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mente« ,u fein: Zola dagegen ist Naturalist m emem lall wissen- schastlichen Sinne, und seine Art der Weltbetrachtung und Darstellung trägt einen beinah puritanisch-moralistischen Charakter: Maupassant ist naiver, saftiger, krastvoller, im eigentlichen Sinne künstlerischer, er packt das Lebe», wie es ist, mit unbefangenen Hände», ohne sich, wie Zola, durch Theorie» und Maximen leiten zu lassen. Immerhin sind alle drei im wesentlichen als Naturalisten anzusprechcn und insofern erscheinen sie als typisch nnsranzolisch, denn der Naturalismus ist den gallischen Grundinstinkten so entgegengesetzt wie nur möglich, 'Nietzsche hat mit der Bemerkung, daß Zolas Kunst ganz unsranzösisch, datz sie nichts anderes als der regelrechte italienische „Verismo" sei, den Nagel aus den Kops getroffen Und wer in Individualitäten, wie etwa Voltaire, Diderot, D'Alembert, Rousseau aus der einen, Hugo, Balzac, Müsset, De Vigny aus der anderen Seite den reinsten Ausdruck des französischen Geistes zu erblicken gewöhnt ist, der wird sich über die Kluft, die zwischen dem Naturalismus und der eigentlichen künstlerischen Eigenart des Franzosen liegt, nicht lange im unklaren sein.
Neben der naturalistischen Richtung, die bis in die neuere Zeit hinein die französische Literatur beherrscht hat, stehen im heutigen Frankreich vor allem drei starke, durchaus unnaturalistisch geartete Persönlichkeiten: Paul Bourget, Pierre Sott und Anatole France, Bourget ist als einer der reifsten Meister des psychologischen Romans bekannt, und man kann ihn in der Tat dicht hinter Stendhal nennen: Loti erscheint in der farbigen Pracht seiner Schilderung und in der tiefen Innigkeit seines Gefühls als ein würdiger Nach- solger Bernardin de St, Pierres »nd Chateaubriands, während Anatole France allgeniein als der „letzte Lateiner" bezeichnet wird. Nach dem Tode Ernest Renails, der in seiner seine» Anmut, seiner entzückenden Geistigkeit, eleganten Biegsamkeit und seiner bis aus den Grund der Dinge hinabreichenden Skepsis und Ironie allerdings als einer der charakteristischsten Repräsentanten des französischen Geistes gelten darf, hat Anatole France, der jetzt an der Schwelle des Greisenalters steht, in der Tat den alleinigen Anspruch aus diese Bezeichnung, Die ganze, durch lange Jahrhunderte in steter organischer Folge entivickelte französische Kultur bat in diesem seltenen Menschen, dessen bürgerlicher Name ebenso wie der Voltaires längst von seinem schriftstellerischen verschlungen ist, eine wundervolle Verkörperung gesunden, und wer sich — die nötige Feinheit auch der sprachlichen Empfindung vorausgesetzt— in seine von Geist, Laune und Grazie funkelnden Bücher vertieft, der wird sich von der Atmosphäre der großen französischen Enzyklopädisten, die wirklich „esprits beaux et forts" waren, und zugleich von/ dem Zauber eines typisch-modernen und speziell in der Romantik wurzelnden Gesühlsrassinements umweht finden. Es macht den Franzosen alle Ehre, daß ein so subtiler, artistischer und alle Publikumsrücksichten verschmähender Künstler bei ihnen so allgemein gewürdigt und verehrt wird, wie das bei Anatole France der Fall >ist. Die Franzosen, das läßt sich nicht leugnen, zeigen eine hierzulande unbekannte Feinheit des Geschmacks, bibern sie Büchern wie „Le Crime de Silvestre Bonnard“, „La Rötisserie de la Reine P&fauque“, „Le Lys rouge“, „Sur la pierre blanche“, „Les Conles de Jacques Tournebroche“, „Les dieux ont soif“, „Le genie latin“ — um nur die bekanntesten Romane Anatole Frances heraus- zugreisen — den Vorzug geben.
