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,,Was gibt'S noch?"
Der Oberstleutnant rief es barsch, ohne sich nach jihr um-> zukehre». Er war dabei, sich am Rauchtisch die erloschene Zigarre wieder in Brand zu setzen.
„Vater — cs fällt mir schiver, cs auszusprechcn — aber auch ich must osfen sein. Also — wenn ihr mir eure Einwilliguug tvirklich nicht geben wollt, dann —" „Dann?"
Joachim von Henning fuhr herum. Tie Hand, die noch das silberne Taschenfeuerzeug hielt, zitterte.
„Dann — ich rann mir nicht helfen — Heirat' ich Heinz auch so."
Ein schmetterndes Krachen — das Feuerzeug war auf die Metallscheibe des Rauchtisches geflogen.
„Tu!"
lind der riesige Mann starrd vor ihr. schrecklich anzusehen. Die Stirnadern ausgeschwolleu zum Zerspringen. Ein Glühen in den Augen, als wollte seine .Hand die zer- schmettern, die da ivagtc, sich gegen ihn aufzulehnen. Offene Gehorsamsverweigerung — er kannte ja als alter Soldat nichts Schlimmeres.
So stand er vor ihr, ein paar furchtbare Augenblicke lang, dann aber griff er sich plötzlich in den Uniformtragen, riß daran, als müsse er ersticken, und ließ sich schwer auf den Armsessel nieder. Den Kops zurückgelehnt, die Augen geschlossen, mit den Händen den LehneulUauf umklam- mernd, saß er so eine Weile schiver und mühsam atmend.
In tödlichen! Erschrecken blickte Gerda auf den Zu- sammcngesunkenen. Worte der Angst, der Zärtlichkeit schwebten ihr auf den Lippen, aber sie brachte sie nicht hervor — ; aus Furcht, jedes Zeichen von ihr würde ihn nur noch mehr aufregen. So stand sie vorüber geneigt, mit bis in den Hals hinaufschlagendem Puls, ganz trocken in der Kehle, und starrte nur nach seinem Antlitz. Als müsse sich da jeden Augenblick etwas Schrecklicheres noch begeben.
Aber es geschah nicht — Gott sei Dank! Tic Züge des Vaters Nnirden ruhiger, bekamen jetzt etwas Schlaffes, und nun schlug er wieder die Augen empor. Langsam richtete er sich in seinem Sessel auf.
Da war sie bei ihm, umschlang seinen Hals mit zittern-- den Armen.
„Lieber, lieber Vater! Werd' doch nur wieder ruhig. Vergiß ineine Worte. Wenn du bei deiner Weigerung bc- harrst, so werde ich »«ich fügen. Dann muß ich eben cnt-> sagen."
Und sic schiniegte ihre tveiche Wange an sein bärtiges! Antlitz.
Joachim von Henning, nun wieder ganz seiner Nerven Herr, sühlie das schinerzhafte Zucken ihrer Brust au der seinen. Ta legte er saust seinen Arm um ihren Leib.
Eine Weile hielt er sie so an sich. Dann strich er mit der andern Hand sachte über ihr Haar. Ganz wie er es früher so oft getan, wenn sie ihm als Kind ans dem Schoß gesessen. Und jene Zeiten standen wieder lebendig vor ihm. Mit all dem Glück, das ihm ihre kindliche Zutraulichkeit und Zärtlichkeit gebracht. Ta tvurde es ihm seltsain weich um§ Herz.
„Hast du ihn denn so lieb?" ^
Ihr Kopf grub sich mit einer impulsiven Bewegung nur noch tiefer ein an seiner Wange.
Der Oberstleutnant fragte nichts weiter, aber er atmete schwer. Und dann hörte er Gerda leise, traurig sagen:
„Du hast doch den Schwestern ihren Herzenswunsch erfüllt, lieber Vater. Warum verweigerst du ihn mir? Soll ich allein unglücklich werdend
Die Worte packten ihn. Er bog ihren Kops zurück uud sah ihr tief in die dunklen, seuchtschiminernden Augen. Dann flüsterte er plötzlich, mit einem weichen Ton, wie sic ihn an dem großen Manne noch nie gehört halte:
„Mädel — mein Mädel! Ich hatte es mir ja einmal anders mit dir gedacht. Gerade mit dir! Aber, wenn cs denn nun nicht anders sein soll "
„Vater — wirklich?"
Er nickte nur und sagte dann weiter:
„Mit der Mutter hast du >vohl schon gesprochen?"
„Ja. Wenn du deine Einwilligung gibst, so hat sie wohl auch .nichts dagegen."
