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löffelt eilt heißes Uebcrslulen ihres Empsindens auS, ei» herausdrängendes Glücksgcsühl: Nun, nun fallt) all ihr Sehnen sein Erfüllen! Alle Selbstguälerei, der Zwiespalt ihres Inneren hatte nun ein Ende. Und dach — klang da nicht von fernher etwas wie ein Warnen? Nichts Bestimm-« tes, Gedankenklares: aber ein Llhnen, dunkles Befürchten aus den unergründlichen Tiefen des Instinkts heraus.
„Gerda!" Gin leidenschaftsdnrchzittcrter, leiser Ton nur, und da war wieder das andere, das stärker war: das heiße Pulsen ihres jungen Lebens, das seine Erfüllung forderte.
So fand Heinz Keßler die, die er suchte.
Gerda hatte, zu Hause angelangt, sofort ihre Mütter aufgesucht und ihr Mitteilung gemacht.
„Kind, Kind — aber das ist ja ganz unmöglich!" Frau von Henning, im höchsten Maße betroffen, konnte nur immer wieder den Kopf schütteln.
„Ein Schauspieler — loie konntest du denn überhaupt nur —? Und er! Es ist ja unerhört, daß er das ohne unseren Willen wagte. Ohne sich überhaupt bei uns vergewissert zu haben."
„Mein Gott, Mama — das kam eben so. Es war ja heute die erste Gelegenheit, wo er mich einmal ungestört sprechen konnte."
„Ganz gleich. Keine Entschuldigung. Ein Mann von Erziehung und Gesinnung tut das eben nicht. Da siehst du gleich den Unterschied. Nimm neulich Klans Petersen, der wußte, was sich gehörte, kam erst zu mir und zum Baker, und dann erst hielt er bei Astrid an."
„Doch bloß eine leere Formalität. Meinst du etwa, Klaus und Astrid wären sich nicht vorher völlig einig gewesen? Und ob es nun Blicke sind oder Worte!"
Aber die Mütter konnte von ihren Bedenken nicht lassen, wenn sie freilich allmählich auch in das Stadium des Er- wägens geriet.
„Ein Bühnenkünstler — ich konim' und komme darüber nicht weg! Gewiß ein erster in seineni Fach, und in seinen Kreisen sehr geachtet —
„Doch auch anderswo, Mama! Würde ihn sonst eine Prinzessin zu sich laden?"
„Ja, ja gewiß, aber unsere gute Juliane — " und Frau von Henning zuckte die Achseln. „Wir wollen uns doch nicht im unklaren darüber sein, daß man sie bei Hofe nicht recht voll nimmt. Man läßt sie mit ihren Extravaganzen notgedrungen eben gewähren, aber im übrigen — "
„Nun, in Berlin ist Heinz aber nicht minder beliebt. Er ist doch wiederholt von hoher Stelle ausgezeichnet worden, und es schweben bereits Verhandlungen wegen seines Uebertritts zur Hosbühne. Ich weiß es doch von ihm selbst."
„Run gut, mag sein — ich gebe ja überhaupt zu, nach mancher Richtung hin wäre die Sache ja schließlich wohl diskutabel."
Der Mütter siel ein, was Frau Brcncken da neulich erzählt hatte. Was diese Künstler verdienen sollten wahre Ministergehälter. Und auch ihre gesellschaftliche Stellung in Berlin. Mjan trieb ja dort wohl einen förmlichen Kultus mit ihnen.
Und anderseits — es war so schwer, gerade für Gerda zu sorgen. Wie oft lag ihr das nicht auf dem Herzen, seitdem sich für sie die Chancen mit Klaus zerschlagen hatten. Sie sah ja sonst keine Aussichten für ihre Tochter, und der Gedanke, daß das schöne Mädchen nach verblühter Jugend einmal in dumpfen Stislsmauern ihr Leben vertrauern sollte, war doch zu schrecklich.
Also wenn sich da nun wirklich für Gerda eine Mögz lichkeit bot — sollte, dürste man sic ihr benehmen? Nur aus Standesvorurteilen heraus?
Frau von Henning geriet immer tiefer ins Nachdenken, und die Situation mochte ihr schließlich wohl doch nicht mehr ganz so unmöglich erscheinen. Denn wenn sie jetzt zwar auch schwer aufseufzte, so erhob sie sich doch.
„Ich weiß ja nicht, Gerda, ob wirklich daran zu denken ist, aber auf alle Fälle will ich doch mit dem Vater sprechen, und zwar gleich, sowie uyllburg wieder heraus ist. Er ist nämlich augenblicklich drüben bei ihm."
Doch Gerda trat der Mütter entgegen.
„Ich danke dir herzlich, Mama. Aber bitte — laß mich selber mit Papa sprechen."
„Traust du mir nicht zu, daß ich deine Sache genügend vertreten würde?"
