244
dafür nur geringen Ersatz. Jmmerlwn sind >vic auch dankbar für allgemeine Bemerkungen, die den Charakter der Stadt erläutern.
Nächst Dieterich beschreibt Stephan Ritter aus Grünberg in seiner 1619 erschienenen Oosmograpliia prosometrica die Stadt. Ihn beschäftigt hauptsächlich die Universität, deren Gründung er in einem längeren Gedicht in lateinischen Hexametern besingt. In der Prosaeinlrituiig sagt er:
aedikieiaque nova professoruin maximis suinptibus et exqui- sito artificio extructa urbis faciem plurimum ornant.
Zu deutsch: „Neue Gebäude der Professoren, mil groben Kosten und ausgesuchter Kunst erbaut, schmücken fehl das Aus sehen der Stadt."
Im übrige» druckt er einfach einen Deck der Tieterichschen Beschreibung ab.
Sodann weist W i n ke l ni a n n , ein Gicstener Kind, vieles zum Lobe der schonen Gebäude in seiner Vaterstadt zu sageu. Er kannte noch die alte Burg hinter der Stadtlirche, diese selbst, die kurz vorher erheblich erweitert worden war: das damals noch neue Kollegienhaus am Brand: das stattliche Zeughaus: die kunstreiche Rostmühle aus dem Brand und vor allem die Festungstverkc, die vor nicht langer Zeit erst Landgraf Georg II. bedeutend verbessert hatte. Auch die Friedhosskapelle crlvähnt er, und in uird aus;er dem Haus viele schöne Ndclicher und Gelahrter Epitaphi« und Grab- schrrften.
Daniit will ich genug von den Schilderern Gießens geredet haben und mich zu den „Dichtern" wenden.
Der erste, der Gießen besang, tvar natürlich ein Lokalpatriot, ein Einheimischer. Er hieß Johannes Hartmann Laugsdorff und besuchte die Schule in Wetzlar. Beim Herbstcxamen 1713 trug er ein selbstvrrfaßtcs lateinisches Lobgedicht au! seine Vaterstadt vor, beiläufig neun Quartseiten Hexameter. Da zählt er nun alle Schönheiten auf. Vom Kollegiengebäude sagt er:
kkuic adstructa vieles Collegia Pi Ludovici Queis Palmam da! sponte sua Germania tota,
Regia enim structura ornamentoque relucent.
Zu deutsch: Diesem (Schloss) siehst Du angebaut des frommen Ludwig Kollegienhans, dem freiwillig ganz Deutschland die Palme reicht, denn königlichen Bau und Schmuck strahlt es zurück.
Von den Häusern der Stadt:
Nec non per cives domibus decorata*) politis
(Und auch von den Bürgern ist die Stadt mit geschmackvollen Häusern geziert worden.)
Von der schönen Lage:
IKullus in orbe locus Giessä praelucct amoena.
(Auf dein ganzen Erdkreis überstrahlt kein Ort das liebliche • Gießen.)
Sein Hhmnus gipfelt schliestlich in den begeisterten Worten: Pauris: Patria Giessa -est urbs dignissima laude.
(Krrrz: Gietzen ist die des Ruhmes würdigste Stadt.> Weitere Proben will ick mir ersparen.
----- (Fortsetzung folgt.)
•) sdl. urbs. _
vermischte».
