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Angst und Unsicherheit, Krankheit, Qual und Tranen. Und sodann lind es noch chre Briefe, di« da« Bild dieser „mächtigsten und schönsten Frau Frankreichs", dieser großen Lebens- und Liedes- künstlerin, das die Nachwelt in ungezählten Variationen entwarf, afö eine glänzende Lüge hinstellten.
Nein, glücklich war diese Frau ganz gewiß nicht. Sie teilte das Los der vielen geistreichen, schönen und verliebten Frauen, die, in der Unsicherheit ihres erborgten Glanzes, ihre Seele hundcrt- facheni Sterben preisgebcn.
Ter unstillbare Ehrgeiz, dein die Marquise von Pompadour für ihr Leben verfiel, war die treibende Kraft all ihrer Handlungen. Tiefer Ehrgeiz führte sie an den Dos, uni die anerkannte.Geliebte Ludwigs XV zu werden. Dieser Ehrgeiz ließ sie ungeheuerliche Summen verschwenden, um den gelangweilten, degoutierten König durch immer neue Zerstreuungen, die sie für ihn ersann, sich zu verpflichten. Und der Ehrgeiz ließ sie auch die verworrenen Fäden der Politik ergreifen, für deren Lenkung und Entwirrung weder ihr sprunghafter Geist noch ihr Charakter hinreichtc.
Dennoch: vom Standpunkt des Menschlichen betrachtet, scheinen all ihre Fehler, Jrrtümcr und Mißgriffe gar so sehr das logische Resultat einer vorbestiminten Lebenslinie. Es ist wahr, die Marquise von Pompadoitr hat die Sintflut nach sich kommen sehen. Jedoch mag dies nicht so sehr, oder allein, aus ihr Schrildkonto «ntsällen, als aus das eines haltlosen und ivankelmütigen Monarchen, der aus Indolenz die Willkür einer Frau schalten ließ. Es ist auch richtig, daß sie immer „in Millionen arbeitete", daß sic Schlösser kaufte, niederriß, neu erstehen ließ, zu einer Zeit, da der Staat vor dem Bankerott stand und das Volk die drückenden Steuerlasten kaum zu tragen vermochte. Vielleicht aber wiirdc die Nachwelt dies alles milder richten, wenn die vielen Wunderwerke der Kunst, zu denen sie die Anregung gab, erhalten geblieben wären.
Und jener viclumneidete Platz am Dos des fünfzehnten Ludwig, den sie später so glühend erstrebte, schien ihr als Kind schon vor- bcstimmt zu sein. Eine Wahrsagerin hatte der damals neunjährigst Jeanne Antoinette Poisson prophezeit, daß sie dereinst „un invr- ceau cke roi" sein würde. Aus dieser Weissagung baute sich schon die Erziehung der kleinen „Reinette", wie man sie seitdem nannte, ans — eine Erziehung, die der einer jungen Prinzessin gleichkam. Tic Kosten dafür bestritt der reiche Generalpächter Tournehem, der $ii Madame Poisson in recht nahen Beziehungen stand. Franyois Poisson, ihr Gatte, war derzeit, wie es hieß, sür den Galgen! reis und nach Deutschland geflüchtet, um sich von dort aus zu rehabilitieren
Aus diesen fragwürdigen und kleinbürgerlichen Verhältnissen begann „Reinette" ihre Ruhmcssciter zu ersteigen. Eine Sjuse darin, nichts anderes, bedeutete es, daß sie, kaum zwanzigjährig, den Ressen ihres Gönners Tournehem, Lenormant d'Etoiles, heiratete. Er stellte ihr ein großes Vermögen, sowie das Schloß Etoiles, in der Nähe von Choisy, zur Verfügung, wo der König zu jagen pflegte. Madame d'Etoiles wußte sehr rasch die allgemeiiw Beachtung, sowie die des Königs aus sich zu lenken. Man wadä ' bezaubert von ihrer Erscheinung, ihrem Geist, ihrem Lächeln Und sie erreichte, trotz hundertfacher Intrigen des empörten Adels, was sic erstrebte: sie bezog als erklärte Geliebte Ludwigs XV. die kleinen Kabinette des Versailler Schlosses. Ter eifersüchtig« Gatte »ourde vorher kurzerhand auf eine Inspektionsreise in die Provinz geschickt und die Ehe geschieden. Madame d'Etoiles aber ward durch königliches Daichschrciben zur Marauise de Pompadour erhoben, und im Herbst 1743 fand die Vorstellung bei Hofe statt.
