Dkkizierstöchter.

Roman von Paul Grabein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetmng)

Joachim von Henning »vollte von neuem losbrecken. Aber vor dem riibigcn und dock so eindringlichen Blick dev Tochter verstummte er. Als ob sie wüßte, dass er und die Mutter dainalS, als sie sich gesunden Kalten Freilich, aber das war doch ettvaS anderes gewesen. Er ränsverte sick plötzlich geräuschvoll, drohend, doch er schwieg

Da trat sie bittend auf ihn zu.

,.Lieber, guter Pater?"

Der kindliche Ton gab ibm wieder die Sicherheit. Dock er sprach nun gemäßigter:

..Gerda sei dock vernünftig! Komm ber, wir wollen ganz ruhig über die Sache reden."

Er ließ sich im Armsessel vor dem Schreibtisch nieder und zog sie zu sich heran. Er faßte die vor ihm Stehende bei den Armen und redete so zärtlich auf sie rln.

Sieh mal, ick will ia gar nichts sage» gegen die Person dieses Herrn Keßler. Ick kenne ihn zwar so gut tvie nicht, aber ick tvill's gern glaube», daß er ein anständiger Kerl ist."

Er ist sogar eine ivahrhast vornehme Natur, Pater."

Gut, gut alles zugegeben Aber das ändert doch nichts an der Hauptsache. Er ist und bleibt dock elnmal ein Schansvieler." ,

Ia, ist denn das cttva eine Schande?"

Natürlich nickt, aber versteh' mich dock, Kind. Das weißt du >a ebenso gut wie ich: Als aktiver Offizier - -"

Gewiß. Pater. Daß man als ANiver selbst nickt eine kDamc zur Frau haben kan», die allabendlich ans der Bühne steht, das begreift sich ja von selbst. Aber ivarum eine Ossi-- zierStockter nicht einen Bühnenkünstler von erstem Rainen heiraten soll daS versteh' ich allerdings nicht."

Gerda. Gerda, du willst nur nicht! Du wirst mir doch zugeben müssen: eine Schauspielersfrau kommt in ein Mi­lieu, iir Kreise, die nun einmal nicht zu uns passen."

Wem ick daitn nicht mehr passe, der braucht mich ja nickt mebr zu kennen. Ich lege keilten Wert auf solche Leute."

Und wir?"

ES zuckte in ihren Lippen, wie zu einer herben Ant­wort. Aber dann sagte sie doch weicher:

Ihr werdet mich ja eben verstehen, Pater."

Joachim schüttelte den Kopf. War ihr denn gar nicht beizukommen? lind sebr ernst sprach er nun weiter:

Mein liebes Kind, cs ist ein altes, aber bitter wahre- Wort: Niemand soll auS seinem Stande heraus. Es bringt kein Glück. Es ist dock schließlich kein Zufall, wo uns das Leben einmal hingestellt hat. Da sind auch unsere Wurzel», unser Nährboden, unsere ganzen Lebensbedingungen. Und wer daS alles aufgibt, der findet nirgends mehr festen Stand der verkümmert, gebt zugrunde!"

Die Worte riefen ein Echo in Gerdas Brnst wach. Wieder jenes dunkle Ahnen voll leisem Bangen. Bor irgend etwas Ungewissem. Dock' auch seht wieder kämpfte sie es nie­der, richtete sie sich schnell an ihreni Widerspruch auf.

lind doch hast du Astrid nichts iir den Weg gelegt. Papa. Klaus gekört dock ebensowenig in unsere Kaste, als Kaufmann."

Ich habe auch damals schon ernste Bedenken gehabt Aber im übrigen: die Sache liegt denn da dock ganz anders. Klau» steht doch erstens mal in einem ReservcverhältniS zu unserem Regiment, und überhaupt als Großkanfmann gekört er doch immerhin zu unserer gesellschaftlichen Sphäre."

Gerda machte eine Ben>egung voll Ungeduld, als wollte sie sich den Händen des Paters entziehen, die sie noch immer hielten.

Aber das ist doch schrecklich. zu töricht geradezu chincsenhaft. dieser Kastengeist! Wir leben dock nicht mehr im Mittelalter. Jeder aufgeklärte, lvahrhast gebildete Mensch fragt dock nickt mehr darnach: WaS ist einer? sondern: Wie ist er?"

LiebeS Kind, du erfaßt noch immer nicht beit Kern der Sache. Ich feite das Unglück und darum das Unmögliche ja gar nicht so sehr im llrtcil der anderen, wie in der Sache selbst. Wie aufgeklärt du dir auch Vorkommen magst, auch in dir selber lebt, ohne daß du dir dessen bewußt bist, dck Geist deines Standes. Er schlummert jetzt vielleicht und spricht nickt zu dir im Augenblick, weil dein Wünschen lauter ist. Aber er meldet sich einmal wieder. Dessen sei gewiß. Ge rade bei dir, die du doch mein Kind bist."

lind er blickte jetzt, mit tiefer Zärtlichkeit i» den» dnnkelbärtigen ManneSanllitz, ans das Mädchen nrit ihren stolzen, schönen Zügen Der Druck seiner Hände war jetzt liebkosend.

Gerda fühlte cs und in ihren Augen stand da wieder bas weiche Bitten.

Du magst ja reckt haben, Väterchen! Bei jeden« an­deren, aber doch nicht bei ihm. Lerne ihn doch nur erst kennen, und d» selber tvicst mir zugebcn: er ist nicht tvie die anderen. Er macht eine Ausnahme. Mit ihm werd' ich sicherlich nicht unglücklich. Glaub' mir'S doch nur!"

Da bewölkte sich die Stirn deS Oberstleutnants. Sein Ton ward wieder streng.

Wenn du dich denn mit aller Getvalt nicht über­zeugen lasse» willst, so müssen andere für dich sorgen Also schlag dir diese Idee ans dein Kopf. Es ist nicht daran zu denken."

Er löste seine Hände von ihren Arme» und stand auf Mit einer kurzen Bewegung

Gerda blieb eine Weile, oüne sich zu rühren, auf dem Fleck, wo sie stand. Auch in ihren Mienen tvar keine gnng. Nur zwischen den feinen Brauen stand eine steile, gerade Linie. Ganz klein, aber sic gab dem schönen And- lttz einen Ausdruck! harter Entschlossenheit Und imn warf sie vlötzlich den Kopf zurück