DBK. Ersatz. „Niemand ist unersetzlich", heißt es, wenn einer stirbt. Und über eine Weile ist er auch ersetzt. Das ist ganz in Ordnung so. Immerhin, er mußte vorher sterben, daß man ihn ersetzte. Tic Dinge aber, welche uns umgeben, und mit welchen wir gut
E reund sind, die werden vorher schon ersetzt. Bei ihnen wird nicht ngc gewartet, bis sie auch gestorben sind. Nach tvie vor sind sie bereit, uns gern zu dienen. Aber da schlägt ihnen eines Tages die Hausfrau die Türe vor der Nase zu: „Was? Butler? Ich brauche keine Butter mehr - ich nähme von jetzt ab Butterersatz." — „Was Kaffee? Ich brauche keinen Kaffee mehr — ich nehme jetzt Kassee Ersatz." — „Vanille? Fort damit, ich nehme Banlllin." — „Geht nur weiter, Eier — ich nehme jetzt ein Eüveißpraparat." — Bald wird es in der Küche nichts mehr geben, toas nicht ersetzt wird. Ich bin sicher, wir tverden eines Tages Kunstsemmeln zum Früh stück vorgesetzt bekommen. Und wie lange wird es dauern, dann regiert die Kunstmilch! Kuustzucker, glaube ich, ist auch schon «nterwegs. Kunstrindfleisch schwimm, ja schon seit langem als fottott in unfern Suppen. Aus Tuben, wie sie früher nur die Maler brauchten, preßt man heute schon die sonderbarsten Würste, will sagen Präparate, auf die Butterbrote: Kunstmatzonnaise. KUnstanchovispasta, Kunstsardelleubutter — auch eine Art „Ausdruckskultur" unserer Zeit. — Ja, ja, die Hausfrau, sagt ihr. Mit Verlaub, die Hausfrau hat nickit angefangen mit Ersetzen. Die Männer haben cs ihr vorgemacht. Oder waren es nicht Männer, welche erstmals Alabaster durch den Gips ersetzten? Und weil Gips doch immer noch natürlich ist, nach Gips den KunstaipS brachten Und waren es nicht wieder Männer, welche Kunststein fabrizierten, Kunftmarmor au) de» Baumarkt ivarfen »nd unseren Waschtisch, der ans gutem, echtem Holz war, mit gestrichenen Marmoradern fürchterlich ver- hu - ich bitte um Entschuldigung: veredelten, natürlich! — Umwertung aller Werte hat einuinl ein Großer als die Forderung der Zukunft hingestcllt. Und das Echo, welches seine Stimme in den Massen ivachrief, hieß: Ersatz. Neulich bin ich ordentlich
erschrocken, als ich in der Zeitung lesen inußte: „Ersatz Barbarossa". Um Gottes willen, dachte ich, jetzt greift der Herr Ersatz auch schon in dir Vergangenheit, und nun krempeln sic am Ende auch den alten Barbarossa um! Aber nein, es handelte sich nur nm ein Panzerschiff. Daun hörte H> von einem 1 , welcher eine Jacht besaß. Tie hieß er „Freundschaft". Das war schön von ihtn. Slber als die Freundschaft nicht mehr recht nwdern war, kaufte er sich eine neue Jacht, die „aiurtc er „Ersatz Freundschaft". Spaß, sag, ihr, es ist ja nur ein Schiff. Ich tvollte schon, ihr hättet recht. Aber ich fürch.e, daß „Ersatz Freundschaft" mehr alS ein Schift ist, und daß die „Ersatz Begeisterung" und dw „Ersatz Liebe" ihr auf dein Fuße folgen toird
* Seine Ang st. Jni Cafe iverde» nuheimliche Gejchich-
ten vou Fäll«, von 'Scheintod und Starrkramp) erzählt. Einer berichtet, er habe eine Dance gekannt, die man für tot hielt und die dann während der Totenfeier in der Kirche durch die Gesäuge erwacht sei. Eiucu Augenblick entsteh! ein bekloimueues Schweigen: daun hört man durch die Stille einen der Anwesenden selbstvergessen vor sich hinmurmeln: „Wenn meine
Schwiegermutter stirbt, lasse ich eine „stille Messe" lesen. . ."
* Ausgezahlt. Ein Millionär wollte nichts von der
Heidenmisjion wissen. Als nun am Sonntag i» der Kirche die .Kollekte zum Besten der Mission umgeht und der Kirchendiener auch zu ihm kommt, schüttelt der Millionär den Kops. „Ich gebe nie etwas für die Mission," flüstert er. „Tann uehmen Sie sich etwas aus dem Beutel, Herr," flüstert der Kirchendiener zurüa und reicht ihm den Beutel hin „Das Geld ist ja für die Heiden!"
vüchertifch.
