreibe» schweigend zerrissen und ins Feuer geworfen.

Daran mußte sie jetzt denken, und es kam alsbald über sie. Eine vornehme Regung und zugleich wie eine Beschä­mung: Sic, die Tochter, verurteilte auf eine solche bloße Deuunzialiv» hin? Als ob sie nicht wüßte, daß beim Theater Klatsch und Mißgunst üppiger wucherten als sonst irgendwo! Wenn nun alles nur eine boshafte Anzettelung war, von irgendeiner räukevolleu Person, die der Molnar Ungelegen- beiten bereiten wollte?