Ausgabe 
9.4.1914
 
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Dlkizirrstöchter.

Roman von Paul Grabetn.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Gerade der letzte Grund hatte Gerda) Widerstand be­siegt. So saß sie denn jetzt neben Schwager und Schwester im Zuschauerraum. Nur das halte sie aber zur Bedingung gemacht: (eine Loge vorn oder auf der Terrasse, wo man so gesehen war. Nein, ein Platz mitten im Parkett, wo sie in der großen Menschenmenge untertanchten.

Aber selbst hier saß Gerda no,ch mit einem Gefühl: konntest du dich kleiner machen, am liebsten ganz unsichtbar! Und sie hob die Augen kaum vom Opernglas, das sie aus dem Schoß hielt.

Astrid dagegen ließ die Blicke sehr unbefangen und mit großem Interesse umhergehen.

Wirklich, ein ganz anderes Publikum heute. Nament­lich in den Orchesterlogen und hinten auf der Wcinterrasse. Große Toiletten, ein Zuwinten und Grüßen richtige Premierenstimmung. Heinzens Debüt heute ist ein Ereignis für Berlin, ganz ohne Zweifel. Paß auf, Gerda, morgen sind die Blatter voll davon!"

So flüsterte Astrid der Schwester aufmunternd hinter ihreni Fächer zu.

Gerda crlviderte nichts. Ihr Auge überflog jetzt das Programm, das Klaus ihr gereicht hatte. Wohl war durch eine deutliche Trennung schon im Truck der zweite, künst­lerische Teil des Abends, den Heinz mit seinen drei Solo­szenen ganz aUein füllte, geschieden und besonders her- vorgchoben. Aber dennoch! Da im ersten, artistischen Teil: ExzentrikS, Equilibristen, musikalische ltlowns, ein ath­letischer 'Akt, sogar eine Tierdressur und dann ganz zum Schlüsse des Programms lute immer der Biograph, Neuestes vom Tage: die Flottenrevnc in Kiel, der große Waldbrand in Holland, und die Rückkehr des Ingenieurs Richter ans der Gesangenschaft der Räuber.

Aktuell, sensationell Gerda lvar es, als träfen diese in, Programm fettgedruckten Worte ihr Ohr tvie aufdring­liche Zuruse aus einer Jahrmarksbude. Mit einer nervösen Bewegung zerknitterte sie das Blatt in ihrer Hand. Den ganzen ersten Teil des Abends hindurch litt sie schwer. Ein dnniler Zwang quälte sic, daß sie beständig hineinhorchen mußte in die Menge da um, sie herum. Galt das Mistern und Lachen nicht ihrem Manne? Machte man nicht seine Glossen über ihn, sein Auftreten an dieser Stelle?

Dann kain endlich das Zeichen zum zweiten Teile des Programms.

Jetzt wollen wir aber den Daumen drücken!" Astrid raunte es der Schwester zu und griff nach ihrer .Hand. -Mein Gott, wie eiskalt! Armes Tierle, du."

Die Stimmung im Hause war ruhiger geworden, er­wartungsvoll, und nun hob sich der Vorhang.

Vereinzeltes Händeklatschen begrüßte ostentativ den be­liebten Künstler bei seineni Wiederauftreten vor der Oef- fcntlichkeit nach der allbekannten Affäre. Ja, aus einer Orchesterloge wurde ihm sogar ein Blumenstrauß geworfen.

Heinz Keßler beachtete weder das eine noch das andere. Er ging ganz in seinem Spiele auf. Wer ihn kannte, wie Gerda, der mußte merken, daß er unter der Schminke blaß war und daß seine Angen brannten. Er war sich der Bedeutung dieser Stunde voll bewußt. Dort unten das Publikum sollte sich entscheide» für oder ivider ihn. Es ging um seine Existenz als Künstler und Mensch. Um die der Frau, die er an sich gefesselt hatte. Zwar war er der Liebling der Menge. Aber er kannte sie: eine launische, un­berechenbare Bestie. Sie riß bisweilen auch ihre Günstlinge nieder.

In seinem Spiel zeigte sich nichts von dem Vibrieren seiner Nerven. Im Gegenteil, Heinz Keßler war geradezu glänzend heute. Eine solche Tiefe, einen solchen Ernst hatte er vielleicht überhaupt noch nie gezeigt.

Gerda fühlte das alles mit, was in ihm vorging, mit »»stet pochendem Herzen. Und sie war ergriffen ivie noch keinmal vorher. Als Zuhörerin wie als Frau des Mannes, der da oben ans den Brettern mit vollendeter Beherrschung kühl lächelte und ironisierte und dabei im Innersten seiner Seele den schwersten Kampf eines Mannes känipfte.

Noch nie hatte Gerda so stark empfunden: das, was Heinz Keßler in seinem Spiel bot, war Kunst, echte Kunst. Etwas Großes, das einen wegriß, fort über alle kleinlichen Sorgen und Nöte. <

Auch im Publikum mochte man Aehnliches empfun­den haben, denn als sich dann dcriVorhang senkte, du brach ein geradezu stürmischer Beifall ans. :

Donnerwetter alle Achtung!" Und Klaus Peterseu wiegte den Kopf.Das hält' ich ihm, loeiß Gott, nicht zugetraut."

Astrid aber preßte Gerdas Hand.

Gewonnen Spiel! Na, was Hab' ich dir gesagt?"

Gerda sagte nichts. Aber ihr Blick suchte ^Heinz da droben, der sich wieder und wieder zeigen mußte. Noch immer blaß, aber ein stolzes Leuchten im Auge. Er war der Sieger geblieben. Auch bei seinem Weibe.

Dann brachen die drei aus. Die Biograph interessierte sie ja nicht mehr, nnd sie wollten nicht in den großen Strom der Menge nachher geraten. Aber auch zahlreiche andere Besucher machten es wie sie. So fanden sie draußen in der Garderobe schon einen gewissen Andrang vor, nnd plötzlich hörte Gerda ihre Schwester rufen:

Da ist ja Gocrcke und Kyllburg! Nein, wie nett!"

Die beiden Herren hatten nun auch sie bemerkt und traten herzu. Man begrüßte sich allseitig ziemlich leb­haft. Rur Gerda und Kyllburg waren stiller. Schweigend küßte er ihr die Hand, die sie ihm bot, ! während ssie fragte:

Sind S:e denn schon lange in Berlin?"