Ausgabe 
26.3.1914
 
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Lin Frühlingstag auf Norfu.

Bon Tr. Wilhelm Wintzer.

Ehe noch die Frühlingssonne die ganze Pracht südlichen Früh­lings der Erde entlockt, treibt as auch diesmal wisdar Kaiser Wil­helm in sein Zauberschloß an der Adria. Tann fangen nur eben ans den Wiesenhängen Korfus die Anemonen an zu sprießen. Feigen, Oliven und Myrlhen blühen verstohlen in den Gürten und die ersten Nelken und Rosen beginnen zu knospen. Aber lüble Winde und kalte Nächte vcrkümniern noch den Pollgenuß des süd­lichen Frühlings. Indessen gerade die ahnungsvolle Herbheit dieses Vorfrühlings ist es, die Kaiser Wilhelm besonders liebt. Poller, berauschender, sieghafter aber lacht der südliche Lenz an den Küsten der Adria erst im Maien. Weißt eA dann die Sonne aus den schat­tenlosen Wegen zwischen den weilen Frucht- und Blumengärten Korsus auch oft allzu guti dar Eindruck all de!r paradiesischen Schönheit, die der Frühling nrit einem Male aus das Wunderei­land ausstrcut, bleibt jedem, der ihn einmal erleben durste, un­auslöschlich für alle Zeit. l

Bei wilder Bora hatten wir San Giovanni di Medua, um dessen paar Däuser im Balkankricg so viel gestritten worden ist, verlassen. Immer tiefer sinkt jetzt die guer über den Horizont gelagerte schwere Wolkenwand, imnier stiller i>Mden Meer und Himmel, immer leuchtender die blauen Berge, imnier lveichcr die Winde. Santa Quaranta lieget hinter uns und nun löst sich die Welt plötzlich auf in einen cinzigeir süße» Zusammenklang aus tausend dustlg-blaucn Farbenlönen . . . ein neues hehres heiß- crschntes Erlebnis künhigt sich an: Griechenland! Aber wer da glaubt, sich völlig ungestört den traumhasl schönen Eindrücken einer Gricchenlandreise hingcbcn zu können der kennt das Reisen im Süden, vor allen im Orient, nicht. Wie sin MückenschwarM hat sich schon in Santa Quaranta eine Schar ausdringlicher Frcm- dcnsührer, Portiers »nb Holclagentcn aus unser Schiss niederge­lassen. Tic ganze Nein« nordische Reisegesellschaft soll im letzten Augenblick mürbe gemacht werden. Und ich wollte doch nicht den internationalen Reisctrubcl in den Korsucr Allcriveltshotels d'Angletcrrc und Saint Georges mitten in der Stadt Korfu teuer befahlen. Wie viel stimmungsvoller mußte sich die Maienschön- hcit Griechenlands genießen lassen im bescheidenen feigenitinrankteir Häuschen hoch auf felsigen! Abhang über dem Meere! Ich ent­fliehe dem Trängen, Porschlagcn, Abtvciscn und Feilschen aus der Kommandobrücke, um die wunderbare Annäherung an die zwei- zackige zypressenumstandenc Zitadelle von Korfu, an die schmale immer höher wachsende weiße Häuscrmasse der Stadt, an die sastig- grünen kühngeschwungcncn Buchten zu erleben. Aber die Landung schon reißt wieder aus alle» Himmeln. Im Orient sind die Rei­senden nun einmal uinl der Gepäckträger willen da, nicht umge­kehrt. So mußte der Kamps mit Gepäckträgern, Bootssührern, Dotelagenten durchgekämpft werden vermittels einer Hand voll Frankstückc und Grobheiten, erschwert noch durch den Zustand, daß cs Privatlogis in Korfu überhaupt nicht gibt, aus dem einfachen Grunde, weil selbst zurSaison", wenn Kaiser Wilhelm da ist, die Ricscnhotcls noch nicht einmal voll, sonst aber meistens leer sind. Tenn Korfu ist wegen seiner Sckwttenlosigkeit noch immer keine geeignete Erholungsstation. Tie Ausflüge sind sehr ausge- dahnt, und anr Ziele in den Dörfern gibl's nur verirocknetes Rosinenbrot, warmen Wein und schlechten türkischen Kassee. Tie englischen Reisenden, die Korfu als Zwischenstation zum Ucbcr- gang vom ägyptischen Winleraufcnlhalt benutzten, um dann in Albanien aus Eber zu sagen, gehören der Vergangenheit au. Wie so manches in dieser einst blühendsten Hafenstadt Griechenlands! Schaudernd betreten wir die verfaulten Ticlen im schönsten Prunk­zimmer des größten Hotelbaus am HafenHotel de Konstan- tinople". Abgerissene Goldtapetcn, in Fetzen hcrabhängende Gar­dinen und elend zertrümmerte Waschtische verscheuchen uns rasch wieder ans demAlbancsenhotel" zum Entsetzen seines Wirtes, bis wir durch Bermittlung des deutschen Bierrcstaurants endlich in der einzigen Pension Korfus, die eine Teulschschweizerin sauber verwaltet, behagliche Unterkunft finden.

