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Die fühlte, wie er nur widerstrebend gehorcht«, aber er
» e ihrem Sßitif. Und sie ging für den Rest des Abends mehr von ihrem Platze.
Das Fest war zu Ende, man war wieder daheim. Die Schwestern waren auf ihr Zimmer gegangen, aber sie dachten beide heute nicht ans Zubettgehen. Gerda saß am offene» Fenster, den Kopf in die Hand gestützt und blickte hinaus ins Dunkle. Auch Astrid war entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit sehr schweigsam und von einer seltsamen Unruhe befallen. Sie kramte in allen ihren Schüben, aber ohne rechten Zweck. Dann und wann trat sie auch in die Tür, als lauschte sie hinüber in die Räume der Eltern. Gerda fiel schließlich dies sonderbare Wesen auf. „Was hast du denn nur, Astrid?"
„Ich — o nichts."
Und die Jüngste wendete sich hastig wieder von der Tür ab. Gerda sah sie nur groß an.
Eine Weile machte sich Astrid dann abermals an ihrer Kommode zu schaffen. Plötzlich aber fragte sie, doch ohne sich umzusehen:
„Sag' mal, Gerda — aber auch aufrichtig — rechnest du eigentlich noch mit Petersen?"
„Rechnen? Das Hab' ich nie getan."
„Na ja aber laß uns doch nicht Worte klauben. Du weißt doch, tvie ich's meine."
„Ah — also das ist's!"
Und Gerda blickte auf die Schwester, mit einem plötzlichen Berstehen. Einige Momente gefiel sie sich darin, Astrids nervösem Herumkramen zuzusehen. Wie diese auf ihre Antwort wartete! Aber dann umspielte ein Lächeln ihre Lippen.
„Sei ohne Sorge, ich gönne ihn dir — neidlos!"
„Du! — Ist das wirklich wahr?" Astrid schneUte förmlich empor und hing nun der Schwester am Hals. „Ich glaube nämlich — es ist sogar so gut wie sicher — er kommt morgen um mich anhalten!"
Gerda entzog sich den verschwenderischen Küssen der Jüngsten.
„Spar' dir das lieber für morgen," riet sie und fügte hinzu: „Mama weiß es wohl schon?"
„Ja, ich habe ihr schon vorhin, auf dem Heimivege — " „Ah so," nickte Gerda, „dann ist jetzt grade der kritische Moment."
Und auch sie lauschte unwillkürlich, ein paar Augenblicke hinaus in das stille Haus. Klang da nicht gerade'des Vaters Stimme ziemlich erregt?
„Ach du — ich bin ja so in Angst!" klagte Astrid. Aber Gerda lächelte überlegen.
„Nur keine Angst — du kriegst deinen Klaus schon. Laß Mama nur machen."
Doch dann griff sie nach Astrids Hand und sagte mit gutmütigem Necken:
„Na und du, mein Herzchen, wirst ja auch das Teinige getan haben."
„Gerda! Ich schwöre dir — "
„Ja, ja, ich weiß, keinen kleinen Finger hast du gerührt, nicht wahr?"
^Wahrhaftig, Hab' ich auch nicht!"
Gerda lachte.
„Glaub's dir schon. Aber um so mehr hier deine munteren Blauäugelein! Die spazierten recht häufig zum großen Klaus hinüber."
„Gerda, du bist einfach abscheulich."
„Kleine, ich verdenk" dir's ja nicht!" Und die Aeltere zog jetzt ihrerseits die Schwester an sich.
„Und nun komm — erzähl' mir, wie alles kam!"
* * *
Im Schlafzimmer der Eltern drüben siel inzwischen die Entscheidung.
„Wie gesagt, ich habe ja gar nichts gegen Petersen, gegen seine Person. Nur eben das andere!"
„Was willst du nur immer damit?" gab Frau von Henning zurück. „Werd' doch endlich einmal deutlicher."
„Wenn dn es wünschst — gut. Also ich meine Petersens Beruf, leine ganze Lebenssphäre. Kaufmann und Offizier, das sind zwei Welten, die verstehen einander nicht."
„Du bist recht taktvoll, lieber Joachim!"
Frau von Hennings Vater hatte nämlich selber eineni Bremenser Kausmannsgeschlecht an gehört. Freilich dem alten Patriziat der Hansastadt. Doch hatte geschäftliches Unglück den Wohlstand der Familie später verwichtet.
„Pardon, liebe Anne-Marie, es lag mir jede Anspielung auf deine Familie selbstverständlich fern. Ich meine das ganz im allgemeinen. Da, wo nur der Erwerb der Lebenszweck ist und der erzielte Gewinn die Tüchtigkeit dokumentiert» da müssen sich doch ganz naturgemäß völlig andere Lcbcns- anschauungen hcransbilden als in unseren Kreisen. Dn kennst ja meine Ansicht. Ich halt's mit dem alte» Wort: Geld allein macht nicht glücklich."
