Lkfjzierstöchler.
Roman von Paul Grabein.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Der Abend der Aufführung war gekommen. Das Gastspiel des berühmten Darstellers, der nur einer persönlichen, huldvollen Einladung Prinzeß Julianens gefölgt war, hatte sich zu einer Sensation für Ellerstedt ausgewachsen, wo die bekannten Gerüchte über Stück und Hauptdarsteller bereits von Haus zu Haus gedrungen waren. Nun war der große Moment da, wo man den Viclberuscncu von Angesicht zu Angesicht scheu sollte. Das Theater war daher ausverkauft.
Nur in der ersten Parterreloge, unmittelbar nebelndem Proszenium, waren bei Beginn des Stückes die beiden Sessel in der vordersten Reihe »och leer. Es waren die Abonue- mentsplätze der Familie Henning. Erst als das Spiel begonnen und ei» Teil des ersten Aktes bereits vorüber mar, erschienen die Inhaber dieser Plätze. Gerda und Astrid waren es, die, wie vorgenommen, heute die Billette benutzten. Ein kleiner Aufenthalt zu .Hause hatte ihre Verspätung bewirkt.
Ihr Eintritt während des Spiels, der die hinter ihnen sitzenden Besucher zum Ausstehen zwang, blieb im Zuschauerraum vielfach nicht unbemerkt, und auch die Darsteller auf der Bühne nahmen davon Notiz.
Keßler hatte gerade eine Stelle mit stummem Spiel, wo er verloren vor sich hinzuülicken hatte. Er benutzte als routinierter Schauspieler, der zudem hier vor dem Publikum des kleine» Provinztheaters nur mit geringer Hingabe seine Rolle spielte, diese Minute dazu, um mit flüchtigem Rundblick das Hans zu mustern. So gewahrte auch er den Vorgang drüben in der Loge, ivie sich plötzlich die Tür der Rückwand austat, zwei junge Damen eintraten, ihre Abeudmäntel von den Schultern in die Hände eines Dieners oder Burschen hinter ihnen gleiten ließen und dann, sehr respektvoll begrüßt von den übrigen Logeniusassen, nach vorn traten, um ihre Plätze cinzunehmen. Unwillkürlich sah er daher nach ein paar Minuten noch einmal hinüber und gewahrte nun erst, daß es zwei auffallend schöne uud distinguierte Erscheinungen waren, ja die eine von ihnen sogar eine Schönheit ersten Ranges, so rassig und apart, wie er sie bisher vielleicht überhaupt noch nicht gesehen hatte.
Da kam es plötzlich über ihn. Tein Spiel, seine gauze Haltung, die bisher fast etwas Gelangweiltes und Lässiges gehabt hatte, wurden mit einem Male belebt. Es war, als ob es sich nun erst für ihn lohnte, zu zeigen, was er vernwchte, ja daß eS ihn jetzt sogar lockte, seine reich, e Kunst zu entfalten. Immer mehr kain sein Temperament, seine hinreißende Verve zum Durchbruch. Die Zuschauer gerieten allmählich in einen wahren Bann Atemlos larischten sie, hingen ihre begeisterten Blicke an dem glänzenden Phänomen dort oben aus den Brettern.
„Ist er nicht grandios? Eleradezu fabelhaft?"
Ganz entzückt flüsterte es Astrid der Schtvester zu. Aber diese antwortete nur mit einem reservierten Neigen des schönen Hauptes. Sie wollte sich von diesein Bann, der da alle ringsum förmlich faszinierte, nicht mitreisten lassen. Ko- inödiantentricks, diese Theaterleidenschaft. unecht lvie die malten Pappkulissen da — sie lvürde sich dock, davon nichk blende» lassen! Und mit gewaltsam angespannter Kritik, miit einem geheimen, kühlen Spötteln um Die Lippe» schaute sie Kur Bühne hin, zu dem Manne,, au ident dg die tausend Augen ivie gebannt hingen.
Abwägend, niusternd schätzte sic seine äußere Erscheinung ab. Ohne Frage ein recht vorteilhaftes Aeußeres. Hoch, sehnig, schlank, eine richtige Sportsmannfignr. Nichts von Her weichlichen Schönheit des typischen .Heldendarstellers. Der Manu sah eher aus wie ein -Kavallerist, ein Herren.-' reiter. Dazu paßte auch das Gesicht. Ein trockener, fast hagerer üopf — aber sehr schnittig — .und die Hände: ein paav sehnige, schlanke Hände, ohne jeden Schmuck. Nur am kleinen Finger der Linken ein englischer Herreirrmg, anscheinend mit sehr wertvollen Steinen.
Und diese Hände waren von einer seltenen lAusdrucks- fähigleit. Für gewöhnlich ztvar von einer beherrschten Ruhe, aber im Affekt zuckle es durch sic hin, durch die leidenschaftlich ausschweilenden blauen Adern, wie ein Glutstrom aus! verborgenen Tiefe».
Und cs war, als ob allmählich eine seltsam suggestive Macht von diesen Händen auf Gerda ausströmte. Eine Macht, die den Widerstand in ihr langsmn besiegte uud in das Gegenteil wandelte. Heinz Keßler begann auch sie in seinen Baun zu ziehen. Ohne daß es ihr zum Bewußtsein« kam, folgte sie seinen Gesten, seinem ganze» Spiel, mit einer steigenden Spamrung hing ihr Ohr schließlich an seinem Munde, getvärtig jedes neuen Wortes. Und nun empfand sie auch den eigenartigen Reiz seiner Stimme. Ein Jnstrus ment von edler Schönheit, das er meisterhaft .beherrschte. Sie schloß endlich sogar die Augen, trotz des Dämmerlichts in dem verdunkelten Zuschauerraum, um sich ganz dem Zauber dieser Mannesstimme hinzngeben, ihren dunklen, weichen Werbelanten, bei denen es sie seltsam überrieselte, und dann wieder dem leidenschaftlichen Aufflammen von einer ititgfM geahnten elementaren tzKwalr. Gleich eineni Sturm, der ihv den Atem benahm, das .Herz klopfen machte und doch wohlige Schauer in ihr wach rief.
Und nun, nach einem letzten wilden Ausbranden, das die Hörer dis in die Diesen erschütterte, plötzlich ein jäher Abbruch — der Aktschluß Der Vorhang siel nieder, das Licht im Zuschauerrauin flammte wieder hell aus.
Da löste sich der Bann über den Hunderten. Ein rasender Beisallstaumel brach aus. Immer wieder und wiedsr rief der tosende Lärm wilden Händeklatschens und jubeln-, der Bravos den Gast a» die Rampe.
Aber auch in Gerda war jetzt der Bann gebrochen, und als Astrid, hingerissen, Iveit über die Logenbrüstung vorgeneigt, ihrer Bewunderung mit den anderen AuM>ruck «ab»


