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da lehnte sie sich geflissentlich in ihren Sessel zurück, die Hände regungslos im Schoß. In einer Anwandlung von Selbstverachtung, daß auch sie sich hatte einfangen lassen. Von einem so wohlfeilen Lockmittel. Massenköder! Je mehr sich die andern ereiferten, desto kühler blickte sie ans sie herab. Sic liebte es nicht, mit aller Welt zu teilen.
Endlich aber hatte sich der Lärm gelegt, die .Hauptmasse der Zuschauer war in die Wandelgänge hinansgeströmt, nur die Inhaber der Logen blieben auf ihren Plätzen. So auch die beiden Schwestern.
„Nun, was sagst du jetzt?"
Astrid wandte sich der Schwester zu, ihre Auge» glänz--! ten noch immer.
Gerdas Gesicht bewahrte seine gelassene Ruhe.
„Ein routinierter Schauspieler, ohne Frage. Aber man macht doch ivohl etwas zu viel Wesens von ihm. Und er übertreibt auch manchmal — wenigstens nach meinem Ge« schmack."
„Na, ich finde ihn einfach phänomenal. Tiefe Leidenschaft! Ordentlich dämonisch — es läuft einem ja kalt über dabei!"
Gerda zuckte nur schweigend die feinen Schulter», Und Noch klang im geheimsten Grunde ihrer Seele auch bei ihr noch das gleiche Empfinden nach. Dabei erividerte sie mit leichtem Kopfnicken die Grüße der Bekannten in den anderen Logen, die sie jetzt bemerkten.
Heinz Keßler trat inzwischen in seine Garderobe. Manj hatte dem berühmten Gaste das kleine Zimmer des Direktors neben der Bühne zu diesem Zwecke eingerichtet, so anheimelnd wie möglich!. S»im Diener empfing ihn undvräienk- tierte ihm den eisgekühlten Trank, Sekt und Mineralwasser, den er, zur Erfrischung in den größeren Pausen, zu nehmen gewohnt war.
Mit einem langen Zuge leerte Keßler das Glas. Ter Diener reichte ihm jetzt auf einer Schale eine Anzahl Briese. Kleines Format, vielfach rosenfarben. Ein Lächeln spielte dem Künstler da flüchtig um die Lippen. Die alte Geschichte^ überall — selbst hier in dem Neste. Und er lvinkte ab.
„Zigaretten!" befahl er und ging zur Chaiselongue.
Ein Klopfen scholl von der Tür.
„Ich bin für niemand zu sprechen."
„Auch wenn der Herr Direktor — ?"
„Für niemand!"
„Sehr wohl, gnädiger Herr/
Und Jean gehorchte. Dann kam er zu seinem Herr,, zurück.
Behaglich ansgestreckt ließ sich dieser Feuer gebe». Dip Arme unterm Kops verschränkt, die Zigarette im Munde, lag er dann eine Weile geschlossenen Auges. Die Nerven, die ihm beim Eintreten noch fiebernd gezuckt hatten wie einem Renner, der vom Lauf zurückkehrt, wurden ruhiger. Die durcheinanderschießendeu Eindrücke und Empfindungen während der halben Stunde konzentriertester Geistestätigkeit dg draußen auf der Szene setzten sich allmählich. Und da tauchte auch das wieder auf: die Loge im Piarterre — die beiden distinguierten Mädchenerscheinungen — namentlich die eine, die blendend schöne, aber fast hochmütig kühle Brünette.
Ein tiefer Zug aus der Zigarette, ei» langes Inhalieren und Wiedcrausstoßen des aromatischen Rauches durch die Nase. Dan» ein kurzer Anruf:
„Jean!"
„Gnädiger Herr?"
„Gehen Sie doch mal zum Sekretär. Wer die beiden Damen sind, möcht' ich wissen — in der ersten Parterreg löge links — Vordersitze."
„Sehr wohl."
Mit einem diskreten Lächeln wollte sich Jean des Auftrags erledigen. Ja nichts Neues, so hatte es schon manch-! mal angefangen, aber sein Herr ries ihn noch einmal zurück.
„Vorher »och die Briefe — will doch rcinsehe» — und noch ein Glas Sekt."
Jean gehorchte den Befehlen und ging dann. .Heinz Keßler zündete sich eine neue Zigarette au —, er rauchte ju;»i.w, c^vruicyaillich — und brach die Briefe auf. Einen nach dem anderen, i» jeden einen liirzen Blick werfend, kaum ein Lächeln von leiser Ironie, dann flatterte er zur Erde nieder — nicht mehr beachtet. Immer dieselbe Litanei. Schtvärmerische Anhimmlung, Bitten um ein Autogramm, eine Haarlocke — offenbar von noch sehr jugendlichen Ber- ehrerinnen. Nur ein Schreiben behielt er schließlich in dev Hand, las es noch einmal, und über seine Zuge flog es einen
Moment la,P hin. Ein veränderter Ausdruck: das hier war ernster gemeint — verlohnte ficf^ö vielleicht, daraus einzn«
gehen?
