Ausgabe 
1.4.1914
 
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Advokat Murrenhart.

3kü Konrad 3)1 acttu Sinnt.

Advokat Munenhart war früher der gcseiertstr Kriminal- lind Zivilvcrteidiger in der kleinen Residenz gewesen. Jahrelang ivaren die schlvicrigsten Fälle ihm übertragen worden, und immer Hallen seine Plaidoycrs einen Freispruch oder znnt wenigster' ein mildes Urteil erzielt. Tann aber n-ar dies anders geworden. MlirrenhariS Reden halten sich mehr und mehr verwirrt, und eines Tages war es kein Gcheunnis mehr, daß der jckzarfiichttge Anwalt an einer stetig fortschreitenden Geisteskrankheir litt.

Tie Mitbewohner des alten Hanfes, in den« Murrenhart mit seiner Dienerin lebte, wußten bald schauerliche Truge zu berichten. 'Nachts höric man ihn wie ein gefangenes Tier durch seine Zimmer ivandeln, Türen össnen, Fenster zuschlagen und laut mit sich -selbst reden. Manchmal klopste er auch an die Teste oder aut den Fußboden, ivie um sich zu vergewissern, daß ihm weder von oben noch von unten Gefahr drohe. In einer stür­mischen Aprilnacht ivurdc er mit einem Beil in der Hand auf den, dunklen Korridor des altertümlichen Hauses gesehen, und als er in der folgenden Nacht die Tür der über ihm wohnenden Familie zu erbrechen versucht hatte, um dort erneu angeblich verstesttrm Mörder zu vertreiben, war er zwangsweise iir eine Anstalt untergebracht worden. Seil dieser Zeit hatte man nichts mehr von ihm gehört.

In der Wohnung des Advokaten hatten lvir nun, meine Frau und ich, uns mollig eingerichtet, obwohl uns allen« schon des alten verwohnten Hauses wegen von allen Seiten abgeralen trorde» war. An den gespensirgeu Vorgänger erinnerte fast nichts mehr. Tic drer hübschen Zimmer nach der Straßenseite tvaren völlig neu ausgcstattet, und das alte Schloß an der verirallerten Korridortür war durch an neues ersetzt worden. Nur der hohe Kaniinspiege, im Salon und eine kleine Tapetentür, die von dem Eßzimmer nach meiner Arbcitsstube führte, waren dieselben geblieben leie zu Murrenharls Zeit.

Wir führten ein stilles häusliches Leben. Einige Störung brachten höchstens die häufigen Nachtkritike», die ich über das Schauspiel unseres Hostheatcrs für das Hauvlblatr der Resi­denz zu liefern hatte. Ztvcimal, zuweilen auch dreimal in der Woche >var ich abwesend, und wenn ich dann gegen elf oder zwölf Uhr nachts nach Hause kam, rief die Pflicht für einige Stunden utich twch an den Schreibtisch. Der letzte dieser Pjlicht- abcndc hatte Goethes Faust in völlig neuer Herrichtung gebracht, inid abgespannter beim je war ist) gegen Mitternacht zur Nieder- lchrist meiner Eindrücke, gekommen. Neben mir wir steckten lief im November summte der Teekessel, und meiner kurzen Psrise entstiegen behagliche blaue .Wolken.

Ich hatte höchstens eine halbe Stunde geschrieben, da war es mir, als ob im Salon, der durch das Eßzimmer von meiner Stnbe getrennt lag, sich vorsichtig schleichende Schritte bemert- bar machten. Meine Fra», die kurz vorher zur Ruhe gegangen tvar, konnte cs ebensowenig fein, ivie unser Mädchen, das schon seit zehn Uhr in einer Mansarde schlief. Meine vom Faust noch erregten Raven spannten sich an. Eine mir sonst ganz fremde Bangigkeit bcsiel mich, gerade ivie damals r» inaner Irüheste» Jugend, als ich auf dem dnitklen Wege itach meinem kleinen Schlafgcmach an der ansgebahrtcu Leiche »lenres Pflege Vaters vorbei nwßte. Gleich darauf verstärkte sich das Geräusch. Jetzt hörte irl> deutlich, wie ein Stahl im Salon gerückt tvurde, und irgend eine Hand das elektrische Licht neben der Tür mit einem knackenden Lank zum Ausslammcn brachte. In diesem Augenblick hatte ich das itubcztvinglichc Gefühl, daß der lln- bekatintc setzt vor dem Spiegel stehe utld mit starren Augen sich ins Gesicht schaue. Ein Tieb sonnte es also unmöglich sein.