Es war die erste Gelegenheit, da die Pompadour natürliches Zartgefühl und Takt bewies. Ihre Neider und Spötter, die adligen Hofdamen, die die Tradition unterbrochen sahen, daß der König sich seine Favoritin ans ihren Kreisen ivählte, hatten sich ein Schauspiel versprochen von der Begegnung der Königin mit der ffeuernannlen Marquise. Sie erlehten jedoch die Enttäuschung, die Königin von der Anmut und Ehrerbietung der Pompadour bezwungen zu sehen. Auch hat sic es verstanden, der unglücklichen Königin Maria Leszczynska, der in ihrer Verlassenheit nichts als die Frömmigkeit blieb, ihre ungekünstelte Teilnahme zu beweisen, die frei von beleidigcndeni Mitleid war.
Für die Marquise de Pompadour begann jene Glanz» und Machtpcriode, jener bewußte Rausch körperlicher Schönheit und geistiger Ucberlegenheit, der die Frau ins Grenzenlose zu führen Hünen. Zu der Schar derer, die sich vor ihr beugten, gehörten die berühmtesten Staatsmänner der Zeit, Männer der Philosophie, der Künste und der Wissenschaften. Voltaire, Rousseau, Montesquieu, Tiderot verschmähten es nicht, um ihre Gunst und Fürsprache zu werben. Sie stürzte Minister, besetzte die wichtigsten Staatsämter nach ihrem Willen durch ihre Günstlinge. Sie verstand es, wie alle starken Charaktere, bttter zu hassen: und sie setzte ihren Daß in Taten um. Sie wußte gleichgültige Menschen ihren Zwecken nutzbar zn machen. Sie beförderte, ermutigte da, wo ihr Herz und ihr Ehrgeiz beteiligt waren. Hierbei ging sie oft nicht ohne ein Gefühl für Gerechtigkeit vor, obwohl die bewußte Ungerechtigkeit nur ein Beweis niehr für die Stärke ihrer Persönlichkeit wäre. Eie schreibt an ihren Vater (er war inzwischen geadelt und hat später sogar den Edelsitz Marigny erhalten): „Wie kann es Ihnen nur in den Sinn kommen, einen fünfundzwairzigjährigen Menschen plgcierrn zu wollen, her nur sechs Fahre im Dienst war."
Sie liebte ihr Vaterland und li« suchte ihm das beste Schicksal zu bereiten. Daß ihr Eingreifen m die Staatsgeschäfte, ihre im» alücksslige Beteiligung an der Entwicklung des Siebenjährigen Krieges, daß ihr heißes Ringen, sich ein Ruhniesblatt in der Geschichte Frankreichs zu sichern, so völlig scheiterte, um der Nachwelt ihren Namen nur als einen Fluch zu überliefern, bleibt nicht ohne Tragik. Sie^selbst erkennt häufig ihre Mißgriffe, wenn sie sich von ehrgeizigen Schmeichlern hintergangen sieht, und beklagt sie tief.
Wie durch all derartige Dokumente klingt durch die große Sammlung ihrer hinterlassenen Briese (sie sind kürzlich in zwei Bänden von Georg Ehr. Stephany herausgcgeben und im Verlag Georg Müller in München erschienen) eine liefe lraaische Note. Wieder und wieder kehrt die bittere Klage der Enttäuschung. Dies« Frau, deren Stolz und Macht sich ins Maßlose gesteigert hatten, war niemals glücklich.
„Ich hatte ehemals den törichten Gedanken, der Hof >vär« ei» Aufenthalt des Lachens, er ist aber vielmehr ein Aufenthalt des Weinens, wenigstens für mich," schreibt sie schon um 1748 an dir Herzogin von Turas. Und an die Gräfin Noailles: „Ich bi» betrübt und glaube gewiß, daß, wenn auf der Welt ein Glück zu finden ist, man es nicht an den Höfen suchen muß . . . Ich treffe da nur falsche Freude, falsche Vergnügungen und falsche Freunde an, die, indem sie mich umarmen, mir das Leben zu nehmen suchen." Und um weniges später wieder die gleiche Melancholie: „Ich habe bei den Festen Langeweile und erfahre beständig, daß in der Eitelkeit kein Glück finden ist. Indessen muß ich den Kelch trinken, so widrig er nur auch immer ist, weil ich es gewollt habe."
