In ihrem ©d)oftc hatte sie einen oficncn Brief liegen, mit de», ihre Hände zart und liebkosend spielten, Ab und zn senkte sich ihr Blick m«d streift« da-s loertz« Papier,

Tie junge Gesellsüiasteri», eine früh verivaiste Oinzierstoch-- ter, die nahe dein Fenster mir einer Handarbeit beschäftigt sah, lugte ab und zu mit stillem Vergnüge» zn de, alten Tome hinüber. Sie lvuhte, es würden iwch keine fünf Diinnien vergehen, dah bl« Rittin sie bitten würde, ihr doch einmal den Brief vorzulese», dessen Jnlialt sie sckst»» dreimal gehört hatte. Das pslcgtc sie mit Briefen, die sie nackHenklicki stimmten, immer zu tu», und die junge Ojftzierslockter amüsierte sich schon vorher darüber. Sie besah die harmlose Boshaftigkeit, die wir so häufig bei der Jugend älteren Personen gegenüber sinden, dah sie sich gern im Innen, «in ivenig lustig macht über kleine Angelve» hitheilen nnd Emeiiheile», die alle Leute oft an sich haben Das »ahn, natür­lich nie etwa dm Charakter der Böswilligkeit an, dm» dazu schätzte und verehrte sic die alte Tanie viel zu sehr, von der sic nie luie eine bezahlte Gesellschafterin, sondern stets tvic eine Tochter behandelt lvnrde.

Sie hatte denn auch nicht lange zu warten, da wendete sich die Rätin ihr zu und bat mit der ihr cigenlümlichen gewinnendm Liebenswürdigkeit:

Ach, liebes Fräulein Werder, würden Sic nwhl so nett! fein, mir noch einmal diesen Bries vorzulese»'/"

Aber mit dein größten Vergnügen, natürlich, sehr gern," antwortete die Gesellsckwfterin lächelnd und bceitte sich, die >oe- nigeii geilen, die sie min schon beinahe auswendig wuhte, z»»l vierten Male vorzulesen. Sic nahm das Blatt a»iS den Händett der allen Tame »nd las, sich ein toenig mit dem Brief an das Fenster tocndcnd:

Hamburg, den 12, Januckr Lieb- Freundin! Ich bi» gestern nach Tentschland zurückgekchrt. Das Heiniweh hat niich dock» endlich gevackt mit solcher Gewalt, dah es mich nicht mehr drüben hielt, Ach bi» nwrge» in»serer .Heiinalsiadt nnd würde Dich sehr gern besuche», wen» es Dir reri)t ist. Den», anher Dir »verde Ich ia auch kaum nock> Belauittc aniresfe», »nserc Angeiit^ -sreiittde sind ja längst ft, alle Welt zerstreut, oder, Ivas noch wahrscheinlicher ist, tot. Vierzig Jahre ist eine lange Zeit »nd ich fürchte beinahe, unser Städtchen wiederzusehcn! Wer erlebte in nnscrcin Alter noch gern große Enttäuschungen? Um­somehr aber freue ich mich aus das Wiedersehen mit dir. Also Ido», cs Dir recht ist, bin ich morgen »achinittag bei Dir!

In alter Freundschaft, Dein Arnold Fels,"

Das junge Mädchen reichte de» Brief zurück »ud die alte Dame bedankte sich mehrfach. Dann versank sic abermals in Träunie»,

Nach einer geranmen Meile unterbrach dic Räli» das Schwor- gen und meinte:

Wissen Sie übrigens, liebes Fräulein, wer der Herr ist, der niich heule bestickten wird?"

Nein, Frau Rätin, wie sollte ich? Wer ist er den», loenn mail frage» darf?" Das Fräulein lieh ihre Arbeit in den Schoh sinken nnd sah zn der alten Dame hinüber, dic vergnügt in sich hinein kicherte, als sie »ui, erwiderte,

Tenlm Sie sich, es ist mein Liebster! Sie brauchen mich nicht so ungläubig anzusehcn: «S ist wirklich, wie ich Ihnen sage," Sie »oiirde plötzlich ernst, als sie sortftihr:

Freilich, von Heine »nd gestern stgnimt diese Liebe nicht. Sie ist ein ivenig alleren Datums. Lassen Sie mich Nachdenken . . . Sie ist , . . ja, ganz richtig , . es muh im nächsten Monat zwcinndvierzig Jahre werden, das, >vir »ns heimlich verlobten, Sie staune»? Ach ja, die Zjkft fliegt schnell vorüber und sie bringt nicht immer die Erfüllung unserer Wünsche,"

