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kommen?. So kleinlich bin ich nicht, obwohl icf> dich lieber nicht allzuost dort sähe, wo dn herkommft." Und ihre dunklen Nu gen blickten ihm mit leisem, traurigem Vorwurf in sein ein wenig gerötetes Gesicht. „Nein, es ist etwas anderes, Heinz, was mich ernst stimmt. Und sehr ernst allerdings."
„Holla! Das klingt ja wie der reinste Trauermarsch. Was in aller Welt ist denn passiert?"'
„Heinz — weißt du es denn wirklich noch nicht?"
Und sie hielt ihm jetzt die Zeitung hin, die Astrid ihr dagelassen hatte.
Aber er machte nur eine Bewegung der Abwehr.
„Kenn" ich schon, das Geschreibsel da. Na, da du also doch schon mal darum weißt —> leider, ich hält" dir die Aufregung gern erspart — also, natürlich ist mir der Beschluß eines hochwohlweisen Bühnenvereins längst bekannt."
„Fa, aber was soll denn nun bloß werden?" fragte Gerda. „Um Gottes willen, Heinz! Damit ist dir ja überhaupt jedes Auftreten, die ganze Ausübung deines Berufes unmöglich gemacht."
„Oho! Warum? Nur aus den Vereinsbühnen."
„Wer das sind doch, soviel ich weiß, sämtliche Bühnen Deutschlands."
„Richtig, doch es gibt ja noch, ein Ausland."
„Daran denkst du also! Wohl gar Amerika?"
Er nickte.
,/Jch stehe bereits mit einer Agentur in Verhandlung. Wegen einer großen Tournee in den Vereinigten Staaten."
Gerda verstummte. Da trat er näher zu ihr.
„Na I— wäre denn das nicht mal ganz amüsant? Solche Iankeedoodle-Fahrt?"
„So herumziehen, in der Fremde — wie die Zigeuner?"
Das Wort rief ihr plötzlich jene erste Unterhaltung mit ihm in Erinnerung, damals auf dem Gartenfest bei Prinzeß Juliane. Wo er von sich selbst gesprochen hatte als einem Fahrenden. Damals hatte sie gelacht. Und heute?
Heinz Keßler lachte auch jetzt. Behaglich lehnte er sich im Sitz zurück.
„Wie die Zigeuner! Kind, was für ein Vergleich. Sag' lieber wie ein Star, wie so viele andere Bühnen-Stars. Machen sie's nicht alle so, die Kollegen von der Oper, die Geiger und sonstigen Virtuosen? Und wissen sehr, warum. Denn dies Zigeunern macht sich bezahlt. Eine Goldernte ist's, drüben überm großen Teich."
Doch Gerda vermochte seine Zuversicht nicht zu teilen. „Wenn selbst — solch Vagautenleben, monatelang, vielleicht noch länger, ohne Heim, ohne Ordnung, ewig unter wildfremden Menschen, jede Nacht in einem anderen Pett — !"
„Bebe, was bist du schwerfällig! Kein Tropfen Künstler- Nüt. Manch andere wäre glücklich bei dem Gedanken, mal so in die Welt 'rauszukommen."
„Nein, Heinz — " und sie sah ihm ernst ins Gesicht —> „Künstlerblut, das Hab,' ich freilich nicht. Das darfst du nicht von mir erwarten. Es wäre ein schwerer Irrtum."
Ihr Man» zuckte nur die Achseln. Aber seine gute Laune begann zu weichen. Er streckte, die Hände in den Hosentaschen, seine Beine weit von sich. So klopfte er taktmäßig mit den Absätzen auf dem weichen Perserteppich auf, indem er den Bewegungen seiner Fuße anscheinend interessiert folgte.
Eine Pause entstand so im Gespräch, bis Gerda wieder begann, ausjshren sorgenvollen Bedenken heraus:
„Selbst, wenn man es täte — “ sie würde ja, wenn es einmal fein müßte, auch dies Opfer bringen — „was wäre damit gewonnen? Eine Saison wäre untcrgebracht — was weiter? Du kannst doch nicht die ganzen fünf Jahre ist Amerika herumziehen."
„Natürlich nicht — selbstverständlich."
„Ja, aber was dann?"
Und sie sah zu ihm hinüber.
„Ja er beugte sich vor und betrachtete angelegentlich die Hellen Tuchgamaschen über seinen Lackstiefeln — „dann muß man eben seinen Weg im Inland gehen."
„Im Inland? Hier in Deutschland? Aber da sind dir eben alle Theater gesperrt — noch aus Jahre hinaus."
„Wer eben nur die Theater."
„Ja — was denn etwa sonst noch?"
„Es gibt auch noch andere Bühne», die nicht dem Verein angehören — zum Beispiel unsere großen Varietes."
„Varietes!?"
§,Run ja," und er sah sie jetzt an, „zum Beispiel hier in Berlin der Wintergarten! Da wird auch neben der Artistik
wirklich Kunst geboten. Erste Sänger und Sängerinnen sind schon dort aufgetreten, und —"
„Heinz! Du wirst doch nicht daran denken!"
