Lkkizierstöchter.

Roman von Paul Gr ab ein.

(Nachdruck verbolerr.)

(Fortsetzung.)

Etu paarmal »och fuhr sich Keßler aufgeregt über die Stirn. Dan» ivarf er ihnen allen die Worte hin, laut, fast herausfordernd:

Na ja - auch ganz gleich. Heut abend iverdct ihr's ja doch schon in allen Zeitungen lesen: Der Rebler hat seinem Direktor Ohrfeigen angebotcu vor vcrsannneltem Per­sonal."

Um Gottes ivillcn, Heinz!"

Und Gerda wurde ganz blaß.

Uijeh!" Astrid pfiff es durch die Zähne.Aber loie kam das denn bloß?"

Ja, ivie kam'S? Systematisch vorbereitet tvar alles. Sie tvollteu mich eben ärgern, mich reizen, zu einem Kon» traktbrnch drängen um mir mein Engagement an der Hofbühne zu vcrpurrcn."

Keßler wandte sich jetzt seiner Frau zu, die noch ganz schreckensstarr dafaß.

:Jch sagte dir's ja schon heute morgen: sie führen was gegen mich im Schilde nicht wahr?"

Sie nickte bestätigend, aber nur matt.

Nun sichst du, und heute auf der Probe kam's eben zum Krach. Lafscll, der Oberregisseur, empfing mich schon so mit einem spöttische» Grinsen, einer ironischen .Höflich­keit. Wir tvaren dann mitten in der Arrangierprobe zu dem neuen Sndcrmann. Du iveißt, ich hatte den Winkler bekom­me», den Träger des ganzen Stucks da kommt plötzlich der Bureaudiener und bringt mir einen Brief vom Direktor. Ich ahne ja gleich eine Niedertracht sehe ich doch Lassell drüben so gemein feixen reiße den Wisch auf und rich- tig: ick sott meine Rolle abgeben -- an .Hertel, den zweiten Charatterspieler. Na. du kannst dir denken, ivie mir da war. Als ob ich eineil Schlag ins Gesicht bekommen hätte, auf offener Szene, lind sie standen ja auch alle da, gafften mich an, und Lassell lächelte in sich 'rein, Aber da hatt' ich mich wieder." . '

Unwillkürlich reckte Keßler sich auf, sein Mienenspiel tvard dramatisch, als habe er die geschilderte Szene auf der Bühne darznstellen, und auch seine Sprache nahm Bühnen­klang an, als er nun weiter sprach:

Einen kalten Blick zu dem Boten, der immer noch vor mir stand, als lvarte er auf Bescheid, und ich ivers' ihm hin:Bestellen Sic Ihrem Chef, er möchte sich »reine Ani- wort aus diese Impertinenz von mir selber holen." Das schlug natürlich ein. Wie eine Bombe. Alles mäuschenstill, aber Augen machten sic so!"

Und er riß seine Brauen hoch, markierte maßlose Ver­blüffung.

1 Während er so berichtete, saß Gerda da mit einem immer stärkeren peinlichen Empfinden. Seine ganze Art hatte et >vas so Schauspielerhaftes bekomme» osfcnbar ohne fein Wollen und Wissen aber es war doch einmal da und berührte sie aufs unangenehmste. Gerade das hatte sie ja von Anfang an stets an ihm so geschätzt, daß ernm privaten Leben so gar nichts vom Komödianten an sich hatte. Und nun mußte sie diese Beobachtung machen.

Umvillkürlich blickte sic, während er weitersprach, auf Scknvester und Sctnvager. Ob die wohl auch das gleiche Emp sinden hatten loie sie selber? Klaus saß ja zlvar mit seiner gutmütigen, ruhigen Miene da und hörte aufmerksam zu, aber Astrid - stand nicht in deren Augen ein leises Äe- frcmden?

Da fühlte es> Gerda plötzlich heiß in sich aufsteigen. Sie schämte sich in diesem Augenblicke fast ihres Mannes vor den Verwandten. Und diese Nervosität in ihr steigerte sich bis zum Unerträglichen, als Heinz nun in seiner Schilderung fortfuhr, wie dann der Diktor lvutbebeud auf die Bühne ge­stürzt iväre und sich nun alles Weitere abtvickelte.

Immer drastischer tvard da seine Darstellung, er be­rauschte sich offenbar an sich selbst, au der großen Szene, die er vorhin vor seinen Kollege» gehabt - - einmal in Wirk­lichkeit quasi als tragischer Held! und so lebhaft tvard er unbewußt, daß ein Kellner, der einige Tische weiter mit Ab räumen beschäftigt tvar. plötzlich aufsah it»d zuhörte mit einem leisen Lächeln in dem glattrasierten Gesicht.

Da ertrug es Gerda nicht länger.

Bitte, Heinz nicht so laut!"

Unauffällig raunte sie cs ihm zu. Keßler, noch immer schwer gereizt, empfand dieses Korrigieren als eine Ver­letzung und brauste auf:

Herrgott! Ich iveiß doch allein, was sich gehört!" Dem Kellner drüben glitt es übers Gesicht. Diskret wandte er sich ab und beugte sich über seinen Tisch. Aber Gerda erblaßte. Da war es geschehen, wovon sie am Sonn­tag, halb in, Scherz noch, gesprochen hatte. Geschehen schon nach ztvei kurzen Tagen: er hatte sie angefahren, rauh und rücksichtslos, im öffentlichen Lokal

Ihr lvar, als sänke er, zu dem sie ausgeblickt, plötzlich nieder von seiner Höhe. Ties, tief-in den Staub. Nun lvar das, tvas so schön gewesen war, auch erfaßt vom Alltag Nichts, nichts war von Dauer. Und sie ivard sehr still.

Aber auch die andern blieben nicht unberührt davon Astrid und Pelerscn tvechsclten einen stunnnberedten Blick Die Schivester Gerdas spielte dann verlegen an ihrem Glas, während der Schivager mit erzwungener Unbefangenheit dem Schluß von Keßlers Erzählung zuhörte.

Heinz führte seinen Bericht zu Ende, in bewußtem Trotz mit unverändertem Ton. Aber dabei empfand er nur zu tvohl, daß er sich da eben eine häßliche Blöße gegeben hatte. Die Erkenntnis seiner Schuld reizte ihn aber nur noch mehr. Gegen Gerda, die die Veranlassung dazu gelvescn, wie gegen sich selbst.