183
in seine» Lebensbedürfnissen, daß die äußeren Verhältnisse Ruhe und Zufriedenheit gewähren."
„Hm —“ der Oberstleutnant griss sich in den Unisorm- kragen. Es war, als wallte er noch einmal lebhaft widersprechen. Aber dann zuckte er die Schultern.
„Ta finde ich mich freilich nicht mehr zurecht. Aber vielleicht weißt du's besser. Astrid ist also jedenfalls fest davon überzeugt, daß diese Ehe sie glücklich machen wird?"
„Ja, und ich nicht minder. Peterscn loird sie aus Händen tragen. Er gibt einmal einen Musterehemann ab. Verlaß dich darauf! Wir Frauen haben einen Blick für so etwas."
Im Gesicht des Oberstleutnants zuckte es verhalten auf,
„Na und umgekehrt? Darauf kommt es ja doch am Ende auch ettoas an?"
„Du kennst doch Astrid. Er wird es nicht schlecht haben. Sie hat ihn ja immer gern leiden mögen. Nein, nein, Joachim, die beiden leben sich einmal sehr gut ein. Mir ist gar nicht bange."
„Nun — wen» ihr es den» durchaus wollt — in Gottes PJamen! Hoffentlich ist es nur das Richtige für unser Mädel."
Sein Gesicht war wieder ernster und zeigte innere Bewegung. Frau von Henning aber, die befreit ausatmete) glänzte helle Freude auf dem Antlitz Gott sei Dank, daß bas in Ordnung war! Nun sah sie bessere Zeiten kommen. Und sie eilte hinaus zu Astrid, uni der Harrende» die große Botschaft zu überbringe».
(Fortsetzung folgt.)
Der Vogelzug im Frühjahr.
Plauderei von Dr. Fritz Skowronnek.
Eins der grüßten Rätsel der Tierkunde ist noch immer die Malsenwanderung der Vögel im Herbst und Frühjahr, deren Zahl auch bei vorsichtiger Schätzung nach Milliarden bezissert werden muß Bei oberflächlicher Betrachtung erscheint es als ganz selbstverständlich, daß Tiere, denen die Natur durch die Flügel die Fähigkeit verliehen hat, loeite Strecke» schnell zu d»rä)eilen, davon Gebrauch machen, um südwärts zu ziehen, wenn ihnen der Winter im Norde» die Nahrungsquclle verschließt.
Ta taucht schon die Frage aus, lvas ihnen den Weg von und nach Süden zeigt. Sie wäre leicht zu beantworten, tvenn alle Vögel nur streckenweise vor dem Winter zurücklveichcn würde». Das tun aber nur wenige Arten, die man deshalb als Strichvögel bezeichnet. Tie Hauvlmengc zieht aber von ihre» Wohnsitzen im hohen Norden so schnell als möglich bis über den Aequatoc hinaus aus die südliche Erdhälste. TaS ist jetzt wissenschastlich erwiese» durch die Kennzeichnung von Vögeln mit Füßlingen, die von der Vogelwarte Rossitten aus der Künsche» Nehritng seit Jahren mit großem Erfolg durchgesührt worden ist.
Diese Maßregel ist in der ersten Zeit stark bekämpft ivordcn, weil man aunahm, daß die gekennzeichneten Vögel vermehrter Gefahr ausgcsctzl sein würden. Das ist aber, wie die Ersahrung gelehrt hat, nicht der Fall. Der kleine Ring am Fuß des! Vogels ivird nicistcns erst entdeckt, wenn die Tötung aus irgend eincin anderen Grunde ersolgt ist. Schon die kleine Zahl der gekennzeichneten Vögel sällt gegenüber der großen Masse gar nicht ins Gewicht, und noch weniger die paar Dutzend, die »nlerweAs getötet lvcrden, weil t»an den Ring an ihrem Fuße erkannt hat. «ic nützen damit der Wissenschaft, weil nian dadurch die Wege, die von den Zugvögeln ein- aejchlagcn werden, feftstcllen konnte. Und ferner erfährt man, daß Störche aus Norddeutschland bis nach Südafrika, also über 10000 Kilometer weit stiegen. Tort wurde in der Wüste Kalahari «in Storch von einem Buschnrann durch einen Pseilschuß erlegt. Ter Ring am Fuße des Vogels erregte abergläubische Scheu bei den Eingeborenen Es fand sich aber doch ein beherzter Mann, der ihn abnahm und einem englischen Händler brachte. Durch diesen kani er nach England und schließlich an die eingegrabene Adresse: „Vogelwarte Rossittcn, German»". Durch die beigejügte Zahl konnte dort sestgestellt werden, daß es sich um einen jungen Storch handelte, der aus einem Tcheunendach in Ostpreußen das Licht der Welt erblickt halte.
