Ausgabe 
18.4.1914
 
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Napoleons Abschied von seiner Garde.

(20. Avril 1814 ) föoii Haüptmaiiii n. D. Paul Greevcn- Tnjseldors.

2» der Nacht zniir 12. April hat der Kaiser im Schloß Fontainebleau die Abdankungsurkunde unterzeichnet. Bier Tage später treffen schon die Offiziere der vier Großmächte ein, die ihm dar- Ehrengeleit bis zum Mittelmccr geben solle». Hierzu hatte Rußland de» General Grasen Schnlvalon», Oesterreich de». General Baron Keller, Preußen den Oberst Gras Truchseß-Waldburg und .England den Oberst Canipbell ausersehen.

Wie schwer cs dem »och vor kurzem allmächtigen Impe­rator salicn mußte, sich in die bescheidene Rolle eines Fürsten von Elba hineinznffnden, dasür ist sein Benehme» gegen die ihn« zun, Schutze beigegebcnen Vertreter seiner bisherigen Geg­ner bezeichnend. Schon die erste Begrüßung verlief recht un­gemütlich. Zunächst werden Gras Schuwalow, Oberst Campbell und Baron Keller gemeldet. An letztere» wendet sich Napoleon zuerst.

Warum hat,man mir einen preußischen Kommissär geschifft?"

Eure Majestät haben ja selbst solche von sämtlichen ver- hnndeten Mächten verlangt."

Ter Korse wird heftiger.

Nun, ivarum hat nian nicht auch einen von Baden und »inen von Darmstadt geschifft?"

In diesem Augenblick tritt der Großmarschall, General Gertraud, ein und meldet den preußischen Oberst Gras Truchseß Maldbnrg an. Tie Verlegenheit und der Unwille des Kaisers erreichen den höchsten Grad. Nach stummer Verbeugung fragt er den Grasen unwirsch:

*Besuchen sich aus der Straße, die ivir passieren, auch preu­ßische Truppen?"

Nein, Lire!"

In diesem Falle können sie sich die Mühe sperren, mich zu begleiten!"

Es ist mir unmöglich, mich des mir gewordenen ehrenvollen AnslragcS zu entheben."

Ein ungnädiger Blick des also Beschiedcncn beendigte den sür alle Beteiligten peinlichen Austritt.

Ter Kaiser wußte die 'Abreise trotz Drängens der Geleil- ossizierc bis zum 20. April hinauszuschieben.. Auch an diesem Tage versuchte er allerhand Lchwicrigkeitc» in den Weg zu lege».

Schon von zehn Uhr ab stehen alle Wagen im Schloßhos von Fontainebleau, dcurCour du cheval-blanc", fertig bespannt. Nach Verlaus einer halben Stunde läßt Napoleon den Baron Keller zu sich bitte» und niacht ihm eine ganz unerwartete Eröffnung.

Ich habe mich entschlossen, nicht abzureisen, tveil die Ver­bündeten den versprochenen Bedingungen zuividerhandeln. Daher erachte ich mich auch an meine Thronentsagung nicht gebunden. Mehr als tausend Adressen erhielt ich in der vergangenen Nacht, die Zügel der Regierung doch lviedcr in die Hand zu nehmen. Ich habe den Rechten meiner Krone nur entsagt, um Frankreich die Schrecken eines Bürgerkrieges zn ersparen. Run ich die »n zusriedcnhcit mit den Maßregeln der neuen Regierung erkenne, kann ich meinen Garden die Gründe sür die Zurücknahme meiner Abdankung offen erkläre». Ich möchte 'den sehen, der mir die Herzen meiner allen Soldaten rauben wird. Noch verfüge ich über 30000 Man» und in einigen Tage» kann ich sie aus 130 000 bringen."

Inwiefern sind denn die Verbündeten ihren Verpflichtungen nicht uachgrkoinmen?" nnrst Baron Keller ein.

Man bat der Kaiserin »ertvchrt, niich bis zum Einkchisfunlzs- platz St. Trapez zn begleiten."

