Ausgabe 
15.4.1914
 
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Wozu sind Se der Hainz Keßler? Ich sag's doch! Klasse!

Was sich a» anderer vielleicht nicht erlauben dürft', Sie khnncn's riskieren! Sie haben's Publikum hinter ficf). Na, also ieberlegen Se sich de Sache und geben Se mer dann Bescheid. Wer einstweilen können Se sich de Roll' amal anschau»." Und er zog aus seiner Manteltasche ein Heft in blauem Umschlag, das er nun Keßler hinhielt. A Bombenroll', a Schlager! Werden Sc selber sinken, wenn Se sc lesen. Und a faine Roll ! Ganz a was für Sie. Se werden damit den neuen Schanre kreiern, den ich Ihnen vorhin markiert Hab'. Iourore werden Se machen mit der Rolf, und Se sollen sehn, de Kritik

Schon gut! Sie reden ja gerade, als hätte ich bereits ja gesagt."

Mso, ich lass' Ihnen de Roll' da!" Und Larun steckte sie halb mit Gewalt Keßler in die Hand.Und nu will sch Se nich länger aufhalten, mein lieber Fraind. Also, klingeln Se mich an, ans'm Biro Se wissen ja."

Er verabschiedete sich, drehte sich aber, schon auf der Schwelle, noch einmal um und sagte mit einem respektvollen Bückling, als wäre die Frau des Hauses persönlich zugegen: Und enipsehl'n Se mich Ihrer Frau Gemahlin leider noch unbekannterweise."

Eine Weile stand Keßler in Gedanken versunken, die Stirn zusammengezogen. Dann hob er die Hand mit den, Manuskript. Flüchtig begann er darin zu blättern, mit einem geringschätzigen Ausdruck. Doch »ach, und »ach wurde seine Miene interessierter, und nun klappte er das Heft Mit einen: Ruck zusammen. Immerhin lesen konnte man ja die Geschichte mal! Er ging zum Schreibtisch.

Die betzinnende Wintersaison brachte dem -Berliner THeaterpublikum eine große Ueberraschung: Heinz Keßler war in den Verband pes Palasttheaters getreten, an die stelle des dort so beliebt gewesenen Rolf Lattingcr. In der Neuen großen Revue sollte er zum erstenmal an dieser Stätte auftreten, in der führenden Rolle als Erbprinz Botho. Mit der Miezi Molnar als Partnerin.

DaS war ein Staunen und Verwundern. Wie? Der Kehler imPalast"? Zwischen all den bekannten Größen des lachenden, kecken Humors, der dieser Bühne neben dem gtäilzenden Ausstattungsapparat ja gerade das Gepräge gab? Mer schließlich eben der Heinz Keßler! Bei dem ^nutzte inan ja immer auf eine Extraüberraschung gefaßt

Auch die Presse beschäftigte sich mit diesemneuesten,

E etwas bizarren Impromptu des vielgenannten :rs." Wer eine von Larun lancierte, sehr geschickt rte Notiz gab bald Erklärung und Begründung imb erhöhte noch die Spannung: man würde da eine ganz neue Note an diesem beliebten Künstler kennen lernen. Kurzum^ baö Debüt Heinz Keßlers im Palasttheater wurde zil einem Ereignis für die Berliner. Am Abend der Premiere war vaS aroße Haus Unter den Linden zum Brechen voll.

Auch Gerda Keßler war im Theater. Der Entschluß war ihr hart angekommen. Aber sie hatte sich überwunden,, Heinz zuliebe.

Diese letzten Wochen waren überhaupt ein unausgesetzter «rer Kampf mit ihrer eigensten Natur gewesen. Sie te den Stolz in sich niederringen müssen, ver sich auf- umte gegen diese neueste Zumutung: ihr Mann auf lener Bühne, wo die leichtgeschürzte Miezi Molnar ihre Düumphe feierte.

Und das Schwerste: sie selber war in erster Linie die Veranlassung dazu geworden. Heinz hatte es ihr ja er- Hirt, in jener erregten Stunde, wo er ihr von seinen, Engagemcuisabschlüß mit Larun berichtet hatte. Gerade Mit Rücksicht auf sie hatte er schließlich angenommen. Weit er sie nicht länger mehr jenem Wanderleben aussetzen wollte, dem ihre Nerven offenbar nicht gewachsen Ivaren.

DaL lähmte ihr jeden Widerstand, verschloß ihr einfach den Mund. Aber in ihrem Inneren brannte es uni so bitterer: sie selber Schuld an dieseni Niedcrsinken ihres Wannek!

Denn das war es. Bisher war er, ivenn er sich auch an ungewohntem Orte zeigte zeigen müßte, wie ja alle Welt wußte sn der Sphäre ernster KUnst geblieben. Mer nun? ImPalast", wo Tausende yingingen, nur UM de,i Mtttrkram der vrunkvollen Kostüme, die schön-

: «tvachsene>l Choristinnen im Trikot zu bewundern bei den roßen Tableaus, mit heuen jeder Aft abschloß!

War es nicht eine Selbstentiveihung Heinzens, daß n sich auf dieser Bühne zeigte? Aber um wen geschah es?

