Ausgabe 
20.4.1914
 
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die Natureisbahnen waren heute eröffnet worden. Und die lachende Sonne lockte hinaus zu dem erfrischenden, frohen Sport draußen im Tiergarten.

Auch über Gerda war da ei» Sehnen gekommen, der Trübsal um sie her zu entfliehen. Das Schlittschuhlaufen war ihr früher in Ellerstedt ja immer die liebste Winter-t freude gewesen. Und so hatte denn auch sie heute den Weg zum Neuen Sec gefunden, gleich so vielen anderen, die einmal der Stubenlust entrinnen wollten.

Aber her Besuch der Bahn hatte sie stark enttäuscht. Wohl war da um sie her ein frohes Gewühl: Tausende von Menschen mit frischen, strahlenden Mienen, die sich nach den Klängen des Orchesters im Lause wiegten. Aber alles Paare oder größere Gruppen. Keiner lief für sich. Nur sie war sich selbst überlassen: sie allein war ausgenom-, men von dieser großen Fröhlichkeit.

Und nie war das Gefühl der Verlassenheit stärker in Gerda gewesen, als hier in dieser tausendköpfigen Menge. Das war wie das Leben: kalt und flihllos. Keiner von denen, die da glücklich waren, fragte nach dein Einsamen, der abseits stand.

So stark ward schließlich das Empfinden, so quälend, daß Gerda sich plötzlich abschnallen ließ. Sie mußte fort von hier, sollte es nicht über sie kommen ein haltloses Zusammenbrechen.

In der Dämmerung des frühen Winterabends schritt die junge Frau so langsam durch den Tiergarten dahin. Den Kopf gesenkt, die Hände in dem Muss vergraben.

So ging sie wieder heim.

Heim gab es das für sie?

Warum war sie eigentlich da in dem Hause, an der Seite des Mannes, dem sie so gar nichts war im Grunde?

Und weiter noch ging dies trostlose Sichselbstbefrägcn. Rückwärts ganz bis zum Anfang.

War sie Heinz ivohl überhaupt je etwas gewesen? In Wahrheit. Hatten im Grunde nicht damals bloß seine Sinne nach ihr begehrt? Und nun, wo der Rausch verflogen, tand da vor ihnen beiden die frostige, kahle Erkenntnis: ie hatten nichts Tieferes gemein miteinander. Nichts, was >en Baugrund einer wirklichen Ehe abgegeben hätte.

Ja sie könnte das Auge nicht mehr vor dieser Er-f kenntnis verschließen. Und unabweisbar, als Schlußglied der Kette, drängte sich zu diesen Fragen noch eine letzte:

Hatte dann aber dies alles noch Sinn? Daß sie bei ihm blieb, dem sie im Innersten fremd lvar? War diese Ge­meinschaft nicht vielmehr entwürdigend?

So ganz war Gerda in ihre Gedanke» versunken, daß sie an einer Biegung des Weges, der sie noch immer längs des Seeusers hinsührte, fast auf einen Herrn ge-> stoßen wäre einen Offizier, der ihr langsam entgegen-! kam; seinerseits wohl in den Anblick des Treibens drunten auf der Eissläche vertieft, über dem jetzt das bläuliche Licht der Bogenlampen aufgeflammt war.

Pardon!"

Und der Ossizier wollte dienstfertig beiseite treten, aber da erkannten sich beide. Kyllburg stand ihr gegenüber.

Sie.!"

Es entfuhr ihm ganz bestürzt. So dicht hatte er plötz­lich vor ihr gestanden, ganz unvermutet. Das hatte er ja nicht erwartet, als er heute wie immer den gewohnten Nachmittagsspaziergang in den Tiergarten angetreten hatte.

Gerda nickte nur, aber ihre Hand blieb im Muff.

Sein Anblick löste all die Bitterkeit in ihr, die sich allmählich gegen ihn angehäust hatte. Daß auch er es gemacht wie all die anderen sich vorsichtig und kühl urückgezogen hatte von einem Verkehr, der nicht mehr utmöglich" war.

Er merkte wohl, daß da etwas in ihr vorging!. Aber u sehr war er noch mit sich selber beschäftigt, daß er erst hr gegenüber wieder den ruhigen Tön fand. So trat er denn nur neben sie, die weitergehen wollte, um sich ihr anzuschließen, aber sprach noch nichts. Doch da hörte er sie plötzlich sagen:

Bitte, tun Sie sich keine» Zwang an Sie gehen vielleicht lieber allein."

So herb klang das, so bitter, daß er aushorchte.

Gnädige Frau!" Und nun, als er beim matten Schein des Lichtes drüben ihr blasses Gesicht sah, in dem trotz aller Starrheit doch die Erregung zitterte, forschte er be­troffen:Was haben Sie gegen mich?"