— D ie Schaubühne, herausgegeben oon Siegfried Jacobsohn, enthält in der Nr. 16 ihres zehnten Jahrgangs: Das erotische Problem bei Heinrich Mann. Bon F. M.Hnebner: Scheiterhaufen. Bon S. I.; Die beide» Höslick>s. Von Kurt Tucholsktz: Christian Morgenstern. Ban Julius Bab: Briefe von Wilhelm Busch: Notre Dame. Von Paul Stefan: Das dreSner Albertlheater: Scharlach. Von Alfred Polgar: Antworten: Nicht! Noch nicht! Bon Theobald Tiger: Bnfch-Briefe. Bon Peter Panter: Aus der Praxis. - Die Schaubühne kästet 40 Pfg. die Einzelnummer, 3.50 Mk. vierteljährlich, 12 Mk. jährlich, Probe- ninnmern gratis und franko durch alle Buchhandlungen und Postanstalten sowie dnrch den Verlag der Schanbülme, Charlottenburg, Dernburgftraße 25. Der Verlag ist auch bereit, neuen Interessenten aus Wunsch die Schaubühne einen Monat lang zur Probe gratis und franko zu liefern.
— Peter Rosegger, Gesammelte Werke. Vom Verfasser neubearbcitete und »eueingcteilte Ausgabe. 40 Bände in vier Abteilungen zu je zehn Bänden. Jeden Monat gelangt ein Baich zur Ausgabe. Jeder Baud geschmackvoll gebunden 2.50 Mk. (3 Kronen', in Halbpergament 4 — Mk. (4.80 Kronen). Einzelne Bände werden nicht geliefert. Verlag von L. Staackmann in Leipzig. Soeben erschien von der zweiten Abteilung Baud 11: Waldhetmat 1 (Das WaldbauerubübeO. Die soeben zur Ausgabe gelangende zweite Abteilung der mit so großem Beifall aufgcnom,neuen Neuansgabe der Roseggerschcn Werke eröffnet der erste Band des Hauptwertes des Dichters „D icWaldheima t". Diese in der Literatur aller Zeiten und Völker wohl einzig dastehende Sammlung, die in allen bisherigen Ausgaben nur zwei Bände umsaßte, hat der Dichter hier erstmalig auf vier Bände erweitert. Der vorliegende elfte Baud bringt den ersten Teil der Erinnerringcn ans der Jugendzeit: Das Waldbauern- bübel. Peter Rosegger erzählt hier von seinein Werden und Wachsen. Bon de» Äueu, auf denen der Waldbauerubub di« Schafe geweidet, von den Feldern, über die er den Pflug geleitet, oon der Arbeft seines Vaters und der Sorge seiner Mutter, von dem Kunimer und den Lasten des Tages. Lachenden Frieden bringt diese „Waldheiniat", umwoben vom grünen, heiligen Schleier des Waldes.
Gleichklang-Lharade.
DaS Erste lockt als mächtigster Viag et,
Ob reich, ob arm, ein jeder »röcht' es haben. Manch' wackre Schar darriach iu§ Ausland geht. Die Zrvei unb Drei sich dort »iir selbst zu graben.
Doch weil» Vas 6'liick den Zwei-Drei eiiiinal Iviei Aul rechten Bahnen zu de? Ersten Glanze,
Wer zeatrierschiver das irernde Land verließ:
Ter hat sein Ziel erreicht, der rvar das Via»;». Auslösnng in nächster Nummer.
Aiislüsung des magischen Dreiecks in voriger Nummer: E U E ß S P. A R T E R Z R T 8
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'fchen llmversitälr-Buch- und Steindruckeret, R. Lange, Gießen