Mag bei Anatole France auch die eigentlich dichterische Schöpferkraft, das geivaltig Elementarische, wie man es bei den wenigen ganz großen Künstlern der Weltliteratur ftndet, mehr oder minder fehlen: er hat die beiden wesentlichen Eigenschaften, die den Schriftsteller machen: er hat Geist und Geschmack und jene seine, ironische Ueberlegenheit der Weltbetrachtung, die gerade heute, so so scheint es, immer seltener wird, In der Tat, er ist, der letzte Vertreter des „Osnie latin", das in Frankreich gerade in der Gegenwart von so durchaus andersartigen Richtungen und Intelligenzen verdrängt wird. Die heitere, etwas trockene Klarheit, die liebenswürdig-weise Skepsis, die zurückhaltende Vornehmheit der Geste — all diese typisch französischen Eigenschaften machen heutzutage teils einer romantisierenden Religiosität, teils einer etwas forcierlew geistigen Kraftmeierei und Moralität Platz, von der z, B, die Lektüre des sehr interessanten und verräterischen Buches Gasion Rious „Aux äcoutes de la France qui vient“ einen guten Be- jriff gibt. Die romantisierende Religiosität feiert ihre Triumphe m der Verherrlichung des Dichters Claudel — 1 kurz, es scheint fick, eine Entwicklung anzubahnen, die das geistige Leben Frankreichs aus de» gewohnten Bahnen Heraussühreii wird, Pathos: Exstase: betonte Moral: all das regt sich auch jenseits den Rheins, und sicher sieht vor allem Anatole France dieser Entwicklung mit jenem besonderen skeptischen, an Montaigne und La Rocl^soucauld erinnernden Lächeln z»,dat ivlr gerade aus {einen letztenBücher» kennen. Während Bourget und Loti in der Wahl ihrer Stoffe wie in deren Behandlung gewissermaßen einförmig sind und wirke», zeigt Anatole France sich als das, was Nietzsche einmal einen „komplementären, verklärenden Geist" genannt hat, und leitet uns mit gleickier Sicherheit durch die versdiiedenartigsteii Gebiete mensch liehen Denkens und Fuhlens hindurch. Bald erzählt er uns religiöse Legenden, berichtet uns, wie etwa im „Etui de nacre“ köstliche Wunder mystischer Entrücktheit und asketischer Entsagung: bald sck)ließt er mit seinen und behutsamen Händen die Welt der Gegemvart vor uns aus uiid läßt uns die verwickeltsten und seltsamsten Abenteuer des Geistes und der Seele erleben, Abenteuer, die der Normalphilister mit Bezeichnungen wie „pervers" oder
„konstruiert" abtun würde, während sie in Wirklichkeit nur die Widerspiegelung einer ganz ungewöhnliche» intellektuellen Sensibilität sind. Nichts kommt der durchgeistigte» Anmut gleich, mit der Anatole France^ dieser spöttischste und melancholischste aller Skeptiker, fromme Sagen und Legenden wiederzugeben und die Sancta Simplicitas, die heilige Einfalt einfacher Herzen, künstlerisch zu verkläre» weiß: die geheime Sehnsucht aller sehr intellektuellen Menschen nach religiöser Vertiefung und Beruhigung klingt hier in ergreifender Weise durch, und sie wirkt doppelt anziehend dadurch, daß sie eben ganz Sehnsucht bleibt und niemals zum „sacrificio dell‘ intelletto“ tvird. In seinen Romanen führt der Dichter, der Historiker, Philologe, Philosoph, Bibliophile, kurz einer der vielseitigsten ünd unterrichtetsten Köpfe des Jahrhunderts ist, durch die entgegengesetztesten Schauplätze und Epochen dahin: vom alten Theben bis zur Rue Saint-Jacques, vom Alexan- drinertum bis zum 18, Jahrhundert, von Paris nach Florenz, und überall leuchtet das jöicht einer reichen Und abgeklärten Welt- und Menschenkenntnis über den feingetönten Bildern, die er entwirft, Es ist ein intellektueller Optimismus, der das Lebenswerk dieses sonst durchaus optimistisch empfindenden Menschen durchzieht: der Weise belächelt dies schlecht arrangierte und vielfach quälende Dasein, aber er liebt es, weil es allerhand Möglichkeiten des geistigen Genießens einschließt. In seinem Roman „Le Crime de Silvestre Bonnard“, seinem