Ter Morgen hält uns noch in der Stadt Korfu. Zwischen Zy­pressen und Felsgrvtten erklimmen wir die Plattform der Zita­delle von Korfu. T-a liegt in kristallen-strahlendem Lichtmeer die ganze Herrlichkeit dieses glücklichen Eilands um uns herum. Vor uns die Stadt, rechts der kleinere Küstenbogen, der mit lieb- tiäicn Hügelreihen das blaue Hafenbecken umschließt, links der größere, der sich mit dem Achilleion als weißem Punkt aus grünem Höhenrücken weit im südlichen Blau verliert. Hinter uns wie ein dusliger Gazeschleier die steile Felsenküsle Albaniens. Tort von dem riesigen Grasplätze, der arkadengcschniücklcn Es­planade, geht cs die breite Platancuallee am silbernen Strand entlang nach der sonncnschimnierndcn Bucht von Eauone, nach den Zaubergärten von Mon Repos, nach dem Kaiscrschloß Achilleion.

Noch brennt die Sonne nicht allzu glühend. Ein kühler Erd- «ßruch entströmt den Gärten, die reichlicher Regen satt ge­tränkt, Tautropfen blitzcir von lausend Blättern, und >vie ein Meer heißer Blumendüste schivebt es über die Straßen. Welch wun­derbares Wandern in einen solchen Morgen hinein! Aus den Gärten, märchenhast fruchtbar wie die Gärten der Hcsperiden, treten kleine, schmucke, zierliche Mädchen mit fröhlichem Lachen, tins Blumen zum Kauf anbietend. Besonders reizende Knaben mit stillen, tiefen, seelcnvojlcn Augen wollen uns mit Früchten ver­

sorgen. Wie üppig sprießt und blüht und fnichiet lind auillt'si auch aus den Gärten Korfus! Fruchtbeladcne Feigen-, Apfel- sliien- und Psirsichbäume hängen ihre Zweige ülier'die Straße, glutrote Granaten, weißblühcnbe Kakteen leuchten im Rethcrblau^ goldgelbe, durstlöschend« Mispeln nicht zu verwechseln mit un­serer häßlicheren, trocken-mehligen Frucht. pralle, große Glas­kirschen, goldene Orangen und Zitronen schimmern im dunkelgrün glänzenden Laub. Und den hehren Glanz einer herrlichen Natur konnte auch von den Häuptern der Bewohner dieser Insel die rauhe Hand des Weltcnschicksals nicht ganz hinwegwischcn. Die Korsiotcn sind stolz, daß sie sich im Sturüi der Jahrhunderts» den Stempel griechischer Kultur durch römische, normannische, venezianische, englische und türkische Bedrückung bis heute sieg­reich erhalten haben, stolz, daß ein Deutscher, der Graf v. dev ^chulcnburg, Korfu 1716 endgültig vor den Türken rettete, wie sein Tcnkmal auf der Esplanade erzählt. Griechisch ist noch bleute die stolze Haltung der Frauen, deren Kops von dem ma­lerisch viereckig gefalteten Tuch umrahmt ist oder graziös den große» altgriechischen Wasserkrug trägt die Urbilder der Karyatiden griechisch die ebenmäßigen Züge in diesen gelb­braunen Gesichtern mit den funkelnd schlvarzen, bläulich um­ränderten Augen, der oft gradlinig mit der Stim sich sortsetzen- dcn Nase, dem blauschwarzen Haupthaar griechisch die sein­abgetönte Farbenharmonie auch der ärmlichsten Frauenkleidung aus hellgelb-lichtblau, rosa und weiß, griechisch auch die leicht­herzige Heiterkeit des Temperaments. Uebermütig plaudernd und scherzend geben uns unsere kleinen Blumenverkäuserinnen eine Viertelstunde das Geleit, würden wir all ihre Blumen kaufen, wir würden in der Blnmensülle verschwinden! Aber auch wenn wir nichts kaufe», nur mit ihren glücklichen Augensternen lachende Micke tauschen und scherzend uns ihrer natürlichen Grazie freuen, sind sie's zufrieden und hüvsen schließlich unt einem heiteren! Adio" glücklich lachend von dannen.

