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Me Mühle steht leer." — Der junge Mann fuhr zusammen ..Leer, ganz leer?" fragte er stockend. — „Ja, seit einem Jahr," sagte der Alte, „ich wohne dicht dabei und habe die Aussicht über das Grundstück bekommen, bis das Gericht Nachricht über den verschollenen Sohn hat, bis er kommt, sein Erbe anzutreten, oder bis emsernte Verwandle davon Besitz ergreisen. Aber ich will der Reihe nach erzählen. In der Mühle wohnte» glückliche Leute. Linsemanns gehörten zu den angesehensten Leuten im Tal. lieber zweihundert Jahren war der Besitz in ihren Händen. Die Söhne erbten es immer wieder von den Vätern. Der letzte Linkemann hatte auch einen Sohn, ei» einziges Kiitd, und imißte nicht anders, als das; auch er die Mühle übernehmen würde. Mer es kam ganz anders. An einem Sonntagabend war's, da geriet der junge Linsemann, ein guter, lieber Mensch, an dem seine Eltern viel Freude hatten, in Streit mit einem losen Menschen, der ihm feindlich tvar. Fritz Linsemann war von stiller Art und der allen beliebt. Aber der Karl Lange war ein händelsüchtiger Mensch, der es längst aus Fritz abgesehen hatte. Nun hatten Langes einen Acker, der grenzte an Linsemanns Acker. Da bebauptete der junge Lange, Fritz Linsemanns Vater hätte von ihrem Acker eine Furche abgepflügt. Darüber gerieten die beiden jungen Leute aneinander Zeugen sagten aus, daß Fritz erst lange still gewesen sei. Aber als Lange den alten Linsemann schließlich einen Dieb und Lump schimvfte, da kam es über Karl, und mit dem Bierglas schlug er zu, daß jener zusammenbrach. Das gab nun eine große Erregung Alles mühte sich um den Leblosen, und Fritz konnte still das Gasthaus verlassen. Lange kam wieder ins Leben, aber als man Fritz suchte und verhaften wollte, war er geflohen. Das hätte er nicht tun sollen. Wäre er geblieben, es wäre wohl nicht so schlimm für ihn geworden. Aber er ist fort und ist bis heute nicht zurlickgekehrt. Mit ihm aber zog das Gliick aus der alten Mühle. Die liebe treue Müllerin starb ein halbes Jahr nach der traurigen Sache. Der Müller, ein gebrock>ener Man», blieb mit der alten Großmutter zurück. Er tvar tiessinnig geworden und klagte um sein Weib und den Sohn, den er verloren hatte. Nie kam von ihm Kunde. Aber ich glaube, daß aus dem in der Fremde etwas Ordentliches geworden ist. Und er wird auch wiederkommen zur alten Heimat. Er hatte sie viel zu lieb. Noch ein kurzes Jahr trieb es der Müller. Dann sanden wir ihn eines Morgens im Bach, Ob er.verunglückt ist, ob ihn seine Schioermnt hinabgezogen hat, wer weiß es. Seit jenem Tage steht die Mühle still."
Langsam waren die beiden bei den Worten des Alten wciter- gegangen. Der junge Mann sprach kein Wort. Auch der Alte war nun still. Und nun waren sie bis unter die Linden gekommen. Sie setzten sich ans die altem Bänkchen. Jetzt fragte der Fremde: ..Und die Großmutter? Lebt die Großmutter noch?" — „Auch die Großmutter ist heimgegangen," sagte der Alte. „Es ist gerade ein Jahr lwr. Sie hat an den Enkel geglarrbt und gewartet, bis er wiederkäme. Noch im Sterben hat sie ihn heimgerusen." Ter Alte brach iw lTränen aus. „Wenn jetzt Fritz heimkommt, sind alle tot. die er lieb batte. Im Hause steht noch fast alles aus dem alten Fleck. Ich Mache jeden Abend meinen Rundgang. Wollen Sie mit mir kommen?"" Mühsam erbebt sich der Fremde. Er stützt sich leicht aus des Alten Arm. Ter Mond war heraufgekommen. Sein Silberlicht liebkoste die Wipsel der alten Bäume, das alte Mühlendach und den stillen Bach. „Was iit aus jenem Menschen geworden, der den anderen aus der Heimnt in die Ferne trieb?'" fragte der Fremde beklommen. — „Verdorben und gestorben," sagte der Alte. „Er heiratete des Försters Leuchen, das liebliche, junge Mädchen. Niemand Begriff ihre Wahl. Viele sagen, sie hätte es aus Kummer getan. Sie hätte den anderen lieber gehabt und ihm manche Träne nachgew int. Nun ist sie als Witwe mit ihren zwei Kindern wieder bei den Eltern Ihren Mann brachten sie ihr ins .Haus getragen. Der hat sich zu Tode getrunken."