Wie die Königin Maria Leszczynska, wie all ihre voran- gcgangcncn Favoritinnen im Leben Ludwigs des Vielgeliebten, hat sie auch die Bitternis erfahren, des Königs erloschene Leidenschaft in anderen Amouren aufleben zu sehen. Aber unvergleichlich jeder anderen Frau verstand sic, ohne eine» hörbaren Seufzer ihre Beziehungen zum König in die Bahnen der Freundschaft zn lenken. Als sie ihren erschöpften und hinfälligen Körper nur noch mit Mühe aufrecht hielt, ersann ihre Verzweiflung der Unersättlichkeit des Königs jenen berühmten Hirschpark, in dem sein abge- stumpstes Interesse seine letzte Erfüllung fand.
Und bis zuletzt hielt sie das reizende Lächeln aus de» Lippen, mit dem sie die unermüdlich gleichen Geschichten des Königs von seinen Jagden und Hunden anhörte. Und mit diesem Lächeln hielt sie die Macht in Händen bis zum Ende. l
Bezeichnend ist es, daß auch diese Frau von hohem Intellekt wenige Jahre vor ihrem Tod ihre Aussöhnung mit der Kirche herbcizusühren wußte: mögen die Gründe dafür, welche auch inimer, gewesen sein. In ihrem.Testament, das von 1757 datiert ist, ftehen eingangs die Worte: „Ich befehle meine Seele Gott und flehe ihn an, Mitleid mit mir zu Hohen, mir meine SündeA zu verzeihen, und mir die Gnade zu erweisen, daß ich bereuen und in einer seines Erbarmens würdigen Weise sterben kann, indem ich hasse, seiner Gerechtigkeit vermittelst der Verdienste des kostbaren Blutes Christi, meines Heilandes, und durch die mächtige Beihilfe der heiligen Jungfrau nebst aller Heiligen des Paradieses teilhaftig zu werden."
Am 15. April 1764, „och nicht vierundvierzigjährig, starb die Marquise von Pompadour und wurde im Kloster der Ursu- linerinnen beigesetzt, wo sie sich einen Platz gesichert hatte.
„Die Schule im Hause."
Das Wunder der Maria Monte ssori.
Bon Dr. H. Barth.
Es ist ungemein lehrreich zu beobachten, wie Gedanken, geboren auf weit von einander liegenden Gebieten, sich zu einem höheren Gebilde vereinigen und, die Lösung einer lange für aussichtslos gegoltenen Frage bringend, großen Kreisen Gegen und Freude svenden.
Täglich und stündlich bereiten Eltern und Lehrern die Schwierigkeiten stets wachsende Sorge, die aus der Auslösung des Familienlebens entspringen. Ter Schule werden Erziehungsausgaben zugeteilt, die sie nicht bewälttgen kann, und auch das Vaterhaus! sieht sich vor Fragen gestellt, zu deren Lösung weder Vater noch Mutter Kraft und Befähigung haben . Diese Zustände beschränken sich nicht nur auf die Kreise des Proletariats, sie sind auch überall dort anzutrefsen, wo das Eltcrnpaar tagsüber des Erwerbs wegen seinem Heime sernbleibcn muß.
Diesem Problem in großzügiger Weise nähergetreten zu sein, ist das Verdienst des Generaldirektors der „Römischen Gesellschaft sür zweckniäßiges Bauwesen", Edoardo Talamos. In den Jahren 1884 bis 1888 befiel die Stadt Rom ein wahres Bau- fieber. Häuser und Wohnungen wurden nicht nach sozialen Und gesundheitlichen Grundsätzen hergestellt, sondern nur nach denen einer möglichst hoben Bodenrente.
So entstand der Stadtteil San Lorenzo — die Ansiedlnng der ärmsten Vollsklassen. Hier, in dem Bezirke des wirtschaftlichen und sittlichen Elends, kaufte die genannte Gesellschaft 58 Häuser (80 000 Quadratmeter, 1600 Wohnungen) an und baute sie nach technischen und hygienischen Grundsätzen aus. Tie neuen Bewohner fanden reine Räume, Gänge und Sttegcn, weite Höse, geschmückt mit Blume» und Rasen, vor Und auch Bäder. Die Er-


