Ausgabe 
2.4.1914
 
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Erwägung gezogen, ob es nicht wirtschaftlicher und na­türlich viel angenehmer ist, sich für diesen Zweck, da man ja doch alle Winter Wiederrommen will, ein kleines eigenes Picd-ä-terre zn schassen. Daß man nicht immer in teuren Hotels zu wohnen braucht. Na, und haben wir das erst dann ist mir nicht niehr bange. Dann verlegen wir den Schwerpunkt unserer Tätigkeit doch noch nach hier. Dann wird's umgekehrt als jetzt: Berlin Betriebs-Zen­trale; Ellersredk nur noch Filiale!"

Gerda war nachdenklich geworden über der Erzählung der inunteren Schwester.

Du sprichst nur immer von dir. Ist denn Klans aber auch so zufrieden mit dir?"

Klaus?" Astrid lachte zuversichtlich.Frag' ihn doch nachher selber. Der könnt's ja auch gar nicht besser haben. Hat er nicht jederzeit eine fidele kleine Frau an seine» Seite, tvenn er sie braucht? Immer aufgelegt, nie Spiel- verdcrberin. Ich gehe mit ihm durch dick und dünn. Er hört nie von mir ein: Ach, heut lieber nicht! Das wird mir zuviel! Tics paßt mir nicht und jenes nicht! Nein, Gerda, wir leben wirklich nun mal ganz im Ernst sehr gut miteinander, und ich tausche mit niemandem. Ich bin direkt glücklich mit meinem Klaus. Ich Hab' ihn lieb, den Herzens-, guten Menschen."

Da verstummte die Schwester. Ihre Blicke glitten vor sie hin, ins Weite.

Doch Astrid lehnte sich im Stuhl jetzt zu ihr hinüber.

Na, und wie steht's bei euch? Nun beichte du auch mal."

Wir? Wir leben genau so glücklich, natürlich."

Und Gerda erzählte jetzt ihrerseits, wie Heinz sie ver­wöhnte mit seiner Zärtlichkeit und.Ausmerksamkeit. Doch in ihrem Ton war etwas Unsicheres, das der aufinerksamen Astrid nicht entging.

So nickte sie denn nur, als die Schwester geendet hatte, und nahm ihr Schaukeln wieder auf.

Das freut mich ja, das; auch bei euch alles so gut stimmt. Denn, unter uns gesagt, zu Haus haben sie sich bisweilen Gedanken gemacht darüber namentlich Papa."

lieber Gerdas schönes Antlitz huschle es wie ein leicht- schmerzliches Erinnern. Doch gleich warf sie den Kopf wieder zurück.

Vollkommen unnötig, wie du siehst. Uebrigens, da wir gerade dabei sind: Wie steht's zu Hause?"

Astrid gab Bericht, auch von allen Freunden und Be­kannten.

Nach einer kleinen Pause fragte dann die ältere Schwester noch einmal:

Und Walter Kyllburg?"

Ach, der ist langweilig! Läßt sich überhaupt nicht mehr sehen. Vollkommen Streber geworden Büffelt auf Teufel-ckomrn-raus für die Kriegsakademie. Komisch, wie ein Mensch sich so total umkrempeln kann. Weißt du: mir ist da manchmal schon ein Gedanke gekommen: ob Kyllburg nicht am Ende doch etwas ernstlich für dich übrig gehabt hat?"

Und sie sah die Schwester an. Die saß und spielte ver­loren am Schloß ihres Gürtels. Nun hob sie die Schultern.

Doch wohl kaum anzunehmen."

Dann aber sah sie auf.

Willst d» dir nun nicht auch einnial unser Heim ansehen?"

Aber herzlich gern!" Und Astrid sprang aus die Füße. Ich bin ja schon so neugierig."

*

Klans Petrrsen war mit seinem Geschäft unerloartet früh fertig geworden, so war er denn auch schon reichlich vor der Zeit bei Gerda erschienen, uni sie und seine Frai; abznholen. Jetzt saßen die drei nun bei Adlon. Sie halten bereits mit dem Frühstück angesangeu.

Ich Hab' einen so wahnsinnigen Hunger. Geradezu un­anständig", hatte Astrid gestanden.Dies Berlin macht einem so sabelhaft Appetit. Gerade wie die See. Laßt uns doch schon immer essen Heinz wird's uns ja nicht übel­nehmen. Im Notfall ess' ich ihm zur Gesellschaft noch ein­mal mit."

So saß mau denn nun schon beim Sekt in heiterster Laune. Astrid war überhaupt glückselig; siekniete" sich förmlich ins Vergnügen wie sie von sich selbst behauptete und auch Klaus ivar sehr gut aufgelegt.

