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nicht mehr an ihre Unpäßlichkeit, vorher im Theater. „Also, Jean — stellen Sie ein paar Boutcillen kalt! Ja, Pommöry natürlich!"
Dann fuhr er, während er mit guter.! Appetit speiste, fort zu plaudern:
„Tie anderen sind heute abend auch alle fidel. Im Rüdesheimer. Larun hat die ganze Gesellschaft eingeladen, alle Solisten. Auch mich hat er riesig gequält. Und als ich ablchnte, ich wollte nach Hause zu meiner kleinen Frau, da meinte er, du müßtest mit in den Rüdesheimer, doch ganz selbstverständlich. Du in der Gesellschaft! Hat der Ahnungen! Was, B«bö?"
Und Heinz Keßler lachte laut vor sich hin, höchst belustigt von dem Gedanken. In so guter Laune plauderte er weiter. Schon seit langem war er nicht mehr so aufgeräumt gewesen.
In seiner Gesprächigkeit merkte er gar nicht, wie still Gerda dasaß. Kaum, daß sie einmal etwas erwiderte oder leise nickte, wie abwesend mit ihren Gedanken. In ihrem Innern grübelte sie, selbstquälerisch, und fragte sich: Kann er denn wirklich so wenig tief sein, daß er nichts, gar nichts von dem empfindet, was dich heute abend zu Boden drückt? Daß er lachen und scherzen kann? Oder ist das alles vielleicht nur Selbstbetäubung, um nichts zu hören von jener andere» Stimme in ihm? Oder nur eine gemachte Lustigkeit, um sie selber solchen Gedanken zu entreißen, sie gar nicht erst darin versinken zu lassen?
Und je länger sie so sann unter seinem Geplauder, das nur äußerlich an ihr Ohr schlug und aus das sie gar nicht hörte, desto gewisser wurde ihr das: ja, es war nur das bei ihm, tapfere Selbstüberwindung, ihr zuliebe.
Da stieg cs wieder iveich und innig in ihr auf. Und ein ehrliches, festes Wollen. Freilich, manches war ja zerstört, was nie mehr ganz zu heilen ging. Aber sie wollte den Glauben au ihn darum nicht verlieren. Er war eben nur das Opfer seines Schicksals geworden, fügte sich mit zu- fammengebisfenen 'Zähnen, weil er mußte; aber im Innersten brannte auch ihm heiß die Wunde. Nur daß sein Mannesstolz es verheimlichte, selbst vor ihr. Und so neigte sie sich zu ihm hin — Jean war gerade gegangen, um den Sekt zu holen —, indem sie mit festem Druck ihre Hand auf seine Rechte legte:
„Heinz, ich verstehe dich, und du findest mich au deiner Seite. Ich will dir nicht an Tapferkeit nachstchen und treu zu dir halten, was die Welt auch urteildn mag. Glaub' mir, ich bin nicht mehr lleinmütig und verzagt. Und darum bedarf es nicht solcher Gewaltmittel, Heinz, um uns über diese Stunde hinwegzubringen. Laß uns diesen Abend lieber anders beschließen, ohne erzwungene Fröhlichkeit — so wird er uns enger zusammenführen, trotz all' seines Unglücks!"
Ihr Auge suchte das seine mit einem tieffinnigen Geloben, aber es fand bei ihin nur ein grenzenloses Staunen. Und nun lachte er.
Da gab ihre Hand ihn frei. Ganz plötzlich, fast ein Zurückzuckc». Unwillkürlich folgte seine Rechte ihrer entweichenden Hand nach und versuchte sie wieder zu erhaschen, aber noch immer halb tändelnd. Er begriff ja noch immer nicht, fragte vielmehr im Ton jenes selben Staunens:
„Ja, was meinst du denn nur, Bsbö? Das klingt ja ganz pathetisch, klassisch! So Antigone. Oder Schiller! Das Unglück soll uns enger zusammenführen — heute? ?lbcr," und wieder lachte er, ganz harmlos und vergnügt, „beste Bebe! Ich bin doch nichts weniger als unglücklich heute. Im Gegenteil: Sehr ausgedreht! Und warum denn auch nicht? Alles geht gut, ich bin wieder in festem Engagement, habe eine erstklassige Gage, Publikum und Kritik ist's auch recht — ergo! Soll ich da nicht pfeifen aus die paar Querköpfe, denen's vielleicht nicht paßt? — Also mach' dir um Gottes willen nicht solche Gedanke», Bebe. Nein, gerade woll'n wir luftig sein heute! Holla — da ist auch schon der Jean mit dem Lebenselixier."
Der Eintritt des Dieners enthob Gerda der Notwendigkeit, im Augenblick antworten zu müssen. Er zog auch Heinz Keßlers Ausmerksalmkeit von seiner Frau ab. In all seiner Fröhlichkeit hätte er sonst merken müsse», daß Gerda wie erstarrt dasaß.