Geradezu ergötzlich nird sür französische Zustände sehr bezeichnend ist eine Komödie der Irrungen, zu der eine in Rossitten gezeichnete Lachmöwe den Anlaß gab. Sie weilte mit vielen ihresgleichen an der^ Rhone in Südsranlreich und ivnrde dort erlegt. Ter glückliche Schütze berichtete über den Ring einer großen Zeitung. Tort konnte man sich die Inschrift „Vogelwarte Rossitten" nicht erklären, aber das Wort „Gcrniami" ließ sofort den Verdacht entstehen, daß die Prussiens bereits Möwen zu einem ähnlichen Zweck wie Briestanben abrichte» und verwenden. Dieser Verdacht wurde ganz ernsthaft erörtert und nur ganz schüchtern ivagte sich die Vermutung hervor, daß es sich nur einen Licbesboten handeln könne, der sich verstogen hätte. Schließlich kam der ergötzliche Zei- tnngsflreil zu Ohren eines Schweizer Gelehrten, aber der Besitzer
deS Ringes weigerte sich, den „Talisman" herauszugebe». So geschehen im 20. Jahrhundert in Südsrankreich!
Eine große Streitfrage ist es, weshalb nicht alle Vögel einer Art gleichzeitig ansbrechcn. Bon den Störchen und Schwalben z. B. weiß man, daß sie sich erst zu großen Gesellschaften vereinige», die zusammen die Reise antretcn. Bei Kranichen und Wildgänsen ist es ebenso. Aber bei den Staren hat man sestgestellt, daß die Jungen des Jahres sich zusanimenschlage» und schon ziemlich früh im
t erbstc sich auf die Reise machen, während die Alten in großen chwärmen hier umherziehen, bis der Frost sie vertreibt. Da muß man doch fragen: >oas leitet die Jungen aus dem weiten Wege, den sie noch nienials znrückgclegt haben? Noch schwerer ist die Frage zu beantworten, weshalb viele Arten sich bereits aus den Weg begeben, obwohl lveder das Wetter noch Nahrungsmangel sie dazu veranlasse» können? Ferner: Welches ist die „Heimat" der Zugvögel: der Norden, wo sie brüten, oder der Süden, >vo sie sieben, ia acht Monate weilen? Nach unserem Sprachgebrauch müssen wir die Heimat sür den Norden in Anspruch nehmen, wo sich ihr Licbcs- leben abspielt, wo sie sich eine Wohnstätte errichten und ihre Nachkommenschaft erziehen.
Ja, weshalb bleiben sie nicht im warmen Süden, lvo ein unveränderlich schönes Klima und reiche Nahrung ihnen ein ungestörtes Wohlleben sichern? Weshalb ziehen viele Arten schon wieder zu einer Zeit nach Norden, >oo sie hier noch Schnee und Frost finden, wo sie hier hungern und frieren müssen? Es ist doch unmöglich, den Vögeln sentimentale Gefühle zuzufchreiben, wie wir sie mit deni Bcgriss „Heimat" verbinden ! Selbst der Begriff: „Instinkt", der sich immer da einstellt, wo die natürliche Erklärung sehlt, muß hier versagen, denn er soll doch eine Zweckmäßigkeit bedeuten. Ist es aber zweckmäßig, daß Vögel zurückkehren, um von der Reise entkräftet in einem scharfen Nachwinter umzukominen?
Man hat den Instinkt als das „Gedächtnis der Gattung", als eine unbewußt ausgespeichcrte Ersahrung zu erkläre» versucht. Wie lvill man aber das Versagen dieses Gedächtnisses erklären, wo doch Hunderttausende von Vögeln in >edem Frühjahr dieselbe Erfahrung machen?
