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„Etwa drei Wochen, gnädige Frau."
„Und haben noch nicht den Weg zu uns gesunden?" „Verzeihung — aber so in der ersten Zeit —"
„Ist das wirklich eine Entschuldigung, Herr Krillburg?"
Er las in ihrem Blick den Vorwurf, aber auch noch mehr. Sie mochte denken, er wäre deswegen nicht gekommen, weil ihr Mann — da versicherte er schnell: „Es war wirklich nicht böser Wille. Bei meinem Wort!"
Sie dankte ihm stumm.
„So werden Sic also bald einmal kommen?"
„Morgen schon, Ivenn Sie erlauben."
„Gern. Ich — wir werden uns sehr freuen." Und dann sah sie ihn an, ivährcnd sie nun an seiner Seite dem Ausgang zuschritt, den anderen nach. „Sind Sie nun nicht sehr froh, dass Sie Ihr Ziel erreicht haben, die Akademie? Sie müssen doch ganz glücklich sein."
Er blickte sie nur schweigend au.
„ilcun ja, ich meinte —" ihr Auge wich ihm aus, „soweit Berusserfolge einen Mann eben glücklich machen können."
Das Wort Erfolg blieb ihm im Sinn und gab seinen Gedanken eine andere Richtung.
„Ich habe Sie noch gar nicht beglückwünscht zu dem großen Erfolge Ihres Herrn Gemahls. Das war ja ganz erstaunlich."
„Ja?" Es klang freudig. „Hat er Ihnen wirklich gefallen?"
„Außerordentlich, namentlich im letzten Stück, dem „Totentanz", hatte ich sehr starke Eindrücke."
„Gewiß, gewiß — schade nur eben, daß es gerade der Wintergarten ist! Ich weiß nicht —"
Die Worte schlügen von den drei da vorn zu ihnen herüber. Es war Gocrckes ein wenig schrilles Organ. Gerdas Mienen, die eben noch hell waren, verdunkelten sich. Da kam das wieder, das an ihrer Freude und an ihrem Stolz nagen wollte.
Auch Kyllburg hatte die Bemerkung gehört, und die Veränderung jetzt in ihrem Antlitz entging ihm nicht. Es war, als ob er die unbedachte Aeüßerung des Kameraden gutmachen wollte, wie er sagte:
„Auch im Publikuni war nur eine Meinung darüber. Ganz gewiß, Ihr Herr Gemahl hat glänzend abgcschnittcn, gnädige Frau. Der heutige Abend hat's ihm bewiesen: er hat die Berliner ans seiner Seite."
Gerda erwiderte nichts. Es klang so schmerzlich in ihr an. Gnädige Frau nannte er sie, der einst der Vertraute ihrer Jugend gewesen. Und doch empfand sie zugleich mit einer warmen Regung seine Zartheit, das stille Verstehen, das aus seinen Worten eben sprach. Er ahnte tvohl, was sie durchgekämpft hatte. Leise sagte sie da:
„Ich danke Ihnen."'
Die wenigen Worte schlugen eine geheime Brücke von ihr zu ihm. Er wandte sich ihr zu mit halblautem Ton: „Es war eine schwere Zeit für Sie."
Sie nickte nur, in ernstem Schweigen, und dies Vergangene ward wieder lebendig in ihr. Auch an zu Haus mußte sie da denken. Der Vater hatte sich zwar persönlich nicht geäußert — es war sei» Grundsatz, sich nicht in die Eheangelegenheiten seiner Tochter zu mischen — aber sie wußte aus den Briefen der Mutter, wie schwer gereizt er über den „Skandal" seines Schlviegcrsohnes gewesen war. Und so sragte sie denn jetzt Kyllburg:
„Sie haben meinen Vater ja gewiß noch kurz vor Ihrem Fortgang nach hier gesehen. Hat er sich etivn einmal zu Ihnen geäußert über die Angelegenheit?"
„Geäußert nie. Aber es war Ihrem Herrn Vater wohl anzumerken, daß ihn die Sache sehr beschäftigte."
Sie schlvieg und forschte dann weiter:
„Und die anderen Herren vom Regiment? Und unsere Tanien?"
Kyllburg ziickte die Achseln. Da drängte sie:
„Sprechen Sie nur ganz offen!"
„Nun, Sie können es sich ja wohl denken, gnädige Fra», cs wurde da natürlich allerlei geredet. Indessen —" Er fand nicht sogleich die rechten Worte. Da sagte sie etwas herb:
„Geben Sie sich nur keine Mühe! Ich tvciß schon genug."
Sie schloß fest den Mund. So ging sic eine Weile neben ihm her.
Da bat er leise:
„Bitte, liebe gnädige Iran, nicht so traurig!"