Um endlich etwas zu tun, suchte ich i» inciucm Schreibtisch »ach drui geladenen Revolver, den ich einmal für eine Wanderung durch ein einsames Waldgebirge gelaust hatte. Noch ehe ich die Wasse fand, tvurde die Tür vom Salon mit hartem Grisfc geöjsnct und der schleppende Schritt ward im Eßzimmer hörbar. Nun tasteten nnsichlbarc Hände an der Tapetentür herum, und im nächsten Augenblick stand ein Mensch im schwarzen Mantel und zerdrücktem Schlapvhut int Rahmen der kleinen Tür es war, wie ich sofort erkannte, der irsinnigc Advokat Murrenhart . .

Ich komme", sagte er mit zerbrochener Stimme und stellte »ich hart an meinen Schreibtisch,»>» Reche,ischast von Ihnen zu fordern. Wer gibt das Recht Ihne», sich meiner Wohnung zu bedienen. . . .?"

Ich wollte den Eindringling schroii zurechtlveiseii. Tann aber beiann ich mich auf die Krankheit des nächtlichen Besuchers und vor, meine ganze Willenskraft zusanimciinehwe id, ihm einen Sttihl an.

Tie haben ferner", fubr er ohne Rücksicht auf meine Ein­ladung fort,in meiner Wohnung Beränderimgeu vorgenonl- men, zu denen Sie kein Recht hatte». . . Sie l)aben ans meinen anständigen Zimmern eine greuliche Spelunke gemacht. . ."

.Herr Toktor", wandte ich artig ein,eie werde» sich wohl erinnern. . ."

An nichts und gar nichts erinnere ich mich, verstehen Sie!"

Mit einer Lästigkeit, als streife er sich einen Handschuh »b, entnahm er seiner Manteltasche einen Browning und eine Uhr.Ich tonnte eie natürlich unter Klage stellen, und ich

würde den Prozeß gewinnen. Bei Ihnen paßt es »irr aber nickct. Ich ziehe Selbsthilsc vor."

Er nahm, von meinen, Schreibtisch gegen die Tapetentür tretend, die Waste fest in die Hand und war, einen prüfende!« Blick anf^die Uhr.Sie habe» zehn Minuten Zeit, mein Herr. Ordnen eie Ihre Sachen, dann knalle ich Sie nieder. . ."

Nun hatte ich genug von dem Wahnivitz, Mit jähem Ruck spang ich aus und warf mich ihn, entgegen. Murrenhart war wohl darauf gefaßt. Mit übcrincnschlicher Kraft, die Last seines schweren Körpers gegen inich stemmend, drückte er mich auf meinen Platz zurück.

Also zehn Minuten, nicht länger. Beeilen Sie sich!"

Das alles war schnell und lautlos vor sich gegangen. Mir schlrindelle der Kopf. Wie sollte ich den teuflischen Mensche»! los werden? Rufen mochte ich nicht. Tas hätte gar nichts genützt und meine Frau, die wenige Zimmer abseits schlier« einer ernsten Gefahr ausgesetzt.

Eins!" zählte da Advokat.

Trauße» hatte der Wind sich erhoben und rüttelte mit Ungestünr an die Fenster. Ich lauschte gespannt ans jeden Laut auf der Straße, picllcicht, daß vo» dort Hilfe kam.

Zwei!" klang es nach einer Weile hcrübcc.

Mein Blick fiel auf die Fanstkrilik, die nnvollendcl vor mir lag. Und Plötzlich wurde es mir bewußt, daß diele Arbeit wohl nie zu Ende geführt werden würde.

Drei!" zählte die Stimme iveiter.

