Ausgabe 
18.4.1914
 
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In jener Stunde neulich, wo He sich noch einmal hatte an ihn anklammern wollen mit innerster Seele, da- Hatto er versagt. Der Glaube an ihn war zerstört.

Mit einem jähen Erschrecken hatte sie in jener dunklen Stunde die große Täuschung ihres Lebens erkannt. Wie hatte doch Walter Kyllburg damals von Heinz gesagt: ,,Er ist ein Blender, vielleicht sich selber u»b<ewußt. Aber er ist cs."

Und auch dieser Warner hatte recht behalte» wie ihr Vater'. Verloren der Bode», in dem sie wurzelte, und- ver­loren der Halt an dem Manne, der ihr dafür eine Stütze hätte gewähren sollen. Mas ivar null noch an ihrem Leben?

Ein Zustand der Gleichgültigkeit war so über Gerda gekommen. Heinz Keßler war sehr zufrieden damit. Er fand das recht bequem und angenehm so. Er konnte gehen! und kominen, wie er wollte; cs war ihr alles recht. Und er machte ausgiebigen Gebrauch von dieser Freiheit.

Auch in anderer Weise machte sie ihm keine Schwic- rigleitcn mehr. Sie hatte sogar Einladungen ans jeneml alten Freundeskreise von ihm angenomtnen, gegen den sie. sich einst so ablehnend verhalten hatte.

Warum auch sich länger sträuben? Es hätte ja gar keinen Sinn Sie gehörte doch nicht mehr in jene» anderen Lebenskreis. Aber ihre persönlichen Anschauungen, ihre Grundsätze?

Grundsätze! Gerda dachte es voll Selbstvcrachtung. War nicht ihr ganzes Leben, ihre ganze Ehe ein einziges großes Verleugnen ihrer Grundsätze? Wozu da noch au- rämpscn gegen solche Nebensächlichkeiten'.

So sagte sie ja zu allen Vorschlägen ihres Mannesj müde nlld gleichgültig. Uild folgte ihm so auch zu Lanins, die z>l einer großen Gesellschaft im Esplanade-Hotel ein- geladen hatten.

Gerda kam auch zu diesem Fest mit jener gleichgül > Ilgen Stimmung, die nichts erwartet. Aber diese Jndissei renz verkehrte sich allmählich in eine innere, Auflehnung.

Schon allein die nngelvöhnliche Stunde dieser Ver­anstaltung. Ans zehn Uhr ivar geladen. Aber die meisten ttzäste, und so auch sie mit Heinz, erschienen viel später, da sie als Künstler im Theater zu tun hatten. Gegen Witter f stacht etwa setzte inan sich erst zu Tisch.

Und dann dieses Mahl! Laruns hatte» sich nicht genug tun können. Das war kein exquisites Diner mehr, nein eine ordinäre Schlemmerei. Eine sinnlose Anhäufung aller Leckerbissen der Saison.

Von derselben Geschmacklosigkeit und Ueberladnng warcn die Toiletten der meisten Damen. Und ein lieber > slnß an Juwelen dazu. Gerda nnißte der lbejellschasteiq zu Hause gedenken, der säst gesuchten Einsachhrit der Ossi- ziersdnme» in Kleidung und Schmuck. Wenn die hier hätten hiueitlsehen können!

Aber lvcit schlimmer als das alles sand Gerda, den Ton der Gesellschaft. Sie >var gewiß nicht prüde. Sie kannte, kein Thema, das, kam einmal der Anlaß dazu, zwischen Mann und Frau nicht hätte angeschlagen werden können. Nur eben mit dem nötigen Ernst, der erst gar kein pein­liches Empfinde» dabei anskoinmeii ließ. Hier jedoch? Eine Unterhaltung, die, sobald der Theater klatsch erschöpft war, eigentlich nur noch aufPikante nen" gestimmt war. Scherze von einer Gewagtheit,, und dazu ein wissendes Lächeln in den Augenwinkeln Gerda schämte sich für die Frauen rings um sic her, die sich das ruhig bieten ließe» und» bloß ein Lachen darauf hatten, das die Herren nur noch kühner machte.

Gerdas Miene bekam unter diesen Wahrnehmungen etwas Unnahbares. Die Herren fände» sie so zwar blendend schön, aber furchtbar uninteressant. Eine völlig tcmpcra- nientlose Frau. Man verstand den guten Kerl, den Keßler, nicht. Immerhin aber erreichte es Gerda auf diese Weise, daß sich keiner so recht heransivagte bei ihr.

So lvar das Diner glücklich an ihr vorübergegangen. Fetzt wurde in den kleinen Salons der Mokka gereicht. Die Hanssrau hatte sich Gerdas bemächtigt, sie in einen Kreis älterer Damen gezogen. Da atmete sie ans. Hier war sie wenigstens vor jener Art llntcrhaltnng sicher. Freilich der Ersatz ivar auch nicht gerade nach ihrem Geschmack: .»latsch, Klatsch Sonimererlebnisse ans Maricnbnd und Herinqs-- dorf, von Leuten, die jeder hier osfenvar kannte, die ihr «her ganz fremd und gleichgültig ivare», und zwischen-, durch immer wieder die Modistin, der Schneider,

Gerdas Auge ging da suchend durch die Raume, nach ihrem Manne. Daß er doch käme und sie hinwegführte!

