Ausgabe 
8.4.1914
 
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immer hübsch stiklhalleii und alles runtcrwürge» muß, da ist's einem ordentlich ne Wohltat, wenn inan mal wenig­stens einen anderen frisch vom Leder ziehen sieht."

Die Worte taten Heinz wie Gerda wohl. Die Besangen-» heit luid> von ihr, und .Heinz schloß in seiner leicht begeister­ten Art dki, Oberleutnant sofort ins Herz. So plauderte inan sich so angenehin fest, daß schließlich die liebenswür­digen Wirte, da unversehens die Mittagsstunde da war, Keßlers baten, ohne Umstünde mit ihnen zu essen ä la fortune du pot >cnd cs entivickelte sich daraus ein sehr heiterer Sonntagnachmittag.

Als Gerda dann gegen Abend mit ihrem Manne im Auto nach Hans fuhr, da war es ihr, als habe sie ein ge­heimes Unrecht an ihm gutznmachcn. Und sic suchte seine Hand.

Wars nun nicht »och ganz reizend heute, Heinz'?"

Auch er lvar froh gestimmt.

Ja der Oberleutnant ist wirklich ei» Prachtkerl!" Er' legte dabei den Arm um ihre Schultern Sic fuhren im geschlossenen Wagen, und es war schon dämmrig aus der Straße.Die ganze andere Gesellschaft kann mir gestohlen bleiben, weißt du. Aber das mit Hesisnrths war wirklich ein guter Einfaft von dir, Böbs!"

Und er zog sie plötzlich au sich, nach seiner alte», stür­mischen Art. Trotzdem sie gerade in eine belebte Straße elnbvgeu und da§ elektrische Lampenlicht hell durch die Wagenfenster fiel, duldete sic cs', ja sie küßte ihn wieder. Gott fei Dank, daß es wieder hell wurde auch drinnen bei ihnen. Run erschienen ihr auch Heinzens Zukiiustspläuc gar nicht in ehr so schrecklich. Man sah ja, es gab noch Men-, scheu, die vernünftig dachten.

I» Heinzens Arm entwarf auch sie Pläne: wie sie sich mit Hcßsurths recht eng befreunden wollten. Und diesmal stimmte er bcreitwiftigst zu.

*

Hallo Kyllburg! Trifft man Sic endlich mal. Zweimal Hab' ich nun schon vergeblich bei Ihnen angetlopft. Hörte ja, daß Sie jetzt hier sind gratuliere übrigens auch noch nachträglich! und ließ mir aus der Kriegs­akademie Ihre Adresse geben. Aber nie traf ich Sic an."

Der .Angerufene sah zn dein Herrn in Zivil hin, der da aus ihn zugetreten war richtig! Der Regiments-j kamerad, dessen Karte er ja schon vorgestern bei sich im Briefkasten gefunden batte, und er streckte dem anderen die Hand hin.

Tut mir leid, lieber Goerckc. Aber Eie wissen ja, wie das in Berlin so geht. Das Sichverfehlen ist eigentlich der Normalzustand. Sic sind drüben in Jüterbog?"

,,Ja, offiziell!" lachte der Kamerad.Aber mccrschten- dcels hier. Ich Hab' mir sogar '»« Bude gemietet, dicht am Anhalter Bahnhof. Sache klappt tadellos. Jeden Abend sieden achtundvierzig komm' ich hier rübergerutscht. Der Theaterzug. Wir sind immer ein ganzes CoupS voll, riesig gemütlich. Und dann geht- ans de» Bummel. Man muß die paar Wochen ausnützen. Früh sechsc dreizehn geht dann die Retourkutsche genannt dieletzte Oelnng". Man lricgt nämlich gerade »oct, de» Anschluß.» bißchen ßrapa ziös ist's ja freilich ans die Dauer, man liegt nicht allzu- viel in der Falle. Aber, man ist ja nur einmal jung! Na

und ivas mact-en Sie Guts'?"

Goerckc hängtc sich bei dem Kameraden ein.

Ich? Ja, was man hier so macht. Mitunter Theater, Konzert, oder auch mal Familie. Sic wissen ja, unser Loelvecke und Bungardts"

Goerckc nickte.

Ja, lvar auch schon mal da. Doch schätze den Fanich lienbetrieb nicht übermäßig. Na, aber jagen Sie mal, was haben Sic heute vor?"

Nichts Besonderes gerade"

Das trifft sich ja gut. Da müssen Sie mal mit! Bloß"

und er musterte lopsschütlelnd den anderenwie kan» inan abends in Berlin in Uniform ausgehe»! Wissen Eie was?" Er sah nach der Uhr.Es ist ja noch Zeit. Wir nehmen ein Auto. Sie können sich rasch umziehe». Wir kommen noch zcirccht zum Wintergarten."

Was lvvtle» Sie denn da? Ich muß Ihnen osje» ge­stehen, Goerckc, ich mache mir niä,t allzuviel aus diesem Epezialilätcnkram. Einmal im Winter, das genügt für meine Bedürfnisse. Und ich lvar erst neulich da."

