138
ihren Lippen, während ein lichtes Rot in ihre Wangen stieg. Frau Doktor Hamann sah sie einen Augenblick betroffen an. Der also war es, den Mary vor Jahren so namenlos geliebt
---o, nun wurde ihr so vieles klar — ihr Wille, das Kind
trotz körperlicher Schwäche durchaus zu pflegen — ihre häufigen Wege nach deni Friedhof — aber sie machte keine Be- nierkung darüber.
„Aber natürlich, Kind, soll das geschehen. Heute noch?"
„Wenn möglich, ja! Und kann er nicht kommen, geben Sie ihm dieses ■— ach ja, du liebe Mutter!" Und sie reichte ihr den Zettel, den sie vorhin göschrieben. Es waren nur die paar Worte: „Ein letztes „Behüt dich Gott!" Denke zuweilen an deine Mary."
Frau Doktor Hamann telephonierte sofort nach seiner Wohnung. Wolf war selbst da, und sie bat ihn um seinen! Besuch. Er sagte sofort zu, und es dauerte nicht lange^ so kam er auch. Sie begrüßte ihn und sagte:
_ „Meine Bitte, zu uns zu kommen, ist Ihnen gewiß seltsam erschienen. Doch es war ein Wunsch Schwester Kon- suelos, Sie noch einmal zu sprechen — sie ist sehr krank."
„Was, Mary krank, und das wußte ich nicht!" Dieser Ausrui bestätigte ihre Vermutung. „Ja," entgegnete sie, „und ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß es sehr schlimm — aussichtslos mit ihr steht. Sie war zum Totenfest auf dem Friedhof und dort hat sie sich ihre Krankheit geholt."
„O Gott," stöhnte Wolf, das Gesicht in den Händen verbergend. Leise erzählte sie ihm dann von dem Verlauf der Krankheit, bis zu ihrem Wunsch, Herrn Hauptmann noch mal zu sehen.
„Ich danke Ihnen," sagte Wolf, „daß Sie mich benachrichtigt haben! Kann ich sie jetzt sehen?"
„Ja! Vor allem aber bitte ich Sie um Fassung, Herr Hauptmann! Das Geringste regt sie auf! Mein Mann wird vielleicht gar nicht einverstanden sein: aber diesen Wunsch konnte ich ihr nicht versagen. — Hier, das gab sie mir für Sie," schloß Frau Hamann, ihm das Briefchen gebend.
In diesem Augenblicke ertönte das Zeichen einer Glocke. „Entschuldigen Sie einen Augenblick, Herr Hauptmann, das ist Konsuelo!"--
„Ist er da?" fragte Mary, Frau Hamann erwartungsvoll ansehend.
„Ja, Kind, soeben ist er gekommen! Aber bitte keine Aufregung!"
„Dann bringe ihn mir doch — er ist es ja, den ich so unaussprechlich geliebt habe," flüsterte sie leise, „o, wie danke ich dir!" — —
Sehnsüchtig blickten dann ihre großen glänzenden Augen nach der Tür, durch welche der Heißersehute jeden Augenblick eintreten mußte. Endlich sah sie den Geliebten auf der Schwelle stehen: sie versuchte sich ein wenig emporzurichten und ihm beide Hände entgegenzustrecken. „Wolf!" flüsterten ihre bebenden Lippen, während ein seliges Lächeln über ihr Gesicht flog. „Dank dir, daß du gekomrnen bist, du Guter, Lieber!"
Mit zwei Schritten war er an ihrem Bett. Zartfühlend zog sich Frau Hamann zurück, ihnen dadurch ein paar Minuten ungestörten Beisammenseins ermöglichend. Wols war vor dem Bett niedergesunken und drückte sein Gesicht aus ihre eine Hand, während sie mit der anderen liebkosend durch sein schwarzes lockiges Haar strich. Er konnte vor innerer Bewegung kein Wort herausbringen. Endlich sagte sie mit bebender Stimme:
„O, Wolf, das ist meine größte Freude, dich noch einmal zu sehen! Nun kann ich ruhig sterben!"
„Sprich nicht so, mein Märchen, ich kann es nicht glauben! Du zerreißt mir das Herz!"
„Gewöhne dich an den Gedanken, Wolf! Dann kannst du auch meiner gedenken, ohne daß es ein Unrecht ist! — Wir dürfen ja einander nichts sein!"
Wieder war es still zwischen ihnen; man hörte nur leise die Uhr im Zimmer ticken. Das gedämpfte Licht der Lampe fiel aus ihr totenblasses schmales Gesicht, ans bfitt die unnatürlich großen Augen fast schwarz hervorsahen. Das goldige Haar ivar gelöst und umgab ihr Köpfchen wie ein Heiligenschein. Er streichelte ihre zarten Hände, während er sie unverwandt ansah, als wolle er sich ihr Bild fej't einprägen. Ihre frühere hinreißende Schönheit besaß sie allerdings nicht mehr, dafür war sie aber von einem fast überirdischen Liebreiz, der rührend war. Ihre Augen ruhten sinnend in den seinen, als sie leise fragte:
„Nicht wahr, Wolf, du hast mich doch lieb gehabt?* Er sah. sie nur mit einem Blick an ,der ihr alles sagte.> Sie lächelte schwach und fuhr dann fort: „Ja, ich weiß es) doch wollte ich es noch eininal von dir hören, niei» Geliebter! — Ach, jetzt sterbe ich gern mit der Erinnerung an meinen Frllhlingstraum! Wie war er doch schön — wie Hab' ich süß geträumt!"