Aber ich versichere Ihnen, daß die Kaiserin aus eigenem Entiff'luß von einer Bcgleilfahrt absieht."

Nun, dann werde ich meinen Zusage» treu bleiben. Wen» ich aber Veranlassung zn neuen.Klagen finde, so werde ich mich aller Verpflichtungen ledig betrachte»!"

Schon schlägt die Uhr die elfte Stunde. Gras von Buis» meldet iin Austrage des Großmarschalls, das; alles zur 'Abreise fertig sei. Barsch fährt der Kaiser den 'Adjutanten an.

Kennt mich denn der Großmarschall nicht? Seit wann soll ich mich denn nach seiner Uhr richten? Ich reise ab, wenn es mir paßt. Vielleicht Überhaupt nicht!"

Ter Adjutant verläßt das Zimmer. Navolevn geht mit hastigen Schritten ans und ab und beklagt sich über das Unrecht, das ihnc sein Schwiegervater, der Kaiser von Oesterreich, angetan. Ter biete alles an», ihn von seiner Gemahlin zn trennen. Uebcr- dies sei Oesterreich durch dir Verbindung Preußens mit Ruß­land stark gefährdet. Ans» den andern Beglcilosfizieren sagt der Kaiser allerhand gallige Unliebcnswürdigkeiten. Den preußischen Grasen Truchseß-Waldburg entläßt er mit der prophetischen Warnung:

Ich hatte die Revolution niedergeworsen. Euer König, Stein und Hardenberg haben sie Ivicder ansgcrichtet und gegen mich ins Feld geführt. Ihr meint. Ihr hättet die Völker gegen tnich ansgeboten. Nein, gegen Euch werden sie sich erheben!"

Schließlich nach einer ausgedehnten Unterredung mit dein Obersten Campbell über ein ettvaigcs Unterkonime» in England, falls die Elba-Insulaner ihn nicht wollten, gemahnt Baron Keller den Eiserndeir in dringlichen« Tone o.» die festgesetzte Jbsahrt.

Es ist schon Mittag, als der Kaiser in den Schloßhof, den späterhinCour des adiem" benannten, tnnabschrritet. Seine Gemahlin lzat aus tn-u Abschied verzichtet. Aber seine alte Garde, sie hat ihm die Treue bis zuletzt gehalten.

'An die 12 000 Grenadiere und Jäger der (Karde stehen in, Viereck aufmarschiert. Darunter noch viele lveltrrgebrännte, ker­nige Helden, die schon unter dem Konsul Bonaparte in Syrien und 'Aegypten mitgekämpft, die i» den Feldzügen des Kaisers gegen Oesterreich, Preußen und Rußland unter ungeheuren An­strengungen und Entbehrungen mitgestritten und initgelitteii. Leicht flattern die goldgestickte» und von Kugeln durchlöcherten Feld­zeichen im Winde hin und her, als wollten auch sie dem schel- denden Imperator einen letzten Gruß zuwinken.

Ernsten Blickes mustert Napoleon, in grüner Gardejägernni- sorni mit weißen Rabatteik, -int Vorbeischreiten die Reihen seiner Tapferen und läßt sie dann zum Kreise näher zusammenschließcn.

Offiziere, Grenadiere und Jäger meiner Garde! Ich jage Euch Lebclvohl. Zwanzig Jahre hindurch lwbe ich Euch zun« siege geführt, zwanzig Jahre lang habt Ihr mir treu Und m Ehren gedient. Ich danke Euch dafür.

Ich kannte nur ein Ziel, das lvar das Glück und der Ruhm Frankreichs. Tie Zeiten sind inzwischen andere geworden » ganz Europa steht gegen muß in Waffen. Allo Fürsten, alle Mächte haben sich gegen mich verbündet. Ein großer Test meines Reiches ist unseren Feinden preisgegeben, eiu anderer Teil Frank­reichs" i

Hier überwältigt den harten Mann der liefe seelische Schnwrz. Er hält einige Augenblicke innc, daun sährt cr mit bewegter «limine fort:

Ta jetzt eine andere Ordnung der Tinge eingetrcten ist, muß ich nachgeben.