Eine der betrübendsten Erscheinungen ist die st e t i g e A b - irahmeder Zugvögel. Auch hierbei handelt es sich um ME l l i a r d e n , den» cs ist erwiesen, daß nicht einmal die Elternpaare, die bei uns gebrütet haben, vollzählig zurückkehren. Da man im Durchschnitt aus jede Brut drei Junge annehmen kann, kommt also mehr als der jährliche Zuwachs auf dem Zuge nach dem Süden um. Das sind sehr teure Reisekosten, die unsere Wandervögel bezahlen müssen!
Ta der Storch ein großer Flngkünstler ist und auch nicht ein begehrenswerter Braten, der deshalb heftigen Nachstellungen von seiten der Menschen ausgesetzt ist, so bleibt nur die einzige Annahme übrig, daß er im Süden an Nahrungsmangel eingeht, denn von Gegnern aus dem Tierreich, die ihm dort gefährlich werden, weiß die Naturkunde nichts. Nun ist cs ja richtig", daß eine durch nichts gehemmte Vermehrung des Tierreichs unmöglich ist, selbst nicht bei den Arten, die wir nach unseren wirtschaftlichen Interessen als „nützlich" bezeichnen. Nun ist aber seit eincin Jahrhundert nicht nur keine Vermehrung, sondern eine sehr fühlbare Abnahme gerade derjenigen Vogclarten sestgestellt, die wir als unsere besten Verbündeten im Kampfe gegen das Jnscktenhcer hochschätzen müsse». Weder die Wissenschaft noch die Technik können dem Gärtner uitd Landwirt bei der Abwehr schädlicher Insekten so wirksam helfen, wie das Heer der kleinen Singvögel.
Wir pslegen ja bei dieser Gelegenheit stets voll edler Entrüstung aus den abscheulichen Massenmord in den südeuropäischen Ländern hinzuweisen. Er ist durch nichts zu entschuldigen, aber er entbindet uns nicht der Pslicht, vor unserer eigenen Tür zu kehren, um sestzustellen, ob wir nicht auch etwas zur Verminderung der Singvögel beitragen. Leider niuß diese Frage bejaht werden, denn in den mitteleuropäischen Knlturstaaten schien den meisten Singvögeln die Nistgelegenheiten und der Unterschlupf, den sie zu ihrer Sicherheit brauchen.
Das ist die unabweisliche Folge der modernen, von kühl praktischen Erwägungen geleiteten Land- und Forstwirtschaft, die aus die Erzielung der höchsten Reinerträge ausgeht und kein anderes Interesse gelten läßt. Zu diesem Zweck wurde der Boden melioriert. Der Acker wurde drainicrt, wobei jeder Graben, jede Hecke, jeder Strauch und Baum beseitigt wurde. Moore und Brücher wurden entwässert und zu ertragreichen Wiesen umgc- wandelt, bis der Zustand erreicht war, den man so treffend mit dem Wort „Kullursieppe" bezeichnet. Ebenso gründlich wurde der Wald „verbessert", indem man die Laubhölzer, vor allem Eiche und Buche, durch die schneller wachsenden Nadelbäume, Kiefer, Fichte und Lärche, ersetzte. So sind in etwa anderthalb Jahrhunderten acht Zehntel aller Laubwälder in Deutschland durch Nadelholz verdrängt worden. Ja hier wird noch mit Sorgfalt jeder hohle Baum eutsernt.
Die Folgen sind nicht ausgeblieben. Fast alljährlich lverden Tausende von Hektar Wald durch^die Nonne und den großen! Kiesernspinner vernichtet, weil die Singvögel sehlen, die der Vcl- mehrung dieser Schädlinge Schranken setzen können. Eine Hoffnung aus Besserung bahnt sich langsam an, denn die Forstwirte beginnen seit einiger Zeit wieder geniischte Bestände zu schassen.
In der Landwirtschaft hat die Jagd die Umkehr veranlaßt. Denn die Jäger verlangen mit Recht kür die hohen Pachtpreise,