Da zog er ihre Hände an seine Brust und sagte mit! vor Erregung bebender Stimme: „Ja, mein Märchen, ich Hab' dich lieb gehabt und liebe dich noch — mehr als alles in der Welt! Du warst ja mein ganzes Glück!" Selig! lächelnd hörte sie ihn an, ihre Blicke tief in sein dunkles! Auge tauchend. Behutsam nahm er da ihren Kopf in seine Hände und küßte sie noch einmal — zum letztenmal — lange und schweigend auf den Mund. Dann bettete er sie sanft zurück; sie hatte die Augen geschlossen; doch lag noch der selige Ausdruck in ihrem Gesicht. — Etwas geräusch^ voll wurde da die Tür geöffnet.
„Verzeihen Sie — aber Konsuelo muß einnehmen! es ist jetzt die Zeit, Kind," sagte Frau Doktor Hamann sanft.
„Schon wieder? — O warum weckst du mich aus meinen, schönen Frühlingstraum?" klagte Mary. Wolf hatte den Wink, der in Frau Hamanns Worten lag, wohl vcrs standen. „Ich will gehen, Mary," sagte er, „ich habe noch Dienst heute." Fetzt kam das Schwerste für ihn — der! Abschied! Wortlos hielt er ihre Hände — er sah ihr an, daß es kein Wiedersehen hier gab, und wider seinen Willen
— er wollte ja stark sein, liefen Tränen über sein schönes! dunkles Gesicht. Er hätte ausschreien mögen vor Weh, wie er die zarte Gestalt so hilflos und so ergeben daliegen sah, die er so gern vor allem Leid bewahrt hätte! —
„Behüt' dich Gott, mein Wolf," flüsterte sie leise, weh-, mutig lächelnd. Dann ging er, begleitet von Frau Hamann. Sehnsüchtig folgten ihm Marys Augen — ach, es war doch zu schwer, in der Blüte der Jahre auf alles, was das Leben schön und begehrenswert macht, zu verzichten und aus der Welt zu gehen. Zum erstenmal kämen «ihr! diese Gedanken — aber sie war zu schwach, ihnen nachzu-, hängen — als Frau Hamann zurückkehrte, fand sie Mary, von tiefer Ohnmacht nmsangen. „Dacht' ich's doch!", jammerte sie. Glücklicherweise kam ihr Gatte in dem Augenblick nach Hause, und mit dessen Hilfe gelang cs, die Kranke zum Bewußtsein zu bringen. „Warum weckt ihr mich? Ich träumte so süß von meinem Frühlingstraum!" hauchten ihre Lippen. Aber gleich darauf erschütterte ein Hnsten- anfall ihre zarte Gestalt, und ein heftiger Blutstrom ergoß sich aus ihrem Munde, der das weiße Linnen ihres Bettes purpurn färbte. — — — —
---Nach einer Weile ivar alles vorbei. Saust druckt«
Doktor Hamann der Toten die Augen zu. Tränen glänzleu in seinen Augen. „Weine nicht, Frau," tröstete er sein« schluchzende Gattin, „ihr ist viel erspart geblieben. Gesund wäre sie nicht wieder geworden; es war das beste für sie —> wenn ich sie auch sehr ungern dahiugegeben habe! —■ — Sie war inir ebenso lieb wie dir! — Möge sie sanft ruhen!"
*
— r— Weihnachten war's. Wolf hatte das Grab seines! Kindes aus das prächtigste geschmückt, und wie so oft, ging er auch heute an Marys Grab. Er fand den alben Berger beschäftigt, dasselbe mit Tännenzweigen und Christrosen zu schmücken.
„Grüß Gott, Herr Hauptmann," sagte dieser nus- stehend und ihn ehrerbietig grüßend.
„Ah, ich sehe, Sie kommen mir zuvor; ich hatte ihr auch Blumen zugedacht —"
„Das lassen wir »ns für das liebe schöne Fräulein Mary nicht nehnien," wandte der alte Mann ein, „ach, Herr Hanptmann," und er wischte sich die Tränen, die aus seinen Augen tropften, ab, „wie ich das Grab für sie schaufelte, da war es mir, als ginge ein Stück von ineinenb Herzen mit weg. — Als sic das letztemal hier war, sagte sie schon, daß sie am liebste» ganz Herkommen möchte!
— nun ist es so! Das hätte ich nicht gedacht, daß es so bald schon geschehen sollte! So viel Jugend und Schönheit!
— Ja, ja —" und er nickte wehmütig vor sich hin — „das! war eine andere Zeit, wie sie vor ein paar Jahren immer so vergnügt zu uns kam, damals im Frühling —"
Wolf wandte sich ab, weil es heiß in seinen Augen aufquoll; dann entnahm er seiner Brieftasche einen Hundertmarkschein. „Hier, Berger, nehnien Sie das vor-