Ter Schlüssel ächzte im Schloß der Haustür. Ter Alle steckte ein Oellichtlein an, das im Fenster stand Jetzt waren sie im Wohnzimmer. Alles wie einst, und doch alles so leer. Dort am Fenster stand der alte Seisel der Großmutter, als hätte sie ihren Platz soeben verlassen. ?lus dem alten Nähtisch, aus welchem die ausqeschlagene Bibel mit ihrer Hornbrille lag, war der Strick- strumps, ohne den sie nie zu fthen war Ta — sank laut schluchzend der junge Mann am Platze der Großmutter nieder.
„Ach, Vawr Marte, daß es so kommen mußte!" ■— Dem Alten entfiel das Licht. Alle Farbe wich ihm ans dem Gesicht Er starrte den jungen Mann vor sich an. Und dann war er ihm zur Seite.
„Fritz. Fritz, bist du's? Und ich habe dich nicht erkannt? Und du bist doch derselbe geblieben. Dieselben Augen, dieselbe Gestalt! Freilich, doch sehr verändert, so stattlich und stolz. Ach, Fritz, nun wird ja alles wieder gut. Ach. wenn sie noch lebten, diese Freude, dieses Glück!" Und der Alte umarmte den Sohn des Hauses und weinte Freudentränen an seinem Halse. —
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Bald trat Fritz Linsemann das Erbe seiner Väter an. Tie Räder gingen wieder und neues Glück zog in die alte Mühle ein. Hinter den iveißen Gardinen grüßten blühende Blumen. Zwei Kinder spielten unter den alten Linden und auf der Bank saß Flitz Linsemann und neben ihm das Förslerlenchen.
,,'lta) Heimat — Heimat, wie lieb ich dich," sagte der Mann und küßte sein junges Weib. Der Mond blickte durch das dunkle
Grün, spiegelte sich in dem stillen Bach, und leise sangen die Vöglein, .begleitet von dem leisen Murmeln des Baches, ihr Abendlied. —--
Kann man herzkranke heilen?
Von Prof. Dr. med. Martin Mendelsohn zu Berlin.
Wer viel mit Herzkranken zu tun hat, hört immer wieder aufs neue den Zweifel aussprechen, ob es beim Bestehen einer Herzkrankheit überhaupt im Bereiche der Möglichkeit liegt, eine Heilung hcrbeizusühreu. Tie meisten Kranken denken sehr pessimistisch hierüber und halten sich, wenn erst einmal ein ausgesprochenes Herzleiden da ist, für unheftbar und dem Untergange geweiht. Und doch ist nichts irriger als eine solche Meinung. Jede Herzkrankheit ist, falls sie noch nicht zur Zerstörung des Organismus geführt hat, heilbar.
Allerdings muß Klarheit darüber bestehen, was man unter „heilen" und „heilbar" zu verstehen hat. Eine ganz falsche Anschauung iväre es, im lebenden Körper nur dann von Heilung zu sprechen, wenn es gelingt, alle vorhandenen Veränderungen wieder zurückzubilden, das erkrankte Organ wieder so umzuformen, daß es in seinem körperlichen Zustande nun ebenso intakt und unverändert ist, wie es vorher gewesen war. Das ist natürlich nicht immer möglich; es ist aber auch keineswegs immer nötig. Der Körper des Menschen ist ein Organismus, in dem tausendsältige Betätigungen ablausen, incinandergreifen und sich gegenseitig beeinflussen; ein Organismus, bei dem es nicht so sehr daraus ankommt, wie er in seinem Acußeren und in seinem Inneren aussieht und geformt ist, als vielmehr darauf, wie er im ganzen und in seinen einzelnen Teilen funktioniert, wie seine einzelnen Betätigungen ablausen. Es kommt nicht aus die Form an, sondern auf den Betrieb. Und so gilt cs auch hier ber dem Herzkranken nur, den Betrieb in ausreichendem Maße und ausreichend lange ausrecht zu erhalten, nicht aber etwa das Herz in seinen Fehlern und Veränderungen wieder zur Norm zurückzubilden ;"denn auch ohne daß dies geschieht, ist man vollberechtigt, von einer „Heilung" einer Herzkrankheit zu sprechen, wenn ärztliche Behandlung es dahin bringt, daß trotz des Fehlers und trotz des gestörten Mechanismus der Ablauf der Herztätigkeit ein solcher ist, daß der Kreislaus auf lange Zeit hinaus ausreichend und voll- kommen ftinktioniert.