In Frau von Hennings Mienen zuckle eü bitter aus; aber sie behielt daun doch für sich, was sie dachte. Da sah der Oberstleutnant sie an.
„Ich weiß, was du denkst — die Liebe allein aber tut'S auch nicht! Nun gut, Anne-Marie, wenn wir denn wieder einmal bei dem Punkte sind, so sollte dir dein eigenes Uul- glück doch wenigstens eine heilsame Warnung sein, daß niemand aus seinem Stand heraus soll. D» selber hast es ja oft genug ausgesprochen, daß du nicht zur Offizierssra» paßt, daß du viel glücklicher geivordcn ivärest, wenn du in deine» Kreisen geblieben. Ein Leben nur voller Opfer, nichts als Opfer, wie es in einer Offiziersehc ohne Vermögen eben die Norm, das sei doch wahrhaftig keine Entschädigung für alles, was man aufgeben müßte."
„Und Hab' ich da nicht recht? Mit welchen Hoffnungen haben wir einmal angefangen, und wie hat es geendet?"
Joachim von Henning sann vor sich hin. Ick dem noch immer schönen Mannesgesicht lag Trauer, und sein Auge blickte voller Mitleid auf die Frau mit den vor der Zeit scharf gcivordenen Zügen.
„Liebe Anne-Marie, für deine Person hast du recht. Nur allzusehr. Aber ich hätte mir unsere Ehe anch anders! denken können, trotz aller Enge der Verhältnisse. Wenn du selber einer Offiziers« oder Beamtenfamilie entstammtest, also einem Lebenskreise, wo man seit Generationen nichts anderes kennt als altprcußischc Einfachheit, >vo man diese Einschränkungen also gar nicht als besondere Entbehrung empfindet und sich auf alle Fälle entschädigt sieht durch die idealen Seiten des Berufs —"
„Ach, komm mir doch nicht Iviedcr dancit. Davon redet man großartig bei Paradediners, jawohl! Aber Ivo bleiben diese Ideale im täglichen Leben? Wenn es fehlt an allen Ecken und Kanten. Nein — mir imponiert man nicht inehr -zuit schönen Redensarten. Ich weiß, was daran ist!"
Der Oberstleutnant schüttelte den Kops.
„Es hat ivohl keinen Zweck, daß Ivir weiterreden. Tu regst dich nur noch mehr aus. Komm, Anne-Marie, werd' doch wieder ruhig."
Und er legte ihr die Hand begütigend auf die Schulter.
Frau von Henning tupfte sich die Stirn mit dem kleinen Spitzentuch. Sie ward ihrer Erregung Herr.
„Ja, laß uns Ivieder zur Hauptsache kommen. Nicht um uns handelt cs sich ja hier, sondern um Astrid. Und ist es auch uns nicht beschieden gewesen, unser Glück zu sin,- den, laß es uns nnscrm Kinde ivenigstens nicht vorenthaltcn, Joachim!"
Ihr Ton klang lveicher. Das blieb nicht ohne Eindruck ans den Manu. Zwar schlvieg er noch, aber lvährcnd er so mit verschränkten Armen, den Kopf gesenkt, auf und ab ging, sah inan es in seinen Zügen arbeiten. Plötzlich blieb er vor seiner Frau stehen.
„Du glaubst also, es wäre ihr Glück? Liebt sic ihn denn wirklich so — und er sie?"
Frau von Henning schüttelte leise das Haupt. Wie ein schlvaches Lächeln stand es um ihren Mund, der einst einmal lveich und annintsvoll gelveseu sein inußte, ehe die herbei« Fallen ihn umzogen. Ihr Auge haftete am Antlitz ihres Gatten, halb mitleidig, halb wehmütig.
„Du bist wirklich noch immer der Alte geblieben, Joachim — in der Beziehung. Als ob jeder gerade so empfinden müßte, und n»lr so wie du. Lern' doch verstehen,, lieber Mann, daß cs auch Menschen gibt, die anders denken. Weniger tief und idealistisch als du. Und daß die Welt nicht still stehen geblieben ist seit bald dreißig Jahren. Das junge Geschlecht heutzutage denkt weniger sentimental als >vir damals. Dafür hat es gelernt, die Augen früher aufzumachen — und Gott sei Dank, daß es so ist."
„Nun ja, meinetwegen, aber lvas soll das alles?"
„Das will sage», Joachim, cs braucht ja nicht gerade immer gleich himncelhochjauchzende Liebe zu sein, und cs kann trotzdem ein Glück geben. Ja, vielleicht gerade dann viel mehr, wo sich einem gegenseitigen Gefallen auch noch klare Erwägungen der Vernunft gesellen, daß man übereinstimmt


