Ausgabe 
20.4.1914
 
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ui Ungunsten der elfteren ausfaklen kann In kleinen Orten mit halb ländlichen, Charakter erhält sich das Alte verhältnismäßig besser als in einer ausstrebenden Stadt mit modernen Perkehrs­formen, die ihre Opfer fordern. Reiche Burgergeschlechter, deren, inonumentalc Wohn- und Geschäftshäuser diesem Prozeß erfolg­reichen Widerstand hätten leisten können, hat es hier kaum gegeben. Vielleicht hängt der Mangel an Pietät sür das Althergebrachte gerade mit diesem Umstand zusammen. Aber auch eine selbstbewußte Sckstitzung des Eigenen müssen wir schmerzlich vermissen.Das ist nicht weit her/' ist die stehende Bezeichnung sür Minderwertiges; was aus heimischem Boden erwachsen ist, hat keinen Wert. Den vergangenen Generationen kann ich diesen Vorwurf nicht ersparen. Wie hätten sie sonst dulden können, daß man die alte Pankratius-- kirche, einen verhältnismäßig stolzen gotischen Bau, beseitigte, statt sie stehen zu lassen und eine neue Kirche pn eine anderst Stelle zu setzen! Wie konnte das alte Kollegienhaus am Brand, ein Erzeugnis edler Renaissance, durch die entsetzlicheZigarren­kiste" ersetzt werden! Das Märchen von der Bausälligkeit war hier wie bei der Kirche entlveder nur ein Vorwand oder doch mindestens eine sträslichc Gedankenlosigkeit. Auch die alten Festungstürmc und die alte Neustädter Stadtpsortc hat man pietätlos weggerissen, und was gäben wir heute darum, wenn wir diese Zeugen einer nicht unrühnilichen Vergangenheit, die Zeugen einer Zeit, in der Gießen das stärkste Bollwerk der alten Landgrafschast war, noch besäßen! Nie und nimmer wären sie Hindernisse des Verkehrs geworden, ebensowenig wie in anderen Städten, die ihre alten. Türme zum unschätzbaren Vorteil des Stadtbildes pietätvoll er­halten haben. Wer ein Geist des Hasses gegen das Alte schien die Bürgerschast zu beseelen, ©in höchst mangelhaftes Interesse der Regierrlng sür die Hauptstadt deshessischzen Sibiriens" konnte nicht als Korrektiv wirken. Es schien, als hätte man nicht schnell genug die letzten Reste des Gürtels vernichten können, der drei Jahrhunderte lang die kleine Stadt umspannt hatte. Und doch kann er kaum allzu eng gewesen sein. Denn^wie lange hat es noch gedauert, ehe vor den Toren wirUich neue Stadtteile zu erwachsen begannen! Die Süd-Anlage ward erst in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zurNeuen Anlage". Ost-Anlage und die östlich von beiden gelegenen Straßen sind ganz jungen Datums, lieber die Neustadt hinaus ivurdc früher überhaupt nicht gebaut, und nur vor dem Walltor und dein Selterstor. streckte die Stadt schüchterne Fühlhörner aus. Wenn im Interesse künftiger Aus­dehnung Wall und Graben selbstverständlich verschwinden mußten, mit der Beseitigung zweifellos malerischer und künstlerischer Bau­werke hätte man es nicht so eilig zu haben brauckien. Aber auch gesetzt den Fall, man hätte damals die crsorderliche Einsicht be­sessen, ganz gewiß wäre die Unterltoltung der Gebäude zur Streit­frage geworden, bis zu deren Austrag sich bei ihnen der in Gießen wohlbekannte Zustand derKrachenburgen" entwickeln konnte.