Endlich entdeckte sie ihn, durch die üstuppcn der vor ihr Stehenden hindurch, im Nebcnsalon Er stand, dort, die Mokkatasse in der Hand, vor einer Dame, die sich sehr! graziös aber ziemlich frei auf einem Eckdilvan nieder-l gelassen hatte. Und sie erkannte jetzt auch diese dio Molnar.

Die Unterhaltung mit der Kollegin schien ihren Mann allmählich immer mehr zu interessiere». Denn er setzte jetzt seine Mokkaschale bei einem Diener ab und zog sich einen Stuhl heran, ziemlich nahe zu der Schauspielerin, und sprach so zu ihr. Ab und zu mit einer lebhaften Be- wegung, wie Gerda sie a» ihn, kannte, wenn er in feinen Unterhaltung animierter wurde.

Heinz Keßler fand in der Tat allmählich Gefallen an der Kollegin. Bisher hatte er sie nur immer auf der Bühne gesehen, bei der Arbeit. Da sieht man sich ja. mit aiidereni Augen, kritisch, als einer vom Fach. Und sonst hatte er sich absichtlich ferii-gehalten von dem ganzen Kollcgens kreise. So auch von ihr. Das war noch so das letzte gewesen, womit er vor sich selber gerechtfertigt bleiben wollte. Das! lvar er sich so schuldig, der Heinz Keßler. Zwar, er mußte, sich vor der Oettentlichkeit zeige» mit den andern da ; aber darnm blieb er doch, lver er lvar hielt sich flir sich.

Fn splendid isolalion!" hänselten die neuen Kollegen, er wußte es wohl; aber es schmeichelte ihm bloß. Und er blieb bei seiner Zurückhaltung.

So hatte er sich auch der Molnar, wie gestiert sic auch lvar, bisher nie genähert. Sie blieb eben für ihn nur die Soubrette mit ihrer leichtgeschürzten Kunst. Ein schickes', pikantes Persönchen, der nebenher sehr lvahrschcinlich alle Welt zu Füßen lag. Aber er kümmerte sich auch um diese ihre Privatangelegenheiten nicht. Sie war ihm gleichgültig lvie alle die anderen. Wohl war er stets srenndlich niivi höflich zu ihr, wie cs die Kollegialität erforderte, aberi immer Distanz!

Doch heute, lvo sie der Zufall einmal gesellschaftlich zusammciisührte, sah er sie mit anderen Augen. Schon rein äußerlich. Sic ivar eigentlich eine seljr pikante Erscheinung', mit dem südlich brünetten Teint und dem zarten Pfirsich- slanm über der Haut. Dazu diese Angen, iveich wie Samt, aber sprühend vor Glut. Und ihre ganze Art sich zu geben: lustig, lvitzig, und immer voll Charme er merkte, lvie er förmlich answachte. .Herrgott, wirklich, als ob er diese ganze letzte Zeit über geschlafen hätte.

Plötzlich neigte er sich zu ihr vor, mitte» in ihrem. Geplauder:

Wissen Sie was, Molnar? Sie gefallen mir viel besser so als ans der Bühne."

,,O jcsses, lvie gnädig!" Und sic lachte, aber dann sah sie ihn an, keck und übermütig.Unr mich zu revanchiere», mnß i Ihnen dann wohl ebenfalls erklären, daß auch Sie mich ganz angenehm enttäuscht haben."

Inwiefern'?'

Weil Sie gar net jo a sadcr Kerl snn, als i glaubt

Hab'."

Fetzt lvar das Lachen an ihm.

Fad ich? Das ist nicht schlecht! Ta schein' rch mich ja in der Tat eines hervorragenden RnfS bei meinen verehrte» Kollegen zu erfreuen."

No - - i-5'S vielleicht a Wunder? Wann, man den Herrn Krßlcr zu G'sicht kriegt, schaut er grad so g'statzt und nobel aus «IS an Erzherzog. Aber schon ganz blödsinnig vornehm. So quasi: Kinder, bleibt's mir nur Immer zehn Schritt vom Leib. Taß mir nur ja koalier net zu nah' koniint!"

So also den Eindruck mach' ich ans euch'?'

Keßler lachte wieder. Nicht ohne eine leise Befriedigung. Dann aber sah er sie an, mit all seiner strahlenden Liebens» lvürdigkeit.

'.','a, da Hab' ich freilich allerlei gntzumachen, ivenigstenS bei Fhiien, Molnar. Fad nein, die.Meinung möcht' ich Ihne» doch etwas benehnien."

Alodann, ditt' schön. Ganz ohne Schcnierer! Bia allivcil gern bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen.''

tFortsctzung folgt)