'Auch Heinz mochte es anfänglich' ernste Kümpfe ge­kostet haben. Er sprach zwar nie davon, aber sic merkte eS ihm an. Er war wortkarg und reizbar. Tann wieder unverniittelt lebhaft. Mit Selbstironie und gewaltsamen Scherzen suchte er sich selber und sie darüber hinwegzu­bringen. Aber er täuschte Gerda damit doch nicht. Und zii dein eigeiien Leid kam nun das Mitleid mit' ihiu, der ihret- lvegen das ans sich genommen hatte. Sie quälte sich im stillen mit Selbstvorwürfe», daß sie nicht stark genug ge- ivesen war, jenes Wanderleben iveiter mit ihm zu teilen. Das erschien ihr jetzt, wo es zu spät war, ja viel, viel leichter.

Aber auch sie schwieg von all dem. Das war so ge- kommen zwischen ihr und Heinz. Um sich gegenseitig zu schonen,' iriigen sie jeder allein mit sich herum, was sie drückte. Und verloren dabei langsam die innerste Fühlung miteinander. Als sie es endlich merkten, da war es zu spät: zu viel Uiiausgesprocheiies stand bereits zwischen ihnen.

Nachher schien es Heinz auch übcrwundcil zu haben. Dann, als die Proben z» dein neuen Stück beganue» und ihn das Studiuin seiner Rolle beschäftigte. Nun schien ihn bloß eines noch nuszusüllen: der Ehrgeiz, die Erwar­tungen nicht zu enttäuschen, ja wvhl noch zi> überiresfen, die man in ihn setzte.

So war dieser Abend hcrangekommcn, und Gerda saß hier im Theater, aus dem Platz, den ihr Heinz besorgt halte, in der Proszeniiimsloge des Parketts, wo sie der Bühne ganz nahe war.

Gerda war diesmal allein. Peierscns iveilien ja noch in Ellerstedi. Erst nach Weihnachten, wenn die Saison ganz aus der Höhe" war, wollte Astrid ihrHauptquar­tier wieder »ach Berlin verlege»", wie sie neulich geschrieben hatte. Die Schwester mit ihrem unverwüstlichen Frohsinn, der über jede Situation hinwegkam, fehlte Gerda heute doppelt. So rückte sie denn ihre» Sessel ganz in die Ecke, daß die Portiere der Loge sw de» Blicke» aus deni Zu­schauerraum entzog, und im Halbdunkel ihres Verstecks er­wartete sie den Anfang des Spiels.

Heinz trat gleich i» der zweite» Szene auf uud be­herrschte dann eigentlich mit seiner Partnerin de» ganzen weiteren 21 ft. Sie ernteten beide reichsten Beifall, der ihm Ivohl noch mehr galt als seiner Mitspielerin. Wer dieser allzu lärmende 'Applaus, diese unvermittelt losdröhnendeu Lachsalven bedrückte» Gerda jedesmal, daß sich ehr das Herz zusammenzog. Es tat ihr weh, Heinz da ans Yen Brettern zu sehen, ganz gewiß höchst elegant und distin­guiertder Keßler ist ja einfach totschick! Zum Verlie­ben!" hörte sie es hinter sich aus Frauenmund flüstern, aber doch eine halbe Karikatur. Da schloß sie die Augen. Wenn sie auch nur ihren Ohren den Dienst hätte verbieten könne». So schlugen unaufhörlich die Witze uud Witzeleien au ihr Ohr, die jedesmal stürmische Heiterkeit entfesselten. Ihr unverständlich. So fade und abgeschmackt käm ihr dies alles vor. Daß andere nur so einen Gefallen daran finden konnten!

lFoitsctzuiig folgt.)

Die Marquise von Pompadour.

Zur 150. Wiederkehr ihres Todestages am 15. Von Edith Stechern (Berlin).

April.

Ein Hauch von Lebensgemiß, von Leichtsinn und der Schönheit des Rokoko weht durch das Jahrhundert. Und der gleiche Dust und Rhythmus klingt aus deni Namen der Marquise de Pompadour» die ihr Jahrhundert damit gleichsam symbolisierte.

Man hat sie die schönste und glücklichste Frau Frankreichs ge­nannt. Sicherlich war sie außergewöhnlich schön: sicherlich auch wurde sie beneidet, unschmcichelt wie wenige. Und wie ivenige auch wurde sie gehaßt. Nach der Zahl ihrer Hasser bewertet, muß diele

E r au den Durchschnitt weit überragt haben. Glücklich war die iarauise von Pompadour wohl kaum.

Ihre Biographen haben das Büd der Geliebten Ludwigs XV. in mancherlei Farben aejeichnet, haben es und dies taten haupt- wchlich ihre Zeitgenossen in Gisl und Verleumdung ertränkt. Tie moderne Geschichtsschreibung steht dieser schillernden und sel­tenen Persönlichkeii galanter und auch objektiver gegenüber. Lebens echt und ohne Maske schaut ims jedoch dies reizvolle Gesicht erst au- dem Tagebuch ihrer vertrauten Kamnierfrau, der Madame Du Hausset, entgegen. Wir sehen hinter dem bezaubernden und ge-

sijrchteten Lächeln, mit dM sie Jahr« hindurch Frankreich regiert«^