Die Aufgabe des Heilens wäre eine ganz andere, wenn diejenigen Menschen ewig am Leben blieben, deren Organe keine Störungen erfahren. Wäre dies der Fall und tritt dann bei dem einen oder anderen Kranken an irgend einem seiner Organe eine Störung ein, so könnte man hier natürlich nur daiyt von einer .Heilung sprechen, wenn es gelingen würde, diese Veränderung wieder ganz zurückzubilden; denn sonst würde er ja allen anderen Menschen gegenüber in dauerndem Nachteil sein und schließlich, wenn auch erst nach längerer Zeit, zu Grunde gehen, während die anderen sortleben. Nun ist aber das Leben auch des Gesundesten urrd Kräftigsten von vornherein begrenzt; nach 70 und, wenn es hoch konimt, nach 80 Jahren, tritt auch der gesundeste Mensch von dieser Bühne ab, auch wenn keines seiner.Organe je krank gewesen ist. Und darum kommt es bei einem Menschen, dessen Herz Schaden genommen hat, will man ihn „heilen", gar nicht daraus an, sein Herz wieder in den normalen körperlichen Zustand zurückzubringen, als vielmehr darauf, seine Herzkrast — trotz des Fehlers! — bis zum siebzigsten und, wenn es hoch kommt, bis zum achtzigsten Lebensjahre so aufrecht zu erhalten, daß sie allen Anforderungen, welche Leben und Tätigkeit an den Körper stellen, ausreichend genügt. Und in diesem Sinne können wir Aerzte Herzkranke in der Tat heilen.
Das Herz ist ein Muskel, nichts weiter, ein Muskel, der in jeder Zeitspanne ein bestimmtes Maß von Arbeit aussühren können Muß, soll der Körper nicht Schaden leiden, sich nicht krank fühlen. Das Herz ist nichts anderes als eine ganz gewöhnliche, automatisch arbeitende Pumpe, mögen cs auch die Dichter und die jungen Mädchen für etwas anderes halten. Jeder kleinste Körperbezirk muß dauernd mit frischem Blut ausreichend versorgt werden; und wenn dies das Herz leisten kann, so ist der Organismus gesund, gleichviel wie das Herz dabei beschaffen ist, ob es in seiner Form ohne Störung geblieben ist, oder aber fehlerhaft und verändert ist. Es kommt eben nur auf den Betrieb an und nicht aut die Form des Herzens. Wenn man ein Dutzend Personen mit den Muskeln ihres rechten Armes Gewichte heben läßt, so viel sie nur vermögen, so wird man zwöls verschiedene Maximalzahlen erhalten: die Leistungsfähigkeit dieser zwöls Armmuskeln ist eben eine verschiedene,, auch daun, wenn die Arnimuskeln sämtlich gesund und nicht etwa krank sind. Es kann sich aber ganz gut ereignen, daß der eine oder andere Arm sogar eine Verwundung, eine' Anomalie, einen Fehler besitzt, und doch unter zweckmäßiger Behandlung und Hebung dahin gekommen ist, schwerere Gewichte zu hebe», eine größere Leiftungssähigkeit trotz seines Fehlers zu besitzen, als ein beliebiger anderer Arm, der zwar ganz und gar unverändert, also „gesund" ist, diese Leiftungssähigkeit aber nicht besitzt. Manches Auto fährt, trotz eines vorhandenen Defekts, richtig instand gehalten und zweckmäßig geführt, sicherer und weiter zum Ziele, als ein ganz und gar unversehrter Wagen, dessen Betrieb und Leistungsfähigkeit minderwertig ist.
Ich könnte die Beispiele noch häufen, sie mögen indessen genügen, um zu beweisen, daß es beim Herzen ausschließlich auf seine