„Nun —" ein Räuspern, und dann richtete sich Joachim von Henning straff auf. „So schick' mir den Mann, deir du liebst."
*
Heinz Keßler stand vor dem Oberstleutnant.
„Herr von Henning — Ihr Fräulein Tochter hat mir die freudige Mitteilung geniacht, daß Sie mir erlaube,« wollten —"
Joachim von Henning hob die .Hand. Seit, Auge um« faßte den Mann da vor ihpi scharf imd fest, als könne er sich so die Geivißhcil verschaffe», die er so gern gehabt hätte.
„Ja — ich habe Sic herbittcn lassen, Herr Keßler^ Obwohl ich es für richtiger gehalten hätte, auch das sagte ich nieiner Tochter und möchte es Ihnen gleichfalls nicht verhehlen, daß Sie diesen Weg zu inir *— vorher gemacht hätten."
Keßlers Braue» zuckten empor.
„Herr Oberstleutnant —"
Einen Moment sahen sich die beiden Männer Auge in Auge, beide ein erregtes Leuchten im Blick. Daun aber entspannten sich die Züge des älteren.
„Aber wir wollen das nun auf fick) beruhen lassen. Bitte, nehmen Sie Platz, und legen Sie doch ab."
Und der Oberstleutnant griff nach dein Hute des Besuchers.
„So — nun lassen Sie uns die Angelegenheit kurz und bündig erledigen. Ich bin kein Freund von großen Worten. Daß mein Mädel Sie lieb hat und Sie mein Mädel, das! lvciß ich — nun sagen Sie mir, was Sic mir sonst noch mitzuteilen hätten."
Heinz Keßler verneigte sich. Förmlich auch jetzt noch. Ter Empfang eben hatte sein Seibstgesühl stark getroffen. Er war nicht geivöhnt, daß mau in dein Ton mit ihm sprach - ihm gar Lektionen erteilte. Und Iväre eben nicht die Rücksicht auf Gerda gewesen, er hätte schneidend er- lvidert: Andererseits — es war etwas in den« Wese.» des Oberstleutnants, wie er sich jetzt gab, dem auch er sich nicht ganz entziehen konnte. Und so schwand denn auch nach und nach seine ansänglichc Kühle. Er gab sich ungez>vuu-i gener, natürlicher, wie er jetzt von sich und seinem Berufs sprach und schließlich auch seine wirtschaftlichen Verhältnisse klarlegtc.
Joachim von Henning halte ihn aufmerksam angehört, iluil erwiderte er:
„Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit, Herr Keßler. Sie erwähnten da eben auch, daß Sie srüher selber Militär waren. Das freut mich besonders z» hören. Sie waren gern Soldat, da haben Sie geiviß sehr bedauert, daß Sie der Unfall zivang, den biinten Rock so bald wieder auszn- ziehen?"
„itzewiß — allerdings. Es tat mir recht leid."
Heinz Keßler sagte es, aber cs traf nicht so ganz zu. Seine anfängliche Begeisterung für den buiiten Rock, im Grunde mehr jugendliche Eitelkeit, hatte sich bald gelegt, als er de» Dienst kennen lernte. Ter eiserne Zwang, der jede Individualität unterdrückte, war ihm lästig geworden, «ich von jedem Vorgesetzten anpscisen zil lassen und nur schiveigend die Hand an den Helm zu lege» es war verwünsch! wenig »ach seinem Geschmack gewesen. Sei» leiden- schaftlicheS Temperament hätte oft heiß rebelliert dagegen. Und hätte ihm eben nicht damals glücklicherweise der Schuldrill noch so tief in den Knochen gesteckt, tvcr iveiß, ob nicht —!
So war ihm denn eigentlich der Reitunsall dainalsl gar nicht so uncrivünscht gekommen, das enthob ihn aller Konflikte, gab feinem Leben ohne sei» Zutun eine ganz andere Wendung. Aber das brauchte er doch dem Oberst- lkutnaiit wohl nicht alles anseiiiaiiderzusetzen. Und so ließ er ihn beim bei seinem Glauben.
Joachim von Henning sah jetzt sein Gegenüber noch einmal an, mit einem letzten, heimlichen Prüfen. Sein ganzes Aenßerc und was er da soeben gehör«, das machte ia alles keinen schlechten Eindruck und so erhob er sich denn.
„Mein lieber Herr Keßler Ter Oberstleutnant streckte bt-iit Bewerber, der mir ihm ausgestanden war, nun mit einem ehrlichen, ossene» Blick die Rechte entgegen —, „ich mache kein Hehl daraus, inein Entschluß fällt mir nicht leicht. Aber wie die Dinge einmal stehen ich habe bask