preisgekrönten und auch in Teulsdiland allgemein bekannten Werke, das Uns besonders klare Eindrücke in die Welt- und Lebensanschauung des. Dichters gestattet, gibt France dieser milden Weisheit einmal einen sehr schönen Ausdruck, „Und ich dachte", so herßt es dort, „daß uns das Leben darum so kurz erscheiiit, weil wir es un- verständigerweije an unseren törichten Hoffnungen messen. Wir haben alle, wie der Greis in der Fabel, unseren« Bauwert noch einen Flügel anzufügen! Ich will vor meinem Tode noch die Geschichte der Aebte von Saint-Oermaiii des Rres vollenden. Die Zeit, die Gott jedem von uns gewährt, gleicht einem köstlichen Gewebe, das wir nach besten Kräften besticken. In meines habe ich allerlei philologische Bilder gestickt," Mau würde indessen irren, wollte man diesen intellektuellen Optimismus einer seinen und zarten Natur, die sich von dem Lärm und den Roheiten des Lebens scheu zurückzieht, für identisch mit kühler Herzlosigkeit halten. Im Gegenteil: dieser Ironiker und Skeptiker hat eine heimliche Und keusche Liebe zu den Menschen, eine geheime und entsagungsvolle Zärtlichkeit für alles, was jung und hold ist, und man vermag sich nur schwer ein unpathetischeres und liebenswürdigeres Bekenntnis zu denken, als das schlichte Wort des alten Gelehrten und Bücherfreundes Bonnard: „Ich brauche nicht zu fürchten, daß ich die Meinen überlebe, so- laitge Menschen aus Erden sind: denn es wird immer welche geben, die man liebhaben kann,"
Die überlegene Menschenkenntnis und tiefgründige Psychologie Anatole Frances tritt in seinen geschichtskritischen Werken, in der „ltistorie Contemporaine" und vor allem in seinem zweibän- digen „Vie de Jeanne d’Arc“ mit ganz besonderem Glanze hervor: auch sein letzter Roman „Les dieux ont soif" gehört zu den feinsten und plastischsten Studien, die uns die so zahlreiche Literatur über die französische Literatur geschenkt hat. Das See- leugemälde der vielumstrittenen Jungfrau, das France entwirft, ist von jener lückenlosen Folgerichtigkeit und inneren Geschlossenheit, wie sie nur jemandem gelingen kann, der die Jntuitiow des Dichters mit der Akribie des Historikers vereintgt: und sein Revolutionsroman, der bekanntlich in Frankreich eine leichte polnische Verstimmung erregt hat, ist von einer Höhe der 'Anschauung herab geschrieben, aus der gesehen all die blutige» Greuel dieser aufs höchste erregten Zeit als psychologische Gesetzlichkeiten erscheinen, die der Skeptiker traurig und milde belächelt. Keine farbenprächtigen Gemälde im Stile Delacroix, keine Karikaturen in der Art Gavarnis oder Daumiers: kein Thiersfchcs oder Micheletsches Pathos: sondern knappe, mit scheinbarer Sorglosigkeit, in Wirklichkeit mit höchstem Kunstverstande hingeworfene Linien — eine Art minutiösester Radierung, die uns die Männer der Revolution ohne jede bengaltsche Beleuchtung im! Lichte sachlicher Menschlichkeit zeigt. Es ist schlechthin die beste, rundeste, reifste, durchdachteste Darstellung der Revolution, d>e wir besitzen; die Exaktheit der Beobachtung erinnert an Talne, die Feinheit der Darstellung an Renan, ^
Fügen wir noch hinzu, daß Anatole France ein Journalist ersten Ranges ist, dessen Feuilletons das Entzücken jedes Kenners bilden und kleinen kostbaren, aus dem Bedürfnisse des Tages heraus geborenen, aber j» dauerndem Leben bestimmten Kunstwerke» gleichen, so steht ein einigermaßen deutliches Bild dieses seltenen und seltsamen Menschen vor uns: ein Bild, über dem ein gedämpfter Glanz milder Geistigkeit, leiser Traurigkeit und jener seinen und gütigen Menschlichkeit liegt, die doch zuletzt das höchste Ziel jedes irdischen Bemühens bleibt.
Die junqen Herren.
Ei» Wiener Typ,
Bon Dr, Hans Wantoch -Wien,
Die jungen Herren von Wien haben jetzt ihre hohe Zeit, Auf dem Graben und in der Kärntner Straße lausen sie um die Mittags-