Die alte Tame blickte »»jeder sinnend in das slnckcr»»dc Feuer »nd iviegte leise das sckiieewcihe Haupt,

Warum haben Sie sich dein, nicht geheiratet?" »oaglc das Fräulein nach einer Weile leise zn kragen, da sie iühlle, dah die alte Dann gern ihr .Herz von versunkene» Geschichten er­leichtern »vollte, die durch den Brief wieder mit aller Lebhaftig­keit heranfbcschware», ivorden loaren.

Tas Lebe», nimmt nicht immer Rücksicht auf das Glück turnt » Menschen. Mir hatten »ins auf einem Ball kennen gelernt. Ich war damals ackstzehn Jahre, er ctioa ein Jahr älter. Wir hatten de» ganzen Abend »liteinandcr getanzt. Er »var übrigens rin »vundcrvoller Tänzer nnd, das können Sic mir glauben, ich war auch ein wenig besser auf den Beinen als heute. Was Wun­der also, dah wir uns zufällig ach Gott, wie geschickt iveih »ia», dock, immer in jungen Jahren den Zufall zn regieren in den nächsten Tagen auf der Promenade trafen. Jene Zeit war vielleicht die glücklichste in meinem Leben, Beide waren wir zn schüchtern, um osten miteinander über nuiere Liebe zn reden, und so verlegten wir denn alle unsere Zärtlichkeiten, die der Mund nickst zn »vrechen wagte, in unsere Blicke, unsere Be rührungc», unsere Händedrücke, Und dann kam ganz plötzlich »nd nnvcriuftttkt der Frühling, ach, ei», ganz wundervoller Frühling,

Mi», unb wen» wir beiden inngci, Leutchen bis dabin ver schöntt geschwieaen hatten, nun lernten »vir ganz von selbst von Unserer Liebe sprechen. Und selbstverständlich schworen wir uns «ich, wie sich das bei einem io junge» Liebespaare von selbst

v>r»lcht, ewige Treue, Er hat sie auch gehalten bis aus den heutigen Tag ich habe sie gebrochen mußte sie brechen , . ."

Tie alte Danic, die erst, mitten in ihren jungen Erinnernngat wieder lebend, lebhaft, ja ein »venig lächelnd erzählt hatte, war letzt doch bewegt geworden und versank plötzlich in nachdenkliches Schweigen

In, Kamin brache,, ein paar brennende Scheite znsammc», und krailend drängle sich der Holzstoß ineinander. Ein heller Licht-- schein huschte durch das Zimmer und dunkelte allmählich Ivicdcr ein, Tie alte Tame nahnr stockend und leise wieder ihre Er­zählung aus:

Arnold Halle bei meinen Eltern um meine Hand angehalten. Olnvohl ich mir aber eigentlich hätte sage» können, dah »rein« Eltern ihre Einwilligung nicht geben ivürden nicht geben könnten, -- so steckte doch auch in mir, »vie in den meisten fflfit- scheu, ein Stückchen Vogelstrauh-Politik, Ich hatte die Hossnnng nicht anfgegeben und erwartete ein Wunder, Dann aber, als mein Vater zu spreche», begann, erst ein ivenig stockend, dann aber klar und bestin,mt, da sank mein Mut, mein Herz schien sttllznftchen, und che er noch den erste», Satz zu Ende gebracht hatte, wuhte ich i», voraus jedes Wort, das er sagen würde. Und das schlimmste toar wohl, dah er recht hatte, Tenn wie hätte» Arnold und ich einen Hausstand begründen wollen? Er besah nur eine toenig einträgliche Stellung als Ingenieur und hatte überdies noch sein« alte Mutter zn ernähren Mein Vater aber, der seinen grohcik Haushalt wir waren fünf Geschwister mit seinem XScamtciu- geholt bestreiten muhte, konnte mir nichts mit in die Ehe geben. In jenem Moment sah ich mit eisiger Klarheft, dah ivir anf- ktiiander verzichten muhte». Der schöne Traum toar zu Ende. Man tröstete uns mit Phrasen, die keiner recht glaubte »nd die selbst wir kaum mit einem Funken von Hossnnng erwärmen konnten, Wir sollten ivarte», bis die Verhältnisse günstiger lägen. Aber wann hätte das wohl sein können? Doch immerhin bot mir das in meinem Schmerze eine schwache Sttltze,