So ließ er den» Jean die Flasche öffne», beide Kelche voll schenken, bedeutete ihm daun aber:
„Nun ist's gut. Wir brauche» Sie nicht mehr, Jean." „Wie der gnädige Herr befehle»."
Der Diener zog sich zurück. Sic waren allein. Da erhob Heinz Keßler sein Glas zu dem seiner Frau hin, und sein Arm wollte sie umfange».
„Also, prosit, Bebe. Das erste Glas auf dein Wohl!"
Doch sie erhob sich plötzlich.
„Danke — ich trinke nichts heute."
„Ja, aber — joas hast du denn nur? Beb« — ?"
„Bitte, laß mich. Und entschuldige mich Ich — mir ist nicht wohl."
lind sie ging aus dem Zimmer. Mit einem seltsamen starren Ausdruck in den Zügen.
Heinz Keßler blickte ihr nach, erst ganz betroffen; daun wollte er ihr folgen, i» einer Regung gutmütiger Besorgnis. Doch alsbald besann er sich wieder auf diese Miene eben bei ihr, und wie sie beim Hinausgehen starr an ihm vorbei gesehen hatte. ,
Da pfiff er leise durch die Zähne. Also Launen! Man beliebte zu schmollen.
Oho — da dürste man sich arg verrechnet haben. Und er rückt sich den Sektkühler näher und zündet sich eine Zigarette an. So — es ging auch ohne sie.
Schweigend rauchte und trank er eine Weile. Dann stieß er plötzlich den Sekttisch zurück, so heftig, daß er umfiel, und sprang vom Sessel aus.
Wenn mau das vorher gewußt hätte! Das hatte er nun davon, daß er die Einladung Laruns ausgeschlagen hatte. Die saßen da jetzt beisammen und er hier. —
Dummheit von ihm! Lächerliche Dummheit! Na — und er steckte sich eine neue Zigarette an —■ er würde sich ja schwer hüten ein andermal. Kam man ihin so, dann machte er es auch so. O, er konnte auch anders —!
Und Heinz Keßler sah nach der Uhr, erst halb eins — ja noch gar keine Zeit. Im Klub, von dem er sich vfeit seiner Verheiratung ganz zurückgezogen hatte, traf er jetzt noch eine Menge Bekannte. Also aus, dorthin! Eine Partie Poker würde ihm gerade heute gut tun.
So ging Heinz Keßler noch aus zu später Stunde.
*
Seit jenem Abend lag eine dumpfe Schwüle über der jungen Ehe.
Gerda fühlte sich einsam wie noch nie in ihrem Leben. Und gerade jetzt hatte sie niemanden, der ihr durch Freundschaft darüber hinweggcholsen hätte, und wen» auch nur für Stunden.
Astrid war ja noch immer in Ellerstedt, Hcßfurths waren leider auch nicht mehr hier — der Oberleutnant war zum Regiment zurückgekommen — und auch Kyllburg ließ sich nicht mehr sehe». Es war, als ob er sich absichtlich von ihr fcrnhielte. Sie grübelte, wie es jetzt ihre Art ivar, auch hierüber, und schließlich ward es chr zur Gewißheit: ja, Kyllburg mied ihr Haus, iveil das eben kein Verkehr mehr für einen Offizier ivar — ein Schauspieler: aus dem Palasttheater.
Gerda wurde in dieseni Vermuten noch bekräftigt durch ein peinliches Erlebnis, das ihr nur allzu sehr recht zu geben schien. Sie hatte, getrieben von dem Verlangen, sich einmal felber zu entfliehen, eines Tages auch bei Loeweckes wieder vorgesprochen. Der Zufall hatte es gewollt, daß, während Gerda iwch draußen vor der Wohnungstür stand, von drinnen aus dem Entree die Stinnne Frau von Lociveckes herausscholl, die wohl mit einem ihrer Leute sprach. Als Gerda dann sich melden ließ, kam der Bursche wieder heraus mit dem Bescheide, er hätte leider nicht gcivußt, die Frau Hauptmann wären doch fortgegangeu. Auch wenn Gerda die Stimme Frau von Loeweckes vorher nicht so deutlich erkannt hätte, an dem etivas betretenen Wesen des noch unbeholfenen Menfche» jetzt hätte sie dies L>ich-verleug»cn-lassen gemerkt.
Dann ging sie stillschivcigend, aber den Moment verwand sie nie wieder. _ (Fortsetzung folgt.)
Analole France.
Zu seinem 7V. Geburtstag am 16. April.
Von Herbert Stegcmann (Berlin).
Der französische Roman in der zweiten Halste des vergangenen Jahrhunderts steht im wesentlichen unter dem Zeichen des Naturalismus, und die Trias Flaubert, Zola, Maupassant bezeichnet seine .Höhepunkte. Bei Flaubert freilich sä>ei»t die naturalistische Teämik mehr ein bewußter Kunstgriss zur Dämpfung seiner tppisch romantischen Phantasie, die an Baudelaire und Gautier erinnert, als ei» adäquater Ausdruck seines eigentlichen künstlerische» Tempera-