äks klang verletzt.
„Doch, Mama, selbstverständlich! Mer ich möchte trotzdem lieber nicht — ich möchte lieber allein, ohne Mittelsperson — cs kommt mir so feige vor, daß ich mich hinter di« verstecken soll."
Die Mütter beschwichtigte sich da wieder.
„Nun, wie du willst. Ich werde ja nachher doch auch noch ein Wort dazu zu sprechen haben."
Vielleicht war es sogar besser so, ihr Mann machte seiner heftigen Erregung erst Gerda gegenüber Luft. Dann war er nachher eher für Vernunstgründe zugänglich. Also sagte sie denn zu der Tochter:
„So geh nur zum Vater. Aber mach' dich auf allerlei gefaßt."
Gerda nickte nur stumni, doch es senkte sich ihr jetzt, als sie zum Arbeitszimmer des Oberstleutnants hinüberschritt, lastend auf die Seele. Sie ging da einen schweren Gang. Sie wußte es wohl.
Vor dem Eingang zu des Vaters Tür, in dem als Diele ausgestatteten dämmrigen .Hausflur des altertümlichen Hauses, wartete Gerda. Gedankenvoll stand sie an dem bunt- verglastcn Hoffenster, bis das Geräusch der sich öffnenden Tür sie zum llmdrehen veranlaßte.
Kpllburg trat heraus. Als er sich ihr so unvermutet gegenübersah, schreckte er leise zusammen. Aber gleich hatte er sich wieder in der Gewalt und machte ihr eine stumme Verbeugung. Auch sie dankte ohne ein Wort. Etwas unsicher glitt ihr Blick dabei über seine Züge. Tie kamen ihr jo verändert vor. Gar nicht mehr das Ojscne, Freundlich-s Helle, das sie früher so wohltuend an chm empsunden hotte. Ihr Werk! Und mit einem dunklen Schuldbewusstsein sah sie ihm nach, bis er hinter der Portiere vorn am Ausgang verschwunden war.
Da atmete sie noch einmal tief. Dann trat sie zu ihren! Vater über die Schwelle.
Der Oberstleutnant steckte gerade eine neue Zigarre in Brand.
„Na — " die dunkle Felix-Brasil noch zwischen den Zähnen nickte er Gerda gutgelaunt zu — „was bringst bti Gut's, Mädel?"
„Ich — ich Hab' dir etwas mitzuteilen."
„Das kommt ja so gedruckst heraus!" lachte er gemütlich. „Was hast du denn ausgejrejsen — hm?"
Und er legte die Zigarre weg, nahm das schone Mädchen, sein Lieblingskind, nnt seinen schweren Händen bei den Schultern und schüttelte sic im Scherze ein wenig hin und her.
„Lieber Vater," ihr Auge blickte ihn klar und groß an, und nun stieg ein stummes Bitten in ihm auf, „ich hnb' mich eben verlobt — mit Heinz Keßler."
„Was?" Die mächtigen Hände gruben sich ihr schmerzhaft in das zarte Fleisch. „Mit dem Schauspieler?"
Sie nickte nur. Aber das Bitten in ihren Augen ward zum weichen Flehen.
„Das ist ja Blödsinn!" Und er gab sie frei, so plötzlich, daß sie fast taumelte. „Kompletter Blödsinn!"
Dumps grollend kam es aus seiner gewaltigen Brust. Dann steckte er sich die Zigarre wieder in den Mund. Mächtige Rauchwolken von sich stoßend, ging er durchs Zimmer hin mit schweren, klirrenden Schritten. Und machte wieder kehrt, so schars und plötzlich, daß auf dem Bord überm Sofa die Silbcrbecher und Pokale klirrten — alte Renntrophäen. Er hatte da eben wohl nicht recht gehört. Und er vergewisserte sich, mit befehlsgewohntem Blick:
„Du meinst, er hat dir da was von seiner Liebe vorerzählt. Aber du hosfentlich — "
Doch Gerda hielt dem durchdringenden Blick stand.
„Nein, Vater. Ich sagte cs dir ja schon: ich Hab' mich mit ihm verlobt."
„Verlobt!" Ta brach cs los. Tie dröhnende Stimme, die das Gerassel der Batterien zu übertönen gewöhnt war. „Verlobt! Ohne unser Wissen und Wollen — bist du von Sinnen, Gerda?"
„Verzeih — wir haben natürlich eure Zustiminung dabei vorausgesetzt."
„Redensarten! Ein Mädchen von guter Familie und ein Mann, der aus sich hält, setzen eben nichts voraus. Man spricht erst mit den Eltern. So gehört sich das, und nicht anders."
Gerda heftete die Augen fest aus den Aufgeregten.
„Lieber Vater, wenn man jung ist, denkt mau eben anders." _ (Fortsetzung folgt.)