Aber dann kam der Herbst und diese letzte schivache Sttltze brach. Mein Vater beganii zu kränkeln und starb,"

Tas junge Mädchen, das lebhaft der Erzählung der alten Frau gelauscht hatte, stieß unwillkürlich einen Ausruf des Bedauerns aus,

Ja, mein liebes Fräulein Werder, da toar der schöne Traun»» endgültig zn Ende, Meines Vaters Krankheit »nd Tod hatten die wenigen Ersparnisse meiner Eltern anfgezehrt und die, gering« Witwenpcnsion, die meine Mutter bezog, wollte trotz der Etw- schränkilngen im Haushalte nicht reiche»,

Ta toar cs lote eine Erlösung, als ein Jugendfreund, mein! späterer Mann, in unser Städtchen zurückkehrte »ich uni meine Hand anhielt. Wenn ich auch keine eigentliche Liebe damals zn ihm enipfand, so mochte ich ihn doch recht gerne und schähtc ihn wegen seiner Gradhcit, seines Fleißes und seiner hohen Fähtg-- kcften sehr als Menschen, All das hätte mich ztvar nicht zun Heirat bestimme» können, wenn ich nicht »ist Recht gehofft hätte, das Los der Meinen dadurch verbessern zn können, tlnd so brachte ick» denn das Opfer Ich sollte es getvih nicht zn bet­reuen haben; denn mein Man» war der rücksichtsvollste mft» ausmerksamste Gatte, den man sich denken konnte, Tazi, »vor er ein tüchtiger Arzt, der in der ganzen Stadt hoch geachtet und beliebt war.

Und der Herr Fels ist damals nach Amerika gegangen?" fragte das Fräulein, das sich nun den übrigen Teil der Erzäh­

lung glaubte ergänzen zn können,

Nicht sofort, erst ein Jahr später, als seine Mutter ge­storben war. Als kr dps Land verlassen hatte und ich hoffen durfte, dah er, fern von mir, leichter eine andere Lebensgefährtin linde» würde, da wurde ich allmählich ruhiger nnd znfriedciwrl und fand mich mit dem! Leben ab. Dazu kam, dah ich von Tag zn Tag mehr die edlen Eigenschaften meines Mannes schätzen und bewundern lernte, sodah unsere Ehe allinählich in der ganzcn Stadt äks eine außerordentlich glückliche angetehcn wurde. Und das war sic am Ende wohl auch: denn wenn ihr auch die groben Leidenschaften fehlte», so wurde sie doch durchwärmt von einem reinen Feuer des Wohlwollens und der Hochachtung, das viel- leick't ansdnnernder w>,r, als so häufig die toildcn Flanimen einer stürmischen Liebe, die mir gar zn oft ein Strohsener sind, das rasch niederbrennt."

Und in der ganzen Zeit haben Sie nichts mehr von Ihrem früheren Verlobten gehört?"

O doch! Tie erste Zeit schrieb er ab nnd zu: später aller­dings seltener. Ten letzten Bries erhielt ich vor drei Jahren, als er mir feilt Beileid über das Mlcbcn Mcmcs lieben Mannes ansdrückte. Immerhin schrieb er doch so oft, dah wir n»S hier ein ungefähres Bild seines dortigen Lebens machen konnten. In den ersten Jahren schtng er sich mit vielem Flcißc schleckst >»»d recht dnrck', Tann aber wußte er sich in einem groben Betriebe durch »eine Tüchtigteit zu einer ersten Stellnng ciiiporzuarbeiteu, so das, er cs mit den Jahre», wenn auch nicht gterade zu Reich- tui», doch zu einem gewissen Wvhlstaud gebracht haben nu>h, Ten Frauen scistint er aber ans de», Wege gegangen zu sein, sonst wühle ich es mir nicht z» erklären, dah er imvermählt gc> blieben ist, Tenn daß er bei seiner Schönheit den Frauen nicht gesallcn hal>cn sollle, scheint mir ausgeschlossen z» lein Besitzt er doch alles, was uns äußerlich» an einen Manu sessel», kam,, eine arolie schlanke Fianr, einen leichten elastischen Gang, Men-»