Man riß also weg, was irgendivie im Wege zu sein schien, und nicht nur össentlichc Gebäude Wie groß die Gefahr sür unser stolzestes Bürgerhaus, die alte Hirschapolheke am Markt, gewesen ist, das hat nian erst kürzlich in denGießenee Familienblättern" (1914 Nr. 27) lesen können. Was uns allein n!och so ziemlich nicht unversehrt erhalten geblieben ist, find unsere Straßen- züae Aber auch sie sind gefährdet. DieSchaffung von Licht und Luft" ist i» der Oefsentlichkeit zu einem verhängnisvollen Schlagwort geworden. Um nicht mißverstanden zu werden, will ich ausdrücklich betonen, daß selbstverständlich die besten gesund­heitlichen Verhältnisse geschaffen tverden müssen. Aber dabei können wir den Grundcharakter der Straßenanlage nicht ändern, ohne unsere Eigenart zu vernichten. Die aber müssen wir unter allen Umständen erhalten. Breite, gerade Straßen kann jede beliebige Stadt bauen, unsere ivundervollen Straßcnbilder sind unser Eigen­stes. Man vergleiche den älteren Teil des Selterswegs mit dem neueren, etwa von der Wolkengasse an. Welcher der charakterlose von beiden ist, wird jeder sofort herausfiuden. Die eigenartigg Schönheit unserer Altstadt offenbart sich besonders gut zur Nacht­zeit. Ich kenne viele Fremde, denen das ausgefallen ist, und die mit großer Freude diese altertümliche Bauweise genossen haben. Hier ist ein Punkt, an dem eingesetzt werden kann, un, den FrenHen- verkehr zu heben. Man täusche sich nicht: Der moderne Mensch beginnt wieder seine Blicke nach dem Wien, Traulichen zu richten, das ihm Ruhe und Erholung von der Unrast des Tages verspricht. Da werden altertümliche Städte zu Anziehungspunkten für Durch­reisende und für solche, die sich zur Ruhe setzen.

Wenn aber nun doch einmal weggerisscn werden muß, dann darf es nicht geschehen, ohne daß man mindestens Gleichwertiges an seine Stelle setzt. Oft kann man die Beobachtung nmchen, daß einer nur so lange sürLicht und Lust" schivärmt, bis er selbst ein Geschäftshaus im Inneren der Stadt neu oder umbauen will. Dann kann er seine Stockwerke nicht hoch geimg zum Himmel führen, ob er gleich den Nachbar damit erdrückt. Hier sollte jeder lernen, vernicintliche Vorteile nicht auf Kosten des Nachbarn und d«S ganzen Gemeinnwscns zu suchen.

Schauen nur uns jetzt die Stadt genauer an.

Was von Alt-Gießen den meisten bekannt ist, ist wenig Rühm­liches. löaukhardt, Bahrdt, Crome u. a. bis herab zu Karl Vogt haben uns das Städtchen geschildert als schmutziges sumpfiges Nest, ohne lebendiges Wasser, ohne gute Lust, die angeblich durch die hohen Wälle abgchalten wird. Enge, krumme Gassen voller Unrat. Kleine

häßliche Häuser, davor offene Misthaujen, die ungesunde Dünste verbreiten. Kurz eine Stadt, die auswärts wegen dieser Zustände geradezu verrufen ist. Eine Festung ist Gießen nur dem Namenach. Mauern und Wälle sind schadhaft. Sie würden auch nichts nützen im Ernstfall, da die anliegenden Höhen eine wirksame Beschießung erleichtern.

Daß das Leben in einem solchen Nest den einzige» Vorzug der Wohlfeilheit hat, ist kein ausreichender Ersatz sür alle diese Mängel.

Das Bild, das uns in diesen Farben gemalt wird, ist zweifellos der Wirklichkeit sehr ähnlich gewesen. Wir haben es ja noch selber erlebt, was man zu gewissen Zeiten an Schmutz hat ertragen müssen; erst der jüngeren Vergangenheit ist es gelungen, den Schmutz, den der fumpsige Untergrund unserer Stadt verursacht, wirksam zu bekämpfen. Auch die Wasserverhältnisse sind erst seit einigen Jahrzehnten einwandfrei gut.

Mer ganz so schlimm, wie es aus all den Stimmen, die Otto Büchner einst zusammengestellt hat, klingt, kann es doch nicht ge­wesen sein. Es gab doch auch Leute, die gerne in Gießen lebten, denen die Stadt etwas bedeutete, ja, die mit Entzücken von ihr sprachen. Es ist Tatsache, daß Alt-Gießen eine ganze Anzahl Lob­redner gefunden hat, die cs sogar in Versen besangen. Wenn mast allerdings von der Güte der Verse auf die Güte des Objekts schließen wollte, dann wüste es sür den Ruhm unserer guten Stadt besser, ich schwiege davon sein still. Dennoch will ich es wagen, auch einmal von denen zu reden, denen es bei uns gefallen hat, und die etwas für Gießens guten Ruf getan haben.