Ja, da ist doch aber heute gallz ivas Besonderes! -bissen Sic denn gar nichts davon?"

Kyllburg verneinte.

Na, da muß also lvirklich erst unsereiner kommen Und euch sagen, ivas bei euch in Berlin los ist. .Hier da haben wir's ja gerade, schwarz ans lveiß!"

Er zog den Kameraden zu der Anschlagsäule, an der sie eben vorbeikainen, und wies mit dein Spazierstock aus ein mächtiges Plakat mit ausfallendem Druck. Die Anzeige des Wintergartens für den heutigen Abend, aus der Kyllburg nun IaS :

91/2 Erstes Auftreten von Heinz Keßler O'/r in den drei Einaktern Lebcnsbilanz",Kavaliersehre",Totentanz".

Na, jvas sage» Sie dazu? Der Mann von unserer Gerda Henning im Wintergarten! Muß man nicht dabei sein?"

KhUbnrgs Auge hing noch immer an den schreienden, großen Worten des Aiifchlags. Mit jenem Erschrecken, das ihn in« ersten Moment überfallen hatte. Nun zog er den Blick gewaltsam fort, und halblaut sagte er:

DaS ist freilich"

Nicht wahr? Doch 'ne reichlich dolle Sache! Was wohl unser Alter " er meinte ihren Kommandeur, den Oberst­leutnant von Henningdazu sagen wird? Auch ein Schwiegersohn!"

Walter Kyllburg erwiderte nichts. Aber in seinem In­nern empfand er voll das Peinliche.

Der 'Kamerad fuhr indessen im Weitergeheu fort:

Bon der Ohrfeigcnafsäre haben Sic natürlich gehört?" Nur ein stummes Ricken als Antwort.Na, dabei hatte der Keßler ja selbst nicht eigentlich schlecht abgeschnitten. Aber das da", und er nickte noch einmal zn der Anschlagsäule »rück,ist doch ein bißchen l-appig. Das wird Henning ver- amint an die Nieren gehen. Wer lveiß überhaupt, ob ihin die Geschichte nicht noch den Hals bricht. Gerade jetzt, Ivo er sein Regiment kriegen soll!"

Kyllburg schwieg noch immer, bis Goerckc ihm Nun den Arni drückte.

Aber kommen Sie, drüben hält gerade ein Anto."

Da machte er sich mit einein leisen Widerstreben frei.

Nein, bitte, lassen Sie, Goerckc. Znm Bummeln bin ich wirklich nicht recht aufgelegt heute."

Alter Streber! Sie sollten sich gerade maln bißchen ausmische». Aber in den Winlergarten gehen Sie wenigstens mit? Nee, nee, Bester! N>« mal nicht anskneifen. Das' sind Sie nur einfach schnldig. Denn Jhretlvege>l Hab' ich inzwischen den Anschluß verpaßt, an die anderen, die mich im Pschorr erwarten wollten. Jetzt müssen Sic einfach Mit. Ich tan» mich nicht den ganzen Abend allein rnmdrücken!"

Da gab Kyllburg nach.

I» einer der mittleren Parkeltreihen des Wintergartens' saßen Pctcrsens und Gerda. Nur das Zureden der Schwester hatte diese bewogen, mit ihnen zu gehen.

Sei doch vernünstig!" hatte Astrid geraten.Aenoern kannst du nun lnal nichts mehr an der Sache, also mußt du dich damit absinden. Und daS muß ich schließlich deinem' Mann zngebcn: nachdem es einmal fuiueit gekommen ist, kann er wirklich nicht mehr zurück Aber ivas bleibt ihm da »och weiter übrig? Er ninß wohl oder übel jetzt diesen Weg gehen. Schön ist's ja gerade nicht, seinen Schwager zwischen Akrobaten und Jongleuren sich produzieren zu sehen aber, du lieber Gott, wir sind ja nun mal in Ber­lin! Da ist.nichts uninöglich. Und er hat recht: er jst eben eine Klasse für sich, und das Publik»,n wird sich auch daran gewöhnen. In ein paar Wochen findet inan die Sache schon ganz 'in der Ordnung. Es fallt kein ein Menschen mehr ein, sich darüber anfzuregc». Also, liebste Gerda', strüud' dich nicht länger dagegen. Du niachst damit bloß deinem Manne lind dir das Leben unnütz schwer. Und zu seiner Premiere finde ich - mußt dii doch einfach! Etz> würde ihn schiver kränken, ivenn die cigcnegran fern bliebe, sich scheute, sich dort zu zeigen, wo ihr MH»n «»stritt."

tForlsctzung folgt.)

Sturmflut.

Skizze vo» Karl Böttcher, Cheinnitz.

Ter junge Fischer stand ans der Diiice und schaute über Slrand und Meer. In niatten Kräuseln trieben die Wasser landwärts und der Wind war so schwach, daß die Motorhafciituttcr aste i» See gegangen loaren, die hcinikchrenden Fischerboote, deren Segel »öl« jianc» Winde schlass an. Maste dingen, ins Schlepptau zu nehme»