„Und warum nicht? Seitdem die Ivette Güilbcrt einmal den Anfang gemacht, braucht sich kein ernsthafter Künstler Mehr zu schämen, auf dem Variete aufzutrcten. Natürlich nur einem erstklassigen. Aber das versteht sich ja voir selbst."
„Also du denkst wirklich daran — allen Ernstes? Hast wohl gar schon Schritte getan?"
Sie blickte ihm erschrocken in die Augen, in einem plötzlichen Ahnen. Er wollte erst ihrem Blick auswcichen, aber dann hielt er ihn« stand.
„Nun ja — da du mich denn fragst. Schließlich kann sich die Sache mit Amerika noch zerschlagen, und man lut überhaupt gut, immer zwei Eisen im Feuer zu haben."
Gerda erblaßte. Hörbar entwich ihrer sinkenden Brust der Atem.
„Also daran denkst du!"
Sie sagte nichts weiter.
Auch er schwieg eine Weile, wie in Verlegenheit. Obschon er jetzt so unbefangen lat, auch ihn hatte es ja einen Kämpf gekostet. Er, der Heinz Keßler, auf dem Variete, zwischen allerlei Spezialitäten — wer ihm das früher gesagt hätte! Aber was blieb ihm weiter? Er mußte eben. Und darum den Kopf hoch, doppelt hoch! Er blieb trotzdem, wer er war. Er wollte es den Kerls schon zeigen, die da dachten, ihn klein zu kriege», ihn zu Kreuz kriechen zu lassen. Und so warf er den» auch jetzt den Kops zurück.
„Gerda, sieh mal," er rückte nahe heran zu ihr. „Du mußt dir die Sache doch richtig vorstellcn. Das wird eben was ganz Besonderes, was ich vorhabc. Ja, nicht etwa bloß so eine Nummer auf dem Programni — nein, eine ganz besondere Abteilung — das Hnuptstück, der Clou des Abends, lind die Presse wird es schon gehörig ins rechte Licht setzen: eine Neuheit, eine Sensation nicht nur des Wintergartens, ein Markstein in der Entwicklung des Barietös überhaupt zur Höhe wahrer, vornehmer Kunst - Heinz Keßler auf den Brettern des Wintergartens" in drei Soloszenen, kleineren Einaktern von ausgesucht literarischem Wert — ein Leckerbissen für Feinschmecker — na, und so weiter. Du weißt ja, ivie's gemacht wird. Für einen geschickten Manager werd' ich schon sorgen. Siehst du, Kind, so schaut die Sache aus. Das ist ein ander Bild, darüber läßt sich reden, nicht wahr?"
Er suchte jetzt ihre Augen, ihrer Zustimmung gewiß. Sie blickte noch immer vor sich hi», einen gequälten Ausdruck im Gesicht.
Wie er ihr da eben so alles auseinandersetzte, gewisser- maßen für sich selbst die Reklame entwarf — es hätte ihr innerlich einen Stoß gegeben. Gewiß, sie machten es ja wohl alle so, die vielbewunderten Größen des Tages — die Hälfte des Ruhmes war heutzutage eben die geschickte Propaganda. Wer dennoch — ! Von ihm hätte sic das lieber nicht gewußt. Daß er sie ganz offen hinter die Kulissen seines Berufes blicken ließ, es war nicht gut, nicht klug gewesen! von ihm. Immer mehr blätterte ab von dem Nimbus, der ihn einmal umwoben hatte. Und schwerer hob sich ihr nur noch die Brust.
Heinz Keßler merkte, daß sie noch immer nicht überzeugt war, wenn er freilich auch ihre letzten Gedanken nicht erriet. Da neigte er sich zu ihr hin und mit einem überlegenen Lächeln ergriff er ihre Hände.
„Na, laß gut sein, Kind. Wirst dich schon noch mit der Sache befreunden, wenn du erst siehst, wie sich die Presse^ das Publikum dazu stellt. Aber nun komm endlich zu Tisch. Ich habe nachgerade Hunger."
Er wollte sie so bei den Händen Hochziehen, aber da kam plötzlich ein Wille über sie, in ihre jchlassen Glieder.
„Heinz!" Beschwörend sah sie chm in die Augen. „Gibt es denn wirklich keinen anderen Ausweg als diesen? Was du auch sagst, cs ist und bleibt ein Herabsteigen — ein Deklassieren für dich." Und für mich, setzte sie im stiUeil hinzu. „Gibt es denn also keine andere Möglichkeit? Kvine Verständigung, keinen gütlichen Vergleich mit denr Bühnenverein? Sieh, Heinz — bitte laß mich ausredeu! — Im Grunde kann man die Leute ja verstehen. Riemer hat dich gewiß schwer gereizt, aber du — bitte, sei nicht bös —> dn hast dich dann auch schlimm fortreißen lassen. Wenn du also zum Direktor gingst, dich mit ihm nussprächst und —"
„Mich entschuldigte, vor den, ganzen Personal revozierte und deprezierte — nicht wahr? So wür's recht?"