Da ist zunächst der alte D i l i ch, der, als er noch jung war, im Lande Hesse» herumzog und Städte, Städtlein und Bur­gen mit seineni zierlichen Griffel abkonterfeite. Er hat unserer Stadt ein größeres Bild gewidmet, das sich in seiner hessischen Chronica recht malerisch präsentiert. Ein anderes von diesem ver­schiedenes Bild findet sich in seiner Synopsis descriptionis totius Hassiae vom Jahre 1591.

Auch Abraham Saur von Frankenberg hat in seinem 1595 er­schienenen Ideatrum urbium, einem der ersten Reiseführer, Gießen erwähnt. Das Bild, das er beigcben wollte, ist aber durch folgendes Distichon ersetzt:

Daliter ostentat praetextas aggere fossas Giessa, per Hassiaoos nobile robur agros.

Also zeigt ihren Wall und rings Umfassende Gräben Gießen, die edelste jBnrg in den hessischen Gan'u.

Aber er fügt auch hinzu: Ehemalsist ein Heingraben umb- hero und, wie Man sagt, aufs dem Mdrkt so tieff gewesen, daß die Wagen bis an die Axen sehn eingegangen".

Der nächste, der Gießen im Bilde verewigt hat, ist allen wohlbekannt Matthacus Merian. Sein wunderbar klarer tmd übersichtlicher Stich, der jedoch eine geivisse Nüchternheit nicht entbehrt, ^eigt uns die Stadl, wie sie um das Jahr 1650 ausgesehen hat. Die Nüchternheit des Blattes macht cs uns um so wertvoller, als wir die historische Glaubwürdigkeit der Einzelheiten an Dilich und anderen (späteren) Bildern leicht nachprüsen können.

Von diesen ist es namentlich das Reulingsche Bild, das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden sich durch sein« treue Zeichnung und klare Farbengebung auszeichnet. Neuling war ein Gießencr Maler, der seine Kunst ziemlich handwerksmäßig aus­übte und sich mit seiner zahlreichen Familie recht und schlecht durchs Leben schlug.

Als die Festungswerke gefallen waren und Gießen als offene Stadt dalag, hat F. C. Reinermann, dessen Aquarelle von Städten der Lahn-, Main- und Rheinaegenden durch zahlreiche Stiche bekannt geworden sind, um 1820 auch ein Äquarellbild unserer Stadt geschaffen. Das Original ist Eigentum des Stadt­archivs und gegenwärtig in der Universitäts-Bibliothek ausgestellt. Seine zarte Farbenpracht und die Anmut der Zeichnung, die schöne Raumverteilung und die künstlerische Auffassung machen es zu einem hervorragenden Werk des Meisters.

Alle späteren Gesamtansichten sind fast ausschließlich Litho­graphien, meist unbekannter Herkunft. Das ist um so bedauerlicher, als sich unter ihnen Blätter von großer künstlerischer Schönheit befinden.

Zu den vorhin erwähnten Autoren gesellt sich noch Sebastian Münster, der in seiner Losmograpdia Gießen erwähnt. Aber die erste aussührliche Beschreibung der Stadt, zugleich ein Versuch, die ältere Topographie aufzuhcllcn, verdanken wir dcni Professor Kon- rad Dieterich, der im Jahre 1613 zu Untcrrichtszwecken seine Institutiones oratoriae drucken ließ und darin als Musterbeispiel der Anlage eines Vortrags die Beschreibung der heimischen Stadt gab. Dieser Aussatz und seine im Jahre 1771 vcrösfentlichtc Ueber- setzung und Erläuterung durch den Mag. R a n> b a ch d. I., der Lehrer am Pädagogium >var, ist die Grundlage unserer Kenntnis des alten Gießen geworden. Namentlich Rambach hat durch die sorg­fältige Nachprüfung der Ticterichschcn Angaben an der Hand damals noch erkennbarer Spuren und durch ergänzende Mitteilungen über damals noch vorhandene Bauten, Mauern und andere Reste eine Brücke geschlagen zu den Nachforschungen Ritgens und den neuesten Untersuchungen des Freiherrn Schenk zu Schweinsberg, so daß wir über die mittelalterliche Gestalt unserer Stadt heute im großen und ganzen unterrichtet sind. Freilich, über das Aussehen der Bauwerke, die heule verschwunden sind, wissen wir wenig. Das hätten uns nur oenaue Zeichnungen erhalten können; die Beschreibungen bieten