Ta kam der Diener wieder zurück.
„Ztvci Fräulein von Henning, Töchter des Oberstleut- nants von der hiesigen Feldartillerie-Abtcilnng."
„Ah so — na gut. Merci, Jean."
Einen Moment spielten Keßlers Finger noch wie überlegend mit dem Briefe in seiner Hand. Tann plötzlich ein Ruck — die Fetzen flogen zur Erde.
Ein Glockenzeichen schrillte durch das .Haus. Das erste Signal für die Akteure zum Weiterspiclen. Langsam erhob! sich Keßler von dem Ruhebett. Er ließ sich von dem Diener zurecht machen für den nächsten Akt, mit der Ruhe des gefeierten Gastes und verwöhnten Künstlers. Auch das zweite Glockenzeichen berührte ihn nicht. Da klopfte es aber an die Tür, der Inspizient sah durch den Spalt, schon hochgradig nervös:
„Pardon, Herr Keßler, Sie müssen ja gleich hinaus —z wir Ivarten nur noch aus Sie."
„So warten Sie eben noch ein bißchen, mein Lieber."
„Sehr wohl, aber Sie wissen doch! — Hoheit sind im Theater, Prinzeß Juliane —"
„Darum nur kein Echauffeinent. Auch.Hoheiten können mal warten."
„Herr Keßler —!"
„Belieben?"
Und Heinz Keßler bürstete sich mit ausgesuchter Gelassenheit das Haar.
Das dritte Glockenzeichen, schrill und dringlich. Der Inspizient ivand sich förmlich, da endlich das erlösende Wort:
„Na, dann nieinctwcgcn los! Ich bin so weit."
Der andere schoß hinaus. Langsam folgte Keßler. Aber schon ans der Schtvefle drehte er sich noch einmal um, zu Jean hin.
„Wie war doch der Name ■— Henning?"
„Ganz recht, von Henning."
Ein Kopfnicken, und der Gast trat hinaus, m di« Kulissen. Das Spiel ging weiter.
lForlictzung folgt.)
Die Mühle im Tale
Von Berta Schleich.
Ein warnier Maientag ging zu Ende. Durch das Städtlein unten im Dal, über die dunklen Häupter der Tannen unweit des hochgelegenen Dörsckwns, zogen die Schatten der Abenddämmerung emlang. Tie breite Straße, die Stadt und Dort verbindet, lag einsam und verlassen da. Doch Äul deni schmalen Fußweg, der nur den Einheimischen bekannt tvar, auf welch'«»! man aber schneller als aus der breiten Straße das Bächlein im Tal »ich dre ersten Häuser des Städtchens erreichte, kam ein junger, gutgekleidetcr Wanderer rasch hcrabgeschntten. Und nun er das Dorschen weit genug hinter sich hatte, staich er still, nahm den .Hut ab und sä>autc hinab ins Tal und in die Frühlingsherrlichkeit. Aber er blieb nicht lange ungestört. Neben ihm tauchte ein Mann auf, der es sehr eilig gehabt hatte, den Frenidcn cinzuholen. An seiner Mütze trug er das Abz«i:hen eines Wegaussel>ers. An der Seite trug er eine Blechkapsel und auf dem Rücken einen zusammen-- gelcgtcu Wettermantel.
Trotz seiner grauen Haare und der Last seiner Jahre, ivar der Alle noch rüstig und stink. „Vater Marte", so nannten sie ihn oben im Dorf und unten im Tal und hatten ihn alle gern.
„Woher des Weges und wohin?" so redete er fröhlich den Fremden an. — „Ich möchte das nahe Städtchen noch vor Nacht erreichen," antwortete der Angcredetc hastig, als käine ihm die Skörung ungelegen. „Sie müssen aber sicher hier in der Gegend bekannt sein," fuhr der Alte fort, „daß Sie diesen Weg toählcn?" - - „Vor Jahren ivar ich schon einmal hier, und dieser Blick ins Tal gefiel mir so gut, daß'ich ihn nie vergessen konnte. Am Ende dieses Weges die alte Mühle mit ihrem verwitterten Dach, die alten Linden mit ihren Ruhcbänklein, der stille Bach, di« frcundlick,«!! Fenster mit ihren weißen Gardinen und die blühenden Blumen, das alles habe ich noch tief im Gedächtnis."
Der alte Mann sah seinen Begleiter zur Seite erstaunt an, dann sagte er lachend: „Sie sind ivohl Maler von Berus oder Dichter, daß Sie so schön schildern können?"
„Weder bas eine noch das andere. Ich denke aber, von dieser alten Mühle müßte noch mehr zu erzählen sein. Mir ist, als wüßte sie eine lange Geschichte." — Ter Alte räusperte sich und nicklc mit dem Kops und sagte bedächtig: „Ach ja, junger Manu, diese alle Mühle weiß eine traurige Geschickte, und ivenn Ihr sie hören wollt, ivill ich sie gerne erzählen. Blühende Blume» und lveiße Gardinen sind freilich nicht inehr an den Fenstern,


