Lkkizirrstöchtrr.
Roman von Paul Grabetn.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Heinz Keßler ging langsam. Es fiel ©erb« auf. Al- ob er den Abstand von dem Paare da vorn noch absichtlich vergrößern wollte. Eine Bekloinmenheit überfiel sie da. Was hatte er — was wollte er? Und sic fühlte, wie der schon aufgeregte Takt ihres Herzens noch schneller ging, immer schneller. Und plötzlich setzte er für einen Moment mit heftigem Stocken ganz ans. Heinz Keßler war stehen geblieben. Und vorn die beiden waren verschwunden hinter den Büschen der Wegbiegung. Allein mit ihm war sic in den stillen An- lagen des Sladtparks.
Jetzt — jetzt!
Sic fühlte nur in dumpfem Brausen laktmästig die Blut- wellen im Ohr anschlagcn.
„Fräulein von Henning — bat Sic c-Z eigentlich nicht gewundert, daß ich wieder nach hier kam?"
„Gewundert'?"
Sic wiederholte es ganz mechanisch, den Blick geradeaus auf den Birkenstcnnm vorn am Wege gerichtet
„Nun ja —" es klang ein wenig ungeduldig — „schließlich ist Ellerstadt doch gerade kein Wcltbad, wo man sich eo ipso als Sommergast einquarticrl."
„Ganz recht — und warum kamen Sie da eigentlich ans diese Idee?"
Eine lebhafte, säst ärgerliche Bewegung bei ihm.
„Sollten Sie das wirklich nicht wissen?"
„Wie sollt' ich —
Aber in ihre Augen, die immer noch an dem Birken- stamm hingen, kam ein geheimes Flimmern.
Da trat er vor sic.
„Fräulein von Henning!" Und sein Ton tvar so zwin- gcnd, daß sic zu ihm aufsehe» ncußtc. „Seien wir doch offen zueinander. Sie wissen es ja: ich kam hierher — nur Ihretwegen !"
Aus ihrem Antlitz toich leise die Farbe. Aber ihr Ton verriet nichts von ihrem Enipsiuden, als sie erwiderte:
„Da Sir es sagen, wird es wohl so sein."
ES klang sogar kühl, als wollte sie ihn wieder in die nötige Distanz weisen.
In seinen Zügen zuckte es ans.
„Oft Ihnen mein Hiersein wirklich so gleichgültig?"
„Was berechtigt Sic zn dieser Frage, Herr Keßler?"
Aus dem ganz blassen Antlitz kam die Estgensrage. mit einer frostigen Unnahbarkeit. Das Grollen in seinem leidenschaftlich beioegten Gesicht wuroe da noch drohender.
„Was mich berechtigt? Muß ich es Ihnen sagen? — das ernste Interesse, das ich an Ihnen nehme!"
„Sie kennen mich ja noch kaum."
„Braucht es dazu Wochen, Monate? Gehören Sie zu den Leuten, den traurigen Konventionsmenschen, bei denen sich immer olles hübsch reglementsmäßig abspielen muß? — Fräulein Gerda! Lassen Sie doch endlich die Maske fallen, mich endlich wieder Ihr wahres Gesicht sehen. Warum jetzt aus einmal diese Komödie mir gegenüber? Pardon sür das Wort — aber ich kann inir nicht Helsen."
In Gerda war ein letzter Kamps. Dann sah sie ihn an, immer »och blaß, aber mit großen, ernsten Augen:
„Nun gut, lassen Sie mich rückhaltlos sprechen. Gewiß, ich bemerkte natürlich Ihr Interesse. Aber — hatte ich irgendeinen Anhalt sür seinen Ernst?"
Es war, als wollte er leidenschastlich loSbrechen, aber dann gab er zu:
„Sie haben recht. Was wissen Sie im Grunde von mir? Ja, vielleicht — ich fürchte, ich bin sogar sicher: das, was Sie wissen, von, .Hörensagen, es war »vohl gerade keine Empfehlung für mich."
„Ter »klatsch gleitet an mir ab."
„Fräulein Gerda !" Eine impulsive Bewegung, als tvollte er nach ihrer Hand greisen. Aber dann beherrschte er sich doch. Rur aus seinen Augen brach es. „Ich danke Ihnen! Und nun lassen Sie inich einmal offen sprechen, ganz offen. Denn Sie haben ein Recht, zu wissen, iver ick bin. Darf ich?"
Ein rnum merkliches Neigen ihres .Hauptes, doch es ließ ihn hofsnungsfroh ausatmen.
„Ich sagte Ihnen schon damals, gleich bei unserem ersten Begegnen — Sie besinnen sich wohl noch? — ich bin ein Fahrender, und mein Leben bisher war unstet — bisweilen wild, ich leugne es nicht. Aber ich bekannte Ihnen auch ivciter: ich war trotzdem ein Suchender, nach dem heiligen Feuer. War cs meine Schuld, daß ich es so lange nicht fand, daß mich manchiual falsches Licht trogst'
Sie erwiderte nichts Aber in ihrem Schweigen war etwas, tvas ihm den Mut gab, weiterzuspreche».
„Und nun fand ich Sie, Gerda. Sie nahmen von mir Besitz im ersten Augenblick. Sie wissen es ja. Freilich Sie sehen, ich bin rückhaltlos offen, mir selber zum Schaden vielleicht: aber Sie solle» niich kennen lernen, wie ich bin — nicht gleich empfand ich bas für Sie, tvas ich jetzt empfinde. Es war zunächst iinr Ihre bezwingende Erscheinung — bitte lassen Sie mich das alles sagen. Aber iuinn, als ich Sie kenne» lernte, im Gespräch, da kam es über mich: Sie waren ein Mensch, wie ich ihn inir ersehnte, wie ich ihn brauche — ohne Vorurteile, und doch so groß und hoch. Und auch Sie trugen das Sehnen, toaren einsam hier. So ergriff es mich den». Das Hoffen: war das nicht mein Schicksal und — vielleicht auch das Ihre? — Sehen Sie, Gerda, nun wissen Sie, wie es um mich stand, und jetzt —" Heinz Keßlers Blick suchte Gerda, die immer noch blaß vor innerster Erregung vor ihm stand. Da war nun di« große Stunde ihres Lebens. Ein Wogen war in ihr, das ihr die Brust spreiigen wollte. Seine Worte, aber säst noch mehr der weiche, dunkle Werbelant seiner Mannesstimme,