Nach kurzer Wanderung stehen wir am Eingang von Mon Repos, dem weißen Schlößchen des griechischen Königs, just an der Stelle hoch überm Meer erbaut, wo vielleicht Alkmoos, des Phäakenkünigs, gastliche Königsburg stand, in der der zu- rückkehrende Dulder Odysseus herrliche Feste feiern durfte. Ein nndurckchringlichcr Laubgang zuur Schlosse läßt keinen Strahl der heißen Sonne auf den Weg. Um so leuchtender ist die bimte, schier märchenhafte Pracht, die ungehemmte Sonnenglut in denr strotzenden Garten erzeugt, der in seiner vcrivegenen Wildheit jeder Kunst des Gärtners zu spotten scheint! Büsche, Rose dicht an Rose, fast kein Laub, baumartig cmporlvachsende Mar­gariten, unzählige Arten Primeln, Löwenmaul, Orchideen, Nel­ken und Mohn, darüber ein Gewirr von Riesenpalmen, Buchs­baum, Granaten und Orangen, über dem Rasen blühende Myrthen und uralte tausendfach verknöcherte Oliven, als stammten sie noch aus den Zeiten Homers. Und über allem träumt der stille blaue Nachmittag in der Ferne schimmert sanft der zarte lichte grüne Spiegel des Meeres . . . Und wie hier sagenhafte Vergangenheit ihre Flügel hinüberschlägt in die sichtbare Gegenwart so auch im nahen G a r i tz a. Zwischen Gärten und Blumenbüschcn sind Kanäle und Löcher gegraben und wir wandernr dank der Aus- grabungstätigkeit Kaiser Wilhelms wieder auf den Tempelsluscir der Riescngorgo, deren wuchtiges Giebelfeld >vir im kleinen Kor- suer Museum bewundert haben. Als sich die griechische Plastik iwch in primitiven Anklängen an assyrische und persische Vorbilder bewegte und auf die Darstellung dämonischer Naturwesen be­schränkte, entstand diese gewaltige Gorgo. Ihre Ausfindung ergänzt in unschätzbarer Weife die wenigen großen Ucberreste aus jener Vorzeit griechischer Kunst. Von Garitza ist es nur eine kurze Weg­strecke zum landschasllich reizendsten Punkt in Korsus nächster Um­gebung, nach C a n o n e. Die Landstraße hoch auf dem Plateau stößt plötzlich hart ans Meer. Laubcngänge am steile» Ufer laden zur Rast beim goldigen Kephalonier oder beim tiesdunkel-fcurigcn Griechenwein. Und wer wollte hier nicht rasten? Solch süße Stät­ten traumhaft stiller, weltentrückter Schönheit hat die Welt nur wenige auszuweisen! Tort unten senkt sich die sanskgeschwungene Küstenlinie zu der Wiese am Strande, aus der einst die holde Nau- sikaa den schlasendcn Odysseus fand. Inmitten aber der blauen Meereseinsamkcit unter uns schweben wie Märchen aus dem Wasser­spiegel zwei kleine W u n d e r i n s e l n , die den geheimnisvollen Grundton auschlagcn zu der feierlich stillen, traumhaft seligen Stim­mung dieser Landschaft, die sich in die Seele singt wie ein Beetho- vensches Adagio molto e cantabile. Um einen Hügel und ein Häuschen streben aus der einen lote auf Bücklins Totcninsel dicht­gedrängt spitze Cypressen gen Himniel, während aus der andern, die ganz von einem griechischen Kloster malerisch überbaut ist, Mönche durch weltentrückte Kreuzgängc cinsain wandeln. Weiße Gischt umspült die roten Mauern, und leise klingt der Gesang der grünen Wellen durch die Nachmittagssrille zu uns heraus. Schwei­gend versinkt die Seele ini Schauen von so viel Schönheit in tiescs Träumen, in seliges Selbstvergessen. . .

An einem Spätnachmittage, als die lacheiche Maiensonwe gowig die Hügel und Wacher von Pelleka vergoldete, standen wir aus der Terrasse des Achilleion oder Achihlcon, lvie die Kor- schten es nennen. Als ein rechter Winkel mit der Spitze nach dem Lande öffnet sich hoch oben aus dem Bergrücken das Schloß der Kaiserin Elisabeth nach dem Meere und schließt hier den zauberhaften Garten, die schönsteTerrasse des AchiUeion" ei».