Ausgabe 
1.4.1914
 
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Böse Unfinn! Aber wissen möcht' ich doch wirklich, Was dir an meinen Bekannten nicht Paßt."

Der ganze Ton das ganze Milieu. Diese Leute mögen ja alle viel Geld habe», sehr viel sogar aber, nimm mir's nicht übel, keine höhere Kultur, keine Tradition. Weißt du, schon wie sie mich aufnahmcn, säst alle ausnahmslos: das war zu viel Vertraulichkeit, gleich für den Anfang. Ich goutier' das nicht recht."

Na ja ihr da oben in eurem s keifen holstcin! Ihr laßt einen freilich erst sehr hcrankonunen. Aber, .Herr­gott, ist denn ivarme Herzlichkeit, die sich schnell anträgt, nicht zehnmal sympathischer, als eure gesrorcne Steifheit?"

Ich weiß nicht, Heinz. Sein Herz immer gleich so ans den Händen zu tragen? Zum mindesten kommt es sehr darauf an: wer!"

Na, ziehen wir das Fazit: du bist also reichlich ent­täuscht von deinen Erfahrungen heute?"

Wenn ich offen sein soll, Heinz ja."

Er verstummte. Seine Rechte trommelte aus der Sessel- lchnc.

Da Zeigte sie sich vor, legte ihm die Hand aufs Knie und sah ihm so bittend in die Augen.

Liebster liegt dir denn so viel an diesen Leuten?"

hm du weißt doch, es sind alte Freunde; ich war früher ost genug da, und gern. Und vor allem: diese Be­ziehungen sind nicht ohne Wert für mich. Es sind Geldlentc darunter, hanptaktionäre vom Berliner Schauspielhaus so was stärkt cineni immer das Rückgrat gegenüber der Di­rektion. Der Kerl, der Riemer, ist ein Intrigant, der schon manchem den Stuhl vor die Tür gesetzt hat."

Das hast du doch aber nicht zu fürchten, Heinz!"

Gewiß, natürlich nicht!" Und er richtete sich unwill­kürlich auf.Nur"

Und du wirst diese Leute um so weniger brauchen, wenn du erst am Hoftheater bist. Es ist doch bloß noch eine reine Formalität, wie du mir sagtest."

Reinste Formalität! Der Vertrag ist schon fix und fertig, nur die Unterschrift des Generalintendanten ist »och nötig. Sobald er von Wiesbaden zurückkommt, Hab' ich den Kontrakt in der Tasche."

Nun also, Liebster! Was fragst du da nur noch nach diesen Leuten?"

Alles richtig, liebes Kind. Aber man bricht doch nicht gern so Knall und Fall all seine langjährigen Be­ziehungen ab."

Das sollst du ja auch nicht, Heinz. Das mute ich dir doch selbstverständlich nicht zu. Laß uns ruhig hier und da hingehcn, wir werden auch, wenn es nötig ist. sie mal hier haben nnr nicht erst warm werden möcht' ich dort. Nicht erst Bande knüpfen, die nachher zu lösen peinlich ist."

Heinz Keßler nickte vor sich hin. Es konnte ebensogut Zustimmung wie Widerspruch sein. Er hätte wohl allerlei zu erwidern gehabt: daß er diesen Verkehr doch nur recht ungern ansgeben ivürde. Es war eigentlich immer sehr nett da gewesen. Der ganze Ton, so lustig, frei, ungebunden man nahm sich gegenseitig nichts Übel, kein lästiger Formen- kram cs hatte ihm persönlich sehr gelegen.

Aber er sagte ihr das nicht. Er fühlte klar, daß sie ihn da nicht verstehen, sich über ihn wundern würde. So schwieg er denn, aber niit nachdenklicher, leicht beschatteter Miene. Zum erstenmal ivard er sich dessen bewußt, daß es zwischen ihni nnd seiner jungen Fran ernstere Unterschiede gab, tren­nende Spalten im Boden ihrer Anschauungen, über die viel­leicht nie eine Brücke hinüberführcn Ivürde.

Gerda aber deutete sich sein Schweigen anders:

,/Du glaubst vielleicht, Heinz, ich mute dir zu, dick nur allein mit mir zu begnügen? Nein, daran denke ich ja gar nicht. Auch ich brauche Umgang, Verkehr. Aber passend muß er sein, wirklich passend für uns. Und wart's nnr ab, ich bringe uns schon einen netten Kreis zusammen. Da sind von Loeweckcs, er hanptmann im Generalstabe, sie eine schar­mante, noch junge Fran, und die reizende» Bungardts, auch früher bei uns im Regiment, jetzt er Direktor im Kaiser­lichen Antoklnb, wirklich alles scingebildete, interessante Leute und dann noch Oberleutnant von Heßfurth hier auf Kommando

Doch Keßler hob abwehrend die Hand.