„O, ich bin nicht trurig!" Sie warf jetzt den Kopf wieder empor. „Ganz und gar nicht. Und den Leuten da, wenn sie wieder einmal davon sprechen sollten, sagen Sie es ihnen nur recht deutlich; hören Sie, Herr Kyllburg? Stolz bi» ich auf meinen Mann. Und sehr glücklich mit ihm!"
Kyllburg antwortete nicht gleich. Er hatte bei ihren letzten Worte» den Blick von ihrem Antlitz abgewandt, das da in seiner heimlichen Erregung doppelt schön war. Aber nun wiederholte er langsam die Worte:
„Ja, sehr glücklich — ich werde es jedem bestätigen, gnädige Frau, nach Ihrem Wunsche."
*
Gerda lag in ihrem Zimmer auf der Chaiselongue, den Kops in die seidenen Kissen vergraben, ganz nur dem Ausruhen hingegebe», wie sie es sich so oft ersehnt hatte während ihres ruhelosen Wanderlebens diesen langen Sommer hindurch.
Endlich einmal ruhen können — ruhen! Nach all dem Hcrumhetzen. Wieder im eigenen Hause sein. Ach, wie mußte das wohltun.
Mer nun, wo dies Sehnen erfüllt, und sie nach Mtanf der Theatersaison wieder mit Heinz nach Berlin zurückgekehrt, jetzt, wo sie wieder in ihrem Heim geborgen war und diese Ruhe recht auskosten wollte, jetzt versagten die
Nerven.
Das zuckte in ihr, so aufgestört, bei aller Mattigkeit. Kein Friede wollte über sie kommen, keine Stimmung. Und doch war dies Heim so traulich. Was wir nur mit ihr?
Wieder stützte sic sich aus den einen Arm und zupfte mit der anderen Hand die Kissen und Kißchcn zurecht —> wie so vst schon heute, und ließ sich dann mit einem hoffnungslosen Seufzer zurücksinken. Sie wußte ja nur zu gut: darum ward es nicht besser. Diese Ruhelosigkeit kam aus ihrem Inneren. Sie kannte den Grund. Und wieder nahmen ihre Gedanken den alten Weg, mit so gar keinem lichten Ausblick.
Ein Klopfen an der Tür ließ sie ausschrccken. Unwill- kürlich richtete sie sich halb auf und strich das Gewand glatt über die schmalen Fußgelenke hin.
Das Hausmädchen kam mit der Präsentierschale. Sie wollte ablehnen, aber da erkannte sie Walter Kyllburgs Karte und ließ ihn hereinbitten. Langsanc erhob sie sich und ordnete mit einigen Griffen Haar und Kleid.
Dann trat er ein. '
„Herr Kyllburg!" Sie streckte ihm die Hand entgegen und ihre Miene belebte sich ein wenig. „Aber woher wußten Sie denn, daß wir wieder da sind?"
„Von Heßfurths. Ich war gestern abend gerade dort, als Ihre Karte mit der Nachricht ankam."
„Und kommen gleich heute! Das ist lieb von Ihnen."
„Mer ich fürchte, ich komme nicht ganz gelegen. Ihr Mädchen schien ini Zweifel — "
„Ja, ich hatte allerdings gesagt, ich wollte ein wenig ruhen, jedoch — "
„Sehen Sie, ich ivußtc es ja! Sie sehen auch ange- grisfcn aus. Bitte, lassen Sie mich wieder fort, gnädige Frau."
„Nein, nein, Sie bleiben! Ich bitte Sie daruni, lieber Herr Kyllburg. Und nun, nehmen Sie endlich Platz. Sie stehen ja noch immer."
„Gut, wenn Sie befehlen — aber Sie müssen niich ganz gewiß wegschicken, Ivenn es Ihnen zu viel wird!"
Sie nickte nur, mit einem halben Lächeln. Ihr Blick streifte sein'Antlitz wie gedankenverloren. Dann sagte sie:
„Wir haben uns lauge nicht gesehen."
„Ja — fast ein halbes Jahr nicht. Seit damals, nach dem Wintergarten." Und «ein Auge richtete sich jetzt auf sie. „Wie ist cs Ihnen inzwischen ergangen? Ihr Herr Gemahl hat in dieser Zeit viele Erfolge gehabt. Ich las eS bisweilen in den Zeitungen."
„Ja, daran hat es nicht gefehlt."
Es klang, als ob da noch etwas hätte kommen wollen. Und er horchte auf.
„Sie sind nicht ganz befriedigt — trotzdem?"
Sie blickte vor sich hin, ohne zu antworten, so dag
er sagte: ...-----
„Verzeihung, daß ich fragte." | “
(Fortsetzung folgt)