Mein Kopf begann in fieberhafter Hast zu arbeiten. Irgend etwas mußte nun wohl geschehen, sonst schoß der Wahnsinnige mich ivie einen Hund über den Haufen. Und sterben wollte! lind durfte ich nicht.

Bier!"

Ich suchte incinc Gedanken logisch zu ordnen. Est> paar Zeilen an meine arme junge Frau, die gewiß verzweifelt sein würde« waren das Nächstliegende. Sic sollte wenigstens wisse», wie alles gckouimcn >var. Und dann an die alle Mutter daheim in der Heimat. Tie gütige Frau mit denr Goldhcrze»! Mir wurde ganz >vchc bei dem Gedanken a» beide.

Fünf!" knarrte die entsetzliche Stimme.

Und meine Kollegen itl der Redaktion! Die durften doch auch nicht im unklaren bleiben! Tas war ich der Zeitung schuldig« die gewiß für einen anständigen Nachruf iorgcn würde. Von treuer Pjtichtcrsüllung",gclvandtcr Schreibweise"sw. ZumI Teuiel, die würden Angen machen, wenn morgen in aller Früh« der Polizeiberichi meldete. . .

Sechs!"

Und meine schönen lieben Sachen! Hier die Regale und Schränke mit all den Büchern, die ich durch meine Kritiken mir erworben halle, und dort inr Talon die Bilder von Künstlerhnnd« Porträts und Landschaften! Das alles sollte ich hergebcn?

Sieben!"

Ta waren ferner meine Arbeiten, Kästen, angesüllt mit Mamifkrsivten im Entwurf und halb ausgcführt. Ein paar Romane waren aicch darnnler. Und das Lyrische! Lanler nette kleine Sachen, die ich inr Glück und Leide incines Lebens niedcr- gefchrieben Ijwtte. Keine weltbewegenden Verse, ab«r doch Verse, voller Gemüt und anständiger Gesinnung.

Acht!" !

Und nebenan im Nachbarlmus Halle ich eine kleine Freundin^ Ein Mädel von sechs Jahren, das mir alle Morgen sein Händchcik gab und ein Bonbon als Gegengrnß empfing. Das würde morgen sicherlich leerten und gar nicht wissen, warum ich ausblieb. Würde die Kleine, wenn ich tot wäre, mir wohl wieder gelbe Strohblnmenl bringen, ivie damals, als ich zu Belt lag?

Nenn!" klang es drohend.

Herrgott, wo war ich mit meinen Gedanken geblieben: Ich ivolltc doch schreiben und hundert Tinge erledigen. Statt dessen dachte ich au niedliche Mädchen lind gelbe Strohblumen: Entsetzt schaute ich auf. Ta stand der schauerliche Gesell >me ein Gespenst an der Tapetentür, sah nach der Uhr und hob langsam und scier- lich die Waise. Tas tödliche Ting in seiner Hand glitzerte lvic Silber. Ta haßte ich diesen Menschen, ivie ich noch nie einen Men­schen gehaßt hatte. Nein, unverteidigt wollte ich mich nicht morden lassen. Unverteidigt nicht. Und Ivcnn ich. . .

Zehn!"

In rasender Wut und nnler bcständigci» Schreien und a vdes- stircht stürzte ich mich auf den Schurken und suchte seine Kehle zw fassen. Ein jähes Blitzen nnigab ntidt. Tie Welt versauc vor mir. Mein Bewusstsein erlosch. Ich suhlte nur eine ticse, be­freiende unendliche Ruhe. ^

Eine gute Hand berührte mich saust.Halt au geträumt. Liebster? Tu liegst ja am Boden Was fehlt Trr?"

Ich starrte sassungslos in das Gesicht meiner jungen Frau.

Reben mir lag die noch unvollendete Faustkrilik. Und dir Feder, mit der ich sie geschrieben hatte, steckte Me ein kleiner scharfer Dolch im Holze des Fußbodens. . .

Berühmte Spatzmacher.

(3 um 1. A pri 1.)

Ter l. Avril ist nun einmal nach einem seinem Ursprung nach nicht mifgcklärten Brauch« der Tag der Spaßvögel, der