Willst du mich denn mit Gewalt militnrfroinin machen? Das wird ja die reinste Filiale vom Regiment! Ree, Kind glaubst du wirklich,' daß mich das reizen könnte?"

Und er stand auf, mit einer nervösen Bewegung. Die Hände in den Hosentaschen, spazierte er im Zimmer auf und ab.

Gerda sah zu ihm hin, stark betroffen. Das hatte sie freilich nicht erwartet. Im Gegenteil, sie halte angenommen, er würde cs freudig begrüßen, daß seine Frau ihm ein so bevorzugtes gesellschaftliches Milieu schassen wollte, das ichi doch sehr hinaushob über das eigentliche Niveau seines Be­rufes. Und nun lag ihm so gar nichts daran!

Langsam ließ sie den Kopf sinken und stützte ihn in die .Hand. Sie sann vor sich hin ernste Gedanken. Und Plötz­lich sielen ihr die Worte des Vaters damals ein: Es tut nicht gut, wenn der Mensch aus seinem Stande herausgcht. Dort ist nun einmal der Boden für seine Wurzeln, matt lockert sie nicht ungestraft wenn er nun wirklich recht hatte?

Das Schweigen in dem Raum lastete schwer ans Gerda. Sie atmete auf, als sich dann plötzlich die Schiebetür ge­räuschlos teilte und Jean mit einer Verbeugung auf der Schwelle -stand.

Gnädige Fran cs ist angerichtet."

Da wandte sich auch Heinz Keßler seiner jungen Frau wieder zu. Mit einem Lächeln bot er ihr den Arm:

Darf ich bitten, meine Gnädigste?"

Aber der scherzende Ton klang etwas gezwungen.

*

Es war am Dienstagmorgen. Heinz machte sich im Toilettczimnier zum Ausgehen fertig. Um zehn mußte er ans der Probe sein. Gerda in einer zart lachsfarbenen Ma­tinee von Seidenchisson, die nur wie ein Schleier ihre schlanke Gestalt nmsloß, war ihm mit kleinen Handreichungen be­hilflich. Nun Nvollte er sich, schon den Zylinder auf dem Kopfe, von ihr verabschieden, da trat sie aber noch einmal an ihn heran.

Nur einen Moment ich muh dir die Krawatte noch mal binden. Sie sitzt mir nicht schick genug."

Aber er winkte ab.

Laß, laß, Kind. Ich bin in Eile."

Ach, die eine Minute!" Und sie machte sich trotz seiner Weigerung aus Werk. .

Etwas nervös sah er auf ihre Hände an seiner Prüft herab. Sonst hatte er bei dieser Gelegenheit ihr immer die Arbeit mit tändelnden Küssen auf ihre schlanken Finger ge­stört; heute aber sagte er mit leifem Stirnrunzeln:

Daß ich nur nicht zu spat komme! Es wäre mir höckzst fatal."

Gerda lachte.

Na, innd wen» selbst. Es würde dir doch kein Mensch ein Wort sagen."

Da irrst du eben. Der Oberregissenr hat seit einigen Tagen einen fast herausfordernden Ton gegen mich. Und gestern war er nahezu unverschämt, der Bursche. Es ist säst, als ob er sich mit Gewalt an mir reiben wollte."

Gerda sah nun doch auf.

Aber wie kommt der Mensch deine dazu?"

Ja, ich weiß mir nur c i n c Erklärung. Vermutlich hat Riemer - -" er sprach vom Direktordoch schon Wind gekriegt von meinen Verhandlungen mit dem Intendanten nnd hat nun eine heimliche Wut ans mich. Na, »nd da hetzt er mir eben sein getreues Faktotum Lasset auf den hals."

Gerda nickte.Das mag wohl sein."

Doch dann legte sie dem Gatten die Arme um die Schultern.

Dann will ich dich auch gar nicht länger mehr auf- halten. Daß du nicht etwa noch meinetwegen Verdruß hast. Also addio. Liebster. Und laß dich nicht ärgern von dem dummen Menschen, hörst du? De»!' immer: Nur ein paar Wochen noch dann könnt ihr mir ja allesamt geivogcn bleiben."

Aergcrn?" Er lachte.Das gibt's ja nicht. Aber kommt mir der Bursche zu unverschämt, dann fahre ich mit ihm ab, daß cs seine Art hat! Na, also ans Wiedersehen, heute bei Adlon."

Ja!" Und sie erinnerte ihn noch einmal: Zwei UhL Wir sind pünktlich da, ivahrschcinlich sogar schon vorher." tFortsttzuiig folgt.)