Bedarf es noch der Worte? Ist Ihr Fernbleiben nicht schon Erklärung genug?"

Wie Sie könnten glauben ? Das glauben?"

Mit einem Male begriff er. Der tödlich verletzte Stolz sprach ja zu beredt aus ihren Zügen, lind nochmals tat er da seine Frage.

Wie konnten Sie das glauben von mir!"

Aber sie schüttelte den Kopf, ohne ihn anzublicken.

Geben Sie sich doch nur keine Mühe aus Mitleid! Sie täuschen mich nicht."

Da blieb er stehen . Es war an einer stillen Stelle des Weges, der hier vom offenen Seeufer abwich, und vorge­lagertes Buschwerk warf seine Schatten über sie.

Frau Gerda!" zum erstenmal drängte sich ihm wieder der einst so vertraute Nanie über seine Lippen da Sic mich denn zwingen wollen Sie wissen, warum ich nicht kam?"

Sie sah jetzt doch zu ihm auf. In seiner Stimm« eben, da war so etwas, und es überran» sie plötzlich. Ein Er­innern: damals, als er so jäh nach ihren Händen ge­griffen. hattd! Was würde er ihr zu sagen habe»? Und das Herz schlug ihr mit einemmal bis in den Hals hinauf.

Nein, nein! Sie wollte cs ihm zurufen und weitcr- geheu, mit bebenden Knien: aber da hörte sie ihn schon sagen:

Weil ich nicht durste, Gerda als Mann von Ehre."

Sic schloß die Augen. Einen Moment war es, als ob ihre Gestalt schwanken wollte. Dann aber entrang es sich ihr:

Gehen Sie ich bitte Sie!"

Seine Augen brannten. Aus dem Dunkel leuchtete ihm ihr Antlitz entgegen so süß in seiner Totenblässe.

Gerda!"

Sie spürte seinen erregten Atem in ihrem Gesicht. Ein Schauer lief durch sie hin. Sie fühlte, wie die Kraft von ihr weichen wollte. Da sah sie zu ihm auf ein Flehen, ein Beschwören.

Ein Blick, den er »ie vergessen würde. Er fühlte es nie! Ihr ganzes Sein lag in diesen! einen Blicke. Und sie legte es in seine Hand. Da hast du mich ' und nun vernichte mich, wenn du nicht anders kannst.

Jeder Nerv spannte sich in ihm zum Zerreißen. Dieser Augenblick entschied ja auch über sein Leben. Dann aber plötzlich ein Ruck durch seinen ganzen Körper, und er Ivandte sich ab. Ein kurzes Herumwerfen. Und ohne ein Wort ging er davon. Sein eilender Schritt verhallte auf dem hartgefrorenen Boden.

Gerda entfernte sich in entgegengesetzter Richtung: säst ein Davonstürzen, ohne acht auf dön Weg.

So lief sie durchs Dunkel. In ihr ganz unbekannte, nicht mehr beleuchtete Teile des großen Parkes. Wer sie merkte nichts davon. Nur das eine cnipfand sie: hier war sie unbeobachtet, allein mit sich. Und da stürzten ihr Plötz­lich die Tränen aus den Augen heiße, verzweifelte Tränen.

Sie galten dem Manne, der sie liebte, noch immer; der nie anfgehört hatte, sie zu lieben, und dem sie ver­loren war.

Und galten ihr selber. Wenn sie doch ihre Natur besser erkannt hätte, damals in jener Stunde der Entscheidung! Wäre nicht jener andere Weg der richtige gewesen, den Walter Kyllburg mit ihr hatte gehen wollen? Und Ivenn er auch durch Entbehrungen geführt hätte die Sonne der Liebe wäre über ihm gewesen.

Und wieder gingen die Tage hin, in dumpfem Gleich­maß. Bis dann eine Unterbrechung für Gerda kam. Pe- terjens waren doch noch vor Weihnachten nach Berlin ge­kommen. Freilich nur für ein paar Tage: Klaus hatte un­erwartet hier geschäftlich zu tun und Astrid da natürlich mitgenommen.

(Fortsetzung folgt.)

Alt-Gießen.

Von Obcrbibliothekar Dr. Karl Ebel.

(Nach einem am 18. März d. I. in der Vereinigung siir Volks kund« gehaltenen Bortrag.)

Die Vereinigung für Volkskunde hat eine Reihe von Vorträgen über alte Städte veranstaltet: Lanbach, Lauterbach, Schlitz. Wenn wir heute Gießen dieser Reil-e anfügen, so besteht die Gefahr, daß ein Vergleich zwischen unserer Stadt und jeneit Städtchen leicht