Mit Euch und den Tapferen, die mir ergeben blieben, hätte ich auch jetzt noch längere Zeit allen Anstrengungen meiner Gegner Trotz bieten können. Aber ich hätte dann in unseren« ge­liebte» Valerlande einen unseligen Bürgerkrieg herausbeschworen..

Verlaßt Euer unglückliches Vaterland nicht! Seid Euren Vorgesetzten gehorsam, bleibt aus dein Wege der Ehre, den tvir stets gewandelt sind!.

Beunruhigt Euch nicht über mein Mißgeschick. Bleiben mir doch die großen Erinnerungen der Vergangenheit. Ich lverde meine Zeit dem edlen Zwecke widmen, die Geschichte unser Feld­züge zn schreiben.

Offiziere und Soldaten, die Ihr niir bis zum letzten 'Augen­blick treu geblieben seid, ich danke Euch dasür, ich bin mit Euch zufrieden.

Ich kantl Euch nicht alle u,»armen, aber ich lverde Euren General umarmen. Adieu, meine Kinder, adieu, meine Freunde! Bewahrt nur Euer Andenken! Ich lverde glücklich sein, wenn ich weiß, daß Ihr es seid!"

Mit den WortenKommen Tie, General!" lvinkt er den« General Petit heran und nmarntt ihn lebhaft.

Bringt mir den Adler, auch ihn ivill ich ans Herz drücken!"

Dreimal senkt der Fahnenträger das Banner, dreimal preßt der Kaiser das dreisarbene Band i» heftigster Aufregung an die Lrpven. Aus der Rückseite des Fahnentuchs standen dre Namen« Austerlitz Evlan Eckmuhl- Wagran« MoskowaBerlin »In« Jena Friedlaud Eßliug Smolensk Wien Madrid - MoS-i kan.

Tränen aufrichffgster Ergriffenheit rollen manchem der er- qranle» Helden in den Schnauzbart. In stummer Trauer richten sich die umflorten Blicke znm letztest Male Cime jie wähnen mußten) aus den heißgeliebte» Imperator. Einige Personen des Gefolges bedecken die Hände des Kaisers mit Küssen und Tränen. Tor Kaiser blickt um sich, als vermisse er jemand.Wo ist Rustan?" Alles schweigt. Es ist der Mameluck. Vierzehn Jahre lang hat er wie ein treuer Hund vor der Schwelle des Zimmers und vor dem Zelte seines kaiserlichen Herrn Wache gehalten- nun ist auch cr untreu geworden und davon gegangen.

Auch die fremden Offiziere haben sich bei dein erhebenden Austritt der Rührung nicht erwehren können. Dann rollt der Wagen heran, der Kaiser steigt ein, General Bertrand nimmt neben ihm Platz. Tie Pserde ziehen an. Ein vieltausendstimmiges Bive I'Emperenr!" der Garde und der Bevölkerung rust dem Gestürzten den letzten Tcheidcgrust seiner Getreuesten zu. Und bis zum nüchstc» Aufenthaltsort gibt ihm eine Konipagnie Garde- grcnadiere zu Pserde das Ehrengeleit. Wer hätte tvohl damals bei der 'Absahrt in d ie Verbannung gedacht, daß der Gewaltige nach dendreihundert Tagen von Elba" denselben Weg in ent­gegengesetzter Richtung nehmen würde!

Nehren die Zugvögel zur alten Heimat zurück?

Amsel, Drossel, Fink und Star" und viele andere Zugvögel, die das Lied nicht ansührt, sind längst wieder da, und tagtäglich kehren weitere zur allen Heimat zurück. Zur alten Heiinat? Ist das auch richtig? Bis vor tvenigen Jahren noch hat man hierüber nichts bcstiinmtcs sagen können, denn dein Menschen erlchemt ein« Schwalbe wie die andere, ein Storch wie der andere. Aber leiidem man Vögel beringt, um die Zngstraßen festziilegen und Winters