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„Gerda!" Wie im Fieber schüttelte es ihn plötzlich, Heist und lall zugleich — „du meinst — dein Vater würde mir seine Einwilligung nicht geben 1 — weil, weil — ich nichts Hab' als meinen Zuschuß —>>'
Er stöckle, aber seine Augen beschworen sie. Sie blickte vor sich hin. Konnte ihr das wenigstens nicht erspart bleiben?
Cr deutete jedoch ihr Schweigen anders, glaubte er sich ja doch ans richtigem Wege nut seinem Vcrinnten, und lebhaft, voll neuem Hoffen, rief er ihr zu:
„Nein, ich kann es mir nicht denken, Liebste. Dein Vater wird so hart nicht sein. Warum sollte er dir versi weigern, lvas er deiner Schwester Edith zugeitanden hat? Achim v. Bütow hat ja doch auch nichts als seine Zulage, und trotzdem
„Du irrst, Walter, nicht mein Vater — ich selber will
Du irrst, Walter, nicht mein Pater — ich selber will es nicht."
.„Wie — du?' Er starrte sie an. Fassungslos. Blaß leuchtete ihr schönes Antlitz zu ihm herüber, aber mit dem Ausdruck eines festen Entschlusses. Da sagte er noch einmal: „Du, Gerda? lind hast doch eben — "
Sie nickte langsam, und sprach mm mit einer per-, änderten, traurig müden Stimme:
„Ja, ich Hab' dich lieb, Walter. Und trotzdem! Bitte, denke einmal ganz ruhig über alles nach. Tn sprichst eben von Edith und Achim. Ja, sag': Ist denn das ein Glück, so verlobt zu sein, zehn, vielleicht zwölf Jahre lang? Bis man alt und müde geworden ist? Edith ist nur zu stolz, um es sich anmerken zu lassen. Mer ich, ich kenne sie. Ich weiß, wie cs oftmals in ihr anssieht, trotz aller Be-> herrschnng. Und nachher die Ehe, wemr inan sich endlich gesunden hat, nach all dein Warten. Das Best« ist hin, die Jugend. Kann die vorzeitig gealterte Iran deni Manne, der- selber noch i» voller .Kirnst steht, wirklich ein Glück bedeuten?"
„Gerda, Geliebte!"
Aber sie entzog sich seinen Händen.
„Rein, nein, Walter — ich weist das besser. Und dann»' — es gibt eben keine andern Möglichkeiten. Du weißt es ja doch, mein Vater hat selber nichts als das Kornmißver-, mögen — gibt er uns Töchtern die Aussteuer, so hat er und Mania selber keinen Pfennig mehr hinter sich; also, es bleibt uns nichts weiter, Malter, als vernünftig zu sein —< zu entsagen."
Herb klang das Wort iu die Stille. Und abermals grijf Kyllburg etwas kalt ans Herz. Doch im nächsten Augenblick schüttelte er das wieder ab.
„Entsagen? Nein, niemals! Ich kann nicht leben ohne dich. Kämpfen will ich um dich, Opfer bringen, jedes - aber haben muß ich dich. Erringen will ich mir dich."
Sie blickte aus ihn nieder mit einem wehmütigen Lächeln. „dklles Känipfen, Opferbringen — was soll es uns nützen, Walter? Kannst die uns damit das vorgeschriebene Bermögen schaffen? Nein, nein
Und traurig schüttelte sie das schöne Haupt.
Da rang sich ein dumpfer Laut von seiner Brust, ein, letzter Entschluß.
„So wcrd' ich den bunten Rock ansziehen, mir eine Zivilstcllnng suchen, die uns beide ernährt."
In ihre Augen trat eine stille Zärtlichkeit.
„Lieber du! Täusch' dich doch nicht. Was willst du als ehemaliger Ossizier ansangen? Ohne Vorkenntnisse, ohne Erfahrungen lvas bliebe dir, als der Agent, der Wcin-- reisende?"
Er zuckte zusammen.
„Nicht wahr, nun siehst du es selber ein — es geht eben nicht."
„Doch, doch! Auch das, wenn es sein mühte, für dich!"
Und abermals streckte er die Arme nach ihr aus. Ta duldete sic cs, daß er sic nrnsing. Aber sie selber legte ihm die kühlen Hände ans die Stirn.
„Walter, mein lieber Walter, du bist jetzt wie im Fieber, liin so mehr muß ich die Vernunft behalten für uns beide, ltnd darum, noch einmal, zum letztenmal es kann nicht sein, lvir müssen entsagen."
Er erwidertenichts mehr. Das Haupt sank ihm plötzlich kraftlos nieder in ihren Schoß. Sie ließ ihn eine Weile so verharre», doch dann fühlte er den sausten Druck ihrer Hände.
Slum», ging Walter neben Gerda durch das Waldi dnnkes, dorthin, lvo die roten Lampions lustig glühten, von Ivo ihnen frohes Lachen und Scherzen entgeg«'nitaAg —« das Leben. Das bunte, lustige Leben.
Wie mit bleierne» Mißen ging er. Schon waren si« den anderen nahe. Da fühlte er plötzlich ihre Hand, oie nach der seinen suchte und sie nun preßte. Ein stnlNmesj letztes Lebewohl.
Es würgte ihm in der Kehle, und noch einmal, alles' andere vergessend, riß er sie an sich, noch ein letztes Mal fühlte er ihren Mund mit seinem leisen Zucken — daun gab er sie frei.
Wenige Schritte noch, und sie iraten lviedcr zu den übrigen in den Lichtkreis der Lampions.
*
Es war am anderen Vormittag. Die drei Schwestern! saßen in der schattigen Loggia des Henningschcn Hauses. Edith mit einer Handarbeit, Gerda über einem Buche, Astrid in süßem Nichtstun, nur tun» Ranch ihrer Zigarette nach! sehend, die sie, bequem in de» Trinniphstuhl geräkelt, vor sich hinranchte. Ein eigentlich verbotener Genuß. Der Vater war kein Freund von solchen Extravaganzen. Am wenigste» bei jungen Mädchen. Aber der war ja noch inr Dienst. Also alles sicher. Und Astrid griff nnvedenllich von neuem iu die große s-chachtel neben sich. Von ihrem Buche anfseheud, in dem sie nur zerstreut las, folgte Gerda der Bewegung der Schwester. Ihr Auge erkannte die Etikettierung bet Schachtel.
„Queen?" Erstaunt sali sie zu Astrid hin. „Du bist ja mächtig nobel."
Sie kannte doch das beschränkte Taschengeld der Jüngsten. Aber diese lacht« belustigt.
„Denkst du etwa, ich ivär' so dumm, mein.bißchen Geld so wegznwerfen?"
„Nicht gekauft? Also geschenkt?"
Astrid tat statt jeder Antwort nur nickend den ersten Zug.
„Geschenkt? Bo» wem denn?"
Eine kurze Pause, dann die Antwort:
„Born großen Klaus."
„Mas? Von Pctersen?" Sie nannten KlanS' Pctcrsei» unter sich scherzend Wohl so.
Und noch entrüsteter kam ein Echo drüben von Edith»
„Du läßt dir Zigaretten schenken? Von Herren?"
Aber die weißblonde Astrid beivahrtc ihre Rithe.
„Man immer gemütlich, Herrschaften. Habe schliehlichl doch auch etwas Kinderstube — wenn vielleicht auch nur mangelhaft. Also, die Zigaretten sind allerdings von Herrn Pctersen, aber trotzdem ganz einwandsrei — ein Vielliebcheu nämlich, liebste Edith. Gestern von besagtem Herr» verloren und heule in aller Herrgottsfrühe schon von ihm durch seinen Diener mir überreicht. Eine Originalpackung, hundert Stück — doch kolossal nett von ihm, nicht?"
(Fortsetzung folgt.)
Sinf nftc Glutin.
Von Hugo W o l f g a n g Philipp.
J»> Kamin knisterten und knatterten die Hokzschefle.
Die roten Reflexe der tanzenden Flannnen huschte» Und sprangen hier und dort über den mit schweren Teppichen belegten Fußboden, über einige Möbelstücke, die sich scheu in die dinckeln-- dcn Ecken drückten, und ivarsen hin und nsteder einen roten Schein über daS schioarzjeidene Kleid der Iran Rätin, die sinnend in einem Lehnstuhl >aß und in die flackernde Glut starrte,
Ter Abend begann bereits über das Land zn dnnkrl», ohne daß es so eigentlich recht Tag geivesen war. Ter Himnicl war vom frühen Morgen an mit sclpveren Schneetoolketr verhangen gewesen, die der Erde keine Helligkeit und keine Freude gönnten. Seit ein paar Stnitde» hatten sic begonnen, sich ihrer, schiveren, Last zu entledigen. Schtver und gleichmäßig sanken die Flocken nieder, legten sich lveich und voll ans alle Dinge draußen und dämpsten die Geräusche der Straße. Die beiden Mcnsckreu, die sich in den Ranni befanden, die alte Iran Rätin und ibre Gesellschafterin, hingen schweigend ihren Gedanken nach.
Die Rätin >oar eine noch schölle alte Dame mit einem jugendlich lebhafte» Gesicht, dessen frische Farben besonders »Ute > strichen wurden durch da- schneeioeiße Haar, bae es »mrahinte. Wen», jetzt auch ctioas wie Ruhe unb Glück über den Zügen lag, so verrieten doch ein vnar ernste Linien an den Muirdwinkes», daß anch ihrem Leben die großen Enttäuschungen und echte Schmerzen nicht erspart geblieben loaren. Ter Frieden, den ff« ensma<jr. resultierte nickst ans Geuügsamkeit und Zufriedenheit, sondern ans Resignationen.