Jetzt, lvo er Gerda so als Schwager gegenüber saß, rest­los glücklich mit seiner lebendigen, scharmanten kleinen Frau, der er immer wieder heimlich zutrank, gegen Gerda selbst aber von einer ritterlichen Aufmerksamkeit und verwandt­schaftlichen, ruhigen Vertraulichkeit, da gefiel er dieser im Grunde recht gut. lind so ließ denn auch sie sich von dev, frohen Laune der anderen anstecken. Fa, ivie sie so das junge Paar neben sich sah, ivie cs geheime Liebesgrüße tauschte, scherzte und lachte, da kam auch ein Sehnen über sie.

Wenn jetzt doch auch ihr Heinz da wäre, daß seine Zärt­lichkeit ihr die dummen Gedanken wcgscheuchte, die da seit vorgestern, nach den Besuchen am Sonntag, immer wieder um sic kreisten. Es war ja doch alles Unsinn. Nur kleine Unstimmigkeiten, wie sic selbst zwischen den glücklichsten Men­schen einmal vorkamen. Das durfte man doch nicht tragisch nehmen. Nein, Astrid hatte wirklich recht; man konnte von ihr lernen. Alles von der leichten Seite zu nehmen, mit einem frohen Lachen das war das einzig Richtige.

Und so hielt sie denn plötzlich der Schwester den gesüll- tcn Sektkelch hin.

Es lebe deine glückliche Philosophie, Astrid tou- jours fidele et sans soucie!"

Prosit!"

Tic beiden Schwestern stießen lachend miteinander an, und Gerda setzte gerade das Glas an die Lippen, da hörte sie unvermutet ihres Mannes Stimme neben sich:

Bravo, Herrschaft! Die Parole lass' ich gelten. Da komm' ich ja gerade zurecht. Her mit einem Glas Prot- fit! Ich tu' euch Bescheid."

Und er stürzte mit einem kurzen Zuge den Kelch voll Sekt hinab, den ihm Klaus Petersen rasch dargcreicht halte. Dann begrüßte er die drei, als letzte seine Frau.

Gerda blickte ihn an, noch ganz überrascht von seinem plötzlichen Erscheinen. Und es war etwas so Aufgeregtes in seinem Ton wie in seinem ganzen Wesen. Es übersiel sie da mitten in ihrer frohen Stimmung eine geheinic Unruhe.

Du kommst ja schon so früh, Heinz. War denn die Probe schon aus?"

Nein. Aber was tul's? Es geht ja auch mal ohne mich. Bitte, Klaus, eine neue Füllung! Der Hals ist mir ganz elend trocken heute."

Gerdas Unruhe ward zur Besorgnis.

Heinz, du hast Aerger gehabt!" Leise flüsterte sie es dem Gatten zu und legte ihn; teilnahmsvoll die Rechte auf die Hand, die eben wieder zum Glase greifen wollte.Nicht tvahr, mit dem Direktor?"

Sprich mir nicht mehr von dein Schuft!"

Grimmig stieß er es hervor, und sie fühlte, wie es in seiner Hand anfznckte - in maßloser Leidenschaftlichkeit.

Ganz erschrocken sah sic ihn da au, und auch die beiden anderen wurden jetzt aufmerksam.

Was hat's denn gegeben, Heinz?" forschte Astrid neu­gierig.

(Fortsetzung folgt.)

Die rote Mine.

Erzählung von Martin Proskaucr.

Sagen Sic mal, Doktor, wenn Sie nun die ganze Kriegs­zeit überdenken, ivas war eigentlich das merkwürdigste Erleb­nis?" fragte einer der Herren, die rund um den Kamin in den tiefen Ledersesseln lagen.

Ter englische Arzt, der am Balkankrieg als Leiter eines großen Feldhospitals teilgenommen hatte, lächelte überlegend:

Das ist ganz geschickt gefragt", sagte er langsam,es ist sogar eine Frage, die ich mir selber manchmal gestellt habe. Aber dieses Erlebnis, das ich für das bedeutsamste halte, hat eigentlich nichts mehr mit dem eigentlichen Krieg zu ln». Es lvar nämlich, als wir die rote Mine trafen!"

Ach, eine Weibergeschichte", sagte einer der Herren gäh­nend und griss nach der Zigarettenschachtel.

Ter Doktor lachte:

Sie irren sich, es hat mit Weibern Nicht mehr zu tun als mit Männern, cs verwirrt die beiden landläufigen Begriffe höchstens ein bißchen, loenigstens in seelischer Beziehung!"

Reden Sie nicht so geheimnisvoll, Doktor, Inas oder wo ist die bewußte Mine?"

Sie schlvamm im Aegäischen Meer!"

Was machte sie?" fragten die Herren erstauirt.

Nun, ich sehe schon", sagte der Arzt,ich muß von An­fang wi erzählen. Also es lvar ant einem kleinen Passagier« dampfer irgend einer italienischen Linie, die ihr« schmutzigen Pakelboote da unten lausen läßt. Ter erste